23.03.1998

FERNSEHEN„Der Markt regiert“

Im Wettbewerb um die Stars des TV-Gewerbes bieten ARD und ZDF kräftig mit. Doch die Kritik an den hohen Honoraren der öffentlich-rechtlichen Sender wächst.
Jahrelang haben die Manager der Kommerzkanäle ihre Werbeeinnahmen gesteigert und immer mehr Geld ins Programm gesteckt. Sie haben mit Millionengagen die Stars des Gewerbes zu sich gelockt - und nun fühlen sie sich plötzlich wie die Hungerleider der Branche.
Nur 186 000 Mark brauchen die Sat-1-Macher nach eigenen Angaben am Sonntagabend für 40 Minuten Talk mit Erich Böhme - im Verhältnis rund 20 Prozent weniger als die direkte Konkurrenz von Sabine Christiansen im Ersten.
"Da zocken viele ab", klagt Sat-1-Sprecherin Kristina Faßler: "ARD und ZDF kaufen mit ihren Gebühreneinnahmen Stars weg und machen die Preise auf dem Markt kaputt."
Verkehrte Welt: Im Jahr 13 nach Start des Privatfernsehens sind es plötzlich ARD und ZDF, die sich wegen angeblich überhöhter Gagen Kritik gefallen lassen müssen. Innerhalb kurzer Zeit banden die öffentlich-rechtlichen Sender teure Moderatoren wie Christiansen, Reinhold Beckmann oder Johannes B. Kerner mit ausgefeilten Modellen an sich. Die Produktion dieser Sendungen lagerten sie aus, die übernahmen die Stars selbst oder Vertraute - wie es bei den Privatsendern längst üblich ist.
"Moderator Beckmann kostet ARD 46 Millionen Mark", schlagzeilte die "Welt am Sonntag" aus dem Axel Springer Verlag. "Neuer Gebührenskandal: 30 Millionen für Christiansen", prangerte das Schwesterblatt "Bild am Sonntag" an.
Die Starverträge seien "komplexe Machwerke", schimpft WDR-Rundfunkrätin Ruth Hieronymi. "Man muß Grenzen ziehen", so die CDU-Landtagsabgeordnete, sonst diskutiere die ARD irgendwann die Auslagerung der "Tagesschau".
Als besonders clever ausgehandelt gilt, wie Beckmann bei der ARD rangeht: Seine Shows müssen zumindest im ersten Jahr nicht, wie in der Branche üblich, einen bestimmten Mindestmarktanteil erreichen - und falls sie scheitern, darf er neue Formate entwickeln. Eine eigene Firma will er erst noch gründen.
Außerdem erhält der Noch-Sportchef von Sat 1, so steht es in seinem Vierjahresvertrag, zum Beispiel eine "erfolgsabhängige angemessene Vergütung", wenn er hilft, die TV-Rechte an der Fußball-Bundesliga für das erste Programm zurückzugewinnen. Das gesamte Beckmann-Paket war den ARD-Oberen 46 Millionen Mark wert.
Vom unternehmerischen Risiko ist auch die frühere "Tagesthemen"-Moderatorin Christiansen in ihrer neuen Existenz als freischaffende Künstlerin weitgehend befreit: Platzt der Vertrag für ihre Talkshow, die ihr Ehemann Theo Baltz produziert, wird die Journalistin "entsprechend ihren Fähigkeiten" wieder beim NDR eingesetzt. Derzeit ist sie nur beurlaubt. Das sei günstiger, als ihr jetzt ihre Anwartschaften auf die Rente auszubezahlen, argumentiert der Sender. 14 Millionen bekommt Christiansen-Mann Baltz laut Vertrag für das erste Produktionsjahr - 13 Millionen sind für weitere zwölf Monate fällig, falls der durchschnittliche Marktanteil bis September 1998 nicht unter zwölf Prozent liegt.
Die ausgefeilten Geldtransfermodelle - hier eine Option, dort ein Extrahonorar - sind inzwischen Branchenstandard. Wer im brutalen Kampf der Sender das TV-müde Publikum noch amüsieren kann, dem schanzen die Fernsehmanager gern die Millionen zu - wenn es sein muß, auch auf verschlungenen Wegen.
"Im Fernsehen regiert der Markt", befindet NDR-Programmdirektor Jürgen Kellermeier: "Gerecht ist, welcher Preis sich dort bildet. Aus diesem System können wir uns nicht ausklinken." Wenn ein TV-Star wie Beckmann noch mal verfügbar wäre, seien weitere Produktionsmodelle dieser Art denkbar - falls die Etats das Geld hergäben. "Alles können wir nicht kaufen", scherzt Kellermeier.
Der Aufwand für die Stars wird immer höher. Längst begnügen sich die Quotenbringer des Fernsehens - egal ob öffentlichrechtlich oder privat - nicht mehr mit bloßen Gagen für Moderationen. Sie wollen auch als Produzenten mitverdienen. Die anfallenden Gewinne machen schon mal sieben Prozent des Produktionsbudgets aus. Hinzu kommen "Handlungskosten" sowie "weiche Kosten", bei denen womöglich Luft ist - Leistungen, die sich günstiger erbringen lassen, als vorher gegenüber dem Sender kalkuliert. "Der wirkliche Gewinn kann bis zu 30 Prozent des gesamten Produktionsvolumens ausmachen", sagt der Kölner Unternehmensberater und TV-Experte Lutz Hachmeister.
Der Produzent habe "einen gewissen Spielraum", konzediert auch der ARD-Vorsitzende Udo Reiter, das sei "das marktwirtschaftliche Element bei der Konstruktion". Den Sendern könne es aber egal sein, "ob er sich ein Brot dazuverdient, solange sich die Kosten im normalen Rahmen halten". Der Minutenpreis von "Sabine Christiansen" liege mit 5200 Mark in der üblichen Marktspanne von 3000 bis 6000 Mark. Reiter: "Die ARD schmeißt kein Geld zum Fenster hinaus."
Der Vorteil für die Sender: Floppen ausgelagerte Produktionen, können die Auftragsfirmen leicht abgefunden werden; der sonst übliche Streit um Entlassungen im eigenen Unternehmen entfällt. Der Nachteil: Die Qualität ist schwerer steuerbar.
Der Sender müsse "sehr genau hingucken, was er bekommt", sagt Hans Janke, Programm-Vizechef des ZDF. Er fürchtet, zuweilen fließe zuwenig Geld in die journalistische Leistung und "zuviel in die Dekoration". Es habe sich da und dort bei Produktionen eine "ziemlich lange Nahrungskette" herausgebildet: "Es besteht die Gefahr, daß jeder Handgriff einzeln bezahlt wird." Die Deals seines Senders aber seien für beide Seiten vorteilhaft.
ZDF-Neuzugang Johannes B. Kerner, der seinen Donnerstag-Talk "redaktionell autark" über die eigene Firma J.B.K. produziert, sieht die Aufregung um Honorare und Gehälter "ziemlich entspannt". Da komme, so Kerner, "viel Mißgunst" hoch. Die jetzt diskutierten Konstruktionen seien auch bei ARD und ZDF "seit vielen Jahren und Jahrzehnten üblich".
Tatsächlich witterten schon Anfang der sechziger Jahre Zeitungen den Ausverkauf des Öffentlich-Rechtlichen, als der WDR für die damalige Traumsumme von zehn Millionen Mark die Reporterlegende Peter von Zahn engagierte. Dessen Produktionsfirma Windrose sollte eigentlich die geplante Deutschland Fernsehen GmbH von Regierungschef Konrad Adenauer beliefern - doch der Kanzler-Kanal scheiterte am Bundesverfassungsgericht, und der WDR stieg ein.
Zwei Jahre lang lieferte von Zahn für das viele Geld erfolgreich jede Woche zwei halbstündige Reportagen. Noch heute ist er von seinem privaten Produktionsmodell überzeugt, denn öffentlich-rechtliche Anstalten seien "verpflichtet, teuer zu arbeiten und ihre Angestellten zur Langsamkeit zu erziehen". Ihn selbst habe das Unternehmerleben nicht reich gemacht: "Es hat mich Jahre gekostet, meinen Schuldenberg wieder abzuarbeiten."
Das Modell fand Nachahmer. So ließ TV-Verbrechensbekämpfer Eduard Zimmermann beim ZDF jahrzehntelang das von ihm moderierte "Aktenzeichen XY" von der Firma Securitel seiner Frau herstellen. Die ZDF-Showgröße Hans Rosenthal arbeitete genauso mit der eigenen Firma wie bei der ARD Alfred Biolek. Der Mann aus Köln ist seit Anfang der achtziger Jahre sein eigener Chef.
Richtig in Mode jedoch kamen die umfangreichen Handreichungen in eigener Sache bei den Privaten. Nachmittags-Conferencier Hans Meiser gründete 1992 mit seinem Sender RTL die Firma CreaTV, an der er sich mit 39 Prozent beteiligte. Und bei seiner "Late Night Show" für den Kölner Sender schaltete Top-Moderator Thomas Gottschalk zwischen 1992 und 1995 die eigene Münchner Firma ein.
Es war die geschäftstüchtige Margarethe Schreinemakers, die das System des Doppelverdienens - zunächst bei Sat 1, dann bei RTL - perfektionierte. Die Produktion ihrer Sendungen ging auf ein Amsterdamer Unternehmen über, das, wie sich später herausstellte, von Schreinemakers persönlich über zwei Firmen in der Karibik kontrolliert wurde. Die Steuerspar- und Gewinnmaschine nervte ihre Fans so sehr, daß die Quote absackte und die Moderatorin erst einmal vom Schirm verschwand.
Bei den Öffentlich-Rechtlichen wird der Unternehmergeist der TV-Stars als besonders obszön empfunden, vor allem von konservativen Rundfunkräten. Das bekam zuerst Friedrich Küppersbusch zu spüren, seine - inzwischen eingestellte - Sendung "Privatfernsehen" geriet wegen eines Jahresbudgets von insgesamt rund 15 Millionen Mark in die Diskussion. Sein Gegenargument, auf andere Weise wäre die Sendung in der geforderten kurzen Zeit gar nicht ins Laufen gekommen, überzeugte die Kritiker nicht.
Es hilft ARD und ZDF auch wenig, daß sie auf die im Vergleich zu den Privaten niedrigen persönlichen Gagen hinweisen. "Ich gehöre nicht zur ganz hohen Spielklasse des deutschen Fernsehens wie die Gottschalks, Jauchs oder Schmidts", sagt Beckmann, der bei Sat 1 noch als Mitproduzent seiner Show "No Sports" gescheitert war, über sich selbst. Doch auch er bekennt: "Billig ist der Beckmann nicht."
Eine niedrige Gage von "unter 300 000 Mark" nennt NDR-Manager Kellermeier für Christiansen - aber er wisse natürlich nicht, wieviel ihr Mann von dem Gewinn seiner Firma intern abgibt.
Doch auch manchem Intendanten der kleineren ARD-Sender sind die großen Summen, um die es da geht, inzwischen unheimlich. Viele fürchten zudem eine Grundsatzdebatte über Sinn und Zweck der Rundfunkgebühren, wenn die Öffentlich-Rechtlichen weiterhin die private Konkurrenz überbieten.
ARD-Chef Reiter allerdings gibt sich von dem Gerede um das Aushängeschild Christiansen und ihre Kollegen unbeeindruckt. Das alles sei eine "durchsichtige Kampagne" der Konkurrenz, sagt er: "Die versuchen doch nur, wechselwillige Moderatoren abzuschrecken."
[Grafiktext]
Fernsehstars und ihre Firmen
[GrafiktextEnde]
[Grafiktext]
Fernsehstars und ihre Firmen
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 13/1998
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 13/1998
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FERNSEHEN:
„Der Markt regiert“

Video 00:34

US-Polizeivideo Mutiger Cop befreit Bären aus Auto

  • Video "Fährunglück: Schiff kracht in Pier" Video 00:46
    Fährunglück: Schiff kracht in Pier
  • Video "Russische Hooligans: Dieses brutale Image" Video 02:57
    Russische Hooligans: "Dieses brutale Image"
  • Video "Ehrgeizige Vision: Norwegen will Inlandsflugverkehr elektrifizieren" Video 01:23
    Ehrgeizige Vision: Norwegen will Inlandsflugverkehr elektrifizieren
  • Video "Leben in Russland: Meine Kinder haben hier keine Zukunft" Video 03:33
    Leben in Russland: "Meine Kinder haben hier keine Zukunft"
  • Video "Wolkenbruch im Video: DAS ist ein Regenguss" Video 00:51
    Wolkenbruch im Video: DAS ist ein Regenguss
  • Video "Nach Vulkanausbruch: Schwimmende Lavaberge vor Hawaii" Video 00:44
    Nach Vulkanausbruch: Schwimmende "Lavaberge" vor Hawaii
  • Video "Bitte nicht anfassen: Junge zerstört 114.000-Euro-Skulptur" Video 01:05
    Bitte nicht anfassen: Junge zerstört 114.000-Euro-Skulptur
  • Video "Versteigerung Ferrari 250 GTO: Gebrauchtwagen für 39 Millionen Euro" Video 01:29
    Versteigerung Ferrari 250 GTO: Gebrauchtwagen für 39 Millionen Euro
  • Video "Drama an der Angel: Hai attackiert Thunfisch" Video 00:49
    Drama an der Angel: Hai attackiert Thunfisch
  • Video "100-Tage-Bilanz der GroKo: Gibt es noch eine Union in 100 Tagen?" Video 03:17
    100-Tage-Bilanz der GroKo: "Gibt es noch eine Union in 100 Tagen?"
  • Video "Birmingham: Notlandung mit Reifenplatzer" Video 01:12
    Birmingham: Notlandung mit Reifenplatzer
  • Video "Migranten vor der US-Grenze: Ich habe Angst" Video 02:17
    Migranten vor der US-Grenze: "Ich habe Angst"
  • Video "Aktivisten beschimpfen US-Ministerin: Wie können Sie mexikanisches Essen genießen?" Video 01:31
    Aktivisten beschimpfen US-Ministerin: "Wie können Sie mexikanisches Essen genießen?"
  • Video "Standpauke von Macron: Du sprichst mich bitte mit 'Herr Präsident' an!" Video 00:55
    Standpauke von Macron: "Du sprichst mich bitte mit 'Herr Präsident' an!"
  • Video "Infento im Test: Ein Dreirad aus dem Metallbaukasten" Video 05:56
    Infento im Test: Ein Dreirad aus dem Metallbaukasten
  • Video "US-Polizeivideo: Mutiger Cop befreit Bären aus Auto" Video 00:34
    US-Polizeivideo: Mutiger Cop befreit Bären aus Auto