16.02.1998

COMPUTER„Datennetz für jedermann“

Oracle-Chef Larry Ellison über den Netzcomputer (NC), der die Informationsgesellschaft revolutionieren soll
SPIEGEL: Herr Ellison, 1995 haben Sie zum erstenmal vom "Netzcomputer" gesprochen, einem simplen Gerät für nur 500 Dollar, das den PC bald obsolet machen werde. Wo bleibt das Wundergerät denn nun?
Ellison: Das erste Seriengerät ist zu Weihnachten als Zusatzgerät zum Fernseher von der Firma RCA/Thomson auf den Markt gekommen und war ein Riesenerfolg. Es war in kürzester Zeit ausverkauft, einige zehntausend sind schon in Betrieb. Wir haben den Bedarf offenbar sogar unterschätzt. Wir schließen weitere Verträge ab und bringen bald die nächste Version auf den Markt. Wieviel seit meiner Ankündigung geschehen ist, läßt sich schon daran sehen, daß Microsoft sich über unsere Idee zuerst lustig gemacht hat. Inzwischen haben sie die Firma "WebTV" gekauft und sind zu unseren ärgsten Konkurrenten geworden.
SPIEGEL: Waren Sie nicht etwas vorschnell mit der Ankündigung, bis zum Jahr 2000 würden 100 Millionen Netzcomputer im Einsatz sein?
Ellison: Selbst die konservativen Analysten des Marktforschungsinstituts IDC schätzen inzwischen, daß es im Jahr 2010 zehnmal mehr Netzcomputer als PC geben wird. Hinter unserem ursprünglichen Zeitplan hinken wir etwa ein Jahr hinterher. Die Entwicklung der nötigen Software hat etwas länger gedauert, als wir anfangs dachten.
SPIEGEL: Vor drei Jahren war die Preisvorgabe von 500 Dollar revolutionär. Nun bekommt man für dieses Geld schon einen PC. Bringt Sie dieser Preisverfall nicht in Bedrängnis?
Ellison: Der Einbruch der Preise bei PC ist nicht zuletzt eine Reaktion auf meine Ankündigungen. Die Vision des 500-Dollar-Netzcomputers hat die PC-Hersteller zu einer Antwort gezwungen. Das ist doch wunderbar! Genauso sollte Wettbewerb funktionieren. Wir waren dadurch gezwungen, noch billiger zu sein, und das ist uns gelungen: Das aktuelle Modell kostet nur noch 199 Dollar.
SPIEGEL: Das kann man als Konkurrenzkampf zweier verschiedener Computersysteme sehen. Sie aber verkaufen es als weltverändernde Revolution.
Ellison: Schauen Sie sich an, womit wir jeden Tag umgehen. Fernsehen: eine unglaublich komplizierte Technologie. Und trotzdem kann jedes Kind ein TV-Gerät bedienen. Das Telefonsystem: ein unüberschaubares Netz modernster Technik. Und trotzdem ist das Gerät, das Sie in der Hand haben, das Telefon, unglaublich einfach zu bedienen. Warum muß das beim Computer oder dem Internet anders sein? Wer sich heute einen PC kauft, wird behandelt wie ein Auto-Freak, der alles über Kolbenringe und Einspritzpumpen weiß. Sie müssen sich ständig Gedanken über Updates, Upgrades, Arbeitsspeicher und Festplatten machen.
SPIEGEL: Woran liegt das?
Ellison: Es ist ein historisches Mißgeschick. Der PC war ursprünglich als Arbeitsgerät für Ingenieure geplant. Entsprechend kam ein Gerät heraus, das nur Ingenieure lieben können. Anfangs dachte eben niemand an Vernetzung oder gar Heimcomputer. Der Netzcomputer ist etwas wirklich Neues: Jeder kann ihn sich leisten, jeder kann ihn ohne Handbücher bedienen.
SPIEGEL: Und das soll ausreichen, die Welt zu verbessern?
Ellison: Es kann nur dann ein echtes Informationszeitalter geben, wenn jeder Zugang zu den Daten hat, so wie heute praktisch jeder einen Fernseher und ein Telefon hat. Gegenwärtig nehmen nur PC-Besitzer, gerade mal 40 Prozent der US-Haushalte und etwa 10 Prozent der Haushalte in Europa, an unserem sogenannten Informationszeitalter teil. Was es für die Welt bedeuten könnte, wenn jedermann Zugang zum Datennetz hat, ist kaum vorstellbar. Im Jahr 2000 wird es in China mehr Menschen geben, die englisch sprechen, als in den USA. Über das Internet könnten sie alle Zugang zu Bildung bekommen.
SPIEGEL: Das sind kühne Zukunftsvisionen. Was nützt denn heute schon ein NC?
Ellison: Sie können auf einem Bildschirm fernsehen und gleichzeitig eine Verbindung zum Internet haben. Sie können die Live-Übertragung von den Olympischen Spielen verfolgen und gleichzeitig die Daten der deutschen Skiläufer aus dem Netz abrufen oder sich eine Skizze des Rennkurses ansehen. Ganze Schulklassen können sich zu Hause Dokumentarfilme ansehen, und in einem kleinen Bildschirmfenster gibt ihnen der Lehrer Zusatzinformationen. Aus der Symbiose des klassischen Fernsehens und dem Internet entstehen unglaublich viele neue Möglichkeiten.
SPIEGEL: Wie wird der NC den Computermarkt verändern?
Ellison: Der NC ist wie das Telefon. Jede Firma kann ihn herstellen. Die Vorherrschaft einzelner Firmen ist damit zu Ende. Die erste Generation von PC wurde von IBM dominiert, die zweite stand unter der Kontrolle von Microsoft. Der NC hingegen steht allen offen. Es werden ja schließlich auch nicht 90 Prozent aller Telefone von einer Firma hergestellt. Der NC legt die Basis für eine ganze Familie von Informationsgeräten.
SPIEGEL: Microsoft propagiert einen anderen Weg: Billige PC oder Kleincomputer mit dem Betriebssystem Windows CE könnten genau dasselbe leisten.
Ellison: Das ist nicht das gleiche. Heute muß de facto jeder, der einen PC bauen will, eine Gebühr an Microsoft zahlen, weil ohne Windows praktisch nichts läuft. Der Kern der Netzcomputer-Idee ist: Das Betriebssystem, die Hardware, die ganze Technik spielen keine Rolle. Und genauso sollte es sein. Schließlich machen Sie sich auch keine Gedanken darüber, welche Software im Bordcomputer Ihres Autos steckt, mit welchem Betriebssystem Ihr Toaster ausgestattet ist oder welcher Chip in Ihrem Fernseher arbeitet. Einen NC wird man nicht als Computer anschaffen, sondern als ein Gerät, das einen bestimmten Zweck erfüllt. Sie werden sich zum Beispiel ein Telefon mit Bildschirm kaufen können, über das Sie im Schlafzimmer E-Mail lesen können. Den Anfang werden Zusatzgeräte zum Fernseher machen, andere werden folgen.
SPIEGEL: Wird man solche Geräte in absehbarer Zeit auch in Deutschland kaufen können?
Ellison: Dazu brauchen wir zuerst einmal einen Service-Provider, der die Software aus dem Internet liefert. Wir werden schon bald einen sehr großen Partner in den USA bekanntgeben und auch einige in Europa. Deswegen bin ich hier unterwegs und rede zum Beispiel mit der Deutschen Telekom. Eine große Firma, deren Namen ich noch nicht nennen kann, plant, 20 000 Netzcomputer zu kaufen. Ich hoffe, daß wir recht bald einen Feldversuch mit einer großen deutschen Telefongesellschaft starten werden. Ich gebe zu, es hat länger gedauert, als ich dachte. Aber dafür bieten wir auch mehr: Der NC wird noch billiger, leistungsfähiger und einfacher zu bedienen sein.
[Grafiktext]
Internet im Wohnzimmer
[GrafiktextEnde]
[Grafiktext]
Internet im Wohnzimmer
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 8/1998
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 8/1998
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

COMPUTER:
„Datennetz für jedermann“

Video 01:37

Orkantief Amateurvideos zeigen "Friederike"-Drama

  • Video "Kolumbien: Webcam filmt Einsturz von gigantischer Autobahnbrücke" Video 02:01
    Kolumbien: Webcam filmt Einsturz von gigantischer Autobahnbrücke
  • Video "Ein Jahr Präsidentschaft: Frauen aus Phoenix heizen Trump ein" Video 05:23
    Ein Jahr Präsidentschaft: Frauen aus Phoenix heizen Trump ein
  • Video "Versunkenes Schiff vor Norderney: Hobbytaucher lösen Rätsel nach zehn Jahren" Video 01:45
    Versunkenes Schiff vor Norderney: Hobbytaucher lösen Rätsel nach zehn Jahren
  • Video "Geld und Reichtum: Es ist nie genug!" Video 01:45
    Geld und Reichtum: "Es ist nie genug!"
  • Video "Premieren-Einsatz: Drohne rettet ertrinkende Schwimmer" Video 01:00
    Premieren-Einsatz: Drohne rettet ertrinkende Schwimmer
  • Video "Erotikthriller Der andere Liebhaber: Gefährliches Doppelspiel" Video 02:07
    Erotikthriller "Der andere Liebhaber": Gefährliches Doppelspiel
  • Video "Videoanalyse zu Steuernachzahlung: Apple ist extrem heuchlerisch" Video 03:46
    Videoanalyse zu Steuernachzahlung: "Apple ist extrem heuchlerisch"
  • Video "Friederike : Tote und Verletzte durch Orkan" Video 01:12
    "Friederike" : Tote und Verletzte durch Orkan
  • Video "85% Gefälle: Mit dem Mountainbike über die Streif" Video 01:12
    85% Gefälle: Mit dem Mountainbike über die Streif
  • Video "Spott über #fakeglasses: US-Senator Hatch setzt unsichtbare Brille ab" Video 01:05
    Spott über #fakeglasses: US-Senator Hatch setzt unsichtbare Brille ab
  • Video "Wegen Fake News Awards: US-Senator vergleicht Trump mit Stalin" Video 01:24
    Wegen "Fake News Awards": US-Senator vergleicht Trump mit Stalin
  • Video "Trump-Satirevideo: Ein Shithole schlägt zurück" Video 01:40
    Trump-Satirevideo: Ein "Shithole" schlägt zurück
  • Video "Jusos gegen Schulz: Nie, nie, nie wieder GroKo!" Video 02:25
    Jusos gegen Schulz: "Nie, nie, nie wieder GroKo!"
  • Video "Rekordwinter in den USA: Surreale Eislandschaften" Video 01:05
    Rekordwinter in den USA: Surreale Eislandschaften
  • Video "Orkantief: Amateurvideos zeigen Friederike-Drama" Video 01:37
    Orkantief: Amateurvideos zeigen "Friederike"-Drama