16.02.1998

SKISPRINGENFröhliche Fassade

Schon oft scheiterten japanische Sportler am Druck der Öffentlichkeit. Beim Teamwettbewerb sorgt sich das Land um die Nerven seiner Skispringer.
Vier Jahre hatte Masahiko Harada, 29, eisern trainiert, hatte kurz vor dem Wettkampf noch den Zenkoji-Tempel in Nagano besucht, um eine Fürbitte auf eine Votivtafel zu schreiben ("Möge die Welt durch Haradas Lächeln Frieden finden"); doch dann widerfuhr dem Skispringer die schwärzeste Stunde seines Sportlerlebens ein zweites Mal.
Nach dem ersten Durchgang souverän in Führung liegend, verpatzt der Weltmeister vergangenen Mittwoch seinen zweiten Versuch: statt olympischem Gold nur Platz fünf. Wie zum Trotz versichert der Dauerlächler aus Kamikawacho den fassungslosen japanischen Journalisten: "Der starke Harada lebt." Hinter der fröhlichen Fassade verbirgt sich indes Hilflosigkeit.
Wieder einmal ist ein japanischer Athlet am Druck der Öffentlichkeit gescheitert. Fatal erinnert Haradas Mißgeschick an das Debakel von Lillehammer 1994, als er beim Mannschaftswettbewerb den letzten Sprung vermasselte, das sicher geglaubte Olympia-Gold an das deutsche Quartett verschenkte - und die Nation in tiefe Traurigkeit stürzte.
Denn schlimmer noch als individuelles Versagen bekümmert die japanische Gesellschaft, wenn die Gruppe um die verdiente Ehre gebracht wird. Wie in Schule, Beruf und Politik wird der einzelne auch im Sport vor allem daran gemessen, wieviel "Ase" (Schweiß) er um der Gemeinschaft willen vergossen hat.
Während der moderne europäische Profisportler heutzutage die Frage, ob er die Medaille für sich oder sein Land gewonnen habe, eher mit einem verstörten Blick quittiert, ist es für Japaner wie Harada selbstverständlich, sein Sieg dem Team, der Firma oder gleich dem ganzen Volk zu widmen. Nahezu klassisch verpackt Harada seinen persönlichen Ehrgeiz in patriotische Standards: "Mit meinem Sprung", verkündete er im Hinblick auf das Mannschaftsspringen am Dienstag dieser Woche, "werde ich Japans schlechte Wirtschaftskonjunktur hinwegfegen."
Der brave Athlet denkt an sich zuletzt. Auch der erste japanische Olympiasieger der Nagano-Spiele bediente dieses Klischee. Bevor sich Hiroyasu Shimizu, 23, Goldmedaillengewinner über 500 Meter im Eisschnellauf, über seine Leistung äußern mochte, dankte er "meinem Vater im Himmel", den Kollegen vom Nationalteam, der Firma, die ihn beschäftigt, und generell "allen Leuten in Japan". So wie Harada seit dem Lillehammer-Desaster versuchte, die seelische Anspannung "in Vergnügen zu verwandeln", berichtete auch Shimizu vom Kampf gegen die Favoritenbürde. "Eine Stimme sagte mir vor, was passiert, wenn ich versage. Ich sagte dagegen immer: XDu schaffst es.'"
Daß die japanischen Skispringer in diesem Jahr die vorolympischen Wettbewerbe beherrschten, bejubeln die Medien voreilig als Wiederauferstehung der "Hinomaru Hikotai" - jener legendären "Sonnenbanner-Flugstaffel", die 1972 in Sapporo sämtliche Medaillen auf der Normalschanze gewann. Diese übermäßigen Verheißungen wiegen schwer - und machen womöglich die technische Überlegenheit der Springer zunichte, in die Japan soviel Geld und Know-how gesteckt hat: "Was unser Team stützt, ist die Kraft seiner technischen Fähigkeit", sagt Trainer Hirokazu Yagi.
Besonders stolz sind die Japaner darauf, den V-Stil mit Hilfe von Wissenschaftlern des Luftfahrtforschungs-Instituts der staatlichen Elite-Universität Todai perfektioniert zu haben. Doch vor lauter Technikbesessenheit scheren sich Japans Sportfunktionäre traditionell wenig um die Psyche der Athleten. Sie setzen ihre potentiellen Medaillenlieferanten mit einer Gelöbnisfeier ("Ketsudanshiki") unter Druck, die aus der Vorkriegszeit stammt.
Vor allem seit den Sommerspielen von Tokio 1964, für die das Land rund die Hälfte des damaligen Staatshaushalts ausgab, ist die Verpflichtung, Edelmetall zu gewinnen, für viele Sportler unerträglich. So nahm sich kurz vor Olympia 1968 der Marathonläufer und Bronze-Medaillist von 1964, Kokichi Tsuburaya, das Leben. "Ich bin völlig erschöpft, ich kann nicht mehr laufen", klagte er in seinem Abschiedsbrief.
Noch immer schüren viele japanische Politiker die Erwartungen, so wie es Ex-Ministerpräsident Yasuhiro Nakasone vor Jahren getan hat: Die Wirtschaftsmacht Japan, forderte er, müsse auch eine "Sport-Großmacht" werden, um "Volk und Gesellschaft neue Kraft zu geben". Zur Produktion von Medaillen-Aspiranten startet Japans Olympisches Komitee regelmäßig Spendenkampagnen mit dem Slogan "Gambare Nippon!" - "Streng dich an, Japan!"
Der Erfolg ist zweifelhaft. Sowohl bei den Sommerspielen von Atlanta (1996) als auch diesmal in Nagano versagten etliche Sportler unter der psychischen Last: "Unsere Athleten müssen lernen, übertriebene Medaillenhoffnungen der Nation ganz egoistisch in positive Energie umzusetzen", rät Sportpsychologe Kimihiro Inomata von der Chukyo-Universität in Nagoya. Das ist leicht gesagt. Selbst einem Star wie Harada stockte beim Gelöbnis Ende Januar vor Ergriffenheit die Stimme. In Anwesenheit des kaiserlichen Prinzen Akishino nahm er feierlich das Sonnenbanner entgegen und schwor im Namen des japanischen Olympiateams, bei den Wettkämpfen "alle Kraft zu geben".
Und als Harada vergangene Woche bei den Einzelwettbewerben die Anlaufspur hinabglitt, feuerten ihn Dutzende Kollegen aus seiner Firma, dem Milchprodukteerzeuger Snow Brand, an. Denn Nagano ist auch eine Olympiade von "Firmen-Kriegern": Allein die vor 52 Jahren gegründete Sportabteilung von Snow Brand zählt 60 Beschäftigte, darunter 20 Athleten. Neben Harada stehen dessen Springerkameraden Hiroya Saito und Takanobu Okabe auf der Gehaltsliste.
Der Sportteil japanischer Zeitungen liest sich teilweise wie ein Börsenbericht. So dient Skispringer Kazuyoshi Funaki dem Sportbekleidungshersteller Descente, der Nordisch-Kombinierte Kenji Ogiwara springt und läuft für die in Nagano ansässige Baufirma Kitano. "In Japan übernehmen die Firmen praktisch die Sportförderung", sagt Sumihiro Shiojima, 66, Chef des Skiclubs von Kitano. Das zahle sich für beide Seiten aus. "Sport ist gut für unser Firmenimage, und er steigert die Moral unserer Beschäftigten."
Denn Spitzensportler wie Ogiwara verkörpern, so Shiojima, "wofür unsere Firma steht: sauberer Charakter, Stärke, Leistung". Zwischen den Trainingseinheiten sitzt Ogiwara einige Stunden im Büro ab - ein Akt von mehr symbolischem als produktivem Wert.
Die Sportler und ihre Trainer gehören zur Firmenfamilie. Auch nach Ende ihrer Sportkarriere bleiben ihr die Stars verbunden - entweder als Trainer oder als Manager betriebseigener Freizeitanlagen. Der Firma verdanken sie alles, "und das verleiht ihnen innere Sicherheit", sagt Shiojima.
"Das Sportler-Leben währt nur kurz", mahnt der Kitano-Funktionär, "und am Ende muß sich bei uns jeder als Shakaijin bewähren" - als verantwortliches Mitglied der Gesellschaft. Als ausgemacht gilt, daß selbst ein Superstar wie Yukio Kasaya, der in Sapporo zu Gold flog, der Firma treu bleibt - in seinem Fall als Sektionsleiter einer Whiskey-Destille.
Wer aus dem System auszubrechen versucht, dem kann es ergehen wie Kasayas Kollegen Yuji Katsuro: 1972 galt er als eine der großen Hoffnungen der Japaner. Doch Katsuro enttäuschte seine Landsleute mit einem schmachvollen fünften Platz. Als sich Katsuro später dann auch noch weigerte, im Auftrag seiner Firma Trainer zu werden, war sein Abstieg besiegelt. Versuche als selbständiger Coach scheiterten, heute schlägt sich der Abweichler als Golfplatzangestellter und Kneipenwirt durch.
Indes wächst die Zahl der jungen, aufsässigen Japaner, die sich dem Gruppenzwang der Sportverbände verweigern. Als Marathonläuferin Yuko Arimori ihre Bronzemedaille in Atlanta mit den Worten feierte: "Ich möchte mich selbst loben", horchte die Nation erstaunt auf. Bis dahin hatten es nur wenige Sportler gewagt, ihr Ego derart nach außen zu kehren.
Arimori hatte gar den Mut, gegen den Widerstand ihres Verbandes in die USA auszuwandern. Wenig später kehrte auch Schwimmerin Suzu Chiba ihrer Heimat den Rücken, nicht ohne mit Japans Sportwelt öffentlich abzurechnen: Sie wolle nicht länger in Schwimmhallen schwimmen, "wo Chlorluft wabert und das Brüllen der Trainer widerhallt", höhnte Chiba.
Auch zu der Flugstaffel, die am Dienstag die deutschen Springer besiegen soll, zählt einer aus der psychisch etwas standfesteren neuen Generation: Kazuyoshi Funaki, 22, färbt sich die Haare braun, frisiert die Augenbrauen, gilt als maulfaul und schert sich nicht um gesellschaftliche Konventionen.
"Fune ist ein schwieriges Kind", urteilt sein Trainer Hirokazu Yagi. Aber er hat Silber auf der Normalschanze gewonnen.

DER SPIEGEL 8/1998
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