02.03.1998

LEBENSVERSICHERUNGEN

Legaler Betrug?

Die deutschen Versicherungskonzerne verstecken die Milliarden ihrer Kunden: Die stillen Reserven werden mittlerweile auf über 300 Milliarden Mark geschätzt. Nur einer profitiert: der Aktionär.

Für Hunderttausende wird die Lebensversicherung ein Zuschußgeschäft

Mit Milliardenbeträgen kaufte die Allianz ausländische Versicherer

Hans Martin Bury hat keine Angst vor großen Zahlen. Durchschnittlich 15 000 Mark bar auf die Hand verspricht der SPD-Bundestagsabgeordnete jedem Besitzer einer Lebensversicherung - wenn die SPD sich durchsetzt.

Das Geld, insgesamt 300 Milliarden Mark, will der Genosse aus den Taschen der Lebensversicherer absaugen. Denn dort hat sich über die Jahrzehnte im stillen manche Milliarde angesammelt.

Häuser, Grundstücke und milliardenschwere Aktienpakete wurden vom Geld der Versicherungskunden angeschafft. Die Wertsteigerung floß nur zu einem kleinen Teil an die Kundschaft zurück, denn die Verzinsung einer Lebensversicherung ist mickrig. Der Wertzuwachs aus Aktiengeschäften und einem florierenden Immobiliengeschäft dagegen war in der Vergangenheit gigantisch.

Doch von diesem Geld sahen die Versicherungskunden wenig. Die üppigen Wertsteigerungen von Wertpapierdepots und Büropalästen wurden zum größten Teil als "stille Reserve" weggebucht - unsichtbar für die Öffentlichkeit.

Erst jetzt, weil eine EU-Bilanzrichtlinie die Konzerne dazu zwingt, tauchen die Milliarden scheinbar aus dem Nichts auf: 24,5 Milliarden Mark hatte allein der Marktführer, die Allianz Lebensversicherung, in der stillen Reserve versteckt. "Das Geld gehört den Versicherten", sagt Bury.

Die Konzerne sehen das natürlich ganz anders. Das Geld sei zur Sicherheit der Kunden da, falls die Börse mal nicht mehr boomt. Und schließlich müsse die Lebensversicherung auch dann ausgezahlt werden, wenn der Immobilienmarkt einen Schwächeanfall erleidet.

In den kommenden Wochen dürften weitere Versicherungen ihre Reserven offenlegen. Allein die elf größten börsennotierten deutschen Versicherer werden 140 Milliarden Mark ausweisen müssen, hat die Bayerische Vereinsbank errechnet.

Selbst die Analysten sind erstaunt, wie wertvoll die Versicherungsfirmen wirklich sind. So manche Assekuranz-Firma ist offenbar reicher als reich. Die Aktienexperten der bayerischen Großbank erwarten jedenfalls bei einigen Unternehmen einen kräftigen Anstieg der Börsenkurse.

Das deutsche Steuerrecht hat das über Jahrzehnte betriebene Versteckspiel enorm erleichtert. Aktien und andere Wertpapiere müssen nur zum Anschaffungspreis in den Bilanzen stehen, auch wenn sich deren Wert im Lauf der Jahre verzehnfacht hat.

Immobilien können über die Jahre abgeschrieben werden. So taucht manches Bürogebäude in bester Innenstadtlage häufig nur noch mit einem Erinnerungswert von einer Mark in der Bilanz auf. Sein wahrer Wert, nicht selten über hundert Millionen Mark, zeigt sich erst beim Verkauf.

Die Versicherungsbranche verteidigt die üppigen Reserven damit, daß nur so die künftigen Gewinnbeteiligungen stabil blieben. "Bei der Altersvorsorge darf die Höhe der Rente nicht davon abhängen, wie hoch die Aktienkurse zu dem Zeitpunkt sind, zu dem der Kunde in Rente geht", sagt Gerhard Rupprecht, der Vorstandsvorsitzende der Allianz Lebensversicherung.

Im vergangenen Jahr war das Mißverhältnis besonders kraß. An der deutschen Börse stieg der Wert der Dax-notierten Aktien um fast 50 Prozent. Die Nettoverzinsung der Lebensversicherung kam dagegen nur im Kriechgang voran.

So geht das Jahr für Jahr. Zwischen 1954 und 1993 haben Kapitallebensversicherungen, so der Kölner Betriebswirtschaftsprofessor Michael Adams, eine durchschnittliche Rendite von 5,5 Prozent im Jahr abgeworfen. Mit Staatsanleihen waren 7,5 und mit Aktien 12,1 Prozent Rendite zu erzielen.

"Kapitallebensversicherungen sind legaler Betrug", sagt deshalb Hans Dieter Meyer vom Bund der Versicherten. Diese Behauptung ist ihm vor Gericht als zulässige Wertung erlaubt worden.

Jeder Versicherungsvertreter weiß, daß er beim Kunden eigentlich mit leeren Händen dasteht. Deshalb wirbt er in der Regel auch mit eher sachfremden Argumenten.

Gern wird auf den Steuervorteil verwiesen, der in der Tat beträchtlich sein kann, aber nicht ausreicht, den finanziellen Nachteil auszugleichen. Auch der Schutz für die Familie wird prominent herausgestellt, denn sollte der Versicherungsnehmer sterben, bekommen die Hinterbliebenen Geld.

Was der Vertreter meist verschweigt: Dafür braucht niemand eine Kapitallebensversicherung abzuschließen, es reicht die wesentlich günstigere Risikolebensversicherung.

Für Hundertausende von Deutschen wird die Kapitallebensversicherung ein regelrechtes Zuschußgeschäft: Zehn Prozent aller Versicherten steigen schon im ersten Jahr wieder aus dem Vertrag aus, weil ihnen eine unsinnige Police aufgeschwätzt wurde. Nur etwa die Hälfte hält bis zum Ende der Laufzeit des Vertrages von durchschnittlich 27 Jahren durch.

Wer vorzeitig aussteigt, bekommt oft nicht einmal seinen Einsatz zurück. Die meisten Versicherer nutzen die Beiträge der ersten Jahre, um die Provisionen ihrer Vertreter zu begleichen. Erst nach neun Jahren, so hat Experte Adams aus den offiziellen Angaben des Versicherungsverbandes errechnet, hat der Kunde die Chance auf eine positive Verzinsung.

Und diese Verzinsung sei gar nicht so schlecht, sagen die Konzernchefs. "Sie werden keine Bank finden, die ihnen vier Prozent über 27 Jahre garantiert", verteidigt sich Edgar Jannott, Vorstandsvorsitzender der Ergo Versicherungsgruppe.

Es gibt in der Tat eine gesetzliche Garantie für solch eine Mindestverzinsung. Das Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen wacht darüber.

Allerdings: Alles was über die vier Prozent hinausgeht, schreiben die Versicherer den Kunden weitgehend willkürlich zu. Zwar gibt es eine Verpflichtung, mindestens 90 Prozent des Überschusses auszuschütten. Doch wie viel Überschuß in der Bilanz ausgewiesen wird und wie dieses Geld auf die einzelnen Kunden verteilt wird, entscheidet jede Firma selbst.

"Da gibt es Unternehmen, die kurze Vertragslaufzeiten mehr begünstigen als Langläufer", gibt Michael Glück vom Verband der Lebensversicherer zu. Das kommt daher, weil bei Lebensversicherungen mit zwölfjähriger Laufzeit, die insbesondere von Selbständigen gern als Steuersparmodell genutzt werden, der Wettbewerb deutlich härter als bei den Verträgen ist, die mehr als 30 Jahre laufen.

Auch Großkunden, die sich Sonder- oder Gruppenversicherungstarife sichern, erhalten meist bessere Konditionen. "Statt 5,8 Prozent für Otto Normalverbraucher sind leicht 6,8 Prozent Rendite möglich", hat Versicherungsexperte Manfred Poweleit, der Herausgeber des Branchendienstes "map-report", beobachtet. Da Versicherer keine Rechenschaft ablegen müssen, wem sie welchen Gewinn zuordnen, fehlt dem Verbraucher jede Kontrolle.

Die weitaus größte Manövriermasse erhalten die Versicherer aber durch die stillen Reserven. "Mein Amt hat bereits 1960 erklärt, daß es wünschenswert sei, daß die Versicherer diese Reserven von Zeit zu Zeit realisieren", sagte Knut Hohlfeld, der ehemalige Präsident des Bundesaufsichtsamts. Doch leider - zwingen könne man die Unternehmen nicht.

Statt dessen gelingt es vielen Versicherungsmanagern immer wieder, die stillen Reserven vor dem Zugriff der Versicherten zu schützen. Neben dem Deutschen Herold und der Volksfürsorge hat es die Allianz mit Hilfe einer Bestandsübertragung Mitte der achtziger Jahre verstanden, einen guten Teil des Vermögens der Lebensversicherung in eine Holding zu überführen.

"Das war legal, aber wirtschaftlich und moralisch eine Unterschlagung", sagt Wirtschaftsprofessor Adams. Die tatsächlichen stillen Reserven, die mit dem Geld der Lebensversicherung gebildet worden seien, könnten weit über 50 Milliarden Mark liegen.

Es geht um die alte Streitfrage: Wem gehört das Geld der Versicherungen - den Versicherungsnehmern oder den Versicherungskonzernen? "Der Allianz-Konzern betreibt einen globalen Unternehmenshandel mit Geld, das früher einmal den Allianz-Versicherten gehört hat", kritisiert auch Meyer vom Bund der Versicherten. Ohne diese Kriegskasse wäre es dem Münchener Versicherungsriesen nicht möglich gewesen, mit Milliardenbeträgen Versicherungen wie den amerikanischen Fireman's Fund, die italienische RAS oder zuletzt die französische AGF zu kaufen.

Solche Spielräume wären radikal eingeschränkt, wenn sich der SPD-Abgeordnete Bury mit seinem Vorschlag durchsetzt. Demnach sollen die Versicherer ihre Bestandsübertragungen der vergangenen 30 Jahre überprüfen, um jedem einzelnen Kunden eine Nachzahlung der stillen Reserven zum jeweiligen Marktwert zu überweisen.

Die Versicherungsnehmer oder ihre Erben würden sich freuen - doch ausgerechnet der attraktivste Aspekt des SPD-Plans ist sein größter Schwachpunkt. Schätzungsweise 15 Prozent aller deutschen Aktien liegen in den Depots der Versicherungskonzerne; käme auch nur ein Teil dieser Papiere an die Börse, würden die Kurse abstürzen.

Und wer soll die vielen Bürohäuser, Wohnanlagen und Einkaufszentren kaufen, wenn diese Immobilien angeboten werden? Allein die Allianz besitzt über 15 Millionen Quadratmeter Bürofläche in Deutschland, überwiegend in 1a-Lagen.

Burys schöner Plan scheint nicht machbar. Aussichtsreicher für die Kunden ist eher eine Empfehlung des Versicherungskritikers Meyer, die allerdings nur für künftige Zeiten gilt: statt Prämien zu zahlen, Aktien kaufen.

Der Rat des Versicherungsexperten Meyer: "Hoffentlich nicht Allianz-versichert, sondern Allianz-Aktionär."

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Renditegrab Versicherung

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DER SPIEGEL 10/1998
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