09.03.1998

MANAGER

Im Höhenrausch

Ärger für Lebensmittelmulti Nestlé: Firmenpatriarch Maucher hat Arbeitslose und Kranke wiederholt als "Wohlstandsmüll" bezeichnet.

Mit Nescafé ließen sich die Protestler nicht besänftigen. Das Getränkeangebot vor der Zentrale von Nestlé Deutschland blieb ungenutzt. Statt freundlicher Gesten verlangten die Demonstranten eine klare Entschuldigung - vom obersten Konzernlenker persönlich.

"Wir sind kein Wohlstandsmüll", skandierte die aufgebrachte Hundertschaft von Arbeitslosen, die am Mittwoch vergangener Woche in Frankfurt-Niederrad aufgezogen war. Auf Transparenten forderten sie zum Boykott von Nestlé-Produkten auf.

Die Aktion richtete sich gegen "Mr. Nestlé": Helmut Maucher, 70, langjähriger Chef und heutiger Verwaltungsratspräsident des weltgrößten Nahrungsmittelkonzerns (Alete, Bärenmarke, Maggi, Thomy, Dallmayr, Perrier). Unter der Führung des Deutschen, der 1981 an die Spitze des Schweizer Unternehmens gelangte, wuchs Nestlé zum Supermulti. Die Firma produziert in 77 Ländern und macht einen Umsatz von rund 75 Milliarden Mark.

Dennoch gilt Maucher in Industriekreisen heute als nicht mehr so recht vorzeigbar. Der Manager hatte sich 1996 jene sprachliche Entgleisung geleistet, die ihm heute noch anhängt. Die Aufregung schwillt mit jeder "Erklärung" weiter an. Der Lapsus wurde zum Image-GAU.

In einem Gespräch mit der Wochenzeitung "Die Zeit" hatte Maucher damals einen Teil der Arbeitslosen als Abfall bezeichnet: "Und wir wissen, daß mit Prosperität auch - und das ist ein hartes Wort - ein gewisser XWohlstandsmüll' entsteht: Leute, die saufen, Drogen nehmen, sich abgemeldet haben. Für Menschen, die wirklich arbeiten wollen, gibt es immer noch Arbeit."

Schockiert registrierten schon damals viele die Geschmacklosigkeit. Welches Menschenbild liegt so einer Formulierung zugrunde? Warum redet ausgerechnet Maucher, der bis dahin als nachdenklicher Konzernlenker galt, so plump daher? Sind Arbeitslose für ihn wirklich so wertlos wie eine leere Maggiflasche? Oder hat sich der Firmenchef 1996 schlicht verquatscht?

Eine klare Entschuldigung hätte gereicht, der Fall wäre längst vergessen. Doch Maucher versuchte zu erklären, wo es nichts zu erklären gab. Im Oktober 1997 hielt ein Journalist in der n-tv-Sendung "Späth am Abend" ihm erneut das Unwort vor. "Also wissen Sie, ich wußte natürlich, daß das kommt ...", hob Maucher an, um dann auszuführen, wie die "Bemerkung" gemeint gewesen sei: daß es doch Kranke und Faule gebe, daß man also einen Teil von Leuten "von der Arbeitslosenstatistik abziehen" müsse.

Vor wenigen Wochen wählte eine Jury aus Sprachwissenschaftlern der Frankfurter Universität den Begriff zum "Unwort des Jahres 1997". Mit dem Wort sei "ein Gipfel in der zynischen Bewertung von Menschen ausschließlich nach ihrem XMarktwert' erreicht". Feinsinnig nahm das Mannheimer Institut für Deutsche Sprache das an sich harmlose Wort "Wohlstandsmüll" vor Maucher in Schutz. Der Begriff sei "nützlich", er dürfe nur eben nicht auf Menschen angewandt werden. "Man schlägt das Wort", so der Mannheimer Professor Gerhard Stickel, "und sollte den Sprecher schlagen."

Auch das passierte: In der Tagespresse hagelte es böse Kommentare, attackierten Leserbriefschreiber den Manager. In der "Süddeutschen Zeitung" bat ein Arbeitsloser "um die Vorlage eines Entsorgungskonzepts für meine Person". Erst jetzt wurde Maucher offenbar klar, wie sehr er sich vergriffen hatte. Reumütig bekannte er gegenüber der "FAZ": "Es stimmt, ich habe das gesagt, und ich muß jetzt damit leben. Ich kann verstehen, daß man die Bemerkung zum XUnwort des Jahres' macht, das ist korrekt, und bei denen, die sich beleidigt fühlen, entschuldige ich mich."

Hätte er es nur dabei belassen. Doch Maucher schob hinterher, man müsse die "Umstände" sehen, unter denen er die Äußerung gemacht habe: "Das Wort ist in einem hitzigen Interview in der XZeit' spontan gefallen."

Diese Aussage ist erneut eine Ausrede. Denn in der "Zeit" erscheinen - wie im SPIEGEL auch - nur Interviews, die vom Gesprächspartner Wort für Wort autorisiert wurden. Maucher hätte die Äußerung problemlos zurückziehen können, bestätigt die "Zeit"-Redaktion.

Tatsächlich machte der Manager, der sich selbst eine "Freude an plastischen Formulierungen" bescheinigt, das exakte Gegenteil: Er wiederholte den Vergleich in einem Interview, das er Ende 1996 dem "Stern" gab: "Wir haben mittlerweile, provozierend gesagt, einen gewissen Prozentsatz an Wohlstandsmüll in unserer Gesellschaft. Leute, die entweder keinen Antrieb haben zu arbeiten, halb krank oder müde sind, die das System einfach ausnutzen."

Trotz der Proteste will sich Maucher jetzt nicht mehr äußern. Der Manager, der Nestlé einst instinktsicher gegenüber Dritte-Welt-Gruppen vertreten hatte und der mit der Schriftstellerin Monika Maron öffentlich über Macht und Glück plauderte, ahnt offenbar, daß für ihn nichts mehr zu gewinnen ist. Sein Ruf als "glänzender Kommunikator" ("FAZ") bleibt ruiniert.

Das Tragische: Die Gefahr jedes Managers abzuheben und als arrogant empfunden zu werden, analysierte keiner so treffend wie Maucher: "Wenn einer plötzlich beim Reden im Höhenrausch endet und er glaubt, er sei der Allergrößte", so der Nestlé-Mann vor zwei Jahren, "wenn er nicht mehr merkt, was wirklich los ist, wird es gefährlich."


DER SPIEGEL 11/1998
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