09.03.1998

GELEHRTEKarneval der Ideen

In den Geisteswissenschaften machen sich Konfusion und Krisenstimmung breit: Die Stars der Lehre, in Datentechnik vernarrt, überbieten sich in Wortgaukelei. Allein das Mitreden zählt, das Worüber kaum. Von Johannes Saltzwedel
Der eine ernennt Technik locker zum "Körper der Gesellschaft". Dem nächsten schnurrt das Dichterische zum "Subsystem" zusammen, das "sich fortschreibt". Versucht sich jemand mit dem "Entwurf einer fraktalen Affektlogik" zu profilieren, setzt der nächste sofort eine andächtige "Neue Phänomenologie" oder eine poppige "Anthropologie des Cyberspace" dagegen.
In dem seltsamen All, das noch immer Geisteswissenschaften heißt, geht es mittlerweile so bunt und unordentlich zu wie nie zuvor - und, so scheint es, auch zerfahrener denn je. Wie auf einem Mummenschanz gilt am meisten, was der eigenen Disziplin besonders fern liegt.
Da entdecken Historiker die Liebe zur Metapher oder stürzen sich in kühne Spekulationen, als seien Tatsachen von vornherein langweilig und irreführend. Da fahnden Literaturwissenschaftler nach Geschlechterrollen, Kulturkonstanten und Medienmustern, als wäre Poesie, mit deren Betreuung sie einmal zufrieden waren, bestenfalls der Nachschlüssel zu weit tieferer Erkenntnis. Und da versenken Philosophen sich in Wolkenwirbel oder Alchimie, als könnte das Denken nur noch durch einen kräftigen Schuß Gaukelei aufleben.
Von "Erfahrungswissenschaft der geistigen Erscheinungen" - so Wilhelm Diltheys Definition von 1883 - wollen Geisteswissenschaftler offenbar nicht mehr viel wissen. Dafür vermarkten sie ihre Jargon-Erfindungen wie Parfumhersteller. Nur: Die unzähligen Duftnoten theoretischer Erfindungsgabe harmonieren nicht miteinander.
"Gottes Zeit in Welt und Zeitgeist", "Offenlegungsvalenzen in der Vollendungsdestruktion" (es geht um schlichte Bildbetrachtung) und dann die psychoanalytisch gestellte Frage, ob "das Cogito sexualisiert" sei: Die Theorien sind grundverschieden, hausen aber unter einem Dach. Alle drei Bücher, aus denen die Zitate stammen, erscheinen dieses Frühjahr beim Passagen Verlag in Wien.
Drei Sprach- und Sinnwelten sind das von Hunderten, ja Tausenden, in die die erfinderische Zunft sich versponnen hat. Gemäßigt traditionell gestimmte Postmoderne sortieren weiter "Diskurse" oder erklären "Kultur als Text", bis handelnde Personen entschwunden sind. Rabiatere zerlegen ausgerechnet die "alltagsweltliche dyadische Kommunikation", auf deutsch den Plausch unter vier Augen, mit Mitteln der Soziologie, als hofften sie, dämonische Mächte zu enttarnen.
Schaden richtet die inzwischen aberwitzige Hektik und Drängelei in den Umkleideräumen der Theorie kaum an. Aber im Publikum breitet sich der Argwohn aus, daß die geisteswissenschaftlichen Akteure nur noch Einpersonenstücke im Programm haben - die auch noch alle gleichzeitig spielen. "Anything goes", verkündete der weise Wiener Philosophie-Clown Paul Feyerabend 1975. Er ahnte nicht, was sein Revoluzzerwort gegen betriebsblinden Wissenschaftsglauben unter den Sinnsuchern anrichten würde: Alles geht jetzt, wirklich alles - aber offenbar bloß, weil ohnehin alles egal ist.
So mußte der New Yorker Physiker Alan Sokal, der vor zwei Jahren in der renommierten US-Fachzeitschrift "Social Text" einen Aufsatz über die "transformative Hermeneutik der Quantengravitation" veröffentlichte, selber enthüllen, daß sein todschickes Machwerk eine Persiflage war: Keiner der Gutachter hatte etwas gemerkt. Allen war entgangen, daß das Gros von Sokals Nonsens-Thesen aus der Feder von Geisteswissenschaftlern stammte, die flott im Wortschatz fremder, meist naturwissenschaftlicher Fächer gewildert hatten, ohne zu begreifen, worum es ging.
Über den "Sokal Hoax" gibt es längst Hunderte von Artikeln. Weltweit fanden Symposien statt. Triumphierend eiferten Konservative, sie hätten ja immer gesagt, daß etwas faul sei im Staate des Geistes. Anhänger der Postmoderne taten wehleidig Buße oder verbaten sich empört, als Kaiser ohne Kleider, ja als Scharlatane hingestellt zu werden. Die Wortmeldungen im Internet sind nicht mehr zu zählen.
Doch so gründlich Sokals subversiver Streich zerredet wurde, seine simple Frage ist geblieben: Woran glauben Geisteswissenschaftler zu arbeiten, wenn sie Maßstäbe und Leitworte nicht mehr selbst entwickeln, ja nicht einmal mehr beurteilen können? Was sind Fachleute noch wert, wenn ihre Tätigkeit zum spielerisch-unverbindlichen Karneval geworden ist?
Sicher, gerade Etikettenschwindler haben oft Stichworte neuen Denkens geliefert. Aber ein Historiker, dem die Wahrheit belanglos wird, ein Philologe ohne Sach- und Stilbewußtsein oder ein Denker als achselzuckender Relativist beweisen nur, daß die eigene Aufgabe sie langweilt.
Zwar kann Langeweile erfinderisch machen. Geisteswissenschaftler aber laufen eher Gefahr, bei der Jagd nach Interessantem den Überblick zu verlieren. Kürzlich etwa deuteten zwei junge Gelehrte Johann Gottfried Herders private Arbeitskladde "Journal meiner Reise" (1769), ein Sammelsurium von Plänen, das die Keime fast aller humanen Utopien deutscher Klassik enthält, als "Datenbankreport". Pfiffig, gewiß. Doch der Software-Vergleich von "Archiv" und "Zugriffszeit" blendet aus, daß es dem Theologen Herder, der Bildung ganz neu denken wollte, gar nicht um technische "Wissensorganisation" ging: Der PC auf dem Schreibtisch hatte den Erklärern ihren Blick verengt.
Das übereilte Begriffsspiel ist ein harmloser Fall, aber bezeichnend. Einer "fraktalen Affektlogik" - oft wie hier trendig gemixt aus Populär-Mathematik und scheinbar hartem Wissen ums Innerste - gäben selbst Uneingeweihte bestenfalls ein paar Talkshow-Minuten, bevor sie in Vergessenheit gerät: So einfach ist den Wörtern anzumerken, daß sie nicht aus Mühe um Erkenntnis entstanden sind, sondern nach Bedürfnissen und Gesetzen eines Unterhaltungsmarktes. Und der verlangt pausenlos Schnelles, Witziges, Neues.
Wer da wie Wolfgang Frühwald, Ex-Präsident der mächtigen Deutschen Forschungsgemeinschaft, erklärt, daß Geisteswissenschaften dazu dienen sollten, "die Beschleunigung zu reflektieren", für den ist der Zug schon abgefahren. Mitreden zählt, worüber kaum. Und Kleider machen Leute. Innovationsbewußt und marketingorientiert ersinnt der Philosophie-Entertainer Peter Sloterdijk nicht bloß alljährlich ein Wortschätzchen, zum Beispiel "Euro-Taoismus" oder "kopernikanische Mobilmachung", sondern wählt auch für Podien gern das Outfit eines Showmasters.
Recht hat er. Nostalgisch fern scheint die Zeit, da Katheder-Narzißten mit Beamtenstatus wenigstens noch Programme hatten. Die Hälfte seiner Zeit und Arbeitsenergie wendet mancher Geisteswissenschaftler heute darauf, Theorie-Welten vergangener Jahrzehnte zu dokumentieren: vom manisch faktensammelnden Positivismus der Jahrhundertwende über Geistesgeschichte und Formgeschichte bis zum Existentialismus, zum marxistischen, psychoanalytischen und soziologischen Handwerkszeug samt vielen Nebenlinien.
Oft verdeckt dieses kunterbunte Erbe die Gegenstände, zu deren Deutung es einmal erfunden wurde. So kreisen Unentwegte weiterhin "Spur" und "Aura" des Vergangenen ein, kämpfen gegen "Logozentrismus", arbeiten am "Projekt der Moderne" und wollen "Paradigmen" entdecken oder gar auswechseln. Doch die Erfinder solcher Leitausdrücke, ob sie Sartre hießen oder Freud, Benjamin oder Popper, Habermas, Derrida oder Baudrillard, wirken wie unkreuzbare Papageien mit kläglichem Vokabular. Ein paar Rezeptwörter, selten im Sinne ihres Urhebers verwendet, und eine Menge Stoff für künftige Dissertationen bleibt von den meisten Meisterdenkern übrig.
"Man ist so halb Klassiker geworden", sagt verwundert selbst Friedrich Kittler, der einst die "Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften" forderte. Inzwischen wirkt der Berliner Germanist, der einst statt literarischer Epochen "Aufschreibesysteme" untersuchte, samt, ja trotz seiner ungebrochenen Vorliebe für Datenverarbeitung wie ein Feuilletonist alter Schule: In Arbeiten zur Goethezeit belegt er selbst, daß nicht allein das Medium seine Botschaft bestimmt. Paradoxerweise aber wird Kittler von den eigenen früheren Kampfthesen überholt - weil die meisten Erkenntnis-Ideologien, die nach seiner schriftversessenen Mediendeuterei aufkamen, längst wieder verschlissen sind.
Die "anthropologische" Variante der Geisteswissenschaften zum Beispiel wollte um 1990 die Literatur- und Kulturtheorie entstauben, indem sie sie zur Menschenkunde umtaufte. Aber der Slogan, eilig als "Kulturwissenschaft" universitär verankert, brachte kein neues Bündnis mit den Naturwissenschaften, sondern stiftet noch immer Verwirrung im eigenen Lager.
Auch der "Konstruktivismus", der die gesamte Wahrnehmungswelt der Kultur samt den Wissenschaftlern, die sich für sie zuständig erklären, in Form eines selbstreproduzierenden Systems darstellen möchte, bleibt gewöhnlich beim langwierigen Beschreiben banaler Ist-Zustände hängen. Und nur eine kleine, lautstarke Minderheit plädiert weiter dafür, daß dichterische Werke im Sinne der feministisch inspirierten "gender studies" gedeutet werden sollten: als Zeugnisse des ewigen Kampfes um gesellschaftliche und geschlechtliche Macht.
Kittlers alter Ansatz, geistigen Wandel aus dem Eigenleben etwa von "Grammophon, Film, Typewriter" herzuleiten, klingt da schon attraktiver. Das Internet, neuestes Kultobjekt unter Denkern und Deutern, paßt gut zur Lehre, daß es kaum auf Inhalte, desto mehr auf Datenströme ankomme. Das anonyme, gigantische Aussagen- und Ausdrucksreservoir, beliebig elektronisch vernetzbar und in Hochgeschwindigkeit anzuzapfen, ist ein Pool, in dem alle Aussagen demokratisch aneinanderstoßen, ob banal, genial oder wahnwitzig,.
Ausgerechnet diese Welt, in der das "Anything goes" umstandslos verwirklicht ist und Geschichte mit der Löschtaste korrigiert werden kann, erscheint nun vielen Geisteswissenschaftlern als erregende Chance, als selbstregulierender Kosmos, ja als neues Stadium der menschlichen Bewußtseinsgeschichte. Dabei ist völlig offen, was der globale Verbund, abgesehen von Übermittlung und Speicherung, überhaupt für die Wissenschaft leistet.
Wirklich erlösend kann das Botschaftengewirr der Netze gar nicht sein - schon weil noch sehr lange nur ein Bruchteil der Menschheit Zugang zu ihm haben wird. Trotzdem könnten die geisteswissenschaftlichen Verkleidungskünstler manches daraus lernen: daß Wissen um seiner selbst willen, bei vielen Naturforschern ein Credo, für sie dem Erstickungstod durch vermeintliche Information gleichkäme; daß Theorie-Masken nie so viel zählen werden wie eigene Traditionen und Begeisterungen; und daß vielleicht eines Tages, trotz aller Inflation und Entwertung der Denkmoden, doch ein paar Reste vom hektischen Karneval heutiger Ideen bleiben könnten - auch wenn es altbekannte sind.
Von Johannes Saltzwedel

DER SPIEGEL 11/1998
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