02.05.2011

Unkraut für Davidoff

Global Village: Warum ein deutscher Biobauer in Simbabwe europäische Parfumhersteller beliefert - und damit Gutes tut
Dominikus Collenberg greift nach einer silbernen Thermoskanne, die hinter ihm auf einem Regal steht. Vorsichtig schraubt er den Deckel ab, riecht daran. Kampferbusch-Essenz. Der scharfe Geruch brennt in der Nase. Die afrikanische Heilpflanze soll bei Magenbeschwerden, Asthma oder Bronchitis helfen. Und sie pflegt die Haut. Kleinbauern sammeln das Gewächs für Collenberg in Simbabwe. Ein französischer Luxuskonzern stellt daraus Tages- und Nachtcremes her. Den Namen des Konzerns darf der Unternehmer in diesem Fall nicht verraten, streng geheim.
Dominikus Collenberg, 45, aus Altena in Nordrhein-Westfalen, schmal, freundliche blaue Augen, Seitenscheitel, ist ein deutscher Biobauer, ein Mann, der schon immer den Kleinbauern in Simbabwe helfen wollte, aber nicht wusste, wie. Bis er eines Tages, er war auf dem Weg vom Flughafen in die Hauptstadt Harare, plötzlich diesen Gestank im Auto wahrnahm, einen beißenden, leicht holzigen Geruch.
Collenberg fuhr an den Straßenrand, stieg aus dem Auto, schaute sich um. Auf der rechten Seite standen blaue Zelte, Flüchtlingsunterkünfte der Vereinten Nationen. Dort lebten Menschen, die durch Robert Mugabes Operation "Murambatsvina", "Müllbeseitigung", alles verloren hatten. Der Diktator hatte Bulldozer in ihre Siedlungen geschickt und die ärmlichen Behausungen zerstören lassen, angeblich, um illegalen Handel und Häuserbau zu bekämpfen. Jeder in Simbabwe wusste, dass es eine gezielte Aktion war, um die Opposition einzuschüchtern.
Der Deutsche wanderte durch die Zeltstadt, steckte die Nase in die Luft. Woher kam der Geruch? Zwischen den Planen entdeckte er ein Gewächs. Er nahm eine der Blüten, roch daran, der Duft war penetrant.
"Wollt ihr das nicht ernten?", fragte er die Flüchtlinge. Die Menschen schauten ihn mit großen Augen an, was wollte der weiße Mann mit Unkraut?
"Was bekommen wir, wenn wir es für dich ernten?", fragten sie.
Am nächsten Tag fuhr Collenberg wieder am Flüchtlingslager vorbei und lud mehrere Säcke des stinkenden Gewächses in sein Auto. Von einem Bekannten lieh er sich einen großen Topf, füllte das Kraut hinein und destillierte es, um damit zu experimentieren.
"Ich hätte niemals damit gerechnet, dass diese Pflanze irgendwann Geld bringen könnte", sagt er.
Zwei Jahre später gründete er die deutsch-simbabwische Initiative "Kaite", übersetzt: "eine Aufgabe, die gewissenhaft zu erfüllen ist", über die er die geruchsintensive Flüssigkeit seither an Chanel verkauft. Denn das vermeintliche Unkraut ist die begehrte "Tagetes minuta", eine Studentenblume, deren fruchtig-erdig riechendes Öl für die Parfumherstellung genutzt wird.
Am Anfang sei ihm die Idee absurd vorgekommen, sagt Collenberg: Bioprodukte aus dem armen Simbabwe für Parfumträgerinnen in Paris, London und New York. Wie sollte das in einem heruntergewirtschafteten Land mit einer Inflationsrate von mehreren hundert Millionen Prozent funktionieren? Qualifizierte Arbeitskräfte gab es nicht, wer konnte, flüchtete, um in Südafrika Arbeit zu finden.
Heute macht Collenberg über eine Million Dollar Umsatz im Jahr. Und schafft es, mehr als tausend mittel- und landlosen Kleinbauern in einem der ärmsten Staaten der Welt eine Existenzgrundlage zu geben. Alles, was er dafür braucht, sind Wildpflanzen, die er von Harare in die ganze Welt liefert, vor allem an Chanel, Davidoff und Diesel, die die ätherischen Öle als Duftstoffe verwenden.
Dabei will eigentlich kein ausländischer Investor etwas mit Simbabwe zu tun haben, diesem Land, in dem noch immer der 87-jährige Diktator Robert Mugabe herrscht, in dem Menschen Hunger leiden und an Aids sterben.
Collenberg glaubt, dass die Luxuskonzerne seine Produkte nur deshalb kaufen, weil auf der Verpackung die Herkunft der einzelnen Stoffe nicht deklariert werden muss. So erfährt der Verbraucher nicht, dass Inhaltsteile der Parfums aus dem Diktatorenland kommen.
Bei der Auswahl der Bauern achtet Collenberg darauf, dass jeder über ein eigenes Stück Land verfügt. In Absprache mit seinen Mitarbeitern suchen sich die Bauern dann Pflanzen aus, die sie anbauen wollen.
Damit sie sich selbst mit Nahrungsmitteln versorgen können, ist im Vertrag auch der ökologische Anbau von Mais, Hirse, Roggen, Weizen oder Sojabohnen vorgesehen. Der Deutsche stellt Saatgut zur Verfügung und organisiert Schulungen für ökologische Landwirtschaft.
Auf Kreditbasis erhalten die Bauern eine Wasserpumpe und einen Solartrockner, mit dem sie die Pflanzen selbst weiterverarbeiten können.
Regelmäßig kommt ein Prüfer der Europäischen Union vorbei, um festzustellen, ob Arbeitsweise und Produktqualität auch wirklich den Vorschriften für Bioprodukte entsprechen.
In den vergangenen Monaten ist die Nachfrage nach Collenbergs Wildpflanzen weiter gestiegen. Neben Parfumherstellern sind nun auch Teeproduzenten und die Pharmaindustrie an Kräuter- und Gewürzmixturen aus Simbabwe interessiert. Mittlerweile hat Collenberg zwei Dutzend Produkte im Angebot. Und sorgt so dafür, dass die Parfums dieser Welt von Jahr zu Jahr politisch korrekter werden. Zumindest ein wenig.
Von Buckow, Isabelle

DER SPIEGEL 18/2011
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