23.02.1998

HIMALAJA

Vom Leben verabschiedet

Von Hoelzgen, Joachim

Kameraleute filmen die Besteigung des Mount Everest und finden dort Spuren einer Tragödie im Eis. Der Dokumentarfilm hat im März Kinopremiere in München - und dazu erscheint der Bestseller eines Überlebenden. Von Joachim Hoelzgen

Anatolij Bukrejew, der Mann im blauen Daunenanzug, führt seine Gefährten auf den Gipfel des Mount Everest. Vor ihm ragt der Hillary-Step auf, ein schwieriges Felsenhindernis auf dem Weg in das Ungefähre und Ungewisse, das oben auf die Bergsteiger wartet.

Der Wind bläst gegen das Nylonseil und drückt es über den Grat auf die tibetische Seite des Massivs hinaus, als Neal Beidleman nachrückt, ein Bergführer aus Aspen im US-Staat Colorado. Hinter dem Amerikaner warten der Bergführer Andy Harris aus Neuseeland und der Reporter Jon Krakauer aus Seattle, der gewissermaßen als Protokollführer über die Expedition zum Endpunkt berichten soll.

Krakauer hat das Gefühl, das Leben in dieser Höhe sei wie eine Krankheit, die zum Tod führt. Er trägt eine Atemmaske und befürchtet, daß die Sauerstoffflasche in seinem Rucksack bald leer ist.

Die Kletterer wissen nicht, daß sie beobachtet werden - von einem Mann, der Tee trinkt und bequem auf einem Klappstuhl sitzt. Der Betrachter ist Robert Schauer, ein Kameramann aus dem österreichischen Graz. Mit einem internationalen Filmteam will auch er die Spitze des 8848 Meter hohen Bergs erklimmen, um dort erstmals Aufnahmen im Mega-Großformat zu machen.

Die neue Filmtechnik heißt Imax (für "images maximum"); sie zeigt eine Welt ohne Rand und mit solch grenzenlos scheinender Tiefe, daß in manchen Imax-Theatern Sicherheitsbügel ähnlich denen von Skiliften installiert sind, damit das Publikum nicht schwindelig aus den Sitzen rutscht.

Am Mount Everest läßt Schauer den Blick vom Tal des Schweigens aus emporgleiten, einem weiten Gletscherbecken, in dem sich ein Zeltcamp an der Aufstiegsroute - Lager II - befindet. Seit die Gipfelpyramide im kalten Blau des Morgenlichts erschienen ist, blickt er immer wieder durch ein Fernrohr, das auf einem Stativ vor ihm steht.

Bukrejew, Beidleman, Harris und Krakauer sind die ersten von insgesamt 33 Alpinisten und Sherpas, die sich an diesem Tag über den Südostgrat am Mount Everest hinaufbewegen. "Sie waren spät dran", erinnert sich Schauer heute. "Ich fragte mich, was wohl passierte, wenn denen der mitgeführte Sauerstoff ausginge. Die würden dann stehenbleiben und sich nicht mehr vom Fleck rühren."

Mit dem Teleobjektiv macht Schauer ein paar Aufnahmen. Irgend etwas scheint bereits die Vorhut aufzuhalten. Ihn beschleicht die Vorahnung dessen, was geschehen wird - eine schreckliche Katastrophe, ein unmenschlicher Irrsinn, der alle Seilschaften ins Chaos und fünf Bergsteiger ins Verderben stürzen wird.

Unter den Toten des Dramas, das sich in den nächsten Stunden abspielt, sind die Chefbergführer der Expeditionen: Rob Hall, ein knorriger Neuseeländer, und der schlaksige Amerikaner Scott Fischer; sie erfrieren qualvoll. Hall hatte auf dem Gipfel zu lange auf einen seiner Schützlinge, Doug Hansen, gewartet, der erst kurz nach 16 Uhr völlig erschöpft zu ihm aufschloß.

Während des Abstiegs verschwindet Hansen, der den Flaschensauerstoff verbraucht hat, spurlos in der Dunkelheit. Hall braucht für die Gratüberschreitung zehn furchtbare Stunden, den kurzen Gegenanstieg zum Südgipfel des Everest schafft er nicht mehr.

Auch für Harris gibt es kein Durchkommen in der Finsternis. Das Imax-Filmteam entdeckt 13 Tage später nur noch seine Daunenjacke und den Eispickel.

Fischer, der den Gipfel um 15.40 Uhr erreicht, stirbt während des Abstiegs auf einem Felsband in 8300 Meter Höhe. Er hatte die Tour schon ziemlich erschöpft begonnen und spritzte sich im Basislager Dexamethason, ein künstliches Steroid, das Kraft geben und die gefürchtete Höhenkrankheit verhindern soll.

Die Geschichte von Menschen, die zusammen aufgebrochen, aber nicht mehr angekommen waren, endete mit einem Schneesturm auf dem Südsattel des Everest. Die Bergsteiger konnten auf dem Eisplateau nichts mehr erkennen. Er sei sich "wie in einer Milchflasche" vorgekommen, so später Neal Beidleman, der überlebte.

Beidleman hatte zehn Schutzbefohlene im Brausen, Heulen und Krachen des Blizzard zusammengehalten, der wie ein apokalyptischer Triumph der Natur über die Eindringlinge herfiel. Die Japanerin Yasuko Namba, Personalchefin des Paketdiensts Federal Express in Tokio, erfror in dem Unwetter unter einem zentimeterdicken Eispanzer.

Fast hätte es noch einen sechsten Toten gegeben: Der Expeditionsteilnehmer Beck Weathers, ein Pathologe aus Texas, fiel ins Koma und mußte zurückgelassen werden. Am nächsten Tag erwachte er mit schweren Erfrierungen und konnte sich nach einer wundersamen Selbstbefreiung retten.

Die Bergtragödie vom 10. Mai 1996 beschäftigte die Weltpresse und fesselte selbst Menschen, die nie etwas Steileres als einen Barhocker besteigen. Die Opfer, aber auch die Überlebenden waren der Lockung des Unbekannten erlegen. Fast alle hatten zu Hause Hochleistungskarrieren unterbrochen, um in der mystischen Gegenwelt Nepals eine Sinnkrise in der Lebensmitte zu bewältigen. Jedes Expeditionsmitglied hatte 65 000 Dollar an die Chefbergführer gezahlt.

Dafür bot das Basislager am Mount Everest mehr Komfort als die meisten Hotels in Katmandu. Der äußere Luxus der teuren Gipfeltour entsprach fast dem eines Vergnügungsdampfers: Es gab in den Zelten elektrisches Licht, Teppiche, Stereoanlagen, eine Bibliothek und sogar eine Dusche. Mit Satellitentelefonen, Faxgeräten und Computern gaukelte das Camp eine High-Tech-Zentrale in 5400 Meter Höhe vor. Die schillerndste Figur im Panoptikum der Gipfelstürmer war die Millionärin Sandy Hill Pittman aus New York, die sogar eine Espressomaschine mitführte.

Das Bild dieser surreal entstellten Gesellschaft in der Welt der Sherpas und zotteligen Yaks beschäftigte auch den Kameramann Schauer, der sich zwischen den Anwälten und Ärzten - auch ein Verleger und ein Börsenmakler waren mit von der Partie - bedrängt fühlte. Er schlug sein Zelt in einem einsameren Winkel auf, "weg von dem lauten Stromgenerator und dem Narrenschiff, das hier gestrandet war".

Daheim in Graz ist er der "Everester", weil er als erster Österreicher 1978 auf dem Weltberg stand. Nun aber erkannte er den Platz nicht wieder: Gleich 14 Expeditionen hatten sich am Rand des sogenannten Khumbu-Gletschers ausgebreitet, darunter eine aus Taiwan und eine andere aus Südafrika, die von Präsident Nelson Mandela verabschiedet worden war. Auch ein junger Schwede, der mit dem Fahrrad aus

* Mit der Leiche eines Bergsteigers der Expedition aus Taiwan. ** Jon Krakauer: "In eisige Höhen". Malik Verlag, München; 365 Seiten; 39,80 Mark.

Stockholm gestrampelt kam, wollte sich am Mount Everest versuchen.

Den Ton aber gaben die kommerziellen Veranstalter an, die ihre reiche Klientel - der Älteste war 68 - um jeden Preis hinaufschaffen wollten. Chefbergführer Hall hatte in Anzeigen "100prozentigen Erfolg" versprochen und überließ im Basislager nichts dem Zufall. Stundenlang studierte er Computerausdrucke, auf denen penibel die Menüs und Medikamente, der Zustand der Funksprechgeräte und sogar die Schärfe der Steigeisenzacken registriert waren.

Sein geschäftlicher Konkurrent war Scott Fischer, Inhaber des Führerunternehmens Mountain Madness in Seattle. Er stand unter besonderem Druck, da er am Mount Everest seine erste kommerzielle Expedition versammelt hatte.

Krakauer, der im Auftrag der US-Reisezeitschrift "Outside" dabei war, durfte für nur 10 000 Dollar mitgehen - von seinem Bericht erhoffte sich Hall zugkräftige Werbung. Statt dessen wurde seine Reportage das düstere Protokoll einer Tragödie. Die Schilderung mit dem Titel "Into Thin Air" führte in den USA wochenlang die Bestsellerliste des vergangenen Jahres an: über 700 000 verkaufte Exemplare.

Das Buch soll nun auch deutsche Ohrensesselabenteurer mit dem Gefühl der Bedrohung und Bedrängnis konfrontieren, mit dem Absturz, der stets nahe dem Gipfel dräut**. Genau entwickelt Krakauer den Ablauf der Katastrophe, an welcher der Mount Everest wie ein eigenes Wesen mitwirkt: ein einfallsreicher, verblüffender, ja hinterhältiger Gegner, den Laien meiden sollten.

Im Zirkus der Gipfelanwärter war Sandy Hill Pittman, 41, die Hauptperson. Ihr Narzißmus erreichte im Basislager, einem Ort des Scheins und der Intrige, einsame Höhe. Ein Postläufer trug ihr die jeweils jüngsten Ausgaben von "Vogue", "Vanity Fair", "People" und "Allure" nach.

Beim Klettern mußte der Sherpa Lopsang Jangbu wie ein alpinistischer Leibwächter eingreifen, um Pittman an den Steilstellen hochzuhieven, "so wie ein Pferd den Pflug hinter sich herzieht" (Krakauer). Lopsang Jangbu fehlte dafür vorn und kam nicht dazu, Seile zur Sicherung der Bergsteiger zu verankern.

Heftig attackiert Krakauer den Fischer-Führer Bukrejew. Denn Bukrejew, ein Russe mit Wohnsitz in Kasachstan, der ohne Sauerstoffmaske und -flasche gegangen war, stieg als erster vom Gipfel wieder ab, ohne einen der Klienten mitzunehmen. Er sei auch bei anderer Gelegenheit egoistisch und einzelgängerisch gewesen, meint Krakauer, obwohl ihm der Chefbergführer ein Honorar von 25 000 Dollar zahlte. Bukrejew hat sich gegen die Vorwürfe zur Wehr gesetzt. Er hat eine Art Gegendarstellung in Buchformat geschrieben, die im November in den USA herauskam*.

Im Kalten Krieg mit Krakauer läßt er Teilnehmer seiner Gruppe zu Wort kommen, zum Beispiel eine dänische Rechtsanwältin, die Halls Leute so gesehen hat: "Die gingen, wie man mit 45 oder 50 am Mount Everest nur gehen kann - langsam, sehr langsam."

Bukrejew hat im Orkan zweimal das schützende Lager IV verlassen, um die Eingekesselten vom Rand des Südsattels zu bergen. Und natürlich hat er auch Krakauer beobachtet. Dem ging während des Abstiegs vom Gipfel der Sauerstoff aus, woraufhin er böse in Not geriet. Ein Bergführer schloß Krakauer an seinen Atemgas-Zylinder an und rettete ihn aus der lebensbedrohenden Lage.

Zu der Beschuldigung, seine Kunden im Stich

* Anatoli Boukreev, G. Weston DeWalt: "The Climb". St. Martin''s Press, New York; 256 Seiten; 24,95 Dollar.

gelassen zu haben, gibt Bukrejew an: Er habe eine Stunde auf dem Gipfel gewartet, doch nur zwei Klienten seien bis 14 Uhr gekommen. "Wir wußten oben nicht, was unten los war." Er habe einen Stau der Kletterer am Hillary-Step angenommen und den Gipfel deswegen verlassen. Bukrejew hatte richtig vermutet, daß der Prozession buchstäblich die Luft ausging.

Der Kameramann Schauer sinniert heute unter den schweren Rauchspiegeln eines Cafés am Grazer Opernring über den Auftrieb der Himalaja-Anfänger: "Diese Hochtouristen benutzen den Mount Everest als ein Gerüst. Sie versuchen, an ihm ihren Stellenwert auf die Spitze zu treiben", sagt er und nippt an einem Cappuccino.

Im Basislager am Mount Everest beeindruckte ihn eine stille Amerikanerin, die unablässig Manuskripte schrieb: Becky Johnston, die Drehbuchautorin des Erfolgsfilms "Sieben Jahre in Tibet". Auch Sandy Hill Pittman besuchte das Imax-Team und machte Fotos mit einer Digitalkamera. Schauer: "Ich hatte noch nie von ihr gehört, aber sie ging offenbar davon aus, daß man sie kennen mußte."

Zwei Veteranen des Mount Everest gehörten zu der kleinen Imax-Gruppe um Schauer: David Breashears, ein amerikanischer Produzent, der den Koloß bereits dreimal bestiegen und mit dem Dokumentarfilm "Red Flag over Tibet" Hollywoods andauernde Tibet-Manie ausgelöst hat. Dazu kam der US-Bergführer Ed Viesturs, Bezwinger von neun Achttausendern, der ebenfalls schon dreimal auf dem Mount Everest gewesen war.

Ergänzt wurde die Gruppe von Jamling Norgay aus dem indischen Darjeeling, einem Sohn des berühmten Sherpas Tenzing Norgay, der 1953 mit Edmund Hillary den Mount Everest erstmals eroberte. Und Breashears hatte auch eine 27 Jahre alte Klettererin aus Barcelona ausgesucht: Araceli Segarra, die laut Schauer "sehr motiviert war und auch an der Kamera mitanpackte".

Imax-Studiokameras haben die Ausmaße eines Rennwagen-Chassis, und auch die Feldkameras sind Schwergewichte. Sie sind auf eine Bildbreite von 70 Millimeter ausgelegt, das ist doppelt soviel wie beim Hollywood-Format der 35-Millimeter-Filme. Keine Kraft der Welt kann eine solche Kamera auf den Mount Everest befördern, der auch für die leistungsstärksten Hubschrauber zu hoch ist.

Deshalb ließ die Produktionsfirma MacGillivray Freeman Films im kalifornischen Laguna Beach eine neue, leichtere Kamera bauen - mit einem Kohlefaser-Gehäuse anstelle von Stahl und mit einem Motor ohne Schwungmasse; eine Batterie sollte die notwendige Betriebsspannung von 32 Volt liefern.

Am Ende war die Kamera 15 Kilogramm schwer - ohne Objektiv, Batterie und ohne Magazin. Die Tasten für die Bildlaufgeschwindigkeit, der Hauptstromschalter und sämtliche Stecker und Anschlüsse mußten so dimensioniert werden, daß sie mit dicken Daunenfäustlingen zu bedienen waren. Schauers nächstes Problem: "Nach der Besteigung des Hillary-Step ist man körperlich vollkommen außer sich. Auf dem Gipfel ist es dann unmöglich, aus der Hand zu drehen, weil die Atmung so stark ist, daß die Hände und die Kamera wackeln würden. Dem Publikum vor den Riesenleinwänden würde schlecht; die Leute müßten sich erbrechen."

Das Stativ aber wiegt 30 Kilogramm. Was tun? Nur ein einbeiniges Gestell konnte helfen. An dessen Fuß ließ Schauer noch eine Art massiven Skistock-Teller anbringen, so daß es im metertiefen Gipfelschnee nicht einsinken konnte.

Schauer war Rob Hall begegnet, als der mit seinen Klienten die Lhotse-Flanke in Angriff nahm, eine Steilwand, über die es zum Südsattel hinaufgeht. Der Österreicher befand sich im Abstieg nach Dreharbeiten im Lager III, das sich wie ein Adlerhorst inmitten der Lhotse-Wand befindet.

Bei der Begrüßung glaubte er, in Halls Stimme Unsicherheit zu erkennen: "Ich hatte den Eindruck, daß er sich überlegte, ob es klug sei, mit seiner Gruppe weiterzugehen. Ob es überhaupt Sinn mache, von hier an schwerwiegende Entscheidungen für Leute zu treffen, die selber keine treffen können." Bei Schauer löste die Begegnung eine Art innere Alarmbereitschaft aus: "So viele Leute droben am Berg, hab'' ich gedacht, das Wetter wird ihnen morgen nicht viel Zeit lassen."

Imax-Filme machen eine neue Filmsprache erforderlich. Schnitte und jähe Szenenwechsel sind ein Problem, da sie auf die Zuschauer wie ein Gewitter von Blitzlichtern wirken. Lange Kamerafahrten und Einstellungen in der Totalen sollen das Handikap umgehen, und für solche Aufnahmen hatten Breashears und Schauer reichlich gesorgt.

Sie filmten Lama-Klöster und das nächtliche Lichtermeer der Stupa von Bodhnath in Katmandu, an der Sherpas 25 000 Butterlampen anzündeten, um die Himalaja-Götter zu beschwichtigen. Die technische Brillanz und Tiefenschärfe des Verfahrens machte Luftaufnahmen, die Landung eines Helikopters und den Gang über schwankende Brücken zu dramatisch lebendigen Ereignissen.

Mit dem Desaster vom 10. Mai aber brach die Wirklichkeit über die Expeditionsfilmer herein wie eine Lawine: "Big E", der Mount Everest selbst, diktierte die weitere Handlung.

Am Südsattel befand sich Hochlager IV im Zustand der Auflösung. Die Imax-Gruppe hatte Krakauer, der ein Funksprechgerät besaß, angewiesen, das Materialzelt der Filmemacher aufzuschlitzen, um an das Depot mit dem Sauerstoffvorrat der Imax-Expedition heranzukommen. Das Zelt war mit einem Vorhängeschloß gesichert, da die Kriminalität längst auch den Mount Everest erreicht hat: Drunten im Tal des Schweigens waren der Imax-Crew die Reservesteigeisen gestohlen worden.

Am späten Nachmittag des 11. Mai kam ein Überlebender ins Lager IV gehumpelt, mit dem niemand mehr gerechnet hatte: Beck Weathers. Er hatte fast einen Tag bewußtlos auf dem Eis gelegen und war dann plötzlich aufgewacht. "Ganz am Anfang dachte ich, im Bett zu liegen", gab Weathers später zu Protokoll. Er hatte in der Nacht den Fäustling der rechten Hand verloren. "Sie sah aus wie eine moderne Plastik", sagte der Pathologe nach der Rettung, "ich schlug sie aufs Eis, und es gab einen hohlen Klang."

Ed Viesturs und Schauer seilten den Mann aus Dallas vom sogenannten Gelben Band, einer charakteristischen Felsformation im oberen Teil der Lhotse-Flanke, ab. "Weathers hielt beide Arme seitwärts ausgestreckt und sah aus wie eine Vogelscheuche", rekapituliert Schauer.

Inzwischen hatte sich Filmdirektor Greg MacGillivray aus Laguna Beach gemeldet. 5,5 Millionen Dollar hätten die Vorbereitung und die Dreharbeiten des Films "Everest" bereits gekostet, doch der Kalifornier stellte den Imax-Kletterern frei, das Unternehmen auf der Stelle abzubrechen.

Alle wollten weitermachen. "Wir hatten schon so viel im Kasten", erzählt Schauer, "und außerdem nahm jetzt der Wind ab." Der Jetstream, so teilten amerikanische Meteorologen per Fax mit, habe sich weg vom Mount Everest auf das nördliche Hochplateau Tibets verlagert.

Zwölf Tage später stieß die Imax-Kolonne, bestens akklimatisiert und frisch ausgerüstet, für den Gipfelangriff zum Südsattel vor. Das Lager IV ist ein Ort, an dem das Glück keinen Platz hat. Krakauer schreibt, nie wieder eine solche Welt sehen zu wollen, mit Hunderten leerer Sauerstoffflaschen, die das Camp wie ein Gefängnis umgaben.

Schauer brachte im Zelt Schnee zum Schmelzen und kochte Suppe, um sich für den Gipfelgang zu stärken, der kurz vor Mitternacht beginnen sollte. Doch wie immer verließ er mit seiner Kamera im Abendlicht nochmals das Zelt.

Er fotografierte die Gipfelpyramide, weil ihn deren klare, räumliche Struktur bestach. Dann, etwa hundert Meter vom Lager entfernt, jenseits der Barriere aus Sauerstoffzylindern, entdeckte er ein Zelt mit einem Toten. Das Eis war entlang des Zeltbodens zurückgegangen, die Fetzen der Plane flatterten wie auf einem Altar. Der Unbekannte trug keine Schuhe. Er war hier gestorben und zurückgelassen worden.

Um 21 Uhr kroch Schauer in den Schlafsack und aß Räucherfleisch, "Geselchtes" aus der Steiermark. Zwei Stunden später stand er auf und zwängte sich in den Daunenanzug. Schauer packte den Rucksack: zwei Sauerstoffflaschen; Notproviant; Reservefäustlinge; die Reservesonnenbrille sowie eine zweite Sturmhaube. Obendrauf kamen seine Leica und die Erste-Hilfe-Ausrüstung - ohne Dexamethason, mit dem sich Sandy Hill Pittman unterhalb des Gipfels spritzen ließ. "Die Dosierung ist in einer solchen Höhe schwierig, der höchstgelegene Drogentote der Welt wäre mir ein zweifelhafter Superlativ", meint Schauer, ein ehemaliger Medizinstudent.

Er hatte im Rucksack aber noch mehr verstaut: einen Biwaksack, mit dem er sich im Notfall vor dem Wind und vor der Kälte schützen könnte; dazu einen Kompaß und den Empfänger eines Lawinensuchgeräts. Den Sender ließ er im Zeltschlafsack; er könnte ihn dank des Empfängers auch im schlimmsten Sturm anpeilen und das Hochlager finden. Hall, Fischer und die anderen Führer hatten nichts von alledem dabei.

Fünf Sherpas verteilten die Kameralast. Einer trug die Objektive, das Kamerawerkzeug, die Ersatzteile, Klebebänder und den Dunkelsack für den Filmwechsel der Magazine. Der zweite Sherpa schleppte die Batterie, die elektrischen Kabel und ein geladenes Magazin. Der dritte sollte drei Magazine mit Filmrollen transportieren. Sherpa Nummer vier beförderte das Kameragehäuse; es war mit einer Schaumstoffpolsterung geschützt, falls der Rucksack gegen einen Felsen stoßen würde. Der Chef der Sherpas, Lhakpa Dorje, mußte dafür sorgen, daß die schwere Kameralast abwechselnd getragen wurde.

Ed Viesturs hatte das Lager schon lange verlassen, um im Schnee eine Spur für die Nachfolgenden zu treten. Schauer ging als letzter und wählte einen anderen Weg. Er umging einen steilen Eishang, um in den für ihn besten Gehrhythmus zu kommen. Der helle Schein von Stirnlampen, Fluchen und Stöhnen drangen zu ihm nach unten.

Über schneebedeckte Felsbänder stieg Schauer allein empor. Gelegentlich rutschte ihm beim Klettern die Sauerstoffmaske über die Augen. Er mußte sich konzentrieren, die Maske mit den Fäustlingen herunterschieben. Auf einem kleinen Schneeplateau war die Imax-Mannschaft vollständig versammelt. Auch die Sherpas erholten sich hier - aber der vierte mit der Kamera fehlte.

Lhakpa Dorje mußte zu dem Kollegen hinabsteigen und dessen Last aufnehmen. Doch zum Filmen des Sonnenaufgangs war es zu spät. Man einigte sich darauf, den mächtigen Makalu (8481 Meter) am Horizont zu filmen, mit der jungen Spanierin und Jamling Norgay beim Aufstieg im rötlichen Schein des Morgenlichts.

Schauer machte einen Testlauf mit der Kamera. Wegen ihres hohen Bildlauftempos surrte sie schrill wie eine Nähmaschine, Breashears verglich das Geräusch mit dem eines VW-Käfers. Die beiden hatten ihre Handschuhe zum Einlegen des Films ausgezogen; er fühlte sich heiß an, obwohl er längst die klirrend kalte Umgebungstemperatur angenommen hatte.

Über festgepreßten Schnee ging es zum Südgipfel hinauf. Dort verschnauften die Bergsteiger im Schnee und genossen den Panoramablick. Niemand redete, weil die trockene Luft den Schleimhäuten in Mund und Nase zusetzte. Am Fuß des Vorgipfels erkannte Schauer "eine Art roten Fleck". Er holte die Fotokamera aus dem Rucksack und stieg hinab. "Da saß ein nach hinten gebeugter Menschenkörper mit einem roten Overall. Die Beine und die linke Hand waren frei, der Rest war mit Schnee zugeweht." Es war der Neuseeländer Hall. Schauer machte ein paar Fotos von dem Toten - im Himalaja eine leidmütige Angelegenheit, aber wichtig für die Versicherungsgesellschaften der Toten.

Derweil beschritten die anderen den langen Grat zum Hauptgipfel. Die Schneide erforderte volle Konzentration. Erstaunlich, daß Bukrejews Nylonseil an diesem Morgen schlaff im Schnee lag - auf dem Mount Everest war es beinahe windstill.

Die Fixseile im Fels des Steilaufschwungs kamen Schauer gefährlich vor. Viele waren alt und durchgescheuert; die Sonne, die Kälte und der Wind hatten ihnen schwer zugesetzt. Schauer trat mit den Steigeisen sachte auf und nutzte Unebenheiten aus, damit sie nicht abrutschten.

Am Schlußhang kam Viesturs auf den Nachzügler zu; er hatte den Gipfel schon wieder verlassen und stieg ab: "Kalt da oben, ich muß gehen." Um 11.30 Uhr betrat Schauer den höchsten Punkt. "Was ich gedacht habe? Oh, ich bin zum zweitenmal hier oben, Alter."

Auf dem schmalen Eissims des Gipfels dockte Schauer das Magazin mit Hilfe der Führungsschienen an die Kamera an und legte den Film in die Laufmechanik. Er mußte aufpassen, daß es keine Fusseln auf dem Film gab - sie würden auf den Imax-Leinwänden aussehen wie Riesenkraken.

Mit 17 Minusgraden war es mild auf dem Mount Everest. "Ich hatte das richtige Fingerspitzengefühl, mein Kreislauf war an diesem Tag gut hochgekommen. Bei minus 40 Grad wäre ich das Risiko nicht eingegangen, da wären mir die Finger pickengeblieben, wie man in Österreich sagt", erzählt Schauer.

Die Filmemacher drehten auf dem Gipfel eine halbe Stunde lang. Sie nahmen Araceli Segarra und Jamling Norgay auf, der die Spielzeugrassel seiner Tochter im Schnee versenkte und Gebetsfahnen aufspannte. Der Sohn des Erstbesteigers mußte sich wie der berühmte Vater in Positur stellen, hob aber den Eispickel mit der linken Hand und nicht, wie auf dem historischen Foto, mit der rechten - nicht einmal Breashears bemerkte den Fehler.

Beim Abstieg kam Schauer auf dem Felsband des toten Scott Fischer an. Bukrejew hatte ihn in Seile eingewickelt, damit er nicht abstürzte; den Rucksack hatte er "gegen die Vögel" auf Fischers Kopf gelegt. Schauer hatte das Gefühl, über einen Friedhof zu gehen: "Sie lagen da wie Gefallene an der Dolomitenfront im Ersten Weltkrieg." 50 Meter tiefer, auf einem engeren Absatz, stieß er auf den nächsten Toten. Von ihm erinnert er nur noch, daß er Koflach-Stiefel aus Österreich trug.

Schauer sah zu, den unheimlichen Berg so schnell wie möglich zu verlassen. Er wählte diesmal den direkten Weg über den Eishang und mußte dabei auf verdeckte Spalten aufpassen. Dann umarmte er die Sherpas, die ihm vom Lager IV mit heißem Tee entgegenkamen.

Der "Everest"-Film - die Deutschland-Premiere findet am 12. März im Imax-Filmtheater auf der Münchner Museumsinsel statt - sei "das wohl eindrücklichste Filmdokument, das je über das Dach der Welt gedreht worden ist", schwärmt jetzt schon "Les Alpes", die Zeitschrift des Schweizer Alpen-Clubs. In den USA und Japan ist die Erstaufführung gleichzeitig in 50 Großkinos zu sehen.

Weltweit gibt es zur Zeit 150 Imax-Kinos - großarchitektonische Hallen, futuristische Kugelgebäude und durchsichtige Würfelbauten, neben denen sonstige Filmtheater wie Flohkinos wirken. Entsprechend riesenhaft sind Imax-Leinwände. Sie sind bis zu 24 Meter hoch, was einem achtstöckigen Bürohaus entspricht. Die Imax-Filme im Sony-Kinocenter New York locken mehr Zuschauer an als jeder andere Filmsaal der USA.

Die Überlebenden der gescheiterten Expeditionen, deren Spuren Schauer besichtigte, hat das Glück verlassen. Krakauer wurde dank des Everest zu einem reichen Mann, doch er fühlt sich mitschuldig am Tod von Harris und an den Leiden von Weathers. Die Witwe Halls nannte ihn "den Abschaum der Medien", weil er in seinem Buch das letzte Funkgespräch zwischen dem Sterbenden und ihr abdruckte.

Andere mußten sich vom Leben ganz verabschieden. Sherpa Lopsang Jangbu ist in der Lhotse-Flanke von einer Lawine getötet worden, und Anatolij Bukrejew bekam sein Buch nicht mehr in die Hand. Er starb am 25. Dezember in der Südwand der Annapurna (8078 Meter).

Nur Weathers in Dallas geht es besser. Chirurgen-Kollegen haben ihm mit körpereigenen Haut- und Gewebeteilen eine neue Nase hergestellt. "Ich schäme mich wegen meiner Dummheit", sagt Weathers heute, "ich hätte nie dorthin gehen dürfen."

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Die Route zum Mount-Everest-Gipfel

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Die Route zum Mount-Everest-Gipfel

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* Mit der Leiche eines Bergsteigers der Expedition aus Taiwan. ** Jon Krakauer: "In eisige Höhen". Malik Verlag, München; 365 Seiten; 39,80 Mark. * Anatoli Boukreev, G. Weston DeWalt: "The Climb". St. Martin''s Press, New York; 256 Seiten; 24,95 Dollar.

DER SPIEGEL 9/1998
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