07.05.2011

PSYCHOLOGIESchlacht am Venushügel

Vor allem in den USA wird Sexsucht zunehmend als Massenleiden angesehen, das therapiert werden muss wie Alkoholismus. Auch in Deutschland gründen sich Selbsthilfegruppen. Doch Psychologen sehen darin eine von konservativen Moralaposteln erfundene Krankheit.
Mit zehn Jahren begann Crystal Renaud, regelmäßig zu masturbieren. Auslöser war ein Pornoheft, das sie im Zimmer ihres älteren Bruders entdeckt hatte. Die darauffolgenden acht Jahre brachte der Backfisch nach eigener Aussage mit der gierigen Suche nach aufreizendem Material im Internet zu.
Rettung kam erst in Sicht, als Crystals Mutter sie in ein christliches Ferienlager steckte. "Ich traf Jesus und sah, dass er mir einen anderen Weg aufzeigte", berichtet Renaud.
Die junge Amerikanerin mit den pinkfarbenen Haarsträhnen und schwarzlackierten Fingernägeln ist auf dem besten Weg, eine Art Ikone zu werden - in doppelter Hinsicht. Ihre vorwiegend weiblichen Fans verehren Renaud, weil sie für sich beansprucht hat, was bislang nur Kerlen wie dem Golfstar Tiger Woods, dem einstigen Präsidenten Bill Clinton oder dem Schauspieler Charlie Sheen zuzustehen schien: das Recht, süchtig nach Sex zu sein.
Zugleich aber klingt sie seit ihrer Bekehrung wie eine jener ultrakonservativen amerikanischen Vorstadtmütter, die selbst die Beatles wegen zu großer Anzüglichkeit aus dem Plattenregal verbannen. Ihren moralischen Feldzug führt Renaud in Talkshows, aber auch an Universitäten. Ihre Botschaft gleicht den Tiraden der Ultrakonservativen und christlichen Fundamentalisten, die zur letzten Schlacht am Venushügel blasen und softe Nackthefte wie "Playboy" und "Penthouse" als Teufelszeug brandmarken.
Wie stark die religiöse Rechte in den USA die Marschrichtung vorgibt, zeigt sich an den immer zahlreicheren Selbsthilfegruppen für Sexsüchtige. Organisationen wie die Sex Addicts Anonymous oder die inzwischen auch in Deutschland operierenden Sex and Love Addicts Anonymous sind durchdrungen von erzkonservativem Gedankengut und halten eine liberale Einstellung zu Sex und Partnerschaft schlicht für eine Krankheit.
So warnen die Vordenker der Sexaholics Anonymous: "Sexuelle Begierde ist ein zügelloses Gefühl, das uns dazu treibt, uns selbst, andere oder Dinge für selbstbezogene, zerstörerische Zwecke zu missbrauchen." Angelehnt an den Läuterungsweg der Anonymen Alkoholiker, propagieren die Sexaholiker eine Reinigung in zwölf Schritten.
Crystal Renaud bezeichnet sich inzwischen als "clean". Sie lebt völlig enthaltsam und teilt ihre Wohnung nur mit einem Hund.
Doch nun formiert sich Widerstand aus der Wissenschaft gegen die lustfeindlichen Kreuzzügler. Ist Sexsucht wirklich ein behandlungsbedürftiges Leiden wie Alkoholismus? Gibt es diese Krankheit überhaupt?
"Sie machen eine Krankheit aus einem Verhalten, das sich in aller Regel völlig im Rahmen einer normalen Sexualität bewegt", kritisiert der US-Therapeut Marty Klein. In seinem zuletzt erschienenen Buch "America's War on Sex" attackiert Klein frontal die Gralshüter der Moral.
"Gieriges Verlangen nach sexuellem Genuss und dunkle Phantasien sind Teil einer normalen Sexualität", konstatiert der Therapeut - und spottet über seine prüden Gegner: "Diese Leute sind Missionare, die uns alle in die Missionarsstellung bringen wollen."
Weil die Hardliner für etliche ihrer vorgeblich sexkranken Anhänger keine andere Rettung als völlige Enthaltsamkeit im Sinn haben, rebellieren inzwischen weitere Forscher: Der Sexualtrieb gehöre zu einem gesunden Menschen, argumentieren sie; selbst in seiner übersteigerten Form sei er nicht krankhaft.
Die Symptome einer aufgeputschten Libido hatte vor über hundert Jahren schon der Psychiater Richard von Krafft-Ebing in seinem Werk "Verwirrungen des Geschlechtslebens" recht drastisch beschrieben: "Diese krankhafte Sexualität ist eine fürchterliche Plage für ihr Opfer, das in ständiger Gefahr lebt, die Gesetze des Staates und die Moral zu verletzen oder seine Ehre zu verlieren oder gar sein Leben", warnte der Gelehrte.
Für seine Sammlung von "Perversionen und Anomalien" konnte Krafft-Ebing offenbar aus dem Vollen schöpfen. So berichtete der Mediziner etwa über den Fall "P., Hausbesorger, 53 Jahre alt": "Beim Koitus war er 'tierisch, ganz wild, zitterte am ganzen Körper, schnaubte', so dass die etwas frigide Partnerin davon angewidert war und die Leistung der ehelichen Pflicht als Qual empfand."
Über die Motive der Erkrankten hatte Krafft-Ebing wundersame Erkenntnisse parat: "Der Einfluss der Rasse, der Jahreszeiten, des Klimas, ja sogar der Witterung spielt hier ebenso eine Rolle wie der Genuss von Reizmitteln."
Seit den Tagen des deutsch-österreichischen Nervenarztes hat der Erkenntnisgewinn nur unwesentlich zugenommen. Deutsche Analytiker halten die vermeintliche Pein mehrheitlich für eine erfundene Krankheit. "Selbst unter Therapeuten, die sich auf die Behandlung sexueller Probleme spezialisiert haben, gibt es kaum Übereinstimmung, wie man eine Sexsucht diagnostizieren könnte", sagt etwa Peer Briken, Direktor des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.
Weil die diagnostischen Kriterien zu schwammig sind oder sogar schlicht fehlen, verweigern sich die hiesigen Experten der amerikanischen Modediagnose. 36 von 43 Spezialisten, die Briken für eine Untersuchung befragte, sind überzeugt, dass Sexsucht überhaupt keine eigenständige Krankheit ist.
Das Dilemma der Psychologen beginnt schon mit der Definition eines kritischen Quantums. Beim Alkohol liegt der Fall klar: Eine Flasche Schnaps täglich wird den Konsumenten auf Dauer mit großer Wahrscheinlichkeit ins Verderben führen.
Aber schadet auch zu viel Sex? Der menschliche Körper kann selbst eine Dosis von einem halben Dutzend Orgasmen täglich völlig schadlos überstehen.
Dennoch fahnden die Apologeten des Sexsucht-Konzepts nach einer Orgasmus-Zahl, die auf krankhafte sexuelle Gier hinweist - eine recht willkürliche Grenze, die meist einfach nur vom Überschreiten des Durchschnittswerts abgeleitet ist.
Damals noch frei von jeglicher moralischen Wertung, hatte der Sexforscher Alfred Kinsey 1948 die Anzahl der Orgasmen ermittelt, die die US-Bürger durch Beischlaf oder Masturbation insgesamt innerhalb einer Woche erreichten. Der Durchschnitt kam etwa ein- bis dreimal die Woche. Spitzenwerte verbuchten vor allem Männer bis zur Altersgrenze von 30 Jahren: Mindestens siebenmal pro Woche brachte sich diese Gruppe - vorzugsweise mit der Hand - zum Höhepunkt.
Neuere Studien haben Kinseys Befund erhärtet: Zwischen fünf und zehn Prozent der amerikanischen Männer arbeiten sich demnach siebenmal in der Woche oder gar öfter zum Klimax vor.
"Bei allem, was über sechs liegt, spitze ich die Ohren", folgert daraus Martin Kafka, Psychiater von der Harvard Medical School. Mit scheinbar wissenschaftlicher Präzision hat Kafka vorgegeben: Sexabhängig sind all diejenigen Menschen, die über einen Zeitraum von sechs Monaten wöchentlich mindestens sieben Orgasmen erlebten und sich täglich "ein bis zwei Stunden mit solchen Aktivitäten beschäftigen".
Jüngst hat der Psychiater den Katalog um weitere Kriterien ergänzt. Als pathologisch seien demnach solche Personen einzustufen, deren sexuelle Phantasien und Verhaltensweisen
‣ so viel Raum einnehmen, dass sie für sonstige, nichtsexuelle Aktivitäten und Pflichten kaum noch Zeit finden;
‣ als Reaktion auf Angstzustände, Missstimmung und Langeweile auftreten;
‣ wiederholt als Antwort auf nervenaufreibende Ereignisse erfolgen.
Immerhin schränkt Kafka ein: "Exzessives hypersexuelles Verhalten ohne persönliche Not kann nicht als krankhaft bezeichnet werden." Entscheidend sei der mit dem übersteigerten sexuellen Verlangen verbundene Leidensdruck.
"Das mit dem Leidensdruck ist ein etwas windiges Konzept", widerspricht Sexforscher Briken. "Stellen Sie sich vor, Sie sind ein sexuell freizügiger Mensch, aber Sie sind mit jemandem zusammen, der ziemlich prüde ist. Dann entwickeln Sie natürlich schnell einen Leidensdruck. Aber das bedeutet nicht, dass das ein Störungsbild ist."
Auch in Amerika stößt das Konstrukt Sexsucht in Fachkreisen auf höchste Skepsis. Die Amerikanische Psychiatrische Vereinigung erarbeitet derzeit eine neue Version ihres "Diagnostischen und statistischen Manuals psychischer Störungen". Doch weigert sich das Expertengremium bislang standhaft, die vermeintliche Pein als diagnostische Kategorie in ihren Leitfaden aufzunehmen.
Die Therapie vorgeblich Sexsüchtiger befinde sich überwiegend in der Hand von Laien, analysiert denn auch Buchautor Klein. Häufig handle es sich um ehemalige Abhängige von Alkohol und anderen Drogen, die die Genesung von einer Sucht zu ihrem Lebensprinzip erkoren hätten.
Bezeichnend für deren mitunter zweifelhafte Geisteshaltung ist jener Offenbarungseid, den Hilfesuchende leisten müssen, die sich an die Sex Addicts Anonymous wenden: "Wir gaben zu, dass wir der Sex- und Liebessucht gegenüber machtlos sind - und unser Leben nicht mehr meistern können. Wir kamen zu dem Glauben, dass eine Macht, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann."
Was wie die Worte aus einem religiösen Kitschroman klingt, ist für anonyme Sexsüchtige der unabdingbare erste Schritt in ein Leben ohne störenden Beischlaf und lästige Selbstbefriedigung.
Belächelt werden von ernsthaften Triebforschern boulevardeske Possen wie jene um die mäßig erfolgreiche Aktrice Lindsay Lohan, deren nymphomane Neigungen von einem Ex-Liebhaber vor laufender Kamera bezeugt wurden: "Wir gingen ran wie die Karnickel."
Auch der Fall Tiger Woods erzeugt bei Fachleuten vor allem Heiterkeit: Der Golf-Millionär checkte zur Behandlung seiner verhängnisvollen Neigung zum gleich dutzendfachen Seitensprung mit diversen Schönheiten ins Pine Grove Behavioural Centre in Hattiesburg (Mississippi) ein.
Die Suchtklinik im Grünen erinnert an ein Fünf-Sterne-Ferienresort, in welchem sich die erlesenen Patienten feine Häppchen am Pool servieren lassen und Arbeitsgruppen sich in Landhäuschen zusammenfinden.
Üblicherweise verbleiben Therapiebedürftige meist für sechs Wochen auf dem Gelände. Die vom Sexdrang Bedrängten praktizieren Yoga oder bilden gemeinsam eine "spirituelle Gruppe". Mutmaßlich würden Schlammpackungen im Zweifel die gleiche Wirkung entfalten - nämlich gar keine.
Den ominösen Heilern der Sexsucht zum Trotz ist der Glaube an die angebliche Krankheit und deren Behandlung in den USA bis in höchste politische Kreise verbreitet.
Bei diversen öffentlichen Anlässen hatte etwa der ehemalige US-Präsident Gerald Ford seinen Nachfolger Bill Clinton ins Visier genommen. "Der verpasst keinen hübschen Rock", berichtete der Republikaner nachher einem Journalisten und diagnostizierte kurzerhand: "Er ist krank, er hat eine Sucht." Auch Fords Frau Betty war mit diskretem Rat zur Stelle: "Wissen Sie, es gibt eine Behandlung für diese Art von Abhängigkeit."
Nach Schätzung des Sexsucht-Lagers leiden zwischen drei und sechs Prozent einer Bevölkerung unter zwanghafter Triebabfuhr. Allein in Deutschland wären demnach bis zu fünf Millionen Menschen anzutreffen, deren Gedanken von morgens bis abends vor allem einem Thema gewidmet sind: Sex.
Droht etwa Schaden für die Volkswirtschaft?
Auch Crystal Renaud pocht in Vorträgen und Podiumsdiskussionen darauf, dass sie "nur eine von Millionen" sei. Auf www.dirtygirlsministries.com vertreibt sie im Internet T-Shirts mit dem aufgedruckten Konterfei einer Frau, deren Mund zugeklebt ist. Darüber der Spruch: "Break the Silence" ("Brich das Schweigen").
Die Aktivistin meint auch im Sinne einer künftigen Massenbewegung zu sprechen, wenn sie verkündet: "Pornografie ist nicht okay!"
Glaubt man aufgeklärteren Zeitgenossen, dürfte Renaud kaum die Mehrheit des weiblichen Geschlechts hinter sich haben. Sexforscher Briken: "Frauen können auf dem Markt inzwischen eine Art von Pornografie bekommen, die sie auch erregt, und das ist doch erfreulich."
(*) Aus: "Eyes Wide Shut" von Stanley Kubrick, 1999.
Von Thadeusz, Frank

DER SPIEGEL 19/2011
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