07.05.2011

ESSAYAmerika vs. Schattenmann

Wie eine Nation den Alptraum Osama Bin Laden abschüttelt Von Matthias Matussek
Darf man das? Darf man sich, wie die deutsche Kanzlerin, unchristlich und undiplomatisch laut über die Tötung eines Menschen freuen, auch wenn dieser das Böse in Person war? Darf man wie die Amerikaner vor dem Weißen Haus und überall im Land ausgelassen feiern? Der Vatikan sagt, man sollte nicht, und es gibt auch amerikanische Kommentatoren, Rabbis darunter und Christen und Muslime, denen der Jubel in der Nacht vom 1. auf den 2. Mai unbehaglich ist.
Dieselben aber wollen eine leise Genugtuung dann auch nicht abstreiten. So ist der Mensch: Er fragt nicht um Erlaubnis für die Beschaffenheit seiner inneren Landschaften. Gefühle richten sich nicht die Spur danach, ob sie sittlich oder politisch korrekt sind, und eines der stärksten ist der Wunsch nach Vergeltung und der Bestrafung von Übeltätern. Die Psalmen sind nicht nur Himmelslob, sondern düsterste Racheraserei gegen die Feinde Israels und Gottes: "Wie Krüge aus Ton wirst du sie zertrümmern"!
Unter den Jubelszenen in der Nacht vor dem Weißen Haus prägt sich dieses eine Bild besonders ein, es könnte aus einem Marvel-Comic stammen: Eine Figur sitzt da auf den Schultern eines Mannes, im Sternenbannerkostüm, eine Hand weist hinauf in den Nachthimmel. Eine patriotische Figur, wie plötzlich aufgetaucht aus dem Dunkel der amerikanischen Seele, hinaufgestiegen aus der Depression in den Jubel dieses Siegermoments.
Es ist, natürlich, Captain America, jener legendäre Comic-Held, der den amerikanischen Truppen im Zweiten Weltkrieg half, Hitler zu vernichten. Der Triumph über Hitler war in den USA ebenfalls an einem 1. Mai verkündet worden, wie jetzt der über Osama Bin Laden. Ein Fluch ist abgeschüttelt. Endlich frei.
Vielleicht muss man sich die Dramaturgie dieser Geschichte als Marvel-Comic vorstellen, um sie zu verstehen, auch, wie sehr sie ein Verhängnis war: Hier ist ein schöpfungsfrüher Kampf ausgetragen worden, manichäisch, zwischen den Kräften des Lichts und denen der Finsternis. Für die Jubler vor dem Weißen Haus hat das Gute strahlend gesiegt, und es trägt Stars and Stripes. Besiegt wurden da auch innere Zweifel.
Mythische Heroen gab es zuletzt in der Renaissance-Malerei, seitdem ist das Heldische nur noch in Brechungen zugelassen. Ansonsten ist es abgerutscht in die Trivialmythologie der Comics, doch diese theatralisieren den Kampf zwischen Gut und Böse in alttestamentlicher Wucht.
Captain America gegen den Schattenmann, das ist eine beklemmende, dunkle Geschichte, die zeigt, wie sehr sich das Bewusstsein einer ganzen Nation bis in die Träume hinein auf das Ziel verengt hatte, jenen Mann zur Strecke zu bringen, der sie mit den Terroranschlägen auf das World Trade Center so tief traumatisiert hatte. Der damalige Präsident George W. Bush hatte gesprochen: Bringt mir Bin Laden, tot oder lebendig. Die meisten murmelten: besser tot. Barack Obama vollendete nun das Werk.
Ein zehnjähriges Epos! Kriege wurden für dieses Ziel geführt oder zumindest unterschwellig damit legitimiert. Die Wirtschaft des Landes ging darüber in die Knie. Tausende amerikanische Soldaten verbluteten dafür, Zigtausende Zivilisten in Afghanistan und im Irak. Alles, um diesen Mann und seine Organisation zur Strecke zu bringen. Vergeltung war der emotionale und ideologische Brennstoff.
In dieser Nacht aber jubelte die Nation nicht nur im Triumph, sondern auch in der Erleichterung darüber, dass ihr diese Besessenheit genommen werden konnte, endlich, und zwar mit einem Schlussakt wie im Helden-Comic, mit einer präzisen Kommandoaktion gegen den Schattenmann.
Er wurde live aus der ersten Reihe im Weißen Haus verfolgt, über die Helmkameras der legendären Navy Seals, die Spannung spiegelte sich auf dem mittlerweile berühmten Foto im Gesicht des Präsidenten und der Außenministerin und der engsten Mitarbeiter. Man kann sie sich vorstellen, die Männer, die aus Hubschraubern springen hinter Mündungsfeuern, Frauen und Kinder zusammentreiben und den Gegner stellen und töten, ja, ihn, so Obama, "seiner gerechten Strafe zuführten", was für ein Finale nach zehnjährigem Grauen.
Aus der sicheren deutschen Halbdistanz melden sich Bedenkenträger. ARD-Kommentator Jörg Schönenborn, Kirchenleute, Politiker. Ein gewisser "Bundesausschuss Friedensratschlag" hat mit Verve den Jubel zum "Tod des angeblichen Al-Qaida-Führers Osama Bin Laden" verurteilt. Auch Renate Künast hätte bei der Tötung wohl ihr Veto eingelegt. Plötzlich also allseitige und durchaus lobenswerte Begeisterung für Bergpredigt und Nächstenliebe. Aber dieser Sicht des neuen Bundes mochte sich das Weiße Haus nicht anschließen, noch nicht. Es hielt sich an das Alte Testament, Auge um Auge. Die Vorstellung, dass der Massenmord vor zehn Jahren ungesühnt bleiben würde und der "angebliche Al-Qaida-Führer" weiter morden könnte, wäre ein nie endender Alptraum für die US-Regierung und die Nation.
Mit dem Einsatz vom 1. Mai 2011, der auch ein archaischer Gerichtstag war, wollte die gebeutelte Nation nun endlich ihren schwarzen 11. September 2001 übermalen, so gut es denn eben geht. Auf der mythologischen Ebene ist jenes Urverbrechen nun gesühnt, das Gleichgewicht wiederhergestellt.
Womöglich wären die Jubelbilder dieser Nacht schwerer zu ertragen, wenn ihnen nicht eine Fernsehansprache vorausgegangen wäre, die jeden Jubel ausdrücklich vermied. Tatsächlich hat Präsident Obamas Adresse an die Nation einmal mehr gezeigt, welches Ausnahmetalent hier die Geschichte der Nation formuliert: bildhaft, eindringlich, jedes Wort ein Appell an den besseren Menschen. Da war kein einziger falscher Zungenschlag. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie sein Vorgänger diesen Moment triumphalistisch verpatzt hätte. Man kann sich allerdings gut vorstellen, wie ein solcher historischer Moment bei uns rhetorisch plumpfüßig unterschritten worden wäre.
Obama skizzierte die Umrisse eines neuen, nationalen Gründungsmythos, ebenfalls fast biblisch. Ein zehnjähriges Rache-Epos ist abgeschlossen, nun der neue Bund. Obama erinnerte an die Verwundung der Nation, er beschwor ihre Einigkeit über Parteigrenzen hinweg. Besonders aber beschwor er die Friedfertigkeit des Landes gegenüber dem Islam. Mit Osama Bin Laden, so der Präsident, sei auch ein Massenmörder von muslimischen Gläubigen zur Strecke gebracht worden. Er sagte praktisch: Friede den Menschen und den Religionen, mit dieser Mai-Nacht hat eine neue, eine bessere Ordnung begonnen.
Allerdings sind die Figuren, die sich da auf der Bühne der globalen Imagination treffen, immer Vexierbilder. Da kann der Fürst der Finsternis der einen Seite durchaus die Lichtgestalt der anderen sein, aus dem Verbrecher wird ein Märtyrer von ebenfalls mythischen Konturen.
Osama Bin Laden bleibt gleichermaßen als Mystiker und als Ästhet des Terrors in Erinnerung, eine merkwürdig archaische Figur, gezeichnet in langen Strichen, der Bart, der Turban, eine vertraute Silhouette, jeder sah sie in den vergangenen Jahren vor dem inneren Auge, ein Asket, der von Brot und Oliven lebte, aber auch ein Milliardärssohn mit schmalen, langgliedrigen Händen, gepflegtem Bart und einem ausgesprochen kultivierten Arabisch. Er predigte sanft vor seiner Kalaschnikow.
Wer kennt die Aufnahme nicht, in der er nicht nur Amerikas Politiker zum Feind erklärte, sondern aus seiner Höhle heraus jeden Steuerzahler, und das mit Leidensmiene, wie ein perverser Heiland des Bösen, der Gegen-Jesus.
Welche atemberaubende Kälte sprach da aus den Transkripten, wahrhaft satanische Verse in jenen Unterhaltungen nach den Anschlägen, dieser unverhohlene Triumph über den Sturz des ersten Turms, das Glück über den Kollaps des zweiten, das Genießertum des Grauens.
Legenden rankten sich um den Mann, der sich nicht fassen ließ, und immer wieder Bilder. Videos zeigen ihn auf einen Stab gestützt, einen Wanderprediger oder einen Propheten, der da einen Abhang in den afghanischen Bergen hinuntersteigt, groß, hager, ungerührt, ein alttestamentlicher Fluch.
Wenn das nicht beklemmendes Theater für die Psyche einer Nation ist. Und dann das Theater der Grausamkeit für die Welt, diese furchtbaren anderen Videos, auf denen westliche Reporter enthauptet werden, Aufführungen aus Blutopfer und Rache, da wurden jäh die tiefsten Schichten angesprochen, und in der globalen Bilderwelt konnte sich keiner dem Grauen entziehen.
Diese zurückliegende zehnjährige Horrorgeschichte ist eine Folge düsterer Zeichnungen, ein endloser Exodus durch die Welt des Terrors: Da sind zu Beginn die geborstenen Hochhäuser, die zu Tode fallenden Menschen, schräge Winkel, schnelle Schnitte, Helden mit Feuerwehrhelm, das hat jeder vor Augen, hat jeder in sich, auch wenn es so nie gezeigt wurde. Dann, nahezu ohne Atempause: der explodierende Lastwagen vor einer Synagoge in Tunesien, Bomben in Discotheken auf Bali und in den Nachrichten immer wieder das Bild des Bärtigen, den Berg hinabsteigend. Bomben in Casablanca, in Riad, in Istanbul, zerberstende Züge in Madrid, detonierte U-Bahnen und Busse in London, das Netz des Terrors umspannte die Welt, und dessen Fäden wurden in der kollektiven Imagination gehalten vom Mann in der Höhle.
Dorthinein, in dieses schwarze Loch, wurden unsere Phantasien in all den Jahren geschluckt. Dorthin wanderten die bizarren Heldenträume von erniedrigten muslimischen Jugendlichen. Bin Laden war politischer Punk bei den Kids der dritten Migrantengeneration, der Star der radikalen Verlierer. Oft waren es Jugendliche, die als Selbstmordattentäter in den Tod gingen, gesteuert von diesem geisterhaften Asketen in der Höhle, von dem es bald nur noch spärliche Lebenszeichen gab, dschihadistische Aufrüstung, Mordaufrufe. Die Teenager um die Finsbury-Park-Moschee in London haben ihn verehrt wie einen islamischen Che Guevara. Osama-Masken waren selbst im Karneval in Rio begehrter als die von Captain America.
Ja, in vielen Weltgegenden wurde Captain America übertrumpft von seinem Gegenspieler, von dem Schattenmann mit dem Turban, der unverwundbar schien und unverhaftbar, und nun ist er tot vor aller Welt. Erledigt. Dieser Comic ist zu Ende gezeichnet.
Die Pointe ist möglicherweise die, dass der Nachfolger des Kreuzzüglers George W. Bush nun auch dessen Gegenspieler aus dem Verkehr gezogen hat. Captain America konnte ohne den Schattenmann nicht leben, aber der Schattenmann auch nicht ohne Captain America.
Schon seit geraumer Zeit war Osama Bin Ladens Einfluss geschrumpft, al-Qaida war nur noch das Mutter-Franchise, das in Dutzende von unabhängig agierenden Filialen aufgesplittert war. Mit Bin Ladens Ende geht ein womöglich kampfentscheidendes Gefühl verloren: die Aura der Unbesiegbarkeit. Das Firmenschild des Terrors ist abgehängt.
Dass Osama Bin Laden tot ist, kann man beklagen, wie es Cem Özdemir von den Grünen tut, der gern eine ordentliche Verhaftung gehabt hätte, am besten im Zuge einer Ausweiskontrolle auf dem Marktplatz von Abbottabad, selbstverständlich unter Absprache mit den pakistanischen Behörden, danach ein ordentliches Verfahren, möglichst vor einem unabhängigen Amtsgericht in Baden-Württemberg, an dessen Ende dann eine empfindliche Gefängnisstrafe hätte stehen können. Selbstverständlich mit dem Ziel der Resozialisierung.
Man kann den Tod zornig zur Kenntnis nehmen, wie es schon jetzt einige islamistische Nachwuchskader in westlichen oder arabischen Ländern tun. Doch wir Übrigen, wenn wir nicht gerade mit moralisierender Selbstgerechtigkeit beschäftigt sind, atmen auf und legen eine wüste, gespenstische, zehnjährige Mördergeschichte erschöpft zur Seite.
Und der Jubel? Davor hat tatsächlich schon die Schrift gewarnt. Die Tora berichtet von den Freudentänzen, in die das Volk Israel ausgebrochen war nach der Vernichtung des Pharao, und selbst die Engel sangen vor Freude.
Doch der Herr wies die Engel zurecht. Der Pharao, so sagte er, sei auch sein Geschöpf gewesen. Die Pointe: Der Herr maßregelte ausschließlich die Engel, nicht sein Volk.
Aber wer von uns ist schon ein Engel, außer Renate Künast. ◆
Von Matussek, Matthias

DER SPIEGEL 19/2011
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