07.05.2011

ARBEITSMARKTBewerben um Bewerber

Vielen Unternehmen gehen die Lehrlinge aus. Besonders dramatisch ist die Lage in Ostdeutschland. Jetzt sollen Azubis aus Tschechien helfen.
Uwe Hartlich hat um Millionenaufträge gepokert. Er kennt den heiklen Moment vor Vertragsabschluss. Jetzt bloß nichts Falsches sagen.
"Unser Unternehmen steht für deutsche Handwerkskunst", beginnt er feierlich. Die vier jungen Tschechen, die in Jogginghosen übers Firmengelände schlurfen, sehen ihn interessiert an. Ihre Übersetzerin blättert im Wörterbuch. "Werden die Deutschen unsere Jungs gut behandeln?", fragt eine der mitgereisten Mütter. Hartlich hebt die Brauen. "Sollten sich Ihre Söhne für uns entscheiden, wird es ihnen an nichts fehlen."
Hartlich, 60, ist Chef der Elektrotechnik Oelsnitz GmbH in Sachsen. Seine 146 Mitarbeiter verlegen unter anderem Leitungen für die Deutsche Bahn, er setzt jährlich 18 Millionen Euro um, und doch hat der Ingenieur ein Problem: Ihm fehlt der Nachwuchs. Seit Monaten sucht er verzweifelt nach Lehrlingen.
Er hat in Zeitungen inseriert, Schulen besucht, auf Messen gefahndet. Vergebens. "Vor fünf Jahren kamen auf einen Ausbildungsplatz 30 bis 50 Bewerber", sagt Hartlich, "in diesem Jahr hat sich fast überhaupt niemand vorgestellt." Der Mangel in der Region ist so groß, dass der Mittelständler ein besonderes Experiment wagt. Er wirbt um Jugendliche aus Tschechien.
Das deutsch-tschechische Lehrlingsprogramm der Handwerkskammer Chemnitz ist ein Pilotprojekt. Es vermittelt tschechische Jugendliche an sächsische Betriebe. Etliche Firmen haben sich gemeldet: Metallbauer, Maler, Heizungsinstallateure, die auf dem deutschen Arbeitsmarkt keine geeigneten Bewerber fanden.
In ganz Deutschland klagen Unternehmer über Schwierigkeiten bei der Suche nach Lehrlingen. 55 000 Ausbildungsplätze blieben im vergangenen Jahr unbesetzt. Doch nirgendwo ist der Azubi-Notstand so dramatisch wie im Osten. Mehr als ein Drittel der Unternehmen gaben gegenüber dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) an, dass sie nicht genügend Lehrlinge finden.
In Mecklenburg-Vorpommern sank die Zahl der Bewerber allein zwischen August 2009 und 2010 um 19,8 Prozent, in Sachsen um 16,3, in Thüringen um 12,9 Prozent. Für die Wirtschaft hat das verheerende Folgen. Unternehmen können Liefertermine nicht einhalten, Aufträge gehen verloren.
"Deutschland riskiert sein Wirtschaftswachstum", sagt Béla Galgóczi, Arbeitsmarktexperte am European Trade Union Institute in Brüssel. Holle Grünert vom Zentrum für Sozialforschung in Halle und zwei Kollegen schreiben in einer Studie zur betrieblichen Ausbildung von "massiven Veränderungen" am Arbeitsmarkt. Die Unternehmen seien darauf "beunruhigend" schlecht vorbereitet.
Nach einer Prognose der Bertelsmann Stiftung wird sich im Osten Deutschlands mit Ausnahme Berlins und Brandenburgs die Altersgruppe der 19- bis 24-Jährigen von 2010 bis 2015 nahezu halbieren. Mittelständische Betriebe trifft der Schwund besonders hart. Das Handwerk könne mit Hochschulen und Industrie kaum noch um Schulabgänger konkurrieren, glaubt Marius Busemeyer, Politikprofessor an der Universität Konstanz.
Auf dem Arbeitsmarkt ist ein erbitterter Wettstreit um die wenigen verbliebenen Talente ausgebrochen. Im Internet haben sich Lehrlingsbörsen gegründet, Unternehmer berichten von Headhuntern und Ablösesummen für Fachkräfte.
Das Bundeswirtschaftsministerium ließ errechnen, dass drei von vier Unternehmen inzwischen auch Azubis einstellen würden, die nicht ihren Idealvorstellungen entsprechen. Bewerber hätten Schwierigkeiten, die einfachsten Rechenaufgaben zu lösen, berichtet Andreas Pelzer, Personalleiter eines großen Bauunternehmens aus Aachen. "Fehler im Anschreiben, schlechte Noten. Das ist unser Alltag", klagt Lars Küchler, Dachdecker aus Brandenburg. "Die Jugendlichen wissen: Nicht sie bewerben sich bei uns, wir bewerben uns bei ihnen", sagt Mathias Mucha, Chef eines Wasserunternehmens im sächsischen Grimma.
Abhilfe sollen nun junge Osteuropäer schaffen. Seit dem 1. Mai können sich Bürger aus acht EU-Beitrittsstaaten, darunter Polen, Ungarn und Tschechien, auf jede Stelle in Deutschland bewerben. Die volle Freizügigkeit auf dem Arbeitsmarkt gehört zu den verbrieften Grundfreiheiten der Europäischen Union.
Deutschland hatte 2004 von dem Recht Gebrauch gemacht, sie für maximal sieben Jahre auszusetzen - aus Angst vor hohen Arbeitslosenzahlen.
Davon spricht heute kaum noch jemand. Auch Hartlich nicht, der zufrieden lächelnd die Fingergelenke knacken lässt: Drei der vier jungen Tschechen, die er in Oelsnitz empfangen hat, werden den Ausbildungsvertrag unterschreiben. "Das ist doch ein historischer Moment!", ruft er und schickt eine Kollegin Sekt holen.
Tomas Psansky, 18, wird in Oelsnitz als Elektriker arbeiten. "Tschechien kann mit Deutschland nicht mithalten", sagt er. In der Schule war er einer der Besten seines Jahrgangs. "Wer etwas erreichen will, muss raus aus Tschechien." Seine Mutter, eine Mittvierzigerin mit rotgefärbten Haaren, nickt stolz. "Bei den Deutschen muss man sich keine Sorgen machen. Da sind die Jungs in guten Händen."
Den Sekt, den Hartlich ihm anbietet, lehnt Psansky ab. Er will gleich noch mit dem Auto nach Hause fahren - nach Most, 15 Kilometer hinter der deutsch-tschechischen Grenze.
Von Rick Noack und Maximilian Popp

DER SPIEGEL 19/2011
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