16.03.1998

GRÜNEDer Fehler des Strategen

Jürgen Trittin gilt als Leitwolf der linken Grünen. Seit dem Parteitag in Magdeburg steht er da wie ein König ohne Land.
Er läuft und läuft und läuft. Seit 15 Jahren rennt Jürgen Trittin, Vorstandssprecher der Grünen, durch die Republik von Helmut Kohl. Dreimal wöchentlich, je eine gute Stunde lang, insgesamt schon 20 000 Kilometer.
Er läuft durch Hannover, da ist er zu Hause, er läuft durch Göttingen, da will er in den Bundestag gewählt werden. Und er läuft durch Bonn: Da hat es bisher kaum einer gemerkt.
Dort joggt schließlich der andere, der heimliche Parteivorsitzende, Joschka Fischer. Wenn Fischer die Turnschuhe anschnallt, schultern Kameraleute ihr schweres Gerät, winken Passanten, hecheln Journalisten hinterher. Neid? "Joschka läuft aus anderen Gründen als ich", erklärt der 43jährige knapp. Für ihn sei das Laufen "einfach Privatsache".
In dem von Kungelrunden beherrschten rheinischen Regierungsbetrieb wirkt Trittin so verloren wie der Pennäler, der sein Butterbrot in der hintersten Ecke des Schulhofs verzehrt, weil keiner mit ihm spielt. Den Streit um die grüne Deutungshoheit in Bonn hat Fischer schon vor Jahren gegen Trittin gewonnen.
Also wird aus der Not eine Tugend: "Es ist die Aufgabe des Fraktionsvorsitzenden, in hohem Maße Bekanntheit auf sich zu ziehen", sagt Trittin beherrscht über den Konkurrenten Fischer. Gleichwohl: Dieses nicht enden wollende Konzert der Fischer-Chöre am Rhein geht ihm auf die Nerven. Denn auch Trittin will geliebt werden, schließlich ist er ein Löwe, und "die müssen immer etwas Wärme haben".
Gerhard Schröder, mit dem der Parteilinke 1990 die rot-grüne Regierung in Niedersachsen ausgehandelt hatte, attestierte ihm "professionelle Amtsführung" als Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten: "Das ist ein Guter."
Bevor Trittin aber mit Duzfreund Gerhard wieder ein historisches Bündnis schmieden kann, muß er noch das besorgen, was eigentlich sein Part in der Parteiführung ist: die Linke auf Kurs halten. Oder besser: auf Kurs bringen. Denn auf dem Bundesparteitag der Grünen in Magdeburg kamen dem erfahrenen Strategen die Truppen abhanden.
Fischer und Trittin hatten kurz vor dem Parteitag einen Kompromiß zum Sfor-Einsatz der Bundeswehr ausgehandelt, der die pazifistische Grundhaltung der Partei einerseits festschrieb, die friedenserhaltende Arbeit der Bundeswehr in Ex-Jugoslawien aber goutierte. Der Antrag scheiterte am Widerstand der Basis. Trittin hatte die Renitenz der linken Gutmenschen unterschätzt.
"Das war ärgerlich", sagt er heute - soll heißen: Trittin ist stinksauer. Nichts kann ihn mehr treffen als eine politische Fehldiagnose, die er selbst getroffen hat. Wenn er auch nicht Fischers Charme besitzt, dann will er in der grünen Parteizentrale doch wenigstens die Fäden in der Hand behalten.
Doch das Austarieren der Gefühls- und Seelenlage der Partei wird um so schwieriger, je mehr die Macht zum Greifen nahe scheint. Unter den 50 000 Mitgliedern tummeln sich so unterschiedliche Gruppen wie Radikalpazifisten und Ökolibertäre, regierende Linke und linke Regierungsgegner. Zudem Bürgerrechtler, schwarz-grüne Grüne, Veganer, Frauenfrauen und Antifaschisten. Und alle glauben, nur sie seien auf dem richtigen Weg.
Über drei Jahre macht er für sie nun schon den bösen linken Leitwolf, jetzt reicht es ihm. Im Herbst will Trittin seinen Job als Parteichef aufgeben. Der Mann möchte in den Bundestag - beziehungsweise in Schröders Kabinett. Fischer will das auch, und deshalb ziehen beide bis zum 27. September am selben Strang, das Auslegen kleiner Fallstricke inklusive.
Die Magdeburger Schlappe muß jetzt die Fraktion wettmachen, wenn im Bundestag in den nächsten Wochen die Abstimmung über die Verlängerung des Bosnien-Einsatzes der Bundeswehr und die Nato-Osterweiterung ansteht - das weiß auch Trittin. Er empfiehlt in beiden Fällen "geschlossene Enthaltung" - und weiß genau, daß eine Nichtzustimmung Fischer das Außenamt kosten kann.
Trittin hat die nächste, noch nicht gewählte Bundestagsfraktion der Grünen schon lange gewichtet und berechnet. Mit den Fundis Claudia Roth und Hans-Christian Ströbele dürften zwei weitere Köpfe des linken Flügels ins Parlament einziehen. Fischers Freunde fürchten, daß diese Konzentration linker Strategen das Regieren mit der SPD unnötig erschwert, wenn nicht unmöglich macht.
Die Fischer-Leute sehen es als Trittins Aufgabe an, den als beratungsresistent geltenden Ströbele vor Extra-Touren zu bewahren. Doch das wird selbst für den ausgebufften Taktiker schwer.
Trittins Schlappe auf dem Parteitag hat Ströbele verursacht, weil er den vom Bundesvorstand austarierten Kompromiß nicht mittrug, sich im Gegenteil selbst zum Anführer der Linken ernannte und die Anti-Mehrheit organisierte. "Das hat der Jürgen wohl falsch eingeschätzt", hämte Ströbele nach dem Eklat.
Trittins Schwäche sind seine unverhüllten Ambitionen: Der Mann, der seine politische Laufbahn als Student bei den K-Gruppen begann, will ein Staatsamt - das allein disqualifiziert ihn aus Sicht der Idealisten an der Basis. Und so erwächst ihm mit Ströbele ein gefährlicher Konkurrent um die linke Meinungsführerschaft in der Partei. Denn der Berliner will das Bonner Parkett, aber keinen Bonner Posten.
Der ehemalige RAF-Anwalt kämpft nämlich lieber "an der Seite der Befreiungsbewegungen" als an der von Oskar Lafontaine. Kann sich ein Kanzler Schröder im Zweifelsfall auf die Mehrheitsstimme Ströbeles verlassen? Kein Problem, behauptet Trittin, "nur eine Stimme Mehrheit diszipliniert die Fraktion ungemein". Doch warum sollten sich die Altlinken von Trittin disziplinieren lassen, nur damit der seinen Ministerposten bekommt?
Vorher sind noch ein paar Wahlen zu gewinnen. Schon die in Sachsen-Anhalt am 26. April wird für die Grünen zur Zitterpartie, nach jüngsten Umfragen liegen sie dort nur noch bei fünf Prozent.
Der Osten ist ohnehin schweres Terrain. Beim Besuch seiner Parteifreunde in Dresden bekam der Westbesucher dies am vergangenen Donnerstag deutlich zu spüren. Die grüne Forderung nach fünf Mark pro Liter Benzin etwa, für die Trittin noch auf dem Parteitag gekämpft hatte, kann hier nur Stimmen kosten. Ein älterer Herr rechnete dem Publikum vor, was er künftig für eine Tankfüllung zahlen müßte. "Da bin ich dann pleite."
Was der Bonner Grünen-Funktionär natürlich bestreitet, mit vielen schönen Argumenten und Kalkulationen. Am Ende hat er dem Herrn sogar noch ein paar Mark obendrauf ins Portemonnaie gerechnet. "Na ja", sagt der Mann ratlos. Grün wählen wird er wohl nicht. Claus Christian Malzahn

DER SPIEGEL 12/1998
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