07.05.2011

Ende eines Massenmörders

Von Darnstädt, Thomas; Höges, Clemens; Hoyng, Hans; Hujer, Marc; Mayr, Walter; Meyer, Cordula; Puhl, Jan; Rohr, Mathieu von; Rosenbach, Marcel; Sandberg, Britta; Schmitz, Gregor Peter

Es war die größte Menschenjagd der Geschichte: 18 Jahre lang suchten die Amerikaner den Terrorpaten Osama Bin Laden - und setzten Flugzeugträger, Satelliten und Drohnen ein. Zum Verhängnis wurden dem Qaida-Chef Hinweise aus dem Gefangenenlager Guantanamo.

Das Meer muss halbwegs friedlich gewesen sein am vergangenen Montagmorgen: Als es so weit war, gegen 11 Uhr Ortszeit, wehte laut Wetterprotokoll eine frische Brise aus Südwest über das Arabische Meer. Und irgendwo dort draußen vor der Küste Pakistans - die genaue Position ist amerikanisches Staatsgeheimnis - kreuzte der US-Flugzeugträger "Carl Vinson", angetrieben von seinen beiden Atomreaktoren, ein 332 Meter langer Stahlkoloss mit über 5500 Soldaten an Bord.

Die "Vinson" ist eine der mächtigsten Waffen, die Menschen je gebaut haben. Ihr Wappen zeigt den Buchstaben V - der auch für das Victory-Zeichen steht - und dazu einen angreifenden Weißkopfseeadler, das Wappentier der Vereinigten Staaten von Amerika. Im Hakenschnabel trägt der Adler ein Banner mit dem Motto des Schiffes: "Vis per mare" - Stärke entspringt dem Meer.

Und zu diesem Zeitpunkt schien sich der kühne Spruch wieder einmal bewahrheitet zu haben: Nur Stunden zuvor hatten Navy Seals, die Elitekämpfer der US-Marine, über 1000 Kilometer entfernt Amerikas Staatsfeind Nummer eins erschossen. Osama Bin Laden, der Führer der Terrorgruppe al-Qaida, starb im pakistanischen Abbottabad durch zwei Schüsse in Brust und Kopf. Nachdem sie mit Hilfe eines DNA-Vergleichs die Identität des Toten eindeutig festgestellt hatten, hatten die Amerikaner seine Leiche eilig auf die "Vinson" gebracht. Denn islamischer Ritus verlangt, dass Tote innerhalb von 24 Stunden bestattet werden.

John Brennan, jener Anti-Terror-Berater von US-Präsident Barack Obama, der als Erster aus dem inneren Zirkel des Präsidenten Einzelheiten des Kommandounternehmens bekannt machte, sollte sich wenig später in Washington schwer verhaspeln: "Die Entsorgung von - die Bestattung der Überreste von Bin Laden wurde in strikter Übereinstimmung mit islamischen Vorschriften und Riten durchgeführt."

Zuerst wuschen die Männer auf der "Vinson" den Toten also, dann hüllten sie ihn in weiße Baumwolle. Die Tradition verlangt drei Tücher, um den Körper gewickelt und mit einem Strick festgebunden. Die Hände des Toten sollen auf der Brust liegen. Ein Offizier las Koran-Verse auf Arabisch.

Eigentlich sollen verstorbene Muslime auf der rechten Seite liegend beerdigt werden, ohne Sarg in einem tiefen Erdloch, das Gesicht nach Mekka gewandt. Eine Seebestattung, darüber allerdings streiten die Experten noch, ist im Notfall wohl auch erlaubt.

Und die Amerikaner waren in Not. Keinem Land der Welt wollten sie es erlauben, dass Bin Ladens Grab dort zu einer Pilgerstätte von Terrorjüngern werden könnte. Den Leichnam ihres größten Gegners wurden die Amerikaner nicht wieder los. Deshalb schob nun eine kleine Gruppe von Männern auf der "Vinson" den Körper Bin Ladens in einen Sack, den sie mit Gewichten versehen hatten, damit der Tote nie wieder auftauchen wird. Den Sack legten sie auf ein Brett, das auf die See hinausragte. Dann hoben sie das Brett auf der Bordseite an, und die Leiche Osama Bin Ladens rutschte ins Meer. Das Arabische Meer ist sehr tief, an den meisten Stellen über 3000 Meter.

Damit endete die dramatischste und aufwendigste Menschenjagd der Geschichte, eine Jagd, die sich über mehr als 18 Jahre hinzog, und die mithalf, Erfolg und Misserfolg von drei US-Präsidenten zu definieren.

Bin Laden und die Attentate seiner Anhänger haben die Welt verändert. Von seinem Versteck in den Bergen Afghanistans aus hatte ein selbsternannter Gottesgelehrter, der das Reich des Kalifen auf Erden neu begründen wollte, seine willfährigen Assassinen gegen eine Großmacht losgeschickt und diese wieder und wieder gedemütigt.

Wie konnte es sein, dass der gigantische Sicherheitsapparat Washingtons es so lange nicht schaffte, diesen Mann zu fassen - einen Mann, der sich so groß und auffällig und unübersehbar auf jedem Foto abhob? Auf ebenjenen Bildern, die er selbst wie zur Verspottung seiner Jäger in aller Welt verbreiten ließ?

Eine Zeitlang war dieses Gesicht mit den großen dunklen Augen das bekannteste Gesicht der Welt, es prangte auf T-Shirts seiner Verehrer und den Fahndungsplakaten seiner Verfolger.

Über ein Jahrzehnt lang war Bin Laden der lebende Beweis dafür, dass die Supermacht, die im Kalten Krieg ihren einzigen ernstzunehmenden Rivalen, die Sowjetunion, in den Bankrott gerüstet hatte, verwundbar war durch den eisernen Willen eines fundamentalistischen Predigers und durch eine Handvoll zu allem, also auch zum Selbstmord bereiter Männer. Es war nicht einfach nur ein asymmetrischer Krieg, der zwischen diesem Bergpropheten und den Vereinigten Staaten entbrannt war. Es war ein Kampf, in dem sich das herausgeforderte Amerika bis zur Weißglut reizen ließ - bis es, im Verlauf der langen Jagd, die eigenen Prinzipien von Menschenrechten und Menschenwürde verriet.

Drei US-Präsidenten ließen Bin Laden hetzen, Bill Clinton, George W. Bush, Barack Obama. Und immer tiefer verstrickte Bin Laden die USA und ihre Verbündeten, auch Deutschland, in diesen Krieg. Er lockte die westlichen Staaten auf jenen "Friedhof der Großmächte" nach Afghanistan. Selbst einer der Feldherren dieses Kriegs, der amerikanische Verteidigungsminister Robert Gates, gibt heute zu, dass der Waffengang mit militärischen Mitteln nicht mehr zu gewinnen sein wird.

Viele Milliarden Dollar gaben die Amerikaner für die Jagd auf Bin Laden aus, sie schickten Flugzeugträger, U-Boote, Satelliten, Cruise Missiles und raketenbestückte Drohnen.

Und sie schickten ihre besten Kämpfer, Agenten und Elitesoldaten, in teilweise aberwitzige Operationen. Einige Male kamen sie Bin Laden ganz nahe, ohne es zu ahnen. Dann wieder konnten sie ihn sehen oder hören. Doch immer entwischte er ihnen. Und oft peinigte er sie, indem er einfach nur schwieg, monatelang, während Amerikas Agenten rätselten, ob er nun wohl tot sei.

Am Ende hatte Bin Laden seine Jäger so lange genarrt, dass seine Bedeutung inzwischen erloschen und er längst nicht mehr die Identifikationsfigur für Muslime in aller Welt war, die er zum Aufstand gegen den Westen, gegen "Kreuzritter und Zionisten" drängen wollte. Diese moderne muslimische Welt scheint den Alten vom Berge fast vergessen zu haben (siehe Seite 100). Ihre Reaktion nach seinem Tod: weitverbreitete Gleichgültigkeit.

So endet denn alles an den grünen Hügeln einer pakistanischen Garnisonsstadt, der das Erbe britischer Kolonialherren noch anzusehen ist und von der Anwohner behaupten, näher als hier könne man England in diesem Land nicht kommen. Hierhin, in die weitaus lieblicheren Ausläufer des Himalaya, führten die Fluchtwege aus der rauen Bergwelt des Hindukusch. Hier, hinter den hohen, unverputzten Mauern seiner mit Stacheldraht bewehrten Festung, die gar keine Villa war, wie es zunächst geheißen hatte, sondern ein schlicht verputztes Haus, hoffte er darauf, nicht weiter aufzufallen. Eine Million Dollar habe die Anlage gekostet, behaupten die Amerikaner, wohl um den Terrorpapst als einen Heuchler darzustellen, der im Luxus schwelgte. Für das relativ schlichte Haus habe der Besitzer allenfalls 250 000 Dollar zahlen müssen, sagen Nachbarn. Traumhäuser sehen anders aus, das Gebäude ist umgeben von Gemüsefeldern, hier und da liegen Häute verendeter Schlangen.

In der Nähe leben fromme Muslime, die züchtig gekleideten Frauen vor fremden Blicken geschützt. Hier haben Geländewagen abgedunkelte Fenster im Fond, durch die niemand die Insassen erkennen kann. In der 150 000-Einwohner-Stadt Abbottabad, in der viele pensionierte Generäle der pakistanischen Armee ihren Ruhestand und das milde Klima genießen, war auch medizinische Hilfe erhältlich für den offenbar nierenkranken Flüchtling.

Hier allerdings, in Sichtweite von Pakistans wichtigster Ausbildungsstätte für das Militär, hätte Bin Laden auch auffallen müssen. Einmal, im Jahr 2008, so geht aus von WikiLeaks veröffentlichten Dokumenten hervor, waren sogar amerikanische Soldaten nur wenige hundert Meter von Bin Ladens Haus entfernt stationiert, weil sie die Ausbildung von Grenzwächtern beaufsichtigen sollten. Soll er hier wirklich, was viele Amerikaner nicht glauben können, ohne Hilfe pakistanischer Unterstützer gelebt haben?

In den letzten zwei Monaten haben Volkszähler die Häuser in der Umgebung aufgesucht und die Namen aller Bewohner notiert. An allen Häusern haben sie eine entsprechende Markierung hinterlassen, nur an Bin Ladens Haus nicht. Warum? Obamas Berater Brennan sagt: "Es ist unvorstellbar, dass er keine Unterstützung aus Teilen des pakistanischen Sicherheitsapparats hatte." Pakistans Premierminister Yousuf Raza Gilani sagt: "Jeder, der glaubt, wir hätten Bin Laden versteckt, ist farbenblind" (siehe Seite 94).

Und auf dieses Anwesen, dessen Bilder ins Lagezentrum des Weißen Hauses überspielt wurden, starrten Präsident Obama und seine engsten Mitarbeiter, als sie am Sonntagnachmittag den Erklärungen von CIA-Chef Leon Panetta lauschten. Der erläuterte aus seinem Hauptquartier in Langley heraus, was sich gerade auf der anderen Seite der Welt abspielte. Er berichtete, wie einer der Hubschrauber, die Bin Ladens Festung anflogen, absackte, er ließ seine Zuhörer daran teilnehmen, wie die Navy Seals das Haus Bin Ladens stürmten. Und dann sahen und hörten sie, wie die Teilnehmer der Runde später zugaben, für lange Zeit gar nichts mehr. Die "Minuten waren wie Tage", berichtet Brennan hinterher.

Endlich das erlösende Wort. Einer der Marinekämpfer hatte es in sein Mikro gerufen: "Geronimo EKIA".

Geronimo - nach dem 1909 gestorbenen Apachen-Häuptling, den das US-Militär ebenfalls über lange Jahre nicht hatte fassen können, war der Zugriff benannt. Und EKIA stand in der abkürzungsbesessenen Sprache der US-Militärs für "enemy killed in action", Feind im Gefecht getötet. Obama sprach als Erster in die Stille danach: "Wir haben ihn."

Die Jagd war beendet.

Begonnen hatte diese Jagd schon Mitte der neunziger Jahre, aber, das geht aus Berichten von Zeitzeugen sowie aus Dokumenten hervor, die WikiLeaks veröffentlicht hat, sie wurde in jenen Jahren nur halbherzig und stümperhaft betrieben. Was nicht an den CIA-Agenten lag, die in der "Bin Laden Unit" Profile erstellten, abgehörte Telefongespräche auswerteten und Aufenthaltsorte Bin Ladens analysierten. Sie wussten um die Bedrohung, die von dem einst saudi-arabischen Millionärssohn, der sich dem Dschihad verschrieben hatte, ausging.

"Alle anderen aber hielten uns für verrückt", sagt Michael Scheuer, der die Bin-Laden-Einheit der CIA zu jener Zeit leitete. Dabei fand im Februar 1993 in New York der Prolog zum 11. September statt: der erste Anschlag auf das World Trade Center, geplant und ausgeführt von den späteren 9/11-Architekten, dem Pakistaner Chalid Scheich Mohammed, und dem blinden Scheich Abdul Rahman. Von beiden führen Verbindungen zu Bin Laden.

Doch die amerikanische Regierung ignorierte über lange Zeit die frühen Warnungen. Bin Laden, das sei doch nichts als ein Verrückter, eingewickelt in ein weißes Bettlaken, soll Präsident Bill Clinton noch 1996 gesagt haben. Wegen dieses Kerls müsse man sich keine Sorgen machen. Damals lebt Bin Laden noch im Sudan. Doch der sudanesischen Regierung werden die Aktivitäten des unbequemen Islamisten unheimlich, sie will ihn des Landes verweisen. Sowohl Saudi-Arabien wie auch die USA lehnen Auslieferungsangebote ab.

Und so vergeben die Amerikaner die entscheidende Chance, den Mann, der in den folgenden Jahren ein weltweites Terrornetz aufbauen und ihnen den Krieg erklären wird, auf amerikanischem Boden beobachten und kontrollieren zu können. Bin Laden entzieht sich seinen Jägern von der CIA, er flieht in die unkontrollierbare Bergwelt Afghanistans. Auf einer staubigen Landepiste in der Nähe Jalalabads steigt sein ganzer Hofstaat aus dem Privatjet: drei Ehefrauen, 13 Kinder, Leibwächter, Berater, arabische Kämpfer und pakistanische Koranschüler.

Im August desselben Jahres veröffentlichte der Terrorchef eine 20-seitige Fatwa gegen die Amerikaner, zwei Jahre später lässt er Bomben vor den US-Botschaften in Kenia und Tansania explodieren. 224 Menschen sterben, mehr als 5000 werden verletzt. Zum ersten Mal stellt die Qaida ihre Schlagkraft unter Beweis.

Zwei Jahre nachdem Clinton die Auslieferung Bin Ladens an die USA abgelehnt hat, erteilt der Präsident den Befehl, ihn zu töten.

"Wir hatten damals Geheimdiensthinweise, dass Bin Laden ein Treffen an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit hatte, und wollten deshalb mit Cruise Missiles angreifen", sagte vergangene Woche Richard Clarke, der erste Sonderbeauftragte Washingtons für die Terrorabwehr, zum SPIEGEL. Mit einem Kollegen ging Clarke zu Clinton: "Schauen Sie, Mr. President, wir wissen, dass es kein guter Zeitpunkt ist", so begann er das Gespräch. Gegen Clinton wurde damals wegen seiner Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky ermittelt. Ein Angriff, so die Bedenken, könne so aussehen, als wolle er von den Ermittlungen ablenken.

Clinton wurde wütend, sehr wütend: "Das geht euch nichts an. Wir werden das tun, und es ist egal, was in meinem Privatleben passiert."

Tage später starteten von US-Kriegsschiffen aus rund 80 Cruise Missiles. Sie trafen Trainingslager der Qaida in Afghanistan und eine Fabrik im Sudan, in der Bin Laden angeblich Giftstoffe herstellen ließ. Doch die Fabrik war harmlos und Bin Laden längst nicht mehr in dem Qaida-Camp. Der erste Versuch, ihn zu töten, schlug fehl, wie so viele andere nach ihm.

Die Jagd auf den Mann, den George W. Bush wenige Zeit später "tot oder lebendig" haben will, versickerte zunehmend in bürokratischem Kompetenzgerangel. Erst die Anschläge des 11. September, Bin Ladens Großangriff auf die Großmacht Amerika, veränderten endlich den Kurs. Nun schickte Cofer Black, Anti-Terro-Chef der CIA, seine Agenten mit eindeutiger Order nach Afghanistan: "Holt ihn euch, ich will seinen Kopf in einer Schachtel."

Mit Hilfe geheimer US-Dokumente, den Gefangenenakten aus Guantanamo und den auch im SPIEGEL veröffentlichten Botschaftsdepeschen, lässt sich nun genauer als je zuvor rekonstruieren, wie Bin Laden seinen Jägern immer wieder entkam. Die "Detainee Assessments", Gefangeneneinschätzungen zu jedem einzelnen Insassen des Lagers, enthalten neue Details, lauter kleine Puzzlesteine, verteilt über Hunderte Seiten, aus denen sich ein neues Bild ergibt.

Besonders aufschlussreich sind die Erzählungen eines Jemeniten namens Salim Ahmed Hamdan, jenes Fahrers Bin Ladens, der, so glauben die Amerikaner, wohl auch sein Leibwächter war.

In seiner Guantanamo-Akte heißt es, er sei ein "hochgefährlicher" Gefangener, der viel wisse über Bin Ladens Familie und dessen Zufluchtsorte. Hamdan gilt den Amerikanern auch deshalb als wertvolle Quelle, weil er viel über das Verhalten der Qaida-Spitze rund um den 11. September berichten kann. Er weiß einiges über Treffpunkte und Fluchtrouten.

Obwohl die Amerikaner und ihre Alliierten den Feldzug gegen Kabul im Oktober 2001 bereits begonnen haben, kann sich der Qaida-Chef noch relativ frei bewegen.

Das ändert sich erst im November 2001. Hamdan, so erzählt er seinen Vernehmern, erhielt den Auftrag, drei Ehefrauen Bin Ladens aus Kandahar fort und in Sicherheit zu bringen. Er fuhr sie zur afghanisch-pakistanischen Grenze.

Bin Laden selbst floh über Jalalabad ins Bergmassiv Tora Bora. Er kannte die wilde Gegend gut, er liebte sie, zu Zeiten des Dschihad gegen die Sowjets hatte er sich mit Kämpfern dorthin zurückgezogen. Auf einem Hügel im Vorgebirge stand sein Haus, aus Lehm und Stein, mit einem primitiven Swimmingpool. Und vor allem ist Tora Bora eine natürliche Festung, durchzogen von Höhlen, ideal für einen harten Kampf.

Doch die CIA war Bin Laden und seinen Kämpfern auf der Spur: Ein Team von zunächst vier, dann acht Männern folgte ihm. Schon bald orteten sie die Qaida-Truppen, vielleicht 700 Mann, geschützt von Maschinengewehr-Nestern. "Wir haben sie", funkten sie an ihren Chef, Gary Berntsen.

Die CIA-Männer riefen die US-Bomber. Über rund 56 Stunden hinweg warfen die mehr als 1100 Präzisionsbomben ab.

Die Agenten wussten, dass Bin Laden da war: Einem Toten hatten sie ein Walkie-Talkie abgenommen, von da an konnten sie den Scheich hören, er betete, er gab Befehle, und sie wussten, dass er es war. Sie hatten einen Arabisten dabei, der die Stimme Bin Ladens seit Jahren kannte. Sie wussten auch, dass dieser sich an seiner linken Schulter schwer verletzt hatte.

Sie sahen schnell, dass sie Bodentruppen brauchen würden, um Bin Laden alle Fluchtwege abzuschneiden. 800 Ranger wollte Berntsen haben. Er habe neben den eigenen Leuten ungefähr 2000 angeheuerte Afghanen, Tagessatz 100 bis 150 Dollar pro Mann, denen die Amerikaner nicht trauten.

Neben den Agenten und den Afghanen waren zu dieser Zeit nur rund fünf Dutzend amerikanische und britische Elitesoldaten in Tora Bora. Teams aus Scharfschützen rückten vor, sie verkrochen sich in Felsspalten oder kleinen Höhlen und warteten.

Anderthalb Tage später meldete sich einer der Kämpfer per Funk: Er habe Bin Laden gesehen, es wäre gut, das ganze Team zusammenzuziehen. Doch sein Teamchef weigerte sich, es schien ihm zu riskant.

Dennoch setzten die Bombardements Bin Ladens Kämpfern und ihm schwer zu. Lebensmittel und Wasser wurden knapp. Manchmal ließen die Streitkräfte aus dem Westen Nachschub für die Islamisten durch. Und dann bombardierten sie die Stelle, an der sich die Kämpfer das Essen holten wollten.

Am 13. Dezember war Bin Ladens Stimme noch einmal über das Funkgerät zu hören. Er bat um Vergebung dafür, dass er seine Krieger in diese Schlacht geführt hatte, wer sich ergeben wolle, habe seine Erlaubnis. Er wolle den Kampf an "neuen Fronten" fortsetzen.

Über Bin Ladens eigene Flucht aus Tora Bora gab es bislang vor allem Spekulationen - nun finden sich neue Hinweise in den geheimen Guantanamo-Dokumenten der Amerikaner.

So berichtete der Gefangene mit der Nummer 3148, er habe zu einer Gruppe gehört, die den Auftrag hatte, Bin Laden aus Tora Bora herauszuholen.

Die Gruppe habe dann aber den Funkkontakt verloren und es nicht bis ins Bergmassiv geschafft. Der Terrorchef wurde von einem anderen Kämpfer aus der Festung geführt, gemeinsam mit seinem Stellvertreter Aiman al-Sawahiri. Die Fluchthelfer mussten ihm sogar Geld borgen: 7000 US-Dollar habe er ihm gegeben, berichtet einer von ihnen.

Den Guantanamo-Aussagen zufolge kam Bin Laden zunächst bei einem langjährigen Unterstützer in der Gegend von Jalalabad unter. Jahrelang waren die Amerikaner davon ausgegangen, dass sich der Gesuchte direkt nach Pakistan abgesetzt hatte.

Ende Dezember 2001 trat Bin Laden noch einmal öffentlich in Erscheinung - auf einem 34-minütigen Video. Sichtlich von den Strapazen gezeichnet, sprach er darin auch über seinen eigenen Tod: "Ob ich lebe oder sterbe, der Kampf wird weitergehen."

Vom Haus seines Unterstützers ist Bin Laden dann wohl in die afghanische Provinz Kunar weitergereist. Diese Information steht in der Guantanamo-Akte seines Gastgebers. Seinem Helfer soll Bin Laden zuvor schon 100 000 Dollar überreicht haben - die dieser als Fluchthilfe für andere Kämpfer weiterverteilen sollte.

In Kunar verliert sich seine Spur, angeblich, so Aussagen in den Gefangenenakten, habe er die Provinz nach zehn Monaten verlassen, also erst im Herbst 2002, dann wohl in Richtung Pakistan.

In der letzten Märzwoche 2003 konnte sich Bin Laden zum ersten Mal wieder mit seinen Führungsleuten treffen. Ein pakistanischer Journalist, der ihn interviewte, sagt: "Er war sehr glücklich. Er sagte, die Pechsträhne sei vorbei, und man werde eine neue Basis im Irak bekommen."

Im Winter 2004 kam ihm eine Patrouille der Amerikaner in den Bergen an der Grenze zu Pakistan gefährlich nahe, als einer seiner Wachtposten die Amerikaner meldete. Angeblich, so die Aussagen eines Qaida-Mannes, waren sie schon kurz davor, Bin Laden in Sicherheit zu bringen.

Notfalls, so der Mann, hätten sie ihren Führer erschossen. Sollte die Gefahr bestehen, dass sie gefangen werden, so hatte Bin Laden wohl angeordnet, sollten seine Leute kämpfen bis zuletzt und dann auch ihn "zum Märtyrer machen". Aber schließlich drehte die Patrouille ab. "Wir schossen damals in die Dunkelheit des Weltraums", gab später der ehemalige CIA-Mann Bruce Riedel zu, "die Chancen, etwas zu treffen, waren gleich null."

Manche US-Spezialisten nannten Bin Laden bald nur noch "Elvis", weil er immer mal angeblich gesichtet, aber nie gefunden wurde. Ende 2005 schloss die CIA ihre sogenannte Alec-Einheit aus Spezialisten, die nichts anderes machten, als Informationen über Bin Laden und die Qaida zu sammeln - schließlich habe sich die Struktur der Organisation geändert. Bin Laden schien nicht mehr so wichtig.

Zugleich wurde die Zusammenarbeit mit den Pakistanern schwieriger. Immerhin, 2003 gelang den pakistanischen Geheimdienstlern noch ein richtiger Coup: Sie schnappten den Chefplaner der Anschläge, Chalid Scheich Mohammed. Und nach zwei Attentaten auf den damaligen Präsidenten Pervez Musharraf wagte sich dessen Armee ausnahmsweise in die Gebiete fundamentalistischer Stämme im Nordwesten, bei denen auch Bin Laden vermutet wurde.

Aber meist konnten seine Anhänger die Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan passieren, wann immer ihnen der Sinn danach stand. Beim pakistanischen Geheimdienst ISI gab es offenbar eine Reihe von Sympathisanten Bin Ladens.

Vieles ging nun richtig schief. Bei einer Operation in der Kunar-Provinz 2005 umstellten Qaida-Kämpfer vier US-Elitekämpfer, nur einer überlebte.

Am 30. Dezember 2009 wähnen sich die CIA-Leute ihrem Ziel zum ersten Mal seit langer Zeit wieder ganz nah. Sie werden an diesem Tag eines ihrer größten Desaster bei der Jagd auf Bin Laden erleben.

Ein Informant hat sich in der CIA-Operationszentrale Camp Chapman in Afghanistan angesagt: Er wisse einen Weg zu Bin Ladens Stellvertreter Sawahiri, man müsse reden. Zu Jahresbeginn haben Kollegen vom befreundeten jordanischen Geheimdienst den Islamisten Humam Chalil al-Balawi umgedreht und zum Doppelagenten gemacht.

Balawi, 32, hatte in Istanbul Medizin studiert. Die CIA und die Jordanier schickten ihn nach Afghanistan: Er sollte sich in die Qaida einschleichen und bis in die Führungsspitze vorarbeiten.

Camp Chapman ist mit drei Ringen aus Stacheldraht und Wachtürmen schwer gesichert. Die CIA-Agentin Jennifer Matthews leitet hier die Zielplanung. Zuvor war sie zehn Jahre lang bei den besten Bin-Laden-Experten, die der Dienst hatte. Matthews ist aufgeregt, bisher waren Balawis Informationen erstklassig. Sie geht auf Balawi zu, als er kommt, der Informant wurde bei der Einfahrt nicht kontrolliert. Neben Matthews stehen noch vier weitere Qaida-Experten der CIA sowie ein jordanischer Geheimoffizier.

Als sein Wagen ins Innere des Camps rollt, sieht Balawi sofort, wo die wichtigen Leute stehen: Agentin Matthews und ihre Experten. Er zündet seinen Sprengstoffgürtel, die fünf Bin-Laden-Jäger sterben, ebenso der Jordanier und die Wachleute. Es ist der schlimmste Verlust für Amerikas Geheimdienste seit 26 Jahren.

Eine der Spuren, die Osama Bin Laden letztendlich zum Verhängnis werden sollen, führt ausgerechnet zu einem Mann, den er einst persönlich ausgesucht hat. Mohammed al-Kahtani sollte der 20. Flugzeugentführer des 11. September sein, auf Bin Ladens persönlichen Wunsch.

Mohammed Atta, der Anführer der Hamburger Attentätergruppe, wollte ihn sogar vom Flughafen in Orlando abholen. Doch die Einreisebeamten ließen den Saudi-Araber Kahtani nicht ins Land.

Kahtani kämpft stattdessen in Afghanistan, am 15. Dezember 2001 nehmen ihn pakistanische Soldaten fest und übergeben ihn den Amerikanern.

Er kommt nach Guantanamo. Dort muss Kahtani entwürdigende Verhörtechniken und Prozeduren über sich ergehen lassen, er muss einen Büstenhalter tragen und Hundetricks vorführen. Hochrangige US-Militärs lehnen es später sogar ab, Kahtani vor ein Militärgericht zu stellen. Die Begründung: Seine Aussagen seien unter Folter zustande gekommen und deswegen nicht verwertbar.

Es ist nicht mehr als ein interessantes Detail, das er preisgibt, aber es hilft, die letzte Phase der Jagd in Gang zu setzen. Vor seiner Entsendung nach Amerika habe ihn Chalid Scheich Mohammed, der Chefplaner der Anschläge vom 11. September, am Computer ausbilden lassen, so erzählt er es, von einem Mann namens Abu Ahmed al-Kuwaiti.

Es ist wieder nur eines von Tausenden Details, ein früher Mosaikstein in einem Wust von nutzlosen und widersprüchlichen Informationen zu al-Qaida. Die Jagd auf Bin Laden ist ein Puzzle, aber eines, bei dem die Ermittler immer fürchten müssen, zu spät zu kommen, einen Anschlag nicht verhindert zu haben. Diese Furcht treibt sie an.

Abu Ahmed al-Kuwaiti könnte ein wichtiger Mann innerhalb der Qaida gewesen sein, das ist die Vermutung der Ermittler, die Ausgangsbasis.

Als sie Scheich Mohammed nach Abu Ahmed fragen, wahrscheinlich in dem CIA-Gefängnis in Polen, in das sie ihn nach seiner Festnahme brachten, antwortet der, er kenne zwar einen Mann dieses Namens, der habe aber nichts mit al-Qaida zu tun. Das macht die Fahnder misstrauisch. Sie bohren genauer nach. Aber erst viel später kommt ein Puzzleteil ans Licht, das zum ersten passt. Am 23. Januar 2004 nehmen kurdische Einheiten nahe der irakischen Grenze zu Iran den Qaida-Boten Hassan Ghul fest.

Präsident George W. Bush lobt dessen Festnahme als Erfolg im Kampf gegen den Terror. Vermutlich wird auch Ghul in dem geheimen CIA-Gefängnis in Polen festgehalten und verhört. Trotzdem tauchen in den geheimen Guantanamo-Akten seine Aussagen nun wieder auf.

"Qaida-Verbindungsmann Hassan Ghul sagte, dass Kuwaiti mit Osama Bin Laden gereist ist", so heißt es in den Dokumenten. Ein zweiter Hinweis darauf, dass dieser Mann Bin Laden nahe ist. Kuwaiti sei außerdem die rechte Hand von Abu Faradsch al-Libi gewesen, dem Nachfolger von Chalid Scheich Mohammed als Nummer drei bei al-Qaida, auch das sagt Ghul aus. "Hassan Ghul war der Wendepunkt", sagt ein US-Beamter heute.

Aber damals rätseln die Ermittler. Wer ist dieser Kuwaiti? Gibt es ihn noch?

In einem Guantanamo-Dokument vom Januar 2008 schreiben die Terrorbekämpfer: "Abu Ahmed al-Kuwaiti war ein Qaida-Agent der mittleren Ebene, der wichtigen Qaida-Mitgliedern half, sich zu bewegen und ihnen sichere Häuser für sich und ihre Familien zu beschaffen". Eine ziemlich präzise Beschreibung des Mannes also, der später auch den wichtigsten Mann der Qaida verstecken sollte.

Am 30. Oktober 2008 kennen ihn die amerikanischen Terrorbekämpfer schon genauer. "Er arbeitete in einem Qaida-Haus, das KU 10024 in Kandahar betrieb, und diente als Kurier", heißt es in der Geheimakte. KU 10024 ist das Kürzel für Scheich Mohammed. In derselben Akte heißt es, al-Kuwaiti sei auch in Tora Bora gesehen worden und habe womöglich Osama Bin Laden dort begleitet.

Im Mai 2005 wird auch die damalige Nummer drei der Qaida, Abu Faradsch al-Libi, festgenommen. Die CIA verhört ihn, zuerst in einem Geheimgefängnis, später kommt er nach Guantanamo. Auch Libi redet. Im Juli 2003 habe er einen Brief von Osama Bin Ladens Kurier bekommen, er solle nach Pakistan reisen.

Die Vernehmer fragen nach dem Namen des Kuriers. Libi nennt den Namen: "Maulawi Abd al-Chalik Dschan." Viel spricht dafür, dass er sich einen Phantasienamen ausgedacht hat und dieser Kurier in Wahrheit Abu Ahmed al-Kuwaiti ist.

In einer anderen Sache ist Libi weniger vorsichtig. 2003, so erzählt er, sei er nach Abbottabad gezogen. Es ist wohl das erste Mal, dass der Name Abbottabad fällt. Es wird noch Jahre dauern, bis die US-Geheimdienste die Zusammenhänge herstellen können. Aber das Netz zieht sich zu.

Womöglich hat Libi in Abbottabad schon den Bau der Bin-Laden-Festung vorbereitet, bis 2004 war er dort. Vermutlich rückten 2005 die Bagger an.

2007 sind die Behörden endgültig sicher, einen Bin-Laden-Kurier identifiziert zu haben. Und höchstwahrscheinlich ist es Abu Ahmed. 2009 können sie erstmals die Gegend einkreisen, in der Abu Ahmed mit seinem Bruder operiert.

Heute weiß man: Die Jagd auf Bin Laden war nur dank dieser winzigen Informationsfetzen erfolgreich, die Gefangene in Guantanamo und geheimen CIA-Gefängnissen preisgegeben haben. Hardliner sehen das als nachträgliche Rechtfertigung ihrer Verhörmethoden, die zum Teil schlicht Folter waren. "Wir mussten dafür ordentlich Schelte einstecken, aber es hat zu diesem großartigen Tag geführt", sagt Marty Martin, ein pensionierter CIA-Mann, der jahrelang die Jagd auf Bin Laden geleitet hat. "Es wird immer eine offene Frage bleiben, ob wir die gleichen Informationen auch auf andere Art erhalten hätten", sagt, leicht resignierend, Geheimdienstchef Panetta.

Mitte vergangenen Jahres macht Abu Ahmed womöglich einen entscheidenden Fehler. Er telefoniert mit jemandem, der von den Amerikanern überwacht wird. Im Juli 2010 fahren Pakistaner, die für die CIA arbeiten, einem weißen Suzuki hinterher, der durch die Straßen von Peschawar kurvt. Sie schreiben das Nummernschild auf. In dem Auto sitzt Abu Ahmed.

Die Verfolger sind vorsichtig. Schließlich darf der Mann keinen Verdacht schöpfen. "Wir mussten eine ausgeklügelte Überwachung beginnen", sagt ein hochrangiger US-Beamter. "So konnten wir ihn dann doch bis zu dem eingezäunten Gelände verfolgen." Es liegt 50 Kilometer nördlich von Islamabad. Zunächst geht es in die Garnisonsstadt Abbottabad. Und dann Richtung Norden in die Berge, am Karakorum Highway vorbei, dann eine Abzweigung bis an das Ende eines Schotterwegs, ganz nah an der Militärakademie.

"Das war der Heureka-Moment", sagt ein Beamter. Dort steht ein gewaltiges Haus, von einer Mauer umgeben, die mehrere Meter hoch ist. Es gibt Tore und Sicherheitsschleusen. Man kann von außen nicht in die Fenster sehen. Auf der Terrasse im zweiten Stock des Hauses steht eine mehr als zwei Meter hohe Sichtblende. Auch ein großer Mensch auf der Terrasse wäre von außen nicht sichtbar. "Als wir das Gelände sahen, waren wir geschockt", sagt der Beamte. "Es war einzigartig." Die Agenten, die erstmals die Festung sehen, ahnen sofort: Hier wohnt kein Kurier, dazu ist das Haus viel zu teuer. Sie sind sicher: "Das Haus ist speziell gebaut worden, um jemand Wichtiges zu verstecken." Eine Satellitenschüssel steht im Garten. Und die amerikanische Lauschbehörde National Security Agency findet heraus: Es gibt kein Telefon und keinen Internetanschluss in dieser Anlage.

Es gibt auch keinen Müll. Die Bewohner verbrennen ihn innerhalb der Mauern. CIA-Direktor Leon Panetta drängt seine Agenten, ihm genaue Informationen über die Bewohner zu liefern. Das Ergebnis: Der Kurier lebt dort und auch sein Bruder. Beide mit ihrer Familie. Und dann lebt da noch eine dritte Familie.

Der einzige Nachbar, der das ansonsten hermetisch abgeriegelte Gelände mit seinen offenbar etwas seltsamen Bewohnern mehrfach betreten haben will, ist der Junge Amjad. "Manchmal war ich ein- bis zweimal pro Woche drüben", erzählt der Elfjährige, der mit seinen Eltern ein nahe gelegenes Haus bewohnt. "Ich traf dort einen alten Mann mit Bart, der zwei Frauen hatte. Eine davon sprach Arabisch, die andere Urdu. Und dann waren da noch drei Kinder, ein Mädchen und zwei Jungen, mit denen ich mich traf. Sie waren sehr nett und schenkten mir zwei Kaninchen."

Wie lange der bärtige Alte und die anderen dort schon gewohnt haben? Der Junge zuckt mit den Schultern, er kann sich nicht erinnern. Zu einem zweiten Gespräch am vergangenen Mittwoch erscheint er nicht mehr. Zusammen mit seiner ganzen Familie sei er, so verlautet aus der Nachbarschaft, von pakistanischen Sicherheitskräften "in Gewahrsam genommen" worden.

Die CIA weiß, dass Bin Laden aus Vorsicht auf die Benutzung von Telefonen verzichtet. Wenn er überhaupt kommunizieren will, dann über Kuriere. Diesen Kurieren zu folgen war "der einzige Weg", Bin Laden zu finden, sagt Terrorismusexperte Peter Bergen.

Im September 2010 berichten CIA-Angehörige US-Präsident Obama von dem seltsamen Haus in Abbottabad. Sie sagen ihm, dass ein hochrangiger Qaida-Mann dort wohnen könnte.

Später trifft CIA-Chef Leon Panetta Obama, Vizepräsident Joe Biden, Außenministerin Hillary Clinton und Verteidigungsminister Robert Gates. "Alle waren elektrisiert", sagt ein Regierungsmitarbeiter, der dabei war, der "New York Times". "So lange haben wir versucht, ihn aufzuspüren. Und auf einmal ist er da."

Aber die Agenten sind sich nicht sicher. Was, wenn sie sich irren? Panetta will Fotos, drängt die National Geo-spatial Intelligence Agency, Überwachungsbilder zu machen, die Bin Laden identifizieren.

Im Februar 2011 ruft CIA-Chef Panetta den Kommandeur der Vereinigten Spezialkommandos, Vizeadmiral William McRaven, in die CIA-Zentrale in Langley. Er weiht ihn ein, zeigt ihm die Bilder des Geländes. McRaven gibt Panetta drei Optionen: einen Angriff mit Kommandoeinheiten aus Hubschraubern, einen Luftangriff mit B-2-Bombern und eine gemeinsame Aktion mit pakistanischen Agenten.

Am 14. März ruft Obama den Nationalen Sicherheitsrat zusammen. Panetta stellt die drei Optionen vor. Zuerst ist das Bombardement der Favorit. Spezialisten rechnen aus, dass 32 Bomben abgeworfen werden müssten. Bin Laden könnte trotzdem entkommen, und selbst wenn er tot sei, wäre seine Leiche pulverisiert. Das will Obama nicht. Vieles spricht für den Angriff per Helikopter.

Sofort ruft dieser Plan Erinnerungen an die größten Demütigungen der Supermacht wach. Am 24. April 1980 musste Präsident Jimmy Carter die Rettung der US-Geiseln in der amerikanischen Botschaft in Teheran abbrechen, weil es zu viele technische Probleme mit den Hubschraubern gab. Zudem kollidiert ein Helikopter mit einem Flugzeug - beide explodieren. Acht US-Soldaten sterben, ohne dass eine einzige Geisel befreit wurde - ein Misserfolg, den die Amerikaner Präsident Jimmy Carter anlasteten.

Im Oktober 1993 liegen wieder Hubschrauber der Amerikaner am Boden. Ein Angriff auf Hauptleute des somalischen Warlords Mohammed Farah Aidid war in Mogadischu gescheitert. Zwei "Black Hawk"-Hubschrauber werden abgeschossen. Die zurückgebliebenen Spezialkräfte der Delta Forces und Navy Seals sind eingeschlossen. Die Einheit, die sie retten soll, verfährt sich. 18 Soldaten sterben. Das war die Vorlage für den Film "Black Hawk Down", der zwei Oscars bekam.

Es ist ein Trauma. Die Amerikaner fürchten, dass sich ein ähnliches Desaster wiederholen könnte. "Es gab kein einziges Treffen, bei dem nicht jemand 'Black Hawk Down' erwähnt hat", sagt einer, der dabei war. Und es gibt jede Menge Treffen, allein neun geheime Konferenzen im Oval Office mit Obama während der vergangenen sieben Wochen.

Die Aufgabe, Bin Laden zu erledigen, geht nun an das Team Six der Seals, eine Gruppe von Elitesoldaten der Navy für Terrorismusbekämpfung und Geiselbefreiung. Schon die Seals sind eine harte Truppe, bis zu 80 Prozent der Bewerber scheitern an der "Höllen-Woche", in der sie kaum schlafen dürfen und ständig malträtiert werden. Doch das Team Six ist noch einmal eine andere Nummer. Nur die Härtesten werden hier aufgenommen, rund 200 Einsatzkräfte dürfte die Einheit stark sein. Der offizielle Name der Einheit lautet: Naval Special Warfare Development Group, aber an ihrer Heimatbasis in Dam Neck, Virginia, heißen sie bloß Devgru. Ihre Namen dürfen nicht genannt werden. Zu Spezialeinsätzen gibt die Regierung nie einen Kommentar ab.

Ein Devgru-Trupp befreite beispielsweise den Kapitän des Containerschiffs "Maersk Alabama" aus der Hand somalischer Piraten, indem die Seals drei Seeräuber zeitgleich erschossen. Seal heißt auf Englisch Seehund, es steht auch für Sea, Air and Land, über 2000 solcher Spezialisten kämpfen für Amerika.

Im April beginnt ein Team von Devgru mit Vorbereitungen für den Angriff in Abbottabad. Dafür bauen sie sogar die Anlage in Afghanistan nach. Ihr Ziel bekommt den Codenamen Geronimo.

Am Dienstag, dem 26. April, bestellt CIA-Chef Panetta 15 seiner Fachleute ein. Sie arbeiten nicht am Projekt, aber er stellt ihnen seine Erkenntnisse und seine Pläne vor. Panetta ist ein Profi, er weiß, dass Gruppen sich verrennen können, so sehr, dass sie blind werden für das Offensichtliche. Diese Falle will er vermeiden. Doch die Profis haben keine Bedenken. Die Operation kann beginnen.

Am Mittwoch, dem 27. April, veröffentlicht Obama seine Geburtsurkunde. Er will die Spekulationen um seine Staatsbürgerschaft beenden. Solche "Dummerhaftigkeiten" lenkten das Land von wichtigeren Dingen ab, schimpft er. Am Donnerstag, dem 28. April, sitzt er wieder mit seinen Sicherheitsberatern zusammen. Sie überlegen. Auf noch bessere Beweise warten oder losschlagen? Die Entscheidung liegt beim Präsidenten. Obama sagt, dass er noch nachdenken möchte.

Am Freitag ruft er morgens um acht drei enge Mitarbeiter in den Diplomatic Room im Weißen Haus. "Wir machen es." Dann fliegt er in den Bundesstaat Alabama, der von Tornados verwüstet ist. Er hat seine Familie dabei, tröstet Katastrophenopfer. Seine Mitarbeiter planen weiter die Kommandoaktion. Die wird wegen schlechten Wetters auf Sonntag verschoben.

Am nächsten Tag findet das White House Correspondent's Dinner statt, ein wichtiger Tag in Washington. Obama bereitet sich auf die traditionelle Rede vor. Zwischendurch ruft er Vizeadmiral McRaven an, um ihm Glück zu wünschen. Abends hält Obama im Smoking seine Rede und scherzt über den Republikaner Donald Trump. Kein Mitglied des in voller Stärke versammelten Washingtoner Pressecorps ahnt auch nur irgendetwas.

In Washington ist am Sonntag schönes Wetter. Obama spielt wie sonst auch auf der Andrews Air Force Base Golf. Aber nur 9 Löcher statt 18. Noch in Golfschuhen kommt er am Nachmittag zurück ins Weiße Haus. Dort sind alle Touren für Gäste abgesagt. Das Weiße Haus will vermeiden, dass Ehrengäste zufällig die gesamten Sicherheitspolitiker des Landes sehen und die Nachricht in die Welt twittern. Ein Mitarbeiter bringt Verpflegung aus dem Supermarkt. Bei Truthahn-Wraps, Shrimps und Cola warten Außenministerin Hillary Clinton und der Generalstabschef Mike Mullen. Vizepräsident Joe Biden fingert an einem Rosenkranz herum. Hinten links in der Ecke sitzt Obama, mit versteinertem Gesicht.

Drüben, bei der CIA in Langley sitzt Panetta im sechsten Stock, in einem fensterlosen Konferenzsaal. Er ist direkt mit dem Lageraum im Weißen Haus verbunden. Um zwei Uhr nachmittags stellt Panetta den im Weißen Haus Versammelten noch einmal vor, wie die Aktion ablaufen soll. Eine Stunde später sitzen rund zwei Dutzend Navy Seals in zwei "Black Hawk"-Hubschraubern, die aus Jalalabad in Afghanistan kommen. "Sie sind jetzt in Pakistan", sagt Panetta. Die Elitesoldaten müssen die Überwachung des pakistanischen Luftraums austricksen. Viel ist auf den Bildern, die Panetta ins Lagezentrum übertragen lässt, nicht zu sehen. Er versucht trotzdem zu erklären, was gerade geschieht. Mehrere Minuten wurde die Verbindung zum Ort des Geschehens unterbrochen.

Die größte Panne passiert gleich am Anfang. Einer der Hubschrauber stottert, der Pilot muss eine kontrollierte Bruchlandung innerhalb des Geländes ausführen. Die Soldaten verlassen den Hubschrauber und müssen drei bis vier Mauern durchbrechen, um zum Eingang des Hauses zu gelangen.

Vom Gästehaus aus eröffnet Abu Ahmed al-Kuwaiti das Feuer auf die Eindringlinge. Er hat sich hinter einer Tür verschanzt, aber die Seals reagieren schnell, erschießen ihn sowie eine Frau, die sich in seiner Nähe aufhält.

Laut Plan sollte einer der Hubschrauber innerhalb der Grundstücksmauern landen, aus dem zweiten sollten sich die Kämpfer auf das Dach abseilen. Aber nach der Bruchlandung geht auch der zweite Helikopter auf dem Grundstück nieder. Panetta sagte später: "Was mir Sicherheit gegeben hat, war, dass unsere Teams Einsätze wie diesen jede Nacht zwei-, dreimal in Afghanistan machen. Sie haben gewaltige Erfahrung damit, und sie machen es gut."

Die Soldaten stürmen ins Haus und durchkämmen jeden Raum. Im Treppenaufgang erschießen sie Bin Ladens Sohn Chalid. Sie treffen auf mehr als 20 Menschen, darunter viele Kinder. Im Erdgeschoss töten sie einen Qaida-Boten. Eine Frau stirbt im Kreuzfeuer. Erst ganz zum Schluss kommen sie nach oben in den zweiten Stock.

"Sie haben das Ziel erreicht", sagt Panetta in die Stille. Und dann: "Wir können Geronimo sehen."

Bin Laden scheint nicht bewaffnet zu sein, sagen die Amerikaner. Aber in Reichweite, so berichten sie es hinterher, entdecken die Navy Seals eine Kalaschnikow und eine Pistole vom Typ Makarow. Und Bin Laden ist nicht allein: Amal Abd al-Fattah, 29, Bin Ladens fünfte und jüngste Frau, die einzige, die in diesem Augenblick bei ihm lebte. Eine jemenitische Familie hatte sie ihm einst geschenkt, als das Mädchen noch ein Teenager war. Drei seiner zahlreichen Kinder hat Bin Laden von ihr.

Sie stürzt nun auf die Soldaten zu. Es sieht aus, als wolle sie sich schützend vor Bin Laden werfen. Ein Schuss trifft sie ins Bein. Bin Laden macht keine Anstalten, sich zu ergeben - sagen die Obama-Helfer. Vielmehr habe er versucht, an eine seiner Waffen zu kommen. Aber dann feuern die Seals zwei Schüsse ab. Einer trifft Bin Laden in die Brust, der andere in die Stirn über dem linken Auge. Die Kugel reißt einen Teil seiner Schädeldecke fort.

Bin Laden, so stellen die Ermittler später fest, wollte offenbar jederzeit und sofort fliehen können: Eingenäht in seine Kleidung fanden sie Bargeld im Wert von 740 Dollar, dazu zwei Telefonnummern.

Eilig fesseln die Soldaten die Überlebenden mit Handschellen aus Plastik und sammeln alles ein, was nützlich sein könnte. Sie nehmen zehn Festplatten mit, fünf Computer sowie 100 CDs, DVDs und Memory Sticks. Die Überlebenden wer-

den später von pakistanischen Sicherheitskräften abgeholt.

40 Minuten nach Beginn des Angriffs klettern die Soldaten in den verbliebenen und einen eilig herbeigerufenen Helikopter vom Typ Chinook. Die pakistanische Luftwaffe hat spätestens jetzt bemerkt, dass fremde Maschinen in den Luftraum eingedrungen sind, sie lässt Jets aufsteigen. Aber die amerikanischen Heli- kopter entwischen rechtzeitig zurück über die Grenze nach Afghanistan. Die Soldaten haben Bin Ladens Leiche an Bord. Ein Foto des toten Bin Laden wollte Obama nicht veröffentlichen: "Wir stellen doch keine Trophäen aus", entschied der Präsident.

"EKIA", enemy killed in action, mit diesem militärischen Four-letter-Code hatte der Navy-Seals-Einsatztrupp seine erfolgreiche Aktion beendet. Doch war Bin Laden das wirklich, ein immer noch aktiver Feind?

Schon kurz nach seinem Tod sind es nun die Völkerrechtler, die das genauer wissen wollen. Navi Pillay, die Uno-Hochkommissarin für Menschenrechte, verlangte am Dienstag die "präzisen Fakten", die sich hinter den vier Buchstaben verbergen. Durften die Vereinigten Staaten ihren schlimmsten Feind so einfach töten? Und hatten sie das nicht von Anfang an geplant?

Immerhin hatte das Kommando, geben Regierungsbeamte mittlerweile zu, klare Anweisungen: Eine Aufgabe Bin Ladens sollte nur dann akzeptiert werden, wenn ganz eindeutig war, dass er keine Gefahr mehr darstellte. Sein Überleben war im Einsatzplan so gut wie nicht vorgesehen. "Um ehrlich zu sein, ich glaube nicht, dass Bin Laden viel Zeit hatte, überhaupt was zu sagen", gab CIA-Boss Panetta zu.

Sie durften ihn töten, wenn Bin Laden wirklich ihr Feind war. Doch abseits aller Rhetorik des Weißen Hauses ist diese Frage womöglich zu verneinen. Zum Feind und damit zum legitimen Ziel tödlicher Schüsse macht das Völkerrecht nur jene Menschen, die in einem Krieg als organisierte Kämpfer agieren oder im Hintergrund die Befehle geben. Alle anderen Personen am Rande der Schlachtfelder, und seien sie noch so mörderisch, gelten als Zivilisten - ihre absichtliche Tötung ist verboten.

Ob sich die unendliche Jagd auf das Oberhaupt der globalen Terrorbande noch immer als Krieg einordnen lässt, in dem das Gesetz des Tötens gilt, wird inzwischen von einer Mehrzahl der Völkerrechtler bezweifelt. Terrorismusexperten halten al-Qaida für ein eher locker verknüpftes Netzwerk des Bösen, und ein Netzwerk, so folgern die Juristen, ist als Kriegspartei untauglich.

Jedenfalls ist Osama Bin Laden nach Expertenansicht schon lange nicht mehr - wie einst bei den Attentaten von 2001 - der Befehlshaber konkreter kriegerischer Attacken. Ernst Uhrlau, der Chef des deutschen Bundesnachrichtendienstes, hält den verhassten Terroristen zwar noch für "die unumstrittene Symbol- und Leitfigur" (siehe Seite 30). Eine Einflussnahme auf das taktisch-operative Tagesgeschäft des Terrors sieht der Geheimdienstler jedoch nicht mehr.

Ein Terrorist im Ruhestand also? Ein "Feind" im Sinne des Kriegsrechts war der Flüchtling von Abbottabad kaum, viel spricht dafür, dass er - wie alle Zivilisten, seien sie auch Verbrecher - den Schutz des Menschenrechts auf Leben für sich beanspruchen konnte. Im Krieg wie im Frieden gilt: Vergeltung für schweres Unrecht, wie es dem Top-Terroristen zur Last zu legen ist, geschieht, so Völkerrechtler Claus Kreß, "nicht durch summarische Hinrichtungen, sondern durch Verhaftung, Verurteilung, Bestrafung" - und sei es auch, wie in Amerika, durch die Todesstrafe.

Es ist deshalb nicht auszuschließen, dass demnächst irgendwo auf der Welt ein Strafverfahren gegen den US-Präsidenten eröffnet wird. Wegen der vorsätzlichen Tötung eines Zivilisten im einem selbsterklärten Krieg gegen den Terror.

Das wäre dann der letzte Tort, den der Terrorfürst Osama Bin Laden seinen Jägern antun könnte.

(*) Am Montag auf dem Times Square in New York.

DER SPIEGEL 19/2011
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