23.03.1998

Selig auf dem Wrack der Träume

Von Weingarten, Susanne und Festenberg, Nikolaus von

Bestrafung für technische Hybris, Symbol für die gefährdete Welt, Objekt der Sammlerwut: Der Luxusliner "Titanic" liegt nicht nur tief im Atlantik, sondern auch als mythischer Ort mitten in der Seele des modernen Menschen. James Camerons Erfolgsfilm beweist den ungebrochenen Dampfer-Zauber - und ist der Favorit bei der Oscar-Verleihung in dieser Woche.

Was auch das Meer verschlang, die Zeit verschlang das Weh, ewig bleibt die See", schrieb Gorch Fock. 1916, in der Seeschlacht vor dem Skagerrak, verschlang den Dichter die Nordsee. Heute scheint auch sein Trost verschlungen: Dem Meer entsteigt - quicklebendiges Gespenst - das Weh der Vergangenheit. Was ewig bleibt, scheint die Nostalgie zu sein.

Der Orkus, aus dem die Phantasien sprudeln wie nie zuvor, liegt 1126,3 Kilometer östlich von Neuschottland, 482,7 Kilometer südlich von Neufundland, 3800 Meter tief im Atlantik. "Titanic" heißt die Schiffsleiche im Seelenkeller der Moderne, und der Name klingt nach Mythos und Verhängnis.

Titanen, weiß die griechische Sage, waren inzestgezeugte und am Ende besiegte Götter. Doch sie brachten nicht nur Ungemach: Aus dem Schaum der ins Meer geworfenen Geschlechtsteile ihres kastrierten Vaters Uranos ging Aphrodite, die Göttin der Schönheit, hervor. Und Eros, der Gott der Antike und Abgott der Moderne, ist einer aus dem Stamm der Titanen.

Die "Titanic", die am 15. April 1912 vom Eisberg aufgeschlitzt im Ozean versank, ist von der mythischen Hypothek ihres Namens erdrückt worden: Als größtes Schiff ihrer Epoche von gigantomanen Ausmaßen, ihre Steuermänner durch selbstverzückte, inzestuöse Technikgläubigkeit blind gegen die Gefahren - so rauschte sie auf der Jungfernfahrt in die Katastrophe.

Doch als die Trümmer auf dem Meeresgrund ankamen, entstanden sehr bald - schaumgeboren - die Träume der Epoche von versunkenem Glanz und versunkener Schönheit. In den Schrecken mischte sich die Sehnsucht der Moderne nach schönen, heroischen und zu Herzen gehenden Geschichten, als seien Aphrodite und Eros im Wrack der Träume gefangen.

In der Nacht von Montag auf Dienstag dieser Woche, wenn im Shrine Auditorium in Los Angeles die "Oscars", Hollywoods wichtigste Filmpreise, verliehen werden, dürfte der schaurig-schöne Wahn zum Ende des Jahrhunderts noch einmal Triumph feiern: In 14 Kategorien ist James Camerons filmischer Welterfolg für die bedeutendste Auszeichnung im internationalen Showgeschäft nominiert, und für alle Fachleute gilt der Erfolg als ausgemacht. Die "New York Times" prophezeite: ",Titanic' ist das erste Leinwandepos seit Jahrzehnten, das es ernsthaft mit XVom Winde verweht' aufnehmen kann." Der Südstaaten-Heuler hatte acht Oscars bekommen.

Die Gründe der Weltmeere sind übersät mit Wracks, aber keines gewann ähnliche, wahrhaft titanische Macht über die Phantasie der Zeitgenossen wie der Luxusliner. Mit dem ganzen fetischgläubigen Ingrimm, zu dem das letzte Jahrhundert des zweiten Millenniums fähig ist, machten sich die Menschen über die Katastrophe her.

Als alle überlebenden Zeugen gehört, alle Untersuchungsergebnisse ausgewertet und alle technischen Fragen erörtert schienen - 3000 Bücher gibt es, fast ein Dutzend "Titanic Societies" und unzählige Titano-Maniacs, die jeden Funkspruch heruntersingen, die Passagierlisten herbeten und jede Schiffsplanke orten können -, war es immer noch nicht genug.

Hinab ging's 1985 zum Wrack; endlich war die Technik soweit. Tauchfahrzeuge, die aussehen wie Kreuzungen aus Krake und Qualle, stießen grabräuberisch zur "Titanic" vor - hinab in jene Tiefen, wo das Wrack, von tonnenschweren Wassermassen gepreßt, der Auflösung durch eisengierige Bakterien entgegendämmerte. Die rostige Würde der Schiffsleiche hielt die Invasoren nicht davon ab, Beute zu machen mit ihren Greif-Robotern. Statt Mythen kamen Pfeifen, Socken, Türklinken, Weinflaschen und Nachttöpfe nach oben - ein Titan wurde geplündert.

In blaues Licht gestellt, gab es die Jagdtrophäen zu bestaunen, das Publikum stürmte in die entsprechenden Ausstellungen. Einige "Titanic"-Reliquien, wie Spielkarten und eine goldene Uhr, kommen bei Sotheby's in London unter den Hammer. Der kommerzielle Fetischzauber drohte die Katastrophe zu verdunkeln. Deren Geschichte handelte von der Gefährdung der technischen Zivilisation, von Courage und Feigheit in Grenzsituationen, von der Nähe des Todes mitten im Leben.

Der Film, die Leitkunst des Jahrhunderts, und das Unglücksschiff begegneten sich mehr als zwei dutzendmal. Eigentlich wären sie ideale Partner: das Kino als Medium für Bewegung und Dramatik und die "Titanic", der crashende Dampferriese auf der Höllenfahrt nach unten - ein Augenfest aus Gleiten, Sinken und Gefahr.

Doch so recht überzeugend und vor allem erfolgreich war keine der Kinoadaptionen. Ob es sich um den Stummfilm-Schnellschuß von 1912 "In Nacht und Eis", die 1942 entstandene deutsche Nazi-Version mit antibritischer Tendenz oder Kinostücke der fünfziger Jahre handelt: So spannend, moralisierend und konfliktbeladen die Geschichten in Szene gesetzt waren, zum eigentlichen, alles erschlagenden Kinogenuß fehlte die technische Grandiosität, das Feuerwerk der Effekte.

Die gesunkene "Titanic" samt ihren Mythen mußte erst noch ihren kongenialen cinematographischen Bergungsunternehmer finden. Das geschah 1987. Da sah James Cameron, damals 33, ein gebürtiger Kanadier, einen Dokumentarfilm über das Wrack, den Robert Ballard für "National Geographic" gedreht hatte.

Der asketische Mann hatte in Kalifornien Physik studiert. Doch die akademische Laufbahn gab er rasch auf. Mehrere Jahre sah es so aus, als würde sich Cameron in einem typisch amerikanischen Bluecollar-Leben einrichten. Er wurde Trucker, heiratete eine Kellnerin, fuhr gern schnelle Autos, trank am Wochenende Bier und rauchte ein paar Joints. Dann sah er 1977 das Science-fiction-Drama "Krieg der Sterne" und war stinksauer: "Ich wollte diesen Film drehen."

Der Aufstieg Camerons vom filmischen Autodidakten, den nur die technische Seite des Filmens interessiert ("Ich wußte nicht mal, wer Humphrey Bogart war"), zum großen Außenseiter ("Ich gehöre nicht zum Serail von Hollywood") mit dem Ruf eines Leuteschinders, Wahnsinnigen, Supermachos und Perfektionisten dauerte fast ein Jahrzehnt. Wilde Anekdoten pflastern seinen Weg nach oben.

Als ein italienischer Produzent an seinem Film "Piranha II" (1981) den Schnitt ändert, bricht Cameron die Tür zum Schneideraum auf und stellt die Ursprungsfassung wieder her. Von da an behält er sich die totale Kontrolle über seine Werke vor.

Mit "Terminator" (1984), zu dem Cameron das Buch schreibt und zugleich Regie führt, kommt der Erfolg: Muskelmann Arnold Schwarzenegger walzt als Cyberstar alles nieder. Wie ein Terminator lebt auch sein Erfinder: Cameron fährt schnelle Autos. Ein Freund, der ihm seinen nagelneuen Sportwagen für eine Spritztour um den Block lieh, beklagte sich: "Als Jim nach zehn Minuten wiederkam, war kein Profil mehr auf meinen Hinterreifen." Der Rastlose fliegt mit Heißluftballons und ballert mit einer Kalaschnikow in der Wüste.

Der Größenwahn ist Camerons ständiger Begleiter: Von "Terminator 2" wird eine Fassung in 3-D gedreht. Sie besteht ganz und gar aus Spezialeffekten, dauert ganze zwölf Minuten, kann nur in Orlando im "Universal Studio Park" aufgeführt werden und kostet 60 Millionen Dollar.

Beim Drehen kommt den Beteiligten der Regisseur vor wie Ahab, der fanatische Kapitän aus Melvilles "Moby Dick". Für seine Ziele geht er über Leichen. Wutanfälle sind beim "Master of Desaster" an der Tagesordnung. Die Mitarbeiter von "Terminator 2" tragen Aufschriften auf den T-Shirts: "Terminator 3 - Not with me" - im Englischen reimt sich das.

Die Produktionssklaven von "Abyss", einem Taucherfilm von 1989, warnt ein Vertrauter Camerons aus schmerzvoller eigener Erfahrung: "Wenn ihr Teil seines Stammes werden wollt, ist es besser, vorher eine Lebensversicherung abzuschließen." Der Diktator kontert mit einem drehbuchreifen Spruch: "Ich lasse euch doch atmen - was wollt ihr mehr?"

"Abyss" zeigt erste Auswirkungen von Camerons Begegnung mit der "Titanic". Das Jahrhundertwrack hat unwiderruflich von seiner Phantasie Besitz ergriffen.

1995 steht Cameron vor den Herren des Fox-Studios und trägt sein Projekt vor - die Titanen wären stolz auf ihn. Er denkt nämlich an nichts weniger als an eine Art "Romeo und Julia im Wasser", aber auch an die ästhetische Vereinigung von "Doktor Schiwago", einem seiner Lieblingsfilme, mit den Labyrinthen aus "Shining" und der Grandiosität von "2001: Odyssee im Weltraum". Außerdem soll der Film "vom Ende der sexuellen Unterdrückung und dem Beginn des Klassenkampfes" handeln. Nicht mal Richard Wagner, der Erfinder des Gesamtkunstwerks, wäre so unbescheiden gewesen.

Das Wunder geschieht. Die Produzenten lassen diesen größenwahnsinnigen Kapitän Ahab ans Steuer der "Titanic", nicht ahnend, was für bedrohliche Eisberge sich dem Kinoprojekt in den Weg stellen würden. Der Mythos "Titanic" und der Mythos über die Entstehung seines Films werden eins.

Mit den ersten drei Millionen Dollar von Fox geht Cameron auf Tauchtour - 20mal innerhalb von 17 Tagen dringen die russischen Spezialfahrzeuge "Mir 1" und "Mir 2" zu dem in zwei Teile zerbrochenen Wrack vor. "Ich wollte das historische Ereignis zum Leben erwecken", sagt er.

Da drunten aber ist's fürchterlich, der Druck 416 Atmosphären größer als auf der Erdoberfläche. 500 Tonnen drücken gegen das 24 Zentimeter zyklopische Quarzglasauge der an der "Mir 1" angebrachten Kamera. Nur ein Haarriß - und das in den dahinterliegenden Zylinder (er ist aus Titan) eindringende Wasser würde, auf Überschallgeschwindigkeit beschleunigt, gegen die Wand des Tauchbootes prallen: grausame Bestrafung für den Voyeurismus, wenn die Linse nach vorn gerichtet ist. Das ist sie meistens. Außerdem herrscht eine starke Strömung in der Tiefe. Die Späher verhedderten sich im Wrack. Einmal geben die Batterien im Kampf gegen die Drift fast ihren Geist auf - die "Mir 1" schafft beinahe den Wiederaufstieg nicht.

Ein von Camerons Fanatismus frustriertes Teammitglied schreibt: "Wir sind Voyeure, die die Riesenmasse dieses Schiffes anglotzen wie ein Zootier. Wir dürfen nicht vergessen, daß die ,Titanic' ein gefährliches Wrack an einem gefährlichen Ort ist. Ich glaube, allmählich hat sie unsere Faxen dicke."

Doch das ist noch gar nichts. Die Taucherei hat Cameron bestärkt, den Tag des Untergangs möglichst genau wiederherzustellen. So kommt es, daß die Technik, die 1912 so grausam gegen den Eisberg verlor, nun in der Rekonstruktion der Niederlage über ihre Niederlage von einst triumphieren möchte. Der Sieg der Mythen über die Mythen, ermöglicht im Medienzeitalter - Cameron ist der Vollstrecker.

Er läßt ein 65-Millionen-Liter-Bassin in Mexiko bauen, in dem er ein im Vergleich zum wirklichen Schiff nur um etwa ein Zehntel kleineres Filmmodell kippen und untergehen lassen kann. Im Mai 1996 ist das Anfangsbudget von 50 Millionen Dollar ausgegeben, aber noch kein Meter gedreht. Fox verbündet sich mit Paramount, um das Risiko zu halbieren.

Als es endlich losgeht, schrammt das "Titanic"-Projekt über einige Eisberge, ohne allerdings zu sinken. Kameramann Caleb Deschanel geht nach Streit mit dem Chef von Bord, Camerons alter Kumpel Russel Carpenter übernimmt. Am 9. August werden die Arbeiten unterbrochen: Eine mit LSD verseuchte Fischsuppe streckt hundert Mann der Crew nieder - schöne Grüße von der mexikanischen Mafia.

Der Set wird zur Hölle, Drehen heißt für Cameron Krieg führen. Die T-Shirts klagen wieder an: "Kein Tier wird in diesem Film mißhandelt..."- aber die Schauspieler.

Kate Winslet, der weibliche Star, bekommt es zu spüren. "Sieben Monate immer pitschnaß. Siebenmal hatte ich meine Regel, während ich ganze Tage in diesem Becken zubrachte. Wenn es soweit war, habe ich es laut und deutlich gesagt: Aufgepaßt, Kinder, heute können wir ,Der weiße Hai' drehen." Daß sie und ihr Partner Leonardo DiCaprio bei ihrem Dauereinsatz ins Wasser pinkeln müssen, paßt ins Bild: Die "Titanic" ist ein Sklavenschiff.

Dabei hatte sich die Winslet, dieser rothaarige Botticelli-Engel aus England, um das Sklavendasein unter Cameron heiß bemüht. Sie bombardierte sein Handy, berichten Insider. Vier Jahre zuvor hatte die 22jährige noch im heimatlichen Reading in einem Grillroom gearbeitet, als Teenager unter Fettsucht und dann, so die Gerüchte, unter Bulimie gelitten.

Das künstlerisch boomende britische Kino brachte die zerbrechlich wirkende Schauspielerin mit der durchsichtigen Porzellanhaut nach oben. "Heavenly Creatures" - zwei Mädchen sind durch ein Verbrechen aneinandergekettet - hieß ihr erster Erfolg. Es folgte die Rolle in Ang Lees Jane-Austen-Verfilmung "Sinn und Sinnlichkeit", die ihr eine Oscar-Nominierung als beste Nebendarstellerin einbrachte.

Mit der Aura der Geheimnisvollen und Todgeweihten konnte sich Winslet als Ophelia in Kenneth Branaghs großem Hamlet-Film umgeben. Die tragische Shakespeare-Figur, die sich nicht von den Bürden der Erziehung freimachen kann, ihr Selbst verfehlt und sich im Wahn ertränkt - das lag nicht allzuweit von der Lady Rose DeWitt Bukater, die Cameron im "Titanic"-Drehbuch, allerdings mit einem besseren Ende, konzipiert hatte.

DiCaprio (Cameron: "Die Kirsche auf der Torte ,Titanic'"), der jugendliche Romeo aus Baz Luhrmanns "Romeo und Julia"-Film, der sanfte Cherubim mit dem ephebischen Charme, erwies sich als ideale Ergänzung zum Seelchen Winslet: In der allgemeinen Dreh-Panik auf der "Titanic" überzeugte das Paar - erstes Licht am Ende der Eisberge.

Die trieben noch gewaltig vor dem Filmprojekt. Obwohl Cameron auf große Teile seiner Gage verzichtet hatte, wuchs der Eisberg-Etat zum immer bedrohlicheren Gebirge. Fox hatte so viel Geld in die "Titanic" gesteckt, daß der "point of no return" überschritten war. Sinken oder Siegen. Jetzt half den Herren des Geldes nur noch Beten.

Steuermann Cameron scherte sich wenig um die Sorgen seiner Reeder. Er änderte den Kurs Richtung Perfektion um keine Bogensekunde. 550 computergenerierte Einstellungen baute er in den Film, in der Saurier-Fabel "Jurassic Park" waren es nur 80 gewesen.

Im Juli des vergangenen Jahres sollte der Film an den Start gehen, aber Cameron wurde nicht fertig. Was machte es noch? 200 Millionen Dollar waren verpulvert. Schnell wie ein Maschinengewehr gab der Regisseur seine Anweisung für das Kopierwerk. Sie mußte auf Video aufgezeichnet werden, niemand hätte sie anders verstehen können.

Alles wartete auf den Untergang, als die "Titanic" am 19. Dezember in den USA und Anfang Januar in Europa ins Kino kam. Filmkritiker senkten den Daumen. "Man muß ihn nicht unbedingt gesehen haben", riet die "FAZ". "Armselige Standarddramatik", spottete die "Neue Zürcher Zeitung". "Dead in the water", hieß es im Nachrichtenmagazin "Time". Aber es sollten die Mäkler ertrinken.

In einem Meer von Tränen. Das Publikum kam, sah und sank dahin. Der Film brach alle Rekorde und wurde zum erfolgreichsten Kinostück aller Zeiten. Vier Golden Globes kassierte er bereits ein, an diesem Montag wartet er auf den Oscar-Segen.

Eine La Ola der Rührung geht um den Globus, vergleichbar nur mit den Wallungen beim Tod Dianas, der Königin der Herzen. In Italien - viva la Mamma - versammeln sich die Menschen in Großkinos, singen im Chor Celine Dions Filmhit "My Heart Will Go On" und brechen beim Auftritt DiCaprios in Verzückungsschreie aus: "Danke, Mamma von DiCaprio".

Von Hongkong bis Hanau, von Rio bis Rheine treibt es die Menschen zu Camerons Totenmesse - Weltschmerz pur im Weltdorf des medialen Zeitalters. Vor allem jüngere Frauen erfaßt das "Titanic"-Fieber: 60 Prozent der Besucher sind weiblich, mehr als die Hälfte davon unter 25 Jahren. Ein Fünftel der Zuschauer hat die Ballade schon zweimal gesehen, und 76 Prozent der Mehrfachtäter wollen ihn sich ein weiteres Mal zu Gemüte führen - das Wrack macht süchtig. Bloß warum?

Verschreckt über den Erfolg, unternehmen die Feuilletons der Zeitungen einen erneuten Tauchgang. Und siehe da: Es ist an Camerons Werk wohl doch mehr dran als "armselige Standarddramatik". Die "Süddeutsche" sieht in dem Kanadier einen "Träumer", der den "großen europäischen Fin-de-siècle-Filmemachern verwandt" sei.

Andere Blätter, wie die "FAZ", entdecken nun bei der Zweitbesichtigung "altvertraute mythologisch-ikonographische Muster, Zitate". Die Auguren der Filmbranche reiben sich verwundert die Augen, daß so ein "old fashioned melodrama", ein Epos à la "Vom Winde verweht" oder "Krieg und Frieden", eine große Liebesgeschichte, sich in der Welt der Abenteuer-, Fantasy-, Gangster- und Horrorfilme in einer Weise behauptet, daß man von einer kleinen Kulturrevolution sprechen kann: Eros, der alte Titanide, erhebt sich in neuem Glanz aus dem mythischen Schiffsgrab.

"Frauen und Technik, das verträgt sich einfach nicht", bemerkt ein Standesgenosse des fiesen Millionärssohns, der die schöne Lady Rose versklaven will. Die hatte gelogen, sie sei beinahe über die Reling gefallen, als sie nach den neuen Schiffsschrauben unter dem Heck geblickt habe. Dabei hatte sie ihr künftiger Romeo Jack (DiCaprio) vor dem Selbstmord gerettet.

An einer anderen Stelle des Films unterbricht Rose den Reeder Mr. Ismay, der gerade in phallischer Verzückung von der Größe und Stärke der "Titanic" schwärmt. "Haben Sie schon einmal von Dr. Freud gehört?" fragt Rose. "Freud", fragt der zurück, "wer ist das? Ein Passagier?"

Beide Szenen haben etwas mit dem Erfolg des Films zu tun: Den Frauen zugeschriebene Sehnsucht nach Hingabe und männliches Interesse an perfekter Technikbeschwörung passen aufs beste zusammen. Und Dr. Freud fährt mit in diesem Tränenfilm: Die Liebesgeschichte ist so exakt kalkuliert wie die Special effects.

Sie trifft genau eine konservativ-feministische Grundstimmung, die in den USA herrscht. Sie betrifft die Sorge um junge Mädchen, die nach Meinung der Experten in der heutigen Kultur in ihrer Selbstfindung so allein gelassen sind wie nie zuvor.

Die amerikanische Psychologin Mary Pipher hat in ihrem 1995 erschienenen Bestseller über die "Pubertätskrisen junger Mädchen" - so der Titel der deutschen Übersetzung - ein dramatisches Bild entworfen: Der Schönheitswahn der Werbewelt, die Seelenlosigkeit des Konsumismus, der Sexismus der Popkultur, die Neigung der Medien zu Zynismus und Gewalt erschwerten besonders den Mädchen den Weg, ihr Selbst zu finden. Erdrückt von den Erwartungen der Eltern, endeten nicht wenige weibliche Pubertätsverläufe im Desaster. "Rettet Ophelia", fordert Pipher.

Cameron, der bekannt hat, das Buch der Psychologin zu kennen, wirft einen Rettungsanker allen in den Nöten der inneren Reifung vom Ertrinkungstod bedrohten jungen Frauen zu. Einen wie den Rose-Erlöser Jack hätten alle Mädchen gern.

Wer sich mit den jungen Bewunderinnen des Films unterhält, hört nicht nur heraus, daß sie den Jungen süß finden (und seine Nicht-Nominierung für den Oscar empörend). Am meisten imponiert seine Verläßlichkeit, sein bedingungsloses Einstehen. In die Trauer um sein tragisches Ende mischt sich die Erkenntnis, daß der Tod das Beste ist, was ihm widerfahren kann. "Wenn die weitergelebt hätten, wäre ihre Beziehung doch langweilig und nicht mehr so ehrlich gewesen", weiß die Hamburger Schülerin Neele, 13. Sie hat den Film bis jetzt siebenmal gesehen, sogar zusammen mit ihrer Klasse, und in der Schule besprochen.

Die Sehnsucht nach idealisierter Liebe ist nach den Erfahrungen des Münchner Psychoanalytikers Wolfgang Schmidbauer, 57, der "letzte große Traum". Der Film bestätige das geheime Ideal in den modernen Beziehungskisten. Schmidbauer: "Das Sicherheitsbedürfnis, das Bedürfnis nach verläßlicher Spiegelung im anderen." Darin, so der Seelenforscher, stecke oft eine Abwertung der Sexualität.

Schmidbauer, der 1991 den Bestseller "Du verstehst mich nicht" verfaßte: "Sexualität hat die Qualität, daß sie leidenschaftlich ist, aber nach der Befriedigung wieder kühler. Deshalb haben viele inzwischen Angst vor dem Orgasmus. Der Orgasmus ist so ein Kippunkt, wo die stabile narzißtische Versorgung unterbrochen wird."

Mit der Versorgung narzißtischer weiblicher Bedürfnisse hat die Liebesgeschichte des Films viel zu tun. Jack als Zeichner ist ein idealer Spiegel für eine Frau. Er bannt die Geliebte nackt, nur mit einem Diamanten um den Hals, aufs Papier - "der bis dahin erotischste Augenblick", wie sich die Abgebildete als 101jährige in der einen Episode der Rahmenhandlung erinnert. Narziß im Goldschnitt.

Die Liebesdialoge ähneln weniger einer intimen Neubeschreibung der Welt, den Sonette-Ergüssen à la Romeo und Julia, als einem permanenten Coaching nach der Melodie "Du wirst es schaffen". Wenn der schöne Jack bibbernd im eisigen Wasser seinen Geist aufgibt, verabschiedet sich ein Trainer des weiblichen Egos. "Hör zu, Rose", lautet sein Vermächtnis, "du wirst später einen Haufen Kinder kriegen. Du wirst sie aufwachsen sehen. Du wirst als alte Frau friedlich im Bett sterben. Du mußt mir versprechen, daß du überleben wirst."

Es scheint, als stürbe der schöne Junge auch aus Erschöpfung. So viel Altruismus laugt aus - und es erweist sich, daß der schöne Goldjunge eine weibliche Projektion ist: Roses innerer Zwilling, die Vertretung der guten Mutter

Die weibliche Befreiung, die Rose durchmacht, ist nichts anderes als eine narzißtische Plombierung. Das Symbol für die so titanisch gehärtete Frau ist der Diamant, das "Herz des Meeres", den Rose als Alte getrost wieder dem Ozean überantworten kann - "Diamonds are a girl's best friend", wußte schon Marilyn Monroe.

Vom Ach und Weh des Todes und der Vergänglichkeit läßt sich diese zutiefst selbstsichere Bergungsaktion des "Titanic"-Mythos nicht verschlingen. Die Filmmaschine huldigt ungebrochen der Technik, Narziß Rose spiegelt sich im Goldmund Jack.

"Ich bin der König der Welt", schreit Jack am Bug der Welt entgegen und "Ich fliege" wenig später Rose im Glück der Liebe. Sie haben die Arme ausgebreitet. Die pathetische Gebärde erinnert an Jesus. Aber da ist kein Kreuz. Die beiden sind dabei davonzugleiten, unbeschwert von der Last der Geschichte - widerstandsloses Surfen durch die Mythen der Vergangenheit. Die neuen stahlharten Titanen heben ab ins dritte Jahrtausend.

"Als Cameron nach zehn Minuten wiederkam, war kein Profil mehr auf meinen Hinterreifen"

Ein Meer von Tränen spülte alle Skepsis hinweg. Das Publikum kam, sah und sank dahin

Die Sehnsucht nach der idealisierten Liebe - das ist der letzte große Traum


DER SPIEGEL 13/1998
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