16.03.1998

POLITISCHES BUCH„Ein Macho im Rock“

Freunde und Verehrer Alice Schwarzers machen mobil gegen eine unautorisierte Biographie der Feministin. Die Galionsfigur der deutschen Frauenbewegung fürchtet um ihr Ansehen, obwohl das Buch von einer „Emma“-Preisträgerin verfaßt wurde. Von Henryk M. Broder
Rowohlt-Verlagsleiter Nikolaus Hansen, ein Mann von der Statur eines Basketballprofis, fällt auf jeder Party durch seine schiere Größe auf. Doch wenn die Rede auf ein bestimmtes Buch kommt, das demnächst in seinem Verlag erscheint, wirkt er plötzlich zwei Köpfe kleiner, als wolle er Schläge abfangen, einem konzertierten Angriff aus dem Weg gehen. "Seit Monaten bin ich damit beschäftigt, Interventionen abzuwehren", sagt er in einer Mischung aus hanseatischer Gelassenheit und unterdrückter Gereiztheit. "Sie können sich gar nicht vorstellen, wen diese Frau mobilisiert, wer alles bei mir angerufen hat."
Hansen hat so etwas noch nicht erlebt. "Die ersten Anrufe kamen schon, bevor es von dem Buch auch nur eine Zeile gab." Unter den Interventen waren der Kölner Verleger Reinhold Neven DuMont (Kiepenheuer & Witsch), die Hamburgerin Marion Gräfin Dönhoff und führende Mitarbeiter des Hauses Rowohlt. Allesamt Freunde und Verbündete der Kölner Journalistin und "Emma"-Herausgeberin Alice Schwarzer.
Das Buch, das schon vor seinem Erscheinen für so viel Aufregung sorgt und so viele "Muß-es-dennwirklich-sein-Niko?"-Einreden hervorgerufen hat, ist eine ebenso "kritische" wie unautorisierte Biographie der Frau, die vor fast 30 Jahren als Schreckschraube der Nation angefangen und es inzwischen zur "Frau des Jahres" und Bundesverdienstkreuzträgerin gebracht hat*. Geschrieben wurde es von einer Frau: der Berliner Journalistin und "taz"-Reporterin Bascha Mika, 43, die 1994 den "Emma"-Journalistinnen-Preis erhielt. Was sie freilich in den Augen der porträtierten Preisgeberin auch nicht vertrauenswürdiger macht.
Denn über Alice Schwarzer zu schreiben und zu urteilen ist ein Privileg, das die Kämpferin für die Rechte der Frauen nur einem Menschen einzuräumen bereit ist: sich selbst.
Dabei kann die 1942 in Wuppertal geborene Erfolgsautorin, die sich ebenfalls gelegentlich unautorisiert mit dem Leben und Leiden anderer Prominenter (beispielsweise Gert Bastian und Petra Kelly) beschäftigt hat, die letzten Tage bis zum Erscheinen der Mika-Biographie in Ruhe abwarten. Das 300-Seiten-Manuskript, das von Rowohlt gehütet wird, als wäre es die Rezeptur für Coca-Cola, ist eine solide, informative, gut lesbare und umfassende Arbeit - alles, was wir schon immer über Alice wissen wollten, aber nicht wußten, wo wir nachschlagen sollten.
Doch die öffentliche Hinrichtung, wie sie von der Delinquentin offenbar erwartet wird, ist dieses Buch nicht. Ganz im Gegenteil, Bascha Mika spricht in der Einleitung von einer "außergewöhnlichen Persönlichkeit mit einem exemplarischen Lebenslauf" und fragt rhetorisch an: "Wer, wenn nicht sie, hätte eine Biographie verdient?" Und der Verlag demonstriert mit der Wahl des kargen Titels "Alice Schwarzer. Eine kritische Biographie", daß es ihm nicht auf Sensationshascherei ankommt.
Weniger zurückhaltend, dafür aber treffender wäre es gewesen, das Buch mit einem geflügelten Wort aus dem Repertoire der Dargestellten zu titeln, wie etwa "Eins rein, zwei zurück", dem programmatischen Spruch, den sie im "FAZ"-Fragebogen als ihr Motto eingetragen hat. Denn das ist es, was die Alice-Schwarzer-Gemeinde an ihrem Idol schätzt, bewundert und befürchtet: die Kunst des Zurückschlagens, die manchen Angreifer schon präventiv außer Gefecht gesetzt hat.
Und was immer man über die führende Feministin der Republik denkt, über ungewöhnliche Qualitäten verfügt sie in der Tat. Alle, die wie sie Anfang der siebziger Jahre losgezogen sind, haben entweder aufgegeben oder sich in einer Mini-Nische häuslich eingerichtet: Uschi Glas spielt die Hausfrau, die sie auch ist, Uschi Obermaier verkauft selbstgemachten Schmuck in Kalifornien, Rainer Langhans meditiert im Lotussitz, und Fritz Teufel fährt Fahrrad, weil es dem Umweltschutz nützt. Nur Alice aus dem Bergischen Land ist "alive and kicking": zäh wie Leder, flink wie eine Gazelle, hart wie Kruppstahl, flexibel wie ein Rohrstock.
So nähert sich auch Bascha Mika dem Gegenstand ihres Interesses mit einer durchaus respektvollen Haltung. "Wer in Deutschland vom Aufstand der Frauen spricht, kann von Alice Schwarzer nicht schweigen." Sie sei "in Frauenfragen die moralisch-politische Instanz", "Symbolfigur des Feminismus und zeitweilig das kollektive Haßobjekt der Republik". Bei ihrer ersten Begegnung, 1994, trifft Bascha Mika auf eine "charismatische und faszinierende Frau", spürt allerdings auch ein "tyrannisches Naturell" und "ein unwirsches Bedürfnis, andere zu dominieren".
Ein echtes Faszinosum also, anziehend und abschreckend zugleich. Bascha Mika macht sich auf den Weg, sucht und besucht "Weggefährtinnen und Mitstreiterinnen von Alice Schwarzer, Freundinnen und Feindinnen, Angestellte und Kolleginnen". Einige, erinnert sie sich, "sind auch nach Jahren noch so traumatisiert, daß sie nichts sagen wollen", andere sind nur bereit, anonym Auskunft zu geben, und eine wichtige Zeugin will sich gar nicht äußern: Alice Schwarzer.
Bascha Mika rekonstruiert "eine Nachkriegskindheit" in Wuppertal und in einem fränkischen Dorf, die Beziehung der kleinen Alice Sophie zu ihrer Mutter und den Großeltern, wobei der Großvater die entscheidende Bezugsperson ist. Er übernimmt auch die Vormundschaft für seine Enkelin. Schon früh zeigen sich Präferenzen, die später entscheidend sein werden: "Mit Puppen hat sie nicht viel am Hut", sie spielt lieber "Räuber und Gendarm".
Auf der Wuppertaler Handelsschule, erinnert sich die Deutschlehrerin, "stand manchmal eine Gruppe von Mädchen um Alice, und man konnte unentwegt ihre Stimme hören, sie hatte Zuhörer gefunden, sie stand im Mittelpunkt". Alice schwärmt für Elvis Presley, Marilyn Monroe und O. W. Fischer, besucht das "Privat-Tanzinstitut City" und behauptet sich bis zum 19. Geburtstag als "eiserne Jungfrau". 1963, gerade 21 Jahre jung, bricht sie nach Paris auf. "Sie fühlt sich zu Höherem berufen - auch wenn sie noch nicht weiß, was das einmal sein wird."
In der französischen Metropole trifft sie Bruno, der sie vergöttert und umsorgt. "Ein weicher, sehr liebenswürdiger Mensch", erinnert sich Schwarzers Ex-Freundin Christina von Braun. Nach einem Zwischenspiel bei den "Düsseldorfer Nachrichten" und dem Satire-Magazin "Pardon" verlegt sie ihren Lebensmittelpunkt nach Paris, belegt Philosophie und Soziologie an der Universität in Vincennes und macht bei den Frauen vom Mouvement de libération des femmes (MLF) mit.
1970 lernt sie Simone de Beauvoir kennen, die "Ikone der neuen Frauenbewegung"; die berühmte Schriftstellerin wird zum Vorbild und Ideal der aufsässigen Deutschen. "Die Identifikation", schreibt Bascha Mika, ist "keine Frage der Theorie. Alice Schwarzer führt keine Ehe, hat keine Kinder und erotische Erfahrungen mit beiden Geschlechtern - wie Beauvoir".
Soweit ist das alles mäßig aufregend, eine Zeitgeistvariante der Geschichte vom Aschenputtel, das statt eines Prinzen eine Heroine der Frauenbewegung trifft. Zu dieser Zeit sagt Alice Schwarzer über Simone de Beauvoir: "Eine Frau, die sich entschließt, nicht länger hinzunehmen, sondern zu nehmen, gegen alle Konventionen und Widerstände" - und meint damit sich selbst.
Die weiteren Stationen auf dem dornigen Weg gegen alle Konventionen sind bekannt: Die Aktion "Wir haben abgetrieben" im "Stern" mit 374 Bekennerinnen, der Panorama-Beitrag über die "Absaug-Methode", der durch seine Absetzung zum Politikum wurde, die Wortkeilerei mit Esther Vilar zu Weiberfastnacht im WDR-Fernsehen, ein Spektakel, bei dem sie als Teilnehmerin und zugleich als Ringrichterin fungierte: "Ich hatte Sachverstand und Gefühl, ich inszenierte diese 45 Minuten nicht nur, ich lebte sie auch. Sehr bewußt und sehr überlegt."
Auch wenn in solchen Statements ein maßlos aufgeblähtes Ego sich Luft verschaffte, der hohe Unterhaltungswert der Schwarzerschen Auftritte war unbestritten.
So war ihr die Aufmerksamkeit aller Medien sicher, als sie 1977 "Emma" gründete, eine Zeitschrift für Frauen von Frauen und doch ein Projekt außerhalb des feministischen Ghettos. "Sie wollte nicht nur im Binnengewässer der Frauenbewegung schwimmen, sondern auch im großen Meer der gesellschaftlichen Öffentlichkeit", schreibt Bascha Mika.
Da war sie dann, um in der Metapher zu bleiben, der Hecht im Karpfenteich, doch umgeben von lauter kleinen Piranhas, gegen die sie sich zur Wehr setzen mußte. Denn wie alle "Projekte" in jener Zeit, die als "Kollektiv" antraten, war auch "Emma" vom Image und von der Durchsetzungskraft der Gründerin abhängig, auch wenn nach außen der Eindruck vermittelt wurde, sie sei nur die "Erste unter Gleichen". "Die Alice" stand im Rampenlicht, wurde interviewt, beachtet, bewundert und gelegentlich auch geschmäht, während ihre "Mädels" sich damit begnügen mußten, daß ein wenig Glanz auch auf sie abstrahlte, wenn das Fernsehen in den Redaktionsräumen drehte.
Der Preis dafür war pausenloser Einsatz im Dienst der gemeinsamen Sache. Schwarzers Vitalität, schreibt Bascha Mika, "ist so ausgeprägt, daß sie ein enormes Leistungspensum schafft und beim Arbeiten, aber auch beim Feiern, selbst dann noch putzmunter ist, wenn andere bereits in den Seilen hängen. Das Energiefeld, das sie um sich herum verbreitet, zieht Menschen in ihren Bann. Aber nicht alle können soviel Energie aushalten".
Eine Mitarbeiterin der erste Stunde, die keine "Gratisarbeit" leisten und ihr politisch durchaus korrektes, nämlich lesbisches Privatleben nicht vollständig dem Projekt opfern will, wird vor versammelter Frauschaft als "Krämerseele" abgekanzelt, worauf sie anfängt "zu heulen, und alle haben drumherum gesessen und nichts gesagt". Von Alice, erinnert sich die Gemaßregelte, sei "so viel geballte Aggression" ausgegangen, "daß alle um sie herum völlig stumm waren, aus Angst, uns könnte es auch treffen, wenn wir nur den Mund aufmachten". Frauen, die dem herrschenden Genius loci zuwider Beziehungen zu Männern unterhalten, werden mit dem Satz: "Die Heteras müssen zurück zu ihren Schwänzen!" in den schuldbeladenen Feierabend entlassen.
Sie nehmen die Kränkungen und Demütigungen hin, denn erstens steht "Emma" auf dem Spiel, zweitens darf den vielen Gegnern des Projekts keine Munition zugespielt werden, und drittens finden auch die Geschurigelten zeitweise Gefallen an der despotischen Nestwärme. Alice "war eine ganz wichtige Person in meinem Leben, sie hat mir gezeigt, was für eine Stärke Frauen haben können", rekapituliert eine Frau aus der vierköpfigen Gründertruppe. "Für mich war es wie der Eintritt in eine Familie, in der man offen, ohne Mißtrauen und sehr fröhlich miteinander umgeht", erinnert sich eine andere Ur-"Emma" an die rosigen Anfänge; später freilich hat sie "Träume, wo ich Alice regelmäßig verdroschen habe".
Frauen, die es wagen, von Bord zu gehen, werden von der "Mutter der Bewegung" wie Verräterinnen gebrandmarkt: "Du bist in diesem Kapitel mal wieder eine ganz besonders dunkle und miese Seite", läßt sie eine, die gekündigt hat, wissen, "Sorry. Ich vergaß: Du bist eine Arbeitnehmerin. Eine, die sich in den Paragraphen auskennt ... Deine miese kleine formelle Kündigung aber zeigt mir: wieder mal geirrt, leider investiert in eine, die es weiß Gott nicht lohnt. Meiner Verachtung ... kannst Du gewiß sein. Denn so hilflos kann niemand sein, daß er so mies sein müßte. In diesem Sinne. Alice"
Als 32 ehemalige "Emma"-Mitarbeiterinnen einen offenen Brief in der "Frankfurter Rundschau" veröffentlichen, in dem sie das Arbeitsklima in der Redaktion und das Gehabe der Herausgeberin beschreiben, geht sie, entsprechend ihrem Motto "Eins rein, zwei zurück", zum Gegenangriff über. Sie bestreitet die Faktizität aller Vorwürfe und putzt ihre Kritikerinnen als verhuschte Weibchen herunter, denen es an "Eigenverantwortlichkeit" mangele. Sie sieht sich als Opfer einer Verschwörung, wobei die kräftigsten Adjektive gerade gut genug sind, um das ganze Ausmaß der Infamie zu beschreiben: "Vielleicht ist wirklich etwas spezifisch Deutsches an diesem hemmungslosen, ja, ich möchte fast sagen: faschistoiden Umgang mit Menschen."
Alice Schwarzer ahnt gar nicht, wie sehr sie mit diesem Satz recht hat, allerdings ganz anders, als sie ihn gemeint hat. Er erklärt nicht das Verhalten ihrer Kritikerinnen, sondern die Reaktion der Kritisierten.
Und Bascha Mika hätte aus diesem Satz ein politisches Psychogramm entwickeln können, wenn sie es nicht vorgezogen hätte, sich auf die Psychoanalytikerin Karen Horney und deren 1937 erschienenen Klassiker "Der neurotische Mensch unserer Zeit" zu stützen, um "die prägende Kraft von Kindheitsgeschichten" auch im Falle von Alice Schwarzer zu beweisen: Menschen, die "demütigende Kindheitserfahrungen" machen mußten, neigen dazu, später andere herabzuwürdigen und reagieren besonders empfindlich, wenn sie selbst angerempelt werden. Solche Überlegungen, schreibt Bascha Mika, könnten "möglicherweise helfen, Alice Schwarzer zu verstehen".
Oder auch nicht. Bis jetzt jedenfalls hat es weder die Psychoanalyse noch die empirische Sozialforschung geschafft, einen verläßlichen kausalen Zusammenhang zwischen versteckten Ursachen und ihren angenommenen Folgen herzustellen. Es kann schon sein, daß Kinder, die es schwer hatten, als Erwachsene anderen das Leben schwermachen. Aber auch das Gegenteil ist möglich. Wer sich Mühe gibt, wird vermutlich in den Kindheitsgeschichten von Adolf Hitler und Albert Schweitzer Ähnlichkeiten entdecken, und am Boden des Abgrunds zwischen Lucrezia Borgia und Mutter Teresa mögen die gleichen "Kindheitsmuster" liegen.
Dafür scheint ein anderer Zusammenhang plausibler, der mehr mit den Erkenntnissen von Wilhelm Reich als mit der Psychoanalyse von Sigmund Freud zu tun hat. Das Dritte Reich hat auf vielen Gebieten ein Vakuum hinterlassen. Nationalismus und Patriotismus sind aus guten Gründen verpönt, Autoritäten suspekt. "Autoritäres Arschloch!" war eines der schlimmsten Schimpfworte in den sechziger Jahren, gleich nach "Faschist!"
Doch ebenso wie es seine innere Logik hat, daß im Vatikan die größte Porno-Sammlung der Welt liegt, hat es auch einen organischen Grund, daß im fortschrittlichen, alternativen, "antiautoritären" Milieu das Verlangen nach Autorität heftig wabert.
Aber nicht so wie bei den doofen Rechten, die einfach nach einem "Führer" schreien, der ihnen das Denken abnimmt. Es muß subtiler, schicker, kooperativer sein. Die antiautoritären Autoritäten der Bundesrepublik, von Rudi Dutschke bis Horst Mahler, von Klaus Rainer Röhl bis Ulrike Meinhof, verstanden sich nicht als Wegweiser, sie agierten als Sozialtherapeuten im mobilen Einsatz. Wer mit ihnen lief, war kein Mitläufer, sondern Aktivist.
Gleiches gilt für Alice Schwarzer und die Frauenbewegung. Wenn sie von "spezifisch deutschen" Zuständen spricht, dann übersieht sie, daß sie ein Produkt dieser Verhältnisse ist, von denen sie zugleich profitiert. Sie war lange das antiautoritäre Angebot für Frauen, die sich nach einer alternativen Autorität sehnten. Fasziniert von ihrer Stärke und ihrem Durchsetzungswillen, übten sie die lustvolle Unterwerfung einem höheren Ziel zuliebe, um schließlich - wie eine enttäuschte Mitstreiterin - festzustellen: "Ich kam mir immer vor wie der Frosch vor der Dampfwalze."
Doch was kann die Dampfwalze dafür, daß der Frosch so klein ist und danach giert, von der Walze gekost zu werden? Nein, Alice war nicht zu stark, die anderen waren zu schwach. Ihr daraus einen Vorwurf zu machen, wäre nicht fair, zumal sie offen zugibt: "Ich entbehre nicht autoritärer Züge", und "meine Stärke schüchtert manchmal andere ein".
"Emma"-Preisträgerin und Schwarzer-Biographin Bascha Mika solidarisiert sich dennoch mit den Fröschen, die von der Dampfwalze platt gewalzt wurden. Was ihre Zeuginnen teilweise anonym berichten, würde in den USA für eine Anklage wegen seelischer Grausamkeit reichen und ein größeres Schmerzensgeld nach sich ziehen. Doch in Deutschland sind es Tugenden, mit denen sowohl ein alternatives Projekt als auch eine Strafanstalt betrieben werden können. Der Zweck heiligt die Mittel, und über die Auswahl der Mittel entscheidet der Projektleiter bzw. Die Projektleiterin ganz allein. "Alice Schwarzer schwieg nie, wußte immer, was zu tun war, und hielt alle, die nicht ihrer Meinung waren, schlicht für deppert", erinnert sich eine Berliner Feministin.
Bascha Mika beschreibt nicht nur den Prototyp eines autoritären Charakters wie aus einem Schnittmuster von Adorno/ Horkheimer, sie stellt auch eine totalitäre Disposition dar. Schwarzer könne "nur schwer zwischen souveräner Ich-Stärke und autoritärem Dominanzverhalten unterscheiden", sie teile die Welt in Freunde und Feinde ein - wer nicht für sie ist, ist gegen sie -, sie verstehe sich als die Verkörperung der Frauenbewegung, und wer sie kritisiert, der vergreift sich automatisch an der ganzen Bewegung.
"Ich glaube, daß sie ein Stück paranoid ist", sagt eine Kölner Ex-"Emma"-Autorin, "wenn man ihr widerspricht, sieht sie das gleich als Teil einer großen Verschwörung gegen sie und den Feminismus". Und wie alle despotischen Naturen möchte sie, daß ihre guten Seiten wahrgenommen und anerkannt werden. Was sie "haufenweise habe", sagt sie über sich selbst, sei "eine dicke Portion an Menschlichkeit und ''ne ganze Menge Humor".
Selten so jelacht. Was man der "Heldin wider Willen" (Bascha
Mika) allerdings nicht absprechen
* Oben: beim Andruck der ersten "Emma"-Ausgabe 1977; unten: 1990 bei der Bambi-Verleihung an Hella von Sinnen.
kann, sind andere Tugenden: Intelligenz und Eloquenz, eine Riesenbegabung für Selbstdarstellung, ein sicheres Gespür für Themen und Gelegenheiten und: vertikale Mobilität. Ob sie mit Alfred Biolek "Zitronenhuhn à la Alice" kocht, mit den Rechtsrockern "Böhse Onkelz" plaudert, bei Thomas Gottschalk in "Wetten, daß ...?" mitspielt, wobei es sie nicht stört, daß Rudi Carell mit einem BH vor ihrer Nase wedelt, sie tut es nicht aus Eitelkeit oder weil sich ihre Mutter darüber freut, die Tochter im Fernsehen zu sehen; sie tritt gegen die "Ghettoisierung des Feminismus" an und will "viele Menschen überzeugen, daß die berüchtigte Schwanz-ab-Schwarzer auch nur ein Mensch ist".
Und deswegen ist letzte Woche, noch bevor die kritische, aber unautorisierte Schwarzer-Biographie in die Buchläden kam, eine zwar unkritische, dafür aber autorisierte Schwarzer-Biographie erschienen - ein verlegerischer Schnellschuß, geschrieben von den beiden Schwarzer-Fans Anna Dünnebier und Gert von Paczensky, die sich vom Gegenstand ihrer Verehrung inspirieren ließen.
Ihr ganzes Streben, schreibt Bascha Mika, "scheint sich darauf zu richten, breite gesellschaftliche Anerkennung zu finden", was nicht bedeutet, daß sie "auf ihren Bonus als Berufsrebellin verzichten möchte, nur soll das Rebellentum von nun an möglichst gefällig sein". Und es klappt.
"Diese peinliche Feministin, die ständig etwas anzettelt" (Schwarzer über Schwarzer) wird mit Preisen und Auszeichnungen überschüttet. Ihre Heimatstadt Wuppertal zeichnet sie 1991 mit dem Von-der-Heydt-Preis aus, als "Vorkämpferin der deutschen Frauenbewegung", die Westdeutsche Akademie für Kommunikation verleiht ihr ein Jahr später eine Medaille; 1995 darf sie auf einem ihr gewidmeten Wagen im Kölner Rosenmontagszug mitfahren, was in der Metropole des rheinischen Frohsinns soviel wie eine Erhebung in den Adelsstand bedeutet.
1996 bekommt sie das Bundesverdienstkreuz umgehängt, das sie so lange nicht haben wollte, bis es ihr wirklich angeboten wurde. Der Deutsche Staatsbürgerinnen-Verband ernennt sie zur "Frau des Jahres 1997", zum 20. Geburtstag von "Emma" gratulierten Rita Süssmuth, Heide Simonis, Claudia Nolte und Jutta Limbach. Ebenfalls 1997 wird sie von der Stadt Aalen mit dem "Schubart-Literaturpreis" geehrt; Christian Friedrich Daniel Schubart (1739 bis 1791) war ein Dichter und Rebell und saß zehn Jahre im Kerker von Hohenasperg, genau die Gestalt, mit der sich die gute Gesellschaft einer schwäbischen Kreisstadt identifizieren mag. Außerdem quälte er seine Frau Helene und prügelte sie fast zu Tode, was die Preisträgerin aber nicht weiter stört. "Sie ist ein Macho im Rock", sagt die Alt-Feministin Helga Dierichs.
Allerdings: Sogar Bascha Mika, die Alice Schwarzer "Verachtung von Frauen" und "Abwehr gegen das eigene Geschlecht" vorwirft, erkennt Schwarzers historische "Verdienste" um die Frauenbewegung an, als habe die Chef-Feministin Freiwilligenarbeit in einem Pflegeheim geleistet und nicht dank ihres "Engagements" eine erstaunliche Karriere gemacht. Schwarzer habe, schreibt Mika mit einem Rest an schwesterlicher Dankbarkeit, "entscheidend dazu beigetragen, daß Frauen ihrer Befreiung ein Stück näher gekommen sind" und "den Feminismus mit Bravour in den Medien-Mainstream" geführt. Und über dem Horizont der Befreiung treibt eine hypothetische Frage durchs All: "Was wäre die Frauenbewegung ohne Alice Schwarzer, was Alice Schwarzer ohne die Frauenbewegung?"
Ein rheinisches Funkenmariechen im wohlverdienten Ruhestand.
* Bascha Mika: "Alice Schwarzer. Eine kritische Biographie". Rowohlt Verlag, Reinbek; 336 Seiten; 39,80 Mark. * Oben: beim Andruck der ersten "Emma"-Ausgabe 1977; unten: 1990 bei der Bambi-Verleihung an Hella von Sinnen.
Von Henryk M. Broder

DER SPIEGEL 12/1998
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