02.05.2011

ATOMKRAFT

Der Elektriker von Reaktor 3

Von Buse, Uwe

Die "Fukushima 50" sind zum Synonym jener Arbeiter geworden, die das havarierte Kraftwerk retten müssen. Einer von ihnen versucht, ein Stromkabel durch das verseuchte Gebiet zu legen. Wer sich weigert, behält seine Gesundheit, aber riskiert seinen Job. Von Uwe Buse

Der Anruf kam zehn Tage nach dem Erdbeben. Er erreichte Shinichi Honda in einer Notunterkunft, in der er mit seiner Frau und seinen drei Kindern untergebracht worden war. Man hatte ihnen ein Zimmer zugewiesen, es war klein, aber es war ein Fortschritt gegenüber der Turnhalle, in der sie zuvor wohnen mussten, wo nur hüfthohe Wände aus Pappe die Familien voneinander trennten.

Hier, in ihrer neuen Unterkunft, gab es immerhin eine Tür, die sie hinter sich zumachen konnten, hier gab es Ruhe und die Möglichkeit nachzudenken über das, was geschehen war, hier konnte Shinichi Honda sich fragen, wie es weitergehen sollte.

Ihr Haus hatte das Erdbeben und den Tsunami zwar weitgehend unbeschädigt überstanden, aber es liegt in der Sperrzone, in Namie, in unmittelbarer Nähe des Reaktors, und es ist fraglich, ob sie jemals dorthin würden zurückkehren können. Fraglich war auch, wie Honda seinen Lebensunterhalt künftig bestreiten würde. Gute Arbeitsplätze waren schon vor der Katastrophe selten gewesen, und nun gab es allein in der Präfektur von Fukushima über 20 000 Vertriebene, viele von ihnen Facharbeiter wie er, die eine neue Arbeitsstelle suchten.

Honda, der Elektriker, musste sich etwas einfallen lassen. Er durfte nicht in der Masse untergehen. Er musste kenntlich werden, als Mann mit besonderen Fähigkeiten. Oder als Mann mit besonderem Mut.

Als Hondas Handy zehn Tage nach der Katastrophe klingelte, war einer seiner Vorgesetzten am anderen Ende der Leitung. Er fragte Honda, der 17 Jahre lang für eine Tochterfirma des Kraftwerkbetreibers Tepco im Atomkraftwerk in Fukushima gearbeitet hatte, ob er sich vorstellen könne, bei den Reparaturarbeiten zu helfen.

Honda dachte nicht lange nach, er fragte seine Frau nicht nach ihrer Meinung, er erkundigte sich nicht nach der Strahlenbelastung, nach Grenzwerten, nach Sicherheitsvorkehrungen, er sagte einfach ja. Sein Chef bedankte sich, und ein paar Tage später packte Honda eine Reisetasche und machte sich auf den Weg.

Mit seinem Wagen fuhr er zu einem Hotel am Rand der Sperrzone, dort übernachtete er mit anderen Arbeitern, am nächsten Morgen stiegen sie in einen Bus und passierten einen Checkpoint im Süden der Sperrzone. Wenige hundert Meter dahinter liegt das J-Village, ein ehemaliges Trainingslager der japanischen Fußball-Nationalmannschaft. Nun ist es umfunktioniert zu einem Stützpunkt der Rettungsmannschaften, zu einer gigantischen Schleuse, einem Dekontaminationsort für Arbeiter und einem improvisierten Trainingszentrum, wo Fahrer von Bergepanzern üben, Trümmer zu räumen, wo die Kletterfähigkeit von spielzeuggroßen ferngelenkten Robotern erprobt wird.

Im J-Village erhielt Honda seine Schutzkleidung, einen weißen dünnen, aber reißfesten Schutzanzug, eine Atemmaske, ein Visier, das sein Gesicht vom Kinn bis zum Haaransatz bedeckt, dazu Handschuhe, Überschuhe und Klebeband, um Handgelenke, Knöchel und den Rand der Kapuze provisorisch zu versiegeln. Mit einem anderen Bus fuhr er danach weiter zum havarierten Reaktor. Zwei Tage lang blieb Honda beim ersten Mal, dann kehrte er für zwei Tage zu seiner Familie zurück. Sein zweiter Aufenthalt dauerte vier Tage, drei verbrachte er danach mit seiner Familie. Der Rhythmus gilt bis heute.

Honda erzählt das im Foyer seiner aktuellen Notunterkunft, einem kleinen Hotel in der Präfektur Fukushima. Er sitzt auf einem Sofa in der Kinderecke, ein Mann Anfang vierzig mit ebenmäßigen Zügen, der Basketball liebt und ein nervöses Flackern im rechten Augenlid hat. Hinter ihm, auf dem Boden, liegt Spielzeug, Kinder rennen an ihm vorbei, Erwachsene grüßen ihn, manche höflich, andere ehrfürchtig. Honda nimmt die Grüße ungelenk entgegen, er lächelt schüchtern, er muss sich erst noch daran gewöhnen, dass er jetzt Mitglied in einem sehr exklusiven, sehr angesehenen Club ist.

Gegründet mit angeblich nur 50 Mitgliedern wenige Tage nach der Katastrophe, zählt der Club der Fukushima-Retter heute rund tausend Arbeiter, die damit beschäftigt sind, die havarierten Reaktoren und ihren Kernbrennstoff unter Kontrolle zu behalten. Angeworben wurden die meisten wohl wie Honda, übers Handy, in den ersten Tagen nach der Katastrophe, als die Situation im Kraftwerk noch chaotisch war und niemand, nicht einmal Tepco, wusste, in welcher Unterkunft, in welcher Stadt die Pumpenspezialisten, Schweißer, Ingenieure, Betonbauer gelandet waren, die gebraucht wurden, um die Situation zu stabilisieren.

Wer sich auf die Suche macht nach Mitgliedern jener "Fukushima 50", der treibt erst mal tagelang durch Notunterkünfte, in denen niemand niemanden kennt. Allein in der Präfektur von Fukushima sind es über 200 Turnhallen, Schulen, Hotels, in denen die Evakuierten untergebracht worden sind. Es gibt Listen mit Namen, aber die Listen sagen nichts aus, nichts darüber, welche Berufe diese Menschen haben, nichts darüber, ob sie noch immer im Kraftwerk arbeiten. All das weiß bislang nur Tepco, und der Konzern gibt sein Wissen nicht weiter. Nachdem er die Kontrolle über sein Atomkraftwerk verloren hatte, will er nun wenigstens die Nachrichtenlage steuern. Deswegen ist der Firma nicht gelegen an Treffen zwischen Arbeitern und Journalisten.

Irgendwann aber hat man dann doch, zunächst am Telefon, Kontakt zu Männern, die erschöpft klingen, die sagen, sie würden diese Arbeit tun, weil nur sie die Kompetenz haben, es gehe ja nicht nur um die Reputation eines Konzerns, einer Industrie, es gehe um das Überleben eines ganzen Landes, ihres Landes. Über Schuld und über die Verantwortung ihres Arbeitgebers wollen diese Männer nicht reden, sie stehen, im Moment zumindest, auf der Seite der Firma, die eigentlich ein Firmenkonglomerat ist. Sie sind von ihr abhängig, und deswegen äußern sie sich bestenfalls zu den Unfällen, die während der Reparaturarbeiten geschehen sind, nennen sie "unnötig", "vermeidbar", weiter vor wagen sie sich nicht.

Shinichi Honda war im Kraftwerk, als am 11. März die Katastrophe begann. Zusammen mit neun Kollegen arbeitete er in der Nähe von Reaktor 3, sie hatten die Aufgabe, elektrische Wartungsarbeiten durchzuführen, sie arbeiteten im Freien, unter einem Schornstein, als die Erde plötzlich zu beben begann. Honda glaubt sich zu erinnern, dass das Beben mit leichten Stößen kam, die heftiger wurden und die es ihm unmöglich machten, auf den Füßen zu bleiben. Spalten im Erdboden taten sich auf, Honda sah Risse in Betonwänden, Rohrleitungen barsten, aus Lautsprechern schrie eine Stimme, dass alle Arbeiter sich in Sicherheit bringen sollten, ein Tsunami rolle auf die Küste zu. Die Ansage war live, sie war nicht vorbereitet, es habe, so sagt es Honda, auch nie Übungen gegeben, in denen das Verhalten im Katastrophenfall trainiert worden wäre, auch die Fluchtwege waren nie offiziell bekanntgegeben worden. Ganz offenbar hielt die Firmenleitung von Tepco solche Vorsichtsmaßnahmen für unnötig.

Als Shinichi Honda die Ansage hörte, versuchte er, eine höhergelegene Ebene des Kraftwerks zu erreichen, da, wo sich der Verwaltungstrakt befindet. Die Häuser waren durch das Erdbeben schwer beschädigt, Honda suchte seine Kollegen, er fand sie, jemand zählte durch, alle zehn waren da, wie durch ein Wunder unverletzt. Etwa 20 Minuten später erreichte der Tsunami die Küste. Von seinem Standpunkt konnte Honda ihn hören, aber nicht sehen. Er wollte ihn auch nicht sehen.

Wie fast alle Arbeiter dachte Honda nach dem Beben nicht zuerst an die Sicherheit des Reaktors, er dachte an seine Familie, die irgendwo da draußen war und seine Hilfe benötigte. Zweieinhalb Stunden brauchte Honda für den Weg nach Hause, den er sonst in zehn Minuten schafft. Die Straßen waren versperrt von Trümmern, verstopft mit Autos, sein Handy hatte keinen Empfang, er wich auf kleine Bergstraßen aus und fand seine Familie verschreckt, aber gesund in seinem Haus, in der Nähe des Reaktors. Aus Angst vor weiteren Tsunamis fuhren sie den Berg hinauf, verbrachten die nächsten Nächte im Wagen, auf einem Parkplatz. Hier erfuhr er von der Explosion im Reaktor Nummer 1 und davon, dass eine Sperrzone errichtet worden war, die es ihm unmöglich machte, zu seinem Haus zurückzukehren. Zu diesem Zeitpunkt war er sicher, dass er niemals in das Atomkraftwerk zurückkehren würde.

18 Tage nach der Katastrophe saß Shinichi Honda in einem Bus, das Ziel war das Kraftwerk. Er hatte den Bus im J-Village zusammen mit anderen Arbeitern bestiegen, wie sie trug er seinen Schutzanzug, Maske, Visier, Handschuhe, Überschuhe, er schwitzte, als sie sich dem Kraftwerk näherten, und das hatte nichts mit der Temperatur zu tun. Sie fuhren entlang der Küste, durch zerstörte, verlassene Orte, vorbei an Schiffen, die wie Spielzeug ineinandergeschoben waren, sie passierten das Schwesterkraftwerk des havarierten Reaktors und erreichten schließlich den Unglücksort.

Honda hatte das Kraftwerk während der 17 Jahre, die er darin gearbeitet hatte, immer für sicher gehalten, er hatte seiner Massivität vertraut, seinen mächtigen Wänden aus Beton, den Decken, die für die Ewigkeit gebaut zu sein schienen. Nun war das Kraftwerk ein Trümmerfeld, und Honda fiel es schwer, sich zurechtzufinden.

Die Aufgabe, die ihm und neun seiner Kollegen zugewiesen wurde, bestand darin, ein Stromkabel vom Eingang zwischen den Reaktoren 3 und 4 bis zum Hauptkontrollraum zu verlegen. Das Kabel wurde von einem Kran auf einer mächtigen Holztrommel herangeschafft, es waren eigentlich drei Kabel, jedes handgelenkdick und mit den anderen zwei verwoben. Auf der Trommel lagen mehrere hundert Meter Kabel. Seit über zwei Wochen mühen sich Honda und seine Kollegen nun damit, dieses Kabel zu verlegen.

Honda weiß nicht, woher der Strom kommt, der durch sein Kabel fließen und die Aggregate im Hauptkontrollraum speisen soll. Er weiß nur, dass eine andere Arbeiterkolonne damit beschäftigt ist, ein etwa gleich langes Kabel vor seinem zu verlegen, und dass dieses Kabel an die Stromquelle angeschlossen werden soll. Wie weit diese Männer sind, wann sie ihre Arbeit erledigt haben werden, kann Honda nicht sagen und auch sonst niemand in seiner Kolonne. Solche Dinge, sagt er, würden bei den Besprechungen im J-Village nicht mitgeteilt, die Arbeit sei wenig strukturiert. Honda kann nicht einmal sagen, wann seine Kolonne den Hauptkontrollraum erreichen wird. Alles, was er sagen kann, ist, dass sie so schnell wie möglich arbeiten. Und dass es schwieriger ist, als sie alle gedacht hatten.

Die Radioaktivität schwankt stark auf dem Gelände des Kraftwerks, an manchen Orten sind es 100, an anderen 1000 Millisievert pro Stunde. Deshalb konnte das Kabel nicht auf dem direkten Weg verlegt werden, oft müssen wegen der Strahlung Umwege gemacht werden, Höhenunterschiede auf dem Gelände sind zu überwinden, was den Arbeitern die Kraft nimmt. Nähert sich die Kolonne einem Gebiet, das ihnen unbekannt ist, wird ein Kundschafter vorausgeschickt, der die Strahlung misst. Honda sagt, es gebe Stellen, die sie oder andere Arbeiter gar nicht erst betreten konnten, etwa die Räume, die verseucht sind durch radioaktives Wasser. An anderen Orten könne jeder aus seiner Kolonne nur fünf Minuten lang pro Tag arbeiten.

Während der Arbeit trägt Honda einen Geigerzähler und ein Dosimeter, so wie es alle Arbeiter inzwischen tun. Der akustische Alarm seines Geigerzählers wird im J-Village täglich neu eingestellt, nicht von Honda selbst, sondern von einem seiner Vorgesetzten. Honda kann den Wert auf der Anzeige des Geräts ablesen, 15 Millisievert pro Tag, das ist der Maximalwert, den seine Firma für akzeptabel hält. In Deutschland liegt der Grenzwert für Personen, die sich aus beruflichen Gründen erhöhter Strahlung aussetzen, bei 20 Millisievert pro Jahr.

Am Ende eines Arbeitstags fährt ihn ein Bus zurück ins J-Village, das Dosimeter wird ausgelesen, der Wert in einen Laptop getippt, einen Ausdruck erhält der Arbeiter nicht. Honda sagt, man habe ihm erklärt, dass sein Körper in den vergangenen zehn Arbeitstagen am Reaktor einer Strahlung von insgesamt acht Millisievert ausgesetzt gewesen sei.

Fragt man ihn, welche Menge er für hinnehmbar hält, schweigt Honda auf seinem Sofa für einen Moment, blickt zur Decke, sagt dann: "50 Millisievert?" Es klingt verhandelbar.

Seit seiner Entscheidung, ins Kernkraftwerk zurückzukehren, ist Shinichi Honda kein einfacher Elektriker mehr, er ist auch nicht mehr nur Familienvater und Ehemann, er wurde durch seine Entscheidung geadelt, er gehört nun zu einer neuen Elite, zu den "Atom-Samurai". So werden sie in Japan genannt, Arbeiter, die angetreten sind, um das außer Kontrolle geratene Atomkraftwerk zu bändigen. In den Medien werden sie gefeiert, als opferbereite Patrioten, als Ehrenmänner in bester japanischer Tradition.

Shinichi Honda und seine Kollegen werden von ihrem Land auf einen sehr hohen Sockel gestellt, es werden sehr viele Erwartungen an sie gestellt, zu vie-le vielleicht. Es dürfte nicht einfach sein, zu den Samurai von Fukushima zu gehören, und das nicht nur wegen der Strahlung.

Es ist aber auch nicht einfach, nicht zu ihnen zu gehören.

Katsuyuki Sato wollte nicht dazugehören. Er wohnt zurzeit in einer Notunterkunft in den Bergen, in einem Hotel in Aizuwakamatsu. Er ist 36 Jahre alt, Betonbauer, verheiratet, Vater dreier Kinder, und er war bis zum Tag der Katastrophe im Kernkraftwerk Fukushima als Bauarbeiter beschäftigt. Ihn erreichte das Erdbeben in einem Kellerraum des Kernkraftwerks, er stand auf einem Gerüst, ungefähr acht Meter über dem Boden, gesichert mit einem Seil und einem Karabiner, und er schnitt mit einer Flex ein Stück aus einem Rohr.

Beim ersten Stoß, so erzählt er, fiel das Licht aus, Sato stand in völliger Dunkelheit, das Gerüst begann wild unter ihm zu tanzen, es stieß, bockte, Sato ließ den Winkelschleifer fallen, umklammerte mit Armen und Beinen ein Rohr, er war sicher, dass er diesen Raum nicht lebend verlassen würde.

Als das Beben vorbei war, hangelte er sich, weitgehend unverletzt, Richtung Boden, fuchtelte durch die Dunkelheit, bis er eine Wand fand, stieß dann auf andere Kollegen, die verängstigt waren wie er, und zusammen tasteten sie sich die Treppe hinauf, Richtung Tageslicht.

Oben, im Freien, zischte Dampf aus geborstenen Leitungen, Arbeiter liefen panisch durcheinander, eine Stimme, verstärkt durch Lautsprecher, warnte vor einem Tsunami, und Sato rannte wie Honda auf ein paar Verwaltungsgebäude zu. Einer seiner Vorgesetzten zählte die Männer auf der Plattform durch. Zehn sollten es sein, zehn waren es.

Auch Sato dachte in diesem Moment nicht an den Zustand des Meilers, er verließ das Gelände, sobald es ihm möglich war, und fuhr in sein Dorf, das vom Tsunami verschont worden war. Er durchsuchte drei Schutzräume nach seiner Familie, fand seine Frau und die drei Kinder schließlich unverletzt im Haus seiner Schwiegereltern, das wie sein eigenes in der Sperrzone liegt.

Sie wohnen inzwischen zu fünft in einem Hotelzimmer und müssen im Foyer die Blicke genervter Landsleute ertragen, die hier nicht als Evakuierte Station machen, sondern als ganz normale Reisende, die sich nun zwischen Kinderhorden und heimatlosen Erwachsenen in Trainingsanzügen wiederfinden.

So wie Shinichi Honda erhielt auch Katsuyuki Sato den Anruf, der sein Leben verändern sollte, wenige Tage nach der Katastrophe. Sein Handy klingelte, und er hörte die Stimme seines Vorgesetzten. Der fragte, ob Sato sich vorstellen könne, bei den Reparaturarbeiten im Kraftwerk mitzuhelfen.

Sato hatte zwei Jahre lang im Kernkraftwerk gearbeitet. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise musste er sich einen neuen Job suchen, und er hatte die Stelle als Betonbauer in Fukushima mit der Hilfe eines Freundes bekommen, der schon länger im Kernkraftwerk arbeitete. Sato kam bei einer kleinen Firma unter, sie beschäftigte rund 20 Handwerker, dazu ein paar Büroangestellte. Sie war ein Subunternehmen von Tepco. Die maximale Strahlendosis, die seine Firma für ein ganzes Jahr als akzeptabel angesehen habe, sei 15 Millisievert gewesen. Jetzt, nach dem Unfall, sei das auf einmal akzeptabel für einen Tag.

Er habe das nicht verstehen können, sagt Sato in der Lobby des Hotels. Von 15 Millisievert pro Jahr auf 15 Millisievert pro Tag. Das könne nicht gesund sein. Er habe Familie. Sein jüngstes Kind sei erst drei Monate alt. Er habe Verantwortung, vielleicht auch für das Land, aber vor allem doch für seine Frau und seine Kinder.

Sato sagte seinem Chef am Telefon, dass er das nicht machen könne. Er werde nicht ins Kraftwerk gehen. Sein Chef habe dann versucht, ihn zu überreden, und als ihnen die Argumente ausgingen, wurde aus dem Gespräch ein Streit, der damit endete, dass Sato auflegte. Seitdem hat er nichts mehr von seinem Chef gehört.

Sato weiß nicht so recht, ob sein Vertrag noch gültig ist, jetzt, wo sein Arbeitsplatz verschwunden ist, und er traut sich nicht, anzurufen und danach zu fragen. Sato denkt jetzt darüber nach, in einem anderen Kernkraftwerk anzuheuern. Sein Bruder arbeitet in einer Anlage, die nicht von Tepco betrieben wird. Sato glaubt, dass es jetzt gut sei, dort zu arbeiten. Nicht, weil der Reaktor sicherer sei, sondern aus statistischen Gründen. Es sei ja unwahrscheinlich, dass in naher Zukunft noch ein japanisches Kernkraftwerk in die Luft fliege.

Diesen verzweifelten Optimismus mag sich Keiko Sasaki nicht zu eigen machen. Keiko Sasaki ist Anti-Atomkraft-Aktivistin aus Fukushima, eine entschlossene, temperamentvolle Frau, die die Kernkraft schon seit langem verflucht. Viele Jahre lang gehörte sie zu einer winzigen politischen Minderheit, deren Argumente belächelt wurden, nun ist sie plötzlich die gefragte Repräsentantin einer Mehrheit, ihre Tage sind hektisch, ihr Terminkalender übervoll, manchmal verliert sie die Übersicht, dann kann es vorkommen, dass sie Gäste in ihrem Wohnzimmer empfängt, das von einem makellos weißen Elefantenstoßzahn beherrscht wird. Der Zahn ist Keiko Sasaki peinlich, sie sagt, als sie ihn gekauft habe, sei ihr nicht bewusst gewesen, dass der Elefant eine geschützte Spezies sei. Und nun, na ja, nun sei es zu spät, den Stoßzahn zurückzugeben, das Tier sei ja schon tot. Außerdem habe sie im Moment keine Zeit für solche Sachen.

Keiko Sasaki will den Kampf gegen Tepco weiterführen. Der Betreiberfirma, die ja der Verursacher der Krise sei, sei es gelungen, sich als Retter in der Not zu profilieren, und wenn das schon nicht von den Medien verhindert werde, dann müsse man selbst etwas dagegen tun.

Sie sucht jetzt nach Arbeitern, die darüber berichten, wie sie ausgebeutet wurden von Tepco oder unter Druck gesetzt von Subunternehmen. Eigentlich sucht sie nach Leuten wie Shinichi Honda oder Katsuyuki Sato; nach Männern, die ihre Gesundheit gefährden, ohne wirklich zu wissen, in welchem Maß, oder nach solchen, die ihre Arbeitsstelle verloren haben, weil sie sich weigerten, im Kraftwerk zu arbeiten.

Keiko Sasaki zählt diese Arbeiter zum nuklearen Proletariat ihres Landes, ihnen will sie eine Stimme verleihen, aber ihr Problem ist, dass Männer wie Katsuyuki Sato nicht von ihr als Opfer in die Öffentlichkeit gezerrt werden wollen. Und sich Männer wie Shinichi Honda nicht als Opfer sehen.

So bleibt Keiko Sasaki nicht mehr, als einem vagen Hinweis hinterherzurecherchieren. Eine ihrer Bekannten kennt einen Mann, der lange im Kraftwerk Fukushima gearbeitet hat, und es heißt, er sei darüber verrückt geworden. Keiko Sasaki macht ihn schließlich ausfindig, aber es stellt sich heraus, dass der Mann nicht verrückt ist. Er bestreitet auch, dass es Kollegen gibt, die ins Unglück geschickt wurden. Und so bleiben erst einmal Nachrichten, die den Eindruck vermitteln, dass die Arbeit in Fukushima gefährlich ist, aber nicht lebensgefährlich.

Morgen gegen Mittag wird sich Shinichi Honda, der Elektriker, wieder auf den Weg machen zum Reaktor, er wird seine Reisetasche packen, seine blaue Tüte mit dem Sicherheitsanzug nehmen, in den Wagen steigen, losfahren. Seine Familie wird ihn verabschieden. Sie werden ihm viel Glück wünschen, um seinetwillen. Und viel Erfolg, um ihretwillen.

Katsuyuki Sato, der Betonbauer, der sich geweigert hat, ins Kraftwerk zurückzukehren, wird morgen in seinem Hotelzimmer sitzen, zusammen mit seiner Familie, und abwarten, was die Zukunft bringt.

Und beide Männer, Honda und Sato, werden sich dieselbe Frage stellen: Ist das, was ich hier gerade tue, richtig? ◆


DER SPIEGEL 18/2011
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