02.05.2011

DEBATTE

Der SPD ins Stammbuch!

Von Dohnanyi, Klaus von

Die Politik sollte die Thesen von Thilo Sarrazin endlich ernst nehmen. Von Klaus von Dohnanyi

Das Ausschlussverfahren gegen Thilo Sarrazin ist beendet, auch wenn einige in meiner Partei offenbar Mühe haben, das zu akzeptieren. Die Führung der SPD hätte sich ihres Mitglieds gern entledigt; anstatt mit ihm zu reden, machte man ihn kurzerhand zum Ketzer. Den Rauswurf hat die SPD- Schiedskommission nun zwar verhindert, die politischen Fragen, die Sarrazin stellte und weiterhin stellt, bleiben damit jedoch unbeantwortet.

Der Streit hatte sich zunächst an dem Hinweis entzündet, dass angeborene, genetische und anerzogene Fähigkeiten auch durch die besten Schulen nicht immer ausgeglichen werden können. Es gab sozialpolitischen Protest, dann den Aufruf, Sarrazin nicht zur Kenntnis zu nehmen, sein Buch nicht zu kaufen.

Allerdings: Genetische Erkenntnisse beherrschen inzwischen große Teile unseres Lebens. Von der Herstellung entsprechend zugeschnittener Medikamente bis zur DNA-Analyse in der Kriminalistik.

Eine Gesellschaft, die Korrekturen bei der künstlichen Befruchtung einer Frau zulassen will (PID) oder eine eugenische Abtreibung im 8. Monat erlaubt, sollte ohnehin nicht protestierend mit der Frage umgehen, ob auch Intelligenz und Begabung, Schulerfolg und Berufsweg durch Vererbung und Erziehung beeinflusst sein könnten.

Dass solche Überlegungen angesichts unserer Geschichte auch Irritationen auslösen können, musste man verstehen. Allerdings wäre es auch hier endlich an der Zeit, zu einer internationalen Normalität zurückzukehren. Wissen muss man wissen dürfen. Was man daraus macht, ist eine andere Frage. Auch sollte man einen Autor nur für das verantwortlich halten, was er geschrieben hat, nicht jedoch für etwas, was andere aus historischer Besorgnis über ihn vermuten.

Worum also ging es - worum sollte es gehen? Wir alle sind besorgt, dass noch heute Herkunft und Elternhaus die Lern- und Lebenserfolge der Kinder wesentlich bestimmen. Das hat viele Gründe; genetische und, sehr viel stärker, erzieherische. Sarrazin plädiert deswegen in seinem Buch für eine entschlossenere Bildungspolitik: für den Besuch von Sozialarbeitern gleich nach der Geburt; für eine frühe Ernährungsberatung; für Krippen, Kitas, Ganztagsschulen, Schuluniformen. "Chancengleichheit" formuliert er als sein ausdrückliches Ziel und den Umgang mit den "Bildungsfernen" als die entscheidende Aufgabe, als das "Kernproblem" jeder Bildungspolitik. Allerdings: Wegen unterschiedlicher Fähigkeiten muss Praxisnähe für die eher praktisch Veranlagten eine stets offene Alternative sein.

Sarrazin wirft also Fragen auf, doch seine Analyse ist noch keine politische Lösung der Probleme. Wir sollten nämlich sehen: Immer entschlossener forcieren wir die "Wissensgesellschaft"; sie ist das Fundament jedes erfolgreichen Wettbewerbs in der Globalisierung. Insofern tun wir das Richtige. Aber wir müssten auch erkennen, dass gerade diese konsequente Betonung der geistigen Fähigkeiten des Menschen die Gesellschaft zugleich immer bedrohlicher spaltet. Nicht Banker, Boni oder Neoliberale sind nämlich die tiefere Ursache der weltweit wachsenden Ungleichheit in der Gesellschaft, sondern jene systematische Verwissenschaftlichung von Wirtschaft und Gesellschaft. Hier wurzelt die aufreißende Kluft zwischen den besser Befähigten und den anderen.

Erst vor wenigen Wochen stellte eine internationale Konferenz in Berlin fest: Bessere Schulen können zwar die Befähigten sozial gerechter auslesen - aber eine Auslese der individuellen Fähigkeiten wird es dennoch bleiben. Was aber geschieht mit den Zurückbleibenden? Wollen wir deren Jobs weiterhin bedenkenlos in Billiglohnländer verlagern?

Die Gesellschaft muss diese Fragen beantworten, oder sie beantworten sich selber - das wäre die schlechtere Variante. Sie muss offener und mutiger klären, ob wir zum Beispiel für die weniger Begabten nicht doch einfachere und kürzere Ausbildungsberufe brauchen, um unter anderem auch die endlosen Warteschlangen im Ausbildungsbereich zu leeren; ob zu hohe Mindestlöhne nicht vielleicht doch die einfacheren Arbeitsplätze aus dem Land vertreiben und dann das "Aufstocken" am Ende sozial gerechter wäre. Die wachsende Spanne zwischen der Zahl der wissensbasierten Jobs und den weniger Lernfähigen in dieser Wissensgesellschaft kann jedenfalls auch durch die besten Schulen niemals wirklich überwunden werden. Wir aber müssen daran arbeiten, diese Kluft nicht unnötig groß werden zu lassen. Nur wer die Tatsache akzeptiert, dass es unterschiedliche Befähigungen gibt, kann gegenüber den weniger Befähigten gerechter werden. Der SPD ins Stammbuch!

Bildungsstudien entnehmen wir, dass es muslimische Zuwanderer offenbar schwerer als andere Migrantengruppen haben, im Bildungssystem mitzuhalten; auffällig viel schwerer. Doch mit "Genetik" hat das nichts zu tun, auch für Sarrazin nicht. Er stellt vielmehr ausdrücklich fest, "dass die genetische Ausstattung der Menschen aller Völker von großer Ähnlichkeit" ist, bezieht dies auch auf die "Intelligenz" und sieht - wie viele Sozialwissenschaftler - als eine Quelle dieser Probleme das kulturelle Umfeld der islamischen Welt.

Im Mittelpunkt steht dabei nicht die Religion des Islam, sondern seine Familien- und Erziehungstraditionen. Sprache ist "Mutter"-Sprache. Wo eine Mutter nur in ihrer Heimatsprache zu Hause ist, wird sie ihr Kind zunächst auch in diese Sprache führen. Immer. Aber wenn dann das "Vater"-Land später auf dieser Sprache als der Umgangssprache kompromisslos beharrt - wie könnten dann diese Kinder im "fremden", im deutschen Sprachraum bestehen?

Nur wer dieses Problem erkennt, kann wiederum etwas ändern. Wir müssten eben viel erfolgreicher an die türkischen Väter herankommen, um kulturelle Sprachsperren zu brechen. Da aber ist heute auch die türkische Regierung im Wege. Wer nimmt diese Debatte mit dem türkischen Staat mutig auf? Wo sind die Außenpolitiker der Parteien, die in Ankara mit dieser Politik der Förderung von "Auslandstürken" Tacheles reden? Nicht Sarrazin hätte hier die Zielscheibe sein müssen, sondern jene antiintegrative türkische Politik. Der SPD auch das ins Stammbuch!

Ob die Sarrazin-Debatte für die Integration in Deutschland "hilfreich" war, um das Wort der Kanzlerin aufzunehmen, darüber mag man heute im Ergebnis zu Recht streiten. Dass sie jedoch hilfreich hätte sein können, hätte man Sarrazins Überlegungen und Fragen nicht sofort massiv verteufelt, darüber ließe sich wohl auch reden.

Ein drittes Thema, das wir aufgreifen müssen, ist die wachsende negative Dialektik zwischen Emanzipation und Demografie. Unsere Gesellschaft antwortet auf dieses zentrale Zukunftsproblem bisher nur sehr unentschlossen und zaghaft.

Bevölkerungspolitisch wissen wir, dass erfolgreiche Frauen in unserer Gesellschaft vergleichsweise oft weniger Kinder bekommen als nicht so erfolgreiche. Ob sie nun in Leitungsfunktionen eines Supermarkts, ob als Meisterinnen eines Handwerksbetriebs oder in gehobenen Positionen mit akademischem Abschluss tätig sind (wie für Sarrazin gilt auch für mich diese umfassende OECD-Definition). Mutterschaft und (bisher!) "Männerberuf" sind eben schwer vereinbar.

Wenn wir aber einen zunehmenden Anteil beruflich erfolgreicher Frauen wünschen und diese Entwicklung sogar fördern, dann müssten wir doch viel intensiver darüber nachdenken, wie das Dilemma zwischen gewünschter Emanzipation und gewünschtem Nachwuchs zu lösen sei. Wie - so müssten wir diskutieren und auch politisch experimentieren - könnten wir es den beruflich erfolgreichen Frauen (gleichgültig welcher Herkunft) ermöglichen, trotz ihrer beruflichen Beanspruchung mehr Kinder aufzuziehen? Und zwar schon, weil diese Frauen selbst oft unter dem unerfüllbaren Kinderwunsch sehr leiden.

Wenn wir hier keine Wende zustande bringen, wird die Bevölkerung angesichts von immer mehr Frauen in immer längerer Ausbildung und beruflichen Leitungsfunktionen zwangsläufig schrumpfen. Wir dürfen doch nicht nur darauf setzen, anderen Ländern dann ihre Talente wegzukaufen! Sarrazins Prognose sollte man ernst nehmen: Einer der Leiter des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, Rainer Klingholz, nennt solche Berechnungen zur Bevölkerungsentwicklung (für die Sarrazin so heftig kritisiert wird) nicht Prognosen, sondern schlicht "Buchhaltung".

Was sind Sarrazins Vorschläge? Er "erwägt" hier nicht nur mehr Krippen, mehr Kitas und ein Familiensplitting (etwa nach dem französischen Modell), sondern auch eine pauschale Auszahlung von Kindergeld, um so eventuell die hohen Ausbildungskosten und den frühen Einnahmenverzicht zu korrigieren. Wer das alles nicht will, der müsste wenigstens über dieses Problem jetzt ergebnisorientiert nachdenken und andere Vorschläge machen. Es ist höchste Zeit.

Gegenwärtig haben aber weder Regierung noch Opposition überzeugende Antworten. Was könnte man denn durch Politik tun, um zu familienfreundlicheren Arbeitszeiten zu kommen (schwedisches Beispiel)? Oder: Wie wäre es mit der gesetzlichen Pflicht jeder Universität, eine gebührenfreie Krippe auf dem Campus zu unterhalten? Das Feld ist groß und unbeackert, vielleicht aus Furcht vor dem Begriff "Bevölkerungspolitik". Mehr Phantasie, mehr Mut und weniger "so nicht" wären als Antwort auf Sarrazin auch hier geboten gewesen.

Die Sarrazin-Debatte war ein trauriges Beispiel mutloser "Korrektheit". Nicht nur die SPD, fast die ganze politische Elite und ihre sonst so wissbegierigen Intellektuellen haben es versäumt, seine Fragen zu verstehen und jeweils auf ihre eigene Weise zu beantworten. Man muss ihm ja nicht zustimmen; man könnte ihn auch frontal sachlich kritisieren. Aber man muss seine Fragen doch wenigstens ernst nehmen! Die SPD, jedenfalls, hatte es sich mit dem Ausschlussantrag zu bequem gemacht. Die Schiedskommission führt jetzt souverän und sachkundig zu den Sachfragen zurück. Den Mitgliedern der Kommission sei dafür Dank.

Denn eine Gesellschaft darf sich der Diskussion über brennende Fragen der Zeit nicht verschließen. Und es ist Aufgabe der Parteien und der Politik, den Diskussionsraum für solche Debatten weit offen zu halten und gegen alle Widerstände immer wieder zu öffnen. Nur so lässt sich ein fruchtbarer und freier Dialog ermöglichen. Ohne einen solchen, ohne mehr Selbstvertrauen und mehr Selbstbewusstsein von Parteien und Politik in eine freie und kontroverse Debatte werden wir die Zukunft unserer Kinder nicht erfolgreich vorbereiten können.

Klaus von Dohnanyi, 82, ist seit 1957 Mitglied der SPD. Im Ausschlussverfahren gegen Thilo Sarrazin war der ehemalige Hamburger Bürgermeister sein Rechtsbeistand.


DER SPIEGEL 18/2011
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