02.05.2011

„Die Wut ist grenzenlos“

Der frühere Vizepräsident Abd al-Halim Chaddam, 78, über die Rolle von Baschar al-Assad bei der Unterdrückung der syrischen Opposition
Chaddam, ein sunnitischer Muslim, diente von 1984 bis 2000 Hafis al-Assad als Vizepräsident und amtierte nach dessen Tod kurzzeitig als Staatsoberhaupt. Als Assads Sohn Baschar den Posten übernahm, arbeitete Chaddam weiter als Stellvertreter, überwarf sich 2005 aber mit der Familie und ging ins Exil nach Paris.
SPIEGEL: Präsident Assad geht mit Panzern gegen sein Volk vor. Ist das der Anfang vom Ende seines Regimes?
Chaddam: Der Präsident ist politisch tot. Er kämpft zwar verbissen um seine Macht, aber die Syrer haben längst eine Grundsatzentscheidung gefällt: Sie wollen dieses Regime stürzen.
SPIEGEL: Wann wird Assad aufgeben?
Chaddam: Womöglich schon in einigen Wochen. Die Syrer leiden seit über vier Jahrzehnten unter der Diktatur. Da hat sich eine grenzenlose Wut angestaut, die ist nicht mehr zu bändigen.
SPIEGEL: Das Regime behauptet, dass die Demonstranten bewaffnet seien und Soldaten erschossen hätten.
Chaddam: Das ist eine Lüge. Aber es gibt destruktive Kräfte aus dem Ausland, es gibt Staaten, die sich einmischen.
SPIEGEL: Wen meinen Sie?
Chaddam: Ich meine Iran. Wer glaubt, dass in Damaskus heute noch politische Entscheidungen ohne Iran getroffen werden, täuscht sich. Baschar und sein Bruder Mahir …
SPIEGEL: … der die Präsidentengarde befehligt …
Chaddam: … sind Erfüllungsgehilfen der iranischen Revolutionswächter geworden. Viele syrische Sicherheitskader wurden in Iran ausgebildet. Seit Jahren existiert eine enge militärische und sicherheitspolitische Zusammenarbeit zwischen unseren Ländern. Aber auch der kulturelle Einfluss Irans nimmt zu: Ableger iranischer Stiftungen sind in Syrien aktiv; iranische Pilger ziehen zu bestimmten Anlässen zur Umajjaden-Moschee von Damaskus und wagen es, sich selbst zu geißeln - ein blutiges Ritual, das es bei uns früher so kaum gab.
SPIEGEL: Sie selbst gehörten über Jahrzehnte dem Assad-Regime an.
Chaddam: Ich habe mich schon vor Jahren von Baschar distanziert, die Syrer wissen das. Und dass ich seinem Vater Hafis auf den Leim gegangen bin, gehört zu den Dingen in meinem Leben, die ich am meisten bereue.
SPIEGEL: Sie waren Regierungsmitglied, als beim Massaker von Hama 1982 über 20 000 Zivilisten von der syrischen Armee niedergemetzelt wurden. Welche Rolle haben Sie dabei gespielt?
Chaddam: Die Verantwortung für das Hama-Massaker trägt der Bruder von Hafis, Rifaat al-Assad …
SPIEGEL: … der im Londoner Exil lebt.
Chaddam: Ich und andere führende Mitglieder der Baath-Partei erfuhren erst später, was wirklich geschehen war.
SPIEGEL: Hama ist eines der schwärzesten Kapitel in der Geschichte Syriens. Könnte sich ein solches Massaker wiederholen?
Chaddam: Was zurzeit in Daraa passiert, geht in die gleiche Richtung. Auch dort werden Zivilisten ermordet. Aber heute gibt es das Internet, heute erfährt die ganze Welt so etwas in kürzester Zeit.
SPIEGEL: Haben Sie, als Kenner der Familie, in Baschar al-Assad einen Hoffnungsträger gesehen?
Chaddam: Er versprach Reformen, er wollte das Land öffnen. Ich und viele Syrer glaubten ihm das. Aber tatsächlich tat Baschar nichts anderes, als seine Versprechen aufzuschieben. Er wollte wie sein Vater werden. Doch die Unterschiede zwischen beiden könnten nicht gravierender sein: Hafis war ein echter PolitProfi, ein Stratege, er wusste immer, wann er eine weitreichende Entscheidung zu fällen hatte. Baschar dagegen ist sprunghaft und instabil und jederzeit bereit, seine Meinung zu ändern. Ein Mann ohne Charisma, ohne Weitblick.
SPIEGEL: Wie mächtig sind die Assads?
Chaddam: Überaus mächtig. Im Grunde sprechen wir hier von nicht einmal 20 Leuten, die sich die Reichtümer Syriens aufteilen. Das betrifft ein Dutzend Mitglieder der Assad-Familie und der mit ihnen verwandten Machluf-Sippe. Rami Machluf zum Beispiel …
SPIEGEL: … Baschars reicher Cousin …
Chaddam: … verfügt über ein Firmengeflecht, das einen Gutteil des syrischen Bruttoinlandsprodukts ausmacht.
SPIEGEL: Es wird immer wieder behauptet, dass Assad nur eine Galionsfigur sei, also andere die Zügel in der Hand hätten - zum Beispiel die Führer der mächtigen Geheimdienste.
Chaddam: Nein, Baschar ist eindeutig der Herrscher. Er hat gleich nach seinem Amtsantritt Leute seiner Wahl - vor allem aus der Präsidentengarde - in Schlüsselpositionen gehoben. Der Chef des militärischen Geheimdienstes beispielsweise kommt aus der Präsidentengarde.
SPIEGEL: Assad hat mehr Macht, als sie der ägyptische Präsident Husni Mubarak besaß?
Chaddam: Allerdings. Mubarak beherrschte die Politik und dominierte die Wirtschaft, bei den Streitkräften aber gab es klare Grenzen. Das erklärt auch, warum sich das ägyptische Militär - genauso wie das tunesische - schützend vor die Revolutionäre stellte. In Syrien dagegen ist die Armee bereit, auf das eigene Volk zu schießen. Warum? Weil die höheren Offiziersgrade handverlesen sind.
SPIEGEL: Hat die Baath-Partei, der Sie ja viele Jahrzehnte lang angehörten, noch eine Zukunft?
Chaddam: Die Baath-Partei von heute hat nichts mehr gemein mit der Baath-Partei zur Zeit ihrer Gründung. Von den wichtigsten Prinzipien der Partei - Unantastbarkeit des Individuums und eine auf freien Wahlen basierende Demokratie - hat das Regime nichts übriggelassen.
SPIEGEL: Im neuen Syrien wird sich auch die Muslimbruderschaft zu Wort melden, die in der Opposition gegen das Assad-Regime von Anfang an dabei war. Welche Rolle wird den Islamisten zukommen?
Chaddam: Bei unserer Revolution handelt es sich um eine volksweite Erhebung und nicht um das Aufbegehren einer bestimmten Religion oder Volksgruppe. Wir alle haben ein Ziel: Syrien von diesem Regime zu befreien.
SPIEGEL: Das schließt die Muslimbrüder ein?
Chaddam: Selbstverständlich - solange sie sich an die demokratischen Spielregeln halten.
SPIEGEL: Im Westen besteht die Furcht, dass religiöse Extremisten an die Macht kommen könnten.
Chaddam: Nennen Sie mir auch nur einen einzigen Fall, wo in Syrien Extremisten Aktionen durchgeführt haben!
SPIEGEL: Sie verneinen, dass es in Syrien gewaltbereite Islamisten gibt?
Chaddam: Doch, die gibt es. Aber diese Gruppen wurden vom Regime gegründet. Ihre Mitglieder wurden dann unter anderem in den Irak geschickt. Einige gingen auch in den Libanon, zum Beispiel in das Palästinenserlager Nahr al-Barid, um dort Chaos zu säen.
SPIEGEL: Heizt das Assad-Regime Unruhen im Libanon an?
Chaddam: Syrien ist seit 1979 das Bindeglied zwischen Iran und dem Libanon. De facto betrachtet Teheran Syrien als seine strategische Basis - um seinen Einfluss in der arabischen Welt auszubauen. Mit syrischer Hilfe vereinnahmte Iran auch die Palästinenserorganisationen Ha-
mas und al-Dschihad al-Islami. Iran gefährdet unsere Revolution.
SPIEGEL: Was passiert, wenn das Regime in Damaskus zusammenbricht?
Chaddam: Baschars Sturz wird sich auf alle Nachbarländer positiv auswirken. Ein neues demokratisches Syrien wird enge Beziehungen zum revolutionären Ägypten unterhalten, die syrisch-ägyptische Allianz wird wiedererstehen. Und das hat zur Folge, dass sich die strategischen Ambitionen Irans künftig auf seine eigenen Landesgrenzen beschränken werden.
SPIEGEL: Und was wird aus Israel, wenn das Assad-Regime fällt?
Chaddam: Jede künftige Regierung wird am arabischen Friedensplan festhalten, den die Arabische Liga abgesegnet hat. Dieser sieht auch die Rückgabe der israelisch besetzten Golanhöhen vor.
SPIEGEL: Aber die Muslimbruderschaft will Israel nicht anerkennen.
Chaddam: Die öffentliche Meinung in Syrien verlangt, dass wir unsere Politik mit allen Partnern abstimmen. Wenn sich die arabischen Staaten auf einen Frieden mit Israel einigen, macht Syrien natürlich mit.
SPIEGEL: Wie kann Europa helfen?
Chaddam: Mit Maßnahmen, die dem Regime die Luft abschneiden. Es sollte Sanktionen beschließen und die Konten der Assad-Clique einfrieren.
SPIEGEL: Sollte der Westen auch militärisch eingreifen?
Chaddam: Zuzuschauen, wie das syrische Volk niedergemetzelt wird, ist nicht akzeptabel. Notfalls müssen alle Mittel eingesetzt werden, um die Gräueltaten zu beenden. Auch militärische.
(*) Bei der Beerdigung von Staatspräsident Hafis al-Assad am 13. Juni 2000 in Damaskus.
Von Daniel Steinvorth und Volkhard Windfuhr

DER SPIEGEL 18/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 18/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Die Wut ist grenzenlos“

Video 00:48

Prinz George und Prinzessin Charlotte in Kanada Darauf ein royales "Pop"

  • Video "Prinz George und Prinzessin Charlotte in Kanada: Darauf ein royales Pop" Video 00:48
    Prinz George und Prinzessin Charlotte in Kanada: Darauf ein royales "Pop"
  • Video "Wütender Kunde im Apple-Store: Mann zertrümmert iPhones mit Boule-Kugel" Video 00:53
    Wütender Kunde im Apple-Store: Mann zertrümmert iPhones mit Boule-Kugel
  • Video "Riesenfisch im Video: Walhai nutzt Boot als Kratzbaum" Video 00:52
    Riesenfisch im Video: Walhai nutzt Boot als Kratzbaum
  • Video "Unbemannter Kampfjet X-47B: US-Navy veröffentlicht Video von Testflügen" Video 01:09
    Unbemannter Kampfjet X-47B: US-Navy veröffentlicht Video von Testflügen
  • Video "Videokommentar zu Zschäpe-Aussage: Sie las vom Blatt ab, ohne Empathie" Video 03:48
    Videokommentar zu Zschäpe-Aussage: "Sie las vom Blatt ab, ohne Empathie"
  • Video "Protest beim Putten: Vögel halten Golfball für Ei" Video 00:35
    Protest beim Putten: Vögel halten Golfball für Ei
  • Video "Steinbrücks launiger Bundestagsabschied: Das war der letzte Ton aus meinem Jagdhorn" Video 02:08
    Steinbrücks launiger Bundestagsabschied: "Das war der letzte Ton aus meinem Jagdhorn"
  • Video "Stögers Kampfansage an die Bayern: Niemand gibt sich geschlagen" Video 02:16
    Stögers Kampfansage an die Bayern: "Niemand gibt sich geschlagen"
  • Video "9-Jährige vor Bürgermeister in Charlotte: Es ist eine Schande, dass Väter und Mütter getötet werden" Video 01:54
    9-Jährige vor Bürgermeister in Charlotte: "Es ist eine Schande, dass Väter und Mütter getötet werden"
  • Video "Pen Pineapple Apple Pen: Gaga-Video erobert das Internet" Video 01:58
    "Pen Pineapple Apple Pen": Gaga-Video erobert das Internet
  • Video "Faszinierende Animation: So will Elon Musk den Mars besiedeln" Video 03:33
    Faszinierende Animation: So will Elon Musk den Mars besiedeln
  • Video "Virales Gute-Laune-Video: Tom Hanks crasht Hochzeitsfeier" Video 01:04
    Virales Gute-Laune-Video: Tom Hanks crasht Hochzeitsfeier
  • Video "US-Amateurvideo: Sturm bläst Hausdach über Straßenkreuzung" Video 00:46
    US-Amateurvideo: Sturm bläst Hausdach über Straßenkreuzung
  • Video "Längste Meeresbrücke der Welt: 55 Kilometer über das Wasser" Video 00:43
    Längste Meeresbrücke der Welt: 55 Kilometer über das Wasser
  • Video "Duo zum Duell zur TV-Debatte: Clintons geplante Tantigkeit" Video 04:25
    "Duo zum Duell" zur TV-Debatte: Clintons geplante Tantigkeit