23.03.1998

ERZIEHUNGAuslauf in freier Wildbahn

Nach skandinavischem Vorbild pflegen „Waldkindergärten“ auch in Deutschland die naturnahe Nachwuchsbetreuung.
Mit der Waldesruh' im stillen Gehölz ist es vorbei, als die Schneemonster hinter dem Baum auftauchen. Florian, Fabian und die anderen Jungs haben beschlossen, brüllende Bestien zu spielen. Sie fletschen die Zähne, rollen mit den Augen und krakeelen aus Leibeskräften.
Wie die dreijährigen Mini-Yetis in den Wald kreischen, so schallt es wieder heraus. Macht nichts: Wo die wilden Kerle wohnen, mitten im Perlacher Forst im Süden von München, stört grelles Kindergeschrei allenfalls ein paar Rehe.
Die Kleinen, die hier unter Aufsicht herumtollen, spielen mit Wurzeln und Stöcken statt mit Puppen und Legosteinen. 15 Kinder und zwei Erwachsene treiben sich täglich drei bis vier Stunden lang im Wald herum; für sie gilt die Parole: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.
Der Unterhachinger Waldkindergarten "Waldmäuse" im Perlacher Forst, eine von über 50 ähnlichen Einrichtungen in Deutschland, verfügt über kein eigenes Gebäude und keinen eingezäunten Spielplatz. Ein umgebauter Bauwagen am Waldrand ist die Basisstation. Dort liefern die Eltern ihre Kinder morgens ab, und dort gibt es auch eine Kuschel- und Aufwärmecke. Von dieser Waldund-Wiesen-Kinderbetreuung versprechen sich moderne Pädagogen ausgeglichene, sozial und ökologisch verantwortungsvolle junge Menschen - wie es scheint, zu Recht.
Erzieher und Lehrer sind sich einig: Kinder brauchen mehr Kontakt zu Natur und realer Umwelt. Viele Vorschüler leben in Scheinwelten mit Gameboys und Gameshows, spielen eingepfercht zwischen Autos und Häuserwänden und kennen den Wald nur aus "Rotkäppchen" oder "Jurassic Park".
Ein wachsender Anteil von Kindern kommt bereits mit Übergewicht, Konzentrations- und Bewegungsstörungen in die Schule. Die Kinder an die Luft zu setzen kann einige dieser Probleme lösen. Seit rund fünf Jahren finden in Deutschland immer mehr Eltern an diesem Konzept Gefallen. Familien schließen sich zu Initiativen zusammen. In der Nähe von Kiel existiert bereits ein "Strandkindergarten".
Leicht gesamtheitlich angehaucht ist der Spaß an der Freiluft-Erziehung durch den Umstand, daß die Waldkindergarten-Bewegung sich auf die "kosmische Erziehung" und den "Erdkinder-Plan" der italienischen Ärztin und Pädagogin Maria Montessori (1870 bis 1952) beruft.
Die Kinder jedenfalls begeistern sich meist bald für den Auslauf in freier Wildbahn. Fabian beispielsweise ist mit viel Energie darum bemüht, sein Aussehen zu Tarnzwecken dem eines schneebedeckten Baumstamms anzugleichen. Maximilian stapft in eine zugefrorene Pfütze und arbeitet emsig daran, seine Kleidung farblich dem Graubraun des Schnee-Schlamm-Gemischs anzupassen. Und auch Florian kommt seinem Vorhaben, von einem Schnee- zu einem Erd-Monster zu mutieren, mit jedem Schritt näher.
Die Eltern rechnen vorsorglich damit, daß ihre Kinder aus dem Waldkindergarten "etwas dreckiger heimkommen", sagt Erzieherin Irmengard Rexauer. Sie sind auch bereit, mehr zu bezahlen als üblich. 250 Mark kostet der Halbtagesplatz im Wald pro Monat. Der Waldkindergarten ist nicht offiziell anerkannt; die Eltern finanzieren die Einrichtung selbst über einen Verein. Die Gemeindeverwaltung hat sich bereit erklärt, 40 Prozent der Personalkosten zu übernehmen, der Landkreis zahlt nichts. Denn ein ordentlicher Kindergarten muß nach Ansicht der Behörden ein "umbauter Raum" sein.
Hinter einem Leiterwagen, den eine der beiden Erzieherinnen zieht, trippelt die Zwergen-Kolonne in den Wald, manchmal bis zu vier Kilometer weit. Im Begleitwagen sind Wolldecken, Isomatten, Thermoskannen mit heißem Früchtetee, Wasser und Seife zum Händewaschen. Auch Ersatzklamotten, ein Erste-Hilfe-Koffer, ein Handy sowie Klopapier liegen parat.
Auf dem Rückweg dient der Bollerwagen manchmal auch als Transportmittel für müde Waldmäuse. Denn für die Schützlinge ist ein halber Tag im Waldkindergarten naturgemäß anstrengender als die Spielstunden in einem gewöhnlichen Hort. Dafür haben die Waldkinder mittags mehr Hunger als andere Kinder, schlafen besser und sind ausgeglichener und gesünder.
Befürchtungen, der Übergang vom wilden Waldleben in den zivilisierten Schulalltag könnte Waldkindern schwerfallen, haben sich nicht bestätigt. Eine Befragung von Grundschullehrern ergab, daß gerade diese Kinder weniger Probleme mit Ruhigsitzen und Konzentration haben.
Erzieherin Rexauer mischt sich kaum in die Rollenspiele der Knirpse ein. Sie will deren Selbständigkeit fördern. Der größte Unterschied zu einem herkömmlichen Kindergarten sei die "viel intensivere Gemeinschaft", sagt die Pädagogin, "alle müssen mehr miteinander reden".
Doch da kommt schon Eva-Maria an, die gerade noch in ihrer Baumstumpf-Küche gewerkelt hat. Sie jammert ein bißchen, als sie zu Irmengard Rexauer läuft. Kein Wunder - schließlich ist es so kalt, daß auch die Erzieherinnen schon fröstelnd unter einer verschneiten Tanne stehen. Aber Eva-Maria quengelt aus anderen Gründen: "Mir ist so heiß, darf ich meine Jacke ausziehen?"

DER SPIEGEL 13/1998
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