23.04.2011

Das Ende der Sehnsucht

Buchkritik: Marc Fischers Reportage „Hobalala“ erzählt von der Schönheit und der Melancholie des Bossa nova.
Auf Seite 45 springt Tim, ein junger amerikanischer Banker, aus dem 11. Stock eines Hochhauses in Ipanema in den Tod. Auf seinem Schreibtisch findet man eine leere Wodkaflasche und ein paar Reste von Burger King.
Die, die mit Tim gewohnt haben, in dieser Penthouse-WG in Rio de Janeiro, sitzen danach zusammen: ein Immobilienmakler aus Frankreich, ein Model aus Norwegen, ein Surfer aus Australien, ein Mädchen aus Deutschland und Marc, der Reporter aus Berlin, der sich für ein paar Wochen in dieser WG eingemietet hat. "Depressionen?", fragt Marc. Vor ein paar Tagen, sagt das Mädchen aus Deutschland, waren sie abends ausgegangen, da schien es ihm noch gutzugehen. "Liebesprobleme?" Er hatte eine Freundin. "Weiß es die Familie schon?" Schulterzucken. Im Haus gegenüber spielt jemand "The Girl from Ipanema" auf dem Saxofon, sehr schlecht. "Das Lied", schreibt Marc, "verreckt."
Irgendwie verreckt am Ende alles in dieser Geschichte. Vor allem der Autor. Es ist ein Jammer.
"Hobalala. Auf der Suche nach João Gilberto" hat mein Freund Marc Fischer sein letztes Buch genannt, ein seltsames Buch, von Anfang an und nicht erst auf Seite 45. Es erzählt tatsächlich auch die Geschichte der gescheiterten Suche nach einem legendären Musiker des Bossa nova, einer Musik voller Schönheit und Eleganz, voller Wahrheit und Melancholie. Aber nun, drei Wochen nach Marcs Tod, liest es sich wie seine missglückte Reise zu sich selbst.
In Brasilien ist João Gilberto ein nationales Denkmal. Zusammen mit seiner Frau Astrud nahm er 1963 "The Girl from Ipanema" auf, seine Alben gehören zum Besten, was die populäre Kultur in den sechziger Jahren erschuf, geheimnisvoll sanfte Musik, die Gitarre zu schnell, der Gesang zu langsam, die Stimme so klein, dass sie falsch klang. Falschsänger, so nannte sich João Gilberto selbst.
Die alten Alben gab es nur kurz auf CD, weil er fand, dass seine Songs sich digitalisiert falsch anhörten. Er schweigt seit Jahrzehnten, ab und zu spielt er noch Konzerte, auf Videos bei YouTube sieht man einen älteren Herrn in einem Sparkassen-Anzug.
"Und wenn das Publikum seiner Meinung nach mal nicht stimmt", schreibt Fischer, "wenn ihn irgendetwas stört, ein Geräusch, ein Detail, das Licht, ein Satz, steht er nach zwei Stücken auf, geht und kommt nie wieder. ,Sie mochten es nicht', sagt er dann."
Gilberto ist jetzt 79 Jahre alt. Er steht auf, wenn andere schlafen gehen, seine Sonne ist der Mond. Er spielt den ganzen Tag Gitarre und unterhält sich mit Katzen. Er rauchte zu viel Marihuana und war in der Psychiatrie. Er ist ein Meister des Verschwindens. In Brasilien halten sie ihn für verrückt.
Vielleicht ist es ähnlich verrückt, nach Brasilien zu fahren und einen durchgeknallten Bossa-nova-Musiker zu suchen und damit die Wahrheit großer Kunst. Marc Fischer traf Musikerkollegen Gilbertos, Ex-Frauen, den Koch seines früheren Lieblingsrestaurants, Besitzer von Musikläden. Er reiste nach Diamantina, dort, wo sich Gilberto in den fünfziger Jahren monatelang im Haus seiner Schwester in einem kleinen gekachelten Badezimmer versteckte, Gitarre spielte und sich selbst und den eigenen Klang suchte. Und natürlich setzte sich Marc selbst mit seiner Gitarre in dieses Badezimmer. Aber er fand sich nicht. Die Akustik in einem Badezimmer ist unbarmherzig, sie verzeiht keine Fehler.
Auch Marc war ein Meister des Verschwindens, ein Reporter und eigentlich immer weg. Aus Japan und Russland, von Kuba und den Galapagos-Inseln brachte er Geschichten mit, in denen man manchmal sogar etwas von den Leuten erfuhr, die er getroffen hatte, aber meistens erzählte Marc von sich selbst. Er war kein Journalist, sondern ein romantischer Suchender. Ein Leben funktioniert nicht ohne Sehnsucht, auch wenn sie quält.
Mitte der neunziger Jahre hatte er bei "Tempo" angefangen. Sein Büro sah aus wie eine Installation von Jonathan Meese. Bazookas, Spielzeug, japanischer Nippes, es war ein Ort des Chaos. An seinem Schreibtisch saß ein Stoffaffe, fast so groß wie er, ein Gorilla, ein Orang-Utan, irgend so etwas. Marc und der Affe verstanden sich prächtig.
Vergangenes Jahr wurde er 40. Ich schenkte ihm ein Taschenmesser. Klar, man schenkt keine Messer, es könnte ein Fluch sein, aber es schien zu passen für einen Burschen, der sich auch mit 40 noch wehrte, endlich erwachsen, endlich vernünftig zu werden, und dabei ganz glücklich wirkte. Irgendwann war ein Brief von Marc in der Post. Darin ein Fünf-Euro-Schein, darauf, mit schwarzem Edding, die Worte: "Geld gegen Messer, Kuss M."
Er war dann fünf Wochen lang in Brasilien. Worte zu finden für das, was Klänge auslösen, ist eine komplizierte Sache, die Melancholie eines Lieds ist unberechenbar. Als er fertig war mit dem Manuskript, konnte er nicht mehr.
Auf seinem Schreibtisch, selten so aufgeräumt wie an Marcs letztem Tag, fand man, säuberlich nebeneinanderliegend, seinen Reisepass, ein Armband seiner Freundin und ein Taschenmesser.
Ein Jammer. Kuss zurück, mein Freund.
Marc Fischer: "Hobalala. Auf der Suche nach João Gilberto". Verlag Rogner & Bernhard, Berlin; 200 Seiten; 17,90 Euro.
Von Lothar Gorris

DER SPIEGEL 17/2011
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