Bei einem ihrer spektakulärsten Strafverfahren ist der Münchner Staatsanwaltschaft offenbar ein peinlicher Patzer passiert. Zurzeit ermittelt sie gegen rund 30 Beschuldigte wegen des Verdachts auf Insider-Handel und Marktmanipulation bei knapp zwei Dutzend börsennotierten Unternehmen. Zwei der mutmaßlich Beteiligten sitzen seit einer Großrazzia Ende September vergangenen Jahres in Haft. Beide, Tobias Bosler und Markus Straub, waren früher Funktionäre der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. Ein dritter Beschuldigter, der Börsenbrief-Herausgeber Stefan Fiebach, befindet sich seit Ende Januar wieder auf freiem Fuß. Alle drei erhielten vor ihrer Verhaftung am 21. September 2010 einen Tipp zur geplanten Razzia, sie hätten sich der Festnahme also entziehen können. Die Verfahren gegen sie, heißt es in einem anonymen Brief, der zwei Wochen zuvor an alle drei Männer ging, hätten eine "unangenehme Phase" erreicht, das "Zeitfenster für Gegenmaßnahmen" schließe sich in wenigen Tagen. Der Absender verfüge über "lebenswichtige Informationen" für die Empfänger und habe sie bei einer Frankfurter Anwaltskanzlei hinterlegt. Als Gegenleistung erwarte er allerdings einen finanziellen Ausgleich. Gleichzeitig bittet der Briefschreiber, das Dokument vertraulich zu behandeln und nach Lektüre zu vernichten. Die Anwälte der drei Beschuldigten waren entweder nicht erreichbar oder wollten sich zu dem Vorgang nicht äußern. Eine Sprecherin der Münchner Staatsanwaltschaft lehnte jeden Kommentar zu der undichten Stelle unter den Ermittlern ab.
DER SPIEGEL 19/2011
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