07.05.2011

SPEKULATIONENPrestige plus Profit

John Paulson ist der erfolgreichste Spekulant der Finanzwelt, auch dank der Hilfe der Deutschen Bank. Nun hat er eine neue Milliardenwette laufen, wieder mit dem deutschen Partner.
Es ist eine triumphale Rückkehr. Der ehemalige Student John A. Paulson besucht an diesem ungewöhnlich warmen Februar-Tag seine alte Universität. Unter großem Applaus betritt er das neue Auditorium des Wirtschaftsfachbereichs der New York University, das seinen Namen trägt. Eine neue Finanzprofessur ist ebenfalls nach ihm benannt.
Und dann diskutiert er auch noch auf dem Podium mit dem legendären ehemalige Vorsitzenden der amerikanischen Notenbank, Alan Greenspan, dem ein neuer Lehrstuhl gewidmet ist - dank einer Spende von Paulson über 20 Millionen Dollar.
Kein Wunder also, dass Paulson sichtlich gutgelaunt ist an diesem Abend. Für einen Moment wirkt er jünger als 55, trotz seiner schütter werdenden Haare und der dichten Falten um seine Augen.
Paulson erzählt, dass er gerade einige bankrotte Hotels in Kalifornien gekauft hat. Wer demnächst mal nach Palm Springs komme, solle doch bitte im La Quinta absteigen: "Ich könnte ein wenig zusätzliches Cash gut gebrauchen", sagt er. Das Publikum lacht.
Vor ihnen steht ein vielfacher Milliardär, der erfolgreichste Spekulant der Finanzwelt, erfolgreicher noch als George Soros. Gerade in der Woche zuvor war bekannt geworden, was Paulson im Vorjahr verdient haben soll: fünf Milliarden Dollar.
"Der größte Jahresgewinn in der Investmentgeschichte", kommentierte das "Wall Street Journal", fast ein wenig konsterniert, dieses Ergebnis. Den bisherigen Rekord hielt ebenfalls Paulson: mit vier Milliarden Dollar Gewinn nur zwei Jahre zuvor - mitten in der Finanzkrise.
In den US-Medien wurde Paulson zum Mann mit dem "Midas Touch", weil sich alles, was er anfasst, in Gold verwandelt und weil er vergangenes Jahr fast sein gesamtes Geld mit Investitionen in das gelbe Edelmetall verdiente: Seine Firma hält Wertpapiere im Gegenwert von 96 Tonnen Gold. Und sein Hedgefonds verwaltet über 36 Milliarden Dollar.
Inzwischen hat Paulson längst die nächsten großen Geschäfte im Blick, die ihn noch reicher, noch mächtiger machen sollen. Darunter ist auch ein Milliarden-Deal, eine komplizierte Wette, die über die Deutsche Bank abgewickelt wird. Natürlich hält die Bank nicht dagegen, das wäre bei einem Mann wie Paulson viel zu gefährlich. Sie gibt das Risiko in kleinen Portionen weiter. Über die Details des Geschäfts war um die Jahreswende wochenlang verhandelt worden.
Paulson will zu dem Deal nichts sagen. Der Hedgefonds-Manager ist ein verschwiegener Mann, schon immer mied er die Medien. Seine Firma hat nicht einmal eine öffentliche Web-Seite.
Auch die Deutsche Bank will sich offiziell nicht äußern. Nach Aussagen von Managern der Bank soll allerdings folgendes Geschäft verhandelt worden sein: Paulson habe wieder auf einen steigenden Preis bei Gold und diesmal auch bei Öl setzen wollen. Es habe sich dabei um ein "hybrides Korrelationsprodukt" gehandelt, berichten mit dem Deal vertraute Manager der Bank. Paulson gewinne, wenn die Preise von Öl und Gold gemeinsam steigen. Je größer der Anstieg und je stärker die Korrelation, desto höher der Gewinn. Grundlage für das Geschäft seien komplizierte Finanzinstrumente.
Selbst für die an große Summen gewohnten Investmentbanker des Frankfurter Instituts war es ein außergewöhnliches Geschäft: Der Wetteinsatz von Paulson soll bei über einer Milliarde Dollar liegen. Für sie gehe es dabei weniger um Profit als um Prestige, berichten mit dem Vorgang vertraute Bankmanager. "Paulson ist der absolute Superstar der Finanzwelt", sagt ein Deutsche-Bank-Mann. Nur drei oder vier Banken auf der Welt hätten die Möglichkeiten, so ein handgestricktes Geschäft für Paulson aufzulegen. Das fördere den Ruf der Bank.
Große Hedgefonds wie der von Paulson müssen mit einer möglichst großen Wall-Street-Bank zusammenarbeiten, weil nur die noch genug Gegenparteien kennen, mit denen sich ein solcher Milliarden-Deal abwickeln lässt. Und die Bank erfährt frühzeitig, wer von den großen Spielern sich wie positioniert. Geld verdient die Bank in so einem Fall eher wenig, etwa 20 Millionen Dollar, so ein Experte des Instituts.
Viele Vorstände der Deutschen Bank kennen Paulson persönlich, er ist einer der größten und wichtigsten Kunden der Bank. "John ist ein intelligenter Junge. Das kann ich definitiv sagen", sagt einer der Investmentbanker. Vielleicht wäre Paulson ohne die Deutsche Bank nie so erfolgreich gewesen, vielleicht wäre er nie zum "größten Profiteur der Finanzkrise" ("Wall Street Journal") geworden.
Paulson gehörte zu den wenigen, die sich schon früh über den amerikanischen Immobilienmarkt zu wundern begannen. Er war kein Experte, seine Spezialität waren Übernahmen seit seiner Zeit als junger Investmentbanker bei Bear Stearns in den achtziger Jahren. 1994 gründete er seinen eigenen Hedgefonds, er wurde reich wie so viele in der Branche. Aber Paulson hatte einen guten Blick dafür, wenn die Märkte sich von der Realität abkoppelten. Ende der neunziger Jahre verdiente er viel Geld, als er gegen die New-Economy-Blase wettete. Von 2005 an fragte er sich, welche seltsamen Geschäfte die Wall Street mit Hypotheken machte.
Schon als kleiner Junge lernte er von seinem Großvater, einem ehemaligen Wall-Street-Händler, dass sich viel Geld verdienen lässt, wenn man mehr Informationen besitzt: Er brachte ihm bei, Bonbons in der Großpackung einzukaufen und dann einzeln teurer weiterzuverkaufen.
Er begann in großem Stil Informationen über den amerikanischen Immobilienmarkt zusammenzutragen und kaufte Daten ein für rund zwei Millionen Dollar. Zunächst wollte er es nicht glauben, als er dabei entdeckte, "dass viele Banken so tief in risikoreichen Anlagen verstrickt sind, dass auch nur ein kleiner Rückgang ihres Wertes das Kapital auslöschen würde", so sagte er später.
Paulson beschloss, gegen den Immobilienmarkt zu wetten. Er spekulierte darauf, dass es eine riesige Finanzkrise geben würde, so groß, dass sogar Wall-Street-Größen dabei untergehen würden. Doch es dauerte lange, bis die Wette zustande kam. Nur wenige Investoren, gaben ihm Geld. Und kaum jemand wollte die Wette organisieren. Niemand wollte glauben, dass die Banken ihre Risiken selbst nicht richtig einschätzten. Schließlich aber fand Paulson vor allem zwei Banken: Goldman Sachs - und die Deutsche Bank.
Beide Institute konstruierten, teilweise nach Absprache mit Paulson, Wertpapiere, die verbunden waren mit faulen Hypotheken. Sie verkauften sie an Investoren weiter, die an deren stabilen Wert glaubten. Paulson auf der anderen Seite wettete gegen den Zusammenbruch genau dieser CDOs. Am Ende hatte Paulson seine große Wette laufen, ein hochkomplexes Geschäft mit Dutzenden von Finanzinstrumenten, die ihn schließlich auf einen Schlag zum erfolgreichsten Spekulanten der Finanzkrise machte.
Für Paulsons Wettgegner dagegen waren die Folgen eher unerfreulich. Die amerikanische Börsenaufsicht SEC ermittelte gegen Goldman Sachs wegen Betrugs an ihren Kunden, denen sie die Risiken weitergereicht hatte, die Bank zahlte schließlich außergerichtlich 550 Millionen Dollar, um einem Verfahren zu entgehen.
Die Deutsche Bank musste sich nicht vergleichen oder eine Strafe zahlen. Aber ihr Ruf hat erheblich gelitten. Immer wieder werden Vorwürfe laut, sie habe im Vorfeld der Finanzkrise allzu riskante Geschäfte gemacht - zu Lasten ihrer Kunden. Und zu Lasten des Staats: Am vergangenen Dienstag erhob die US-Regierung Klage gegen die Deutsche Bank und warf ihr "rücksichtslose Praktiken bei der Vergabe von Immobilienkrediten" vor, sie soll sich für diese dubiosen Geschäfte staatliche Garantien erschlichen haben.
Beim Deal mit CDOs gelang es der Bank jedoch nicht, alle rechtzeitig an Investoren weiterzuverkaufen, bevor deren Wert einbrach. Laut "Wall Street Journal" soll das Frankfurter Institut dadurch 500 Millionen Dollar verloren haben.
Doch diese Erfahrung hält das Institut offenbar nicht davon ab, weiterhin große Deals mit dem Super-Investor aufzulegen, wie das jüngste Geschäft zeigt. Allerdings minimierten die Banker dieses Mal das Risiko. Nachdem das Geschäft zustande gekommen war, verkauften sie ihre Position eilig an andere Investoren. Seit der Finanzkrise achten die Risikomanager rund um ihren Vorstand Hugo Bänziger darauf, dass die Investmentbanker nur noch kurze Zeit mit dem Geld der Bank ins Risiko gehen. Das gilt umso mehr, wenn es um Geschäfte mit dem erfolgreichsten Spekulanten der Welt geht.
Das war auch gut so. Denn wieder scheint es so, als hätte Paulson den richtigen Spürsinn und das Glück auf seiner Seite. Seit dem 31. Januar stieg der Goldpreis um 14, der Ölpreis sogar um 24 Prozent.
Von Christoph Pauly und Thomas Schulz

DER SPIEGEL 19/2011
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