16.03.1998

STEUERNStarker Trieb

Von dem Multimilliardär Friedrich Karl Flick wollen alle nur das eine - sein Geld. Jetzt werden auch die Steuerbehörden aktiv.
Es ist schon ein Elend mit dem Reichtum. Kaum einer kann das so nachhaltig bestätigen wie der Milliarden-Erbe Friedrich Karl Flick.
Das Vermögen des 71jährigen wird auf weit über zehn Milliarden Mark geschätzt. Täglich wird er um mehrere Millionen Mark reicher. Die Anerkennung von Industriellen und Unternehmern, an der ihm zeitlebens so gelegen war, blieb ihm dennoch versagt.
FKF, wie ihn seine Umgebung nennt, ist ein einsamer Mann, er mißtraut allen und jedem. Ob Berater, Freunde oder Verwandte, für ihn haben es alle nur auf sein Geld abgesehen: Der 1994 wegen der deutschen Steuer nach Österreich emigrierte Flick leidet unter der Zwangsvorstellung, das Geld könne ihm zerrinnen oder gar, von wem auch immer, geraubt werden.
Tatsächlich interessieren sich jetzt Steuerfahnder und Staatsanwälte in Düsseldorf für Flicks Vermögen - zumindest für jenen Teil, den er im Steuerparadies Liechtenstein vor dem deutschen Fiskus versteckt hat.
Pikanterweise hat Flick selbst die Ermittlungen in Schwung gebracht. Vor einigen Wochen reichten Anwälte für ihren Mandanten eine Selbstanzeige ein. Darin räumt der Milliardär ein, einen Betrag von über 150 Millionen Mark am deutschen Fiskus vorbeigeschleust zu haben. Mehr allerdings mochten die Anwälte nicht mitteilen. In der Selbstanzeige fehlt jeder Hinweis auf das Geldversteck und die Begünstigten.
Vieles spricht dafür, daß sich die Selbstanzeige auf zwei Stiftungen in Liechtenstein bezieht. In der 1991 gegründeten Hospitz-Stiftung hat Flick eine vergleichsweise bescheidene Summe angelegt, im vergangenen Jahr waren es rund zehn Millionen Mark. Nach seinem Tode soll seine dritte Ehefrau Ingrid, 38, darüber verfügen können.
Wesentlich besser hatte er zwei Jahre zuvor eine Stiftung namens ROC Foundation ausgestattet. Sie wies 1997 ein Vermögen von 169,762 Millionen Mark aus. Nach dem Stiftungsreglement stehen FKF alle Rechte an diesem Vermögen allein zu. Nach seinem Tode sollen seine Töchter Alexandra und Elisabeth darüber verfügen.
Flicks Treuhänder ist der angesehene Vaduzer Anwalt Herbert Batliner, 69, der seit vielen Jahren vermögenden Deutschen Wege weist, wie sie sich ihrer Steuerlast ganz oder teilweise entledigen können. Auch Prominente wie der ehemalige Dresdner-Bank-Chef Wolfgang Röller, der Multiunternehmer und Pferdehändler Paul Schockemöhle oder der Privatagent Werner Mauss haben die Dienste der Kanzlei in Anspruch genommen.
Jahrelang war das Versteck sicher - bis der SPIEGEL im Dezember vergangenen Jahres über die Fluchtburg Liechtenstein und Batliners Geschäfte berichtete. Der Treuhänder mußte einräumen, daß "ehemalige Mitarbeiter meines Hauses" Datenbestände entwendet hätten, er riet seinen Kunden zur Selbstanzeige.
Der Milliardär FKF hatte Ende der achtziger Jahre den Weg zu Batliner gewählt. Den ererbten Familienkonzern hatte er bereits Ende 1985 an die Deutsche Bank verkauft, die das Industrieimperium später, in Einzelfirmen zerlegt, an die Börse brachte. Flick erhielt dafür über fünf Milliarden Mark. Weil seine Steuerexperten alle Lücken im Einkommensteuergesetz nutzten, mußte er davon nur 500 Millionen Mark Steuern zahlen.
Der legendäre Ruf des Namens Flick, begründet von Vater Friedrich Flick, einem Industriepatriarchen mit untrüglichem Geschäftssinn, war schon vorher ruiniert - eine Folge der berüchtigten Flick-Affäre: Aus den Konzernkassen hatten Politiker und Parteien jahrelang stattliche Zuwendungen erhalten. Flick bestritt jedes Mitwissen und schob alles auf seine Manager.
Flick zog sich zurück nach München. Dort erregte er gelegentlich Aufsehen durch Saufgelage mit sonderbaren Freunden, bei denen ganze Kneipeneinrichtungen zu Bruch gingen. Ende 1994 hielt ihn nichts mehr in Deutschland, sein Angsttrieb war stärker. Der Steuer wegen verlegte Flick den Sitz seiner Verwaltung von Düsseldorf nach Wien, seinen Hauptwohnsitz richtete er zunächst im feudalen Gut Rottenmann in der Steiermark ein. In wenigen Wochen will er seine neue, über 70 Millionen Mark teure Villa am Wörthersee beziehen.
In dem 1200 Quadratmeter kleinen Haus wurde großzügig auch auf die Ansprüche von Ehefrau Ingrid, einer ehemaligen Hotelangestellten, Rücksicht genommen. Wie ihr Gemahl Friedrich Karl wird auch sie einen eigenen Trakt bewohnen.
Die Planer der Flickschen Bleibe haben an alles gedacht. Gäste werden in einer eigenen Villa untergebracht, auf dem 25 000 Quadratmeter großen Grundstück wurde ein Hubschrauberlandeplatz eingerichtet.
Die Villa gleicht einer Festung. Die Fenster sind schußsicher, die Grundstücksmauer ist selbst mit Panzerfäusten nicht zu knacken. Eine ständig patrouillierende Privatpolizei schützt den Unternehmersproß und dessen Frau.
Doch die Verfolger aus der alten Heimat wird der Multimilliardär wohl so schnell nicht los.
Nach den deutschen Steuergesetzen müssen in einer Selbstanzeige nicht nur die hinterzogenen Gelder, sondern auch die Namen der Stiftungen und der Begünstigten angegeben werden. Weil diese Angaben fehlen, werden die Steuerbehörden die Selbstanzeige möglicherweise nicht akzeptieren. Flick müßte dann mit einer Anklage wegen Steuerhinterziehung rechnen.
Und die könnte ihn teuer zu stehen kommen.

DER SPIEGEL 12/1998
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