23.03.1998

AUTORENAuf der Suche nach Arnold

Der Schriftsteller Hans-Ulrich Treichel erzählt vom Trauma einer deutschen Nachkriegsfamilie, die auf der Flucht aus Ostpreußen ein Kind verloren hat - eine Geschichte mit realem Hintergrund. Von Volker Hage
Aufschwung West in den fünfziger Jahren: Die Eltern kommen aus dem fernen Ostpreußen und bringen es in Westfalen zu Wohlstand. Der Vater, erst Schlachter, später Wurstgroßhändler, fährt die Familie zunächst im Buckel-Taunus, dann im Opel Olympia, schließlich im Admiral spazieren - schlecht wird dem Sohn in jedem dieser Autos. Eine ungeklärte Spannung lastet auf der Flüchtlingsfamilie, ein verstörendes Geheimnis. Da gibt es jenes Foto, bei dessen Anblick die Mutter regelmäßig in Tränen ausbricht. Es zeigt den älteren Bruder Arnold, der als Kleinkind "auf der Flucht vor dem Russen" verhungert sei, in den Armen der Mutter.
Tatsächlich ist Arnold gar nicht verhungert, sondern auf dem Marsch gen Westen "verlorengegangen" - so eröffnen eines Tages die Eltern in Einzelgesprächen dem überraschten Sohn. Ganz schlau wird der Junge nicht aus der Geschichte, doch versteht er so viel, daß seine Mutter, als russische Soldaten den Weg verstellten, den Bruder in Panik einer fremden Frau im Treck übergeben hat.
Die Schlüsselszene kommt in Hans-Ulrich Treichels Erzählung "Der Verlorene" nur gefiltert, nur als fernes Echo vor*. Den Autor, der als Bruder des verlore-
* Hans-Ulrich Treichel: "Der Verlorene". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 176 Seiten; 32 Mark.
nen Kindes in der Ich-Form schreibt, interessieren die Folgen innerhalb der Familie. Er beschreibt die langjährige, von Schuldgefühlen durchsetzte Suche nach dem Vermißten während der fünfziger Jahre - und wie sich der Kampf um die Rückgewinnung des Kindes zur Besessenheit steigert, als der Suchdienst ein Findelkind ausmacht, das vielleicht Arnold sein könnte, auch wenn ein "anthropologisch-erbbiologisches Abstammungsgutachten" dies später nicht bestätigen kann.
Treichel, 45, hat Ende der siebziger Jahre als Lyriker debütiert, bisher fünf Gedichtbände und zwei Bücher mit kürzerer
Prosa veröffentlicht - "Der Verlorene" ist
die erste längere Erzählung des Autors, der
seit einiger Zeit auch als Professor am Leipziger Literaturinstitut arbeitet. Und es ist das erste Prosastück von ihm, das weit in die Vergangenheit zurückgreift und sich zu einem kleinen Zeit- und Gesellschaftsporträt weitet.
Grundlage der in einem behutsamen, distanziert-ironischen Tonfall vorgetragenen Geschichte ist ein authentischer Fall. Treichel hat das Trauma des unbekannten und verschollenen älteren Bruders am eigenen Leib erfahren - allerdings nur indirekt: Im realen Fall war das Schweigen konsequenter und die späte Offenbarung des Familiengeheimnisses weitaus dramatischer als in der Erzählung.
Erst vor wenigen Jahren, zwei Wochen vor ihrem Tod 1993, beichtete die Mutter dem Autor, daß sein ältester Bruder nicht, wie Jahrzehnte behauptet, im Januar 1945 auf der Flucht gestorben, sondern schlicht
abhanden gekommen sei - kein Einzelfall in der damaligen Zeit. Die Eltern hätten den im September 1943 geborenen Günther, wie Arnold in Wirklichkeit hieß, in den fünfziger Jahren suchen lassen, heimlich, ohne ihren drei nach dem Krieg geborenen Kindern davon zu erzählen.
Für Treichel war diese Eröffnung ein Schock - und zugleich eine Erleichterung.
"Plötzlich gab es zu einer mir bis dahin unerklärlichen Bedrückung eine Geschichte", sagt er heute. Im Nachlaß fanden sich
Unterlagen über medizinische Untersuchungen und der Briefwechsel der Eltern mit dem Suchdienst des Roten Kreuzes.
Doch nähere Einzelheiten über den Hergang des Verlusts erfuhr Treichel auch jetzt noch nicht, weder durch Erklärungen der Mutter (einen Versuch, ihre Geschichte selbst aufzuschreiben, hatte sie nach anderthalb Seiten wieder aufgegeben) noch durch eine von Amts wegen protokollierte Aussage des Vaters, die sich im Nachlaß fand.
Daraus konnte der Autor immerhin ersehen, daß die Eltern auf ihrer Flucht am 20. Januar 1945 im Bezirk Posen von Soldaten der Roten Armee überholt wurden und aus Angst vor Erschießungen ihr knapp 16 Monate altes Kind auf einem Pferdewagen im Treck zurückgelassen haben. Später seien sie verhaftet worden, heißt es in dem knappen Bericht aus dem Jahr 1959, und hätten zunächst keine Möglichkeit gehabt, sich "nach dem Verbleib unseres Kindes zu erkundigen".
Wie oft in der Literatur sind es auch in diesem Fall die Leerstellen und Lücken in der realen Geschichte, die die Phantasie angeregt und am Ende zur Erzählung geführt haben. Was genau hat sich am 20. Januar 1945 abgespielt? Wie ging die spätere Suche nach dem Kind vor sich? Was Treichel in seinem Buch "Der Verlorene" darüber schreibt, ist Erfindung, eine mögliche Wahrheit - "nur eine Variante", wie er sagt, auch wenn er es mit den Details genau nimmt, etwa der medizinischen Terminologie.
Das Ausmaß des Tabus innerhalb der Familie hat Treichel in seiner Erzählung abgemildert, indem er die Eltern seines jugendlichen Ich-Helden das Schweigen früher brechen läßt, als es in Wirklichkeit geschah. Doch er gewinnt so die erzählerische Möglichkeit, sein Alter ego weitgehend in das Geschehen der Recherche einzubeziehen, mitsamt den zum Teil skurril verlaufenden Besuchen bei Ärzten und Instituten.
Und Treichel kann im Rahmen der Fiktion die Mutter das zu Lebzeiten Versäumte nachholen lassen, nämlich dem nachgeborenen Sohn schon früh das Geheimnis zu offenbaren. Er läßt sie dem Knaben erklären, wie sie 1945 ihren Erstgeborenen in Panik und Konfusion aus der Hand gegeben hat, er läßt sie andeuten, daß sie nicht wirklich in Todesgefahr war, aber vergewaltigt worden ist. Plausibel wird, wie eine in Sekundenschnelle getroffene Entscheidung das ganze weitere Leben überschatten kann.
Und zwar bis in die nächste Generation hinein. Denn Treichel kann glaubwürdig machen, daß ihn nicht so sehr der Reiz der aufgefundenen Dokumente zum Schreiben brachte, sondern das Bedürfnis, sich selbst diese Geschichte zu erzählen, deren psychologische Auswirkung auf das eigene Leben er ahnt. Den fertigen Text empfindet er als "Beruhigung" - und mehr will er über das alles nun auch gar nicht mehr wissen.
Gerade weil für Treichel das "Ich" während des Schreibens, wie er sagt, zu einer Figur, einer Art dritten Person geworden ist, muß er kein Geheimnis aus dem autobiographischen Hintergrund machen. Der Autor und Literaturdozent - Promotion über das Werk Wolfgang Koeppens, Habilitationsschrift über "Auslöschungsverfahren" in der literarischen Moderne - kennt genau jenen paradoxen Kippvorgang beim Schreiben, den schon Max Frisch für das "erzählerische Ich" ausgemacht hat. In Treichels Worten: "Deshalb schreibe ich in der Ich-Form - weil ich nicht so nah an mir dran sein möchte."
Wie das "lyrische Ich" (das in Treichels
Gedichten vorherrscht) kann auch das "erzählerische Ich" (in Treichels Prosabänden "Von Leib und Seele" und "Heimatkunde" erprobt) private Erfahrung zu allgemeiner Gültigkeit bringen. Gerade das Persönlichste kann das Objektivste sein, und Treichel hat es darin im "Verlorenen" zu einer kleinen Meisterschaft gebracht.
Sein Stil ist unauffällig, von Wiederholungen geprägt, ein Sprechton, entfernt mit der Prosa Thomas Bernhards und des frühen Peter Weiss verwandt - die scheinbare Harmlosigkeit macht die Abgründe und neurotischen Abhängigkeiten nur um so deutlicher: *___Vor allem die Mutter ertappte ich des öfteren dabei, wie sie ____sich die Tränen aus dem Gesicht wischte oder einfach nur am ____Tisch saß und vor sich hin starrte. Manchmal geschah es, daß ____sie die Arme nach mir ausstreckte, mich an sich drückte, meinen ____Kopf mit ihren Händen bedeckte und fest an ihren Bauch drückte. ____Dort blieb mir die Luft weg, und ich begann zu schwitzen, ____während ich spürte, wie erst der Bauch und dann die ganze ____Mutter bebte. Ich wollte nicht an den Bauch der Mutter gedrückt ____sein, und ich wollte nicht, daß die Mutter bebte, während ich ____an ihren Bauch gedrückt war. Doch je weniger ich atmete, um so ____mehr drückte sie mich an sich, fast, als wollte sie mich in ____ihren Bauch hineindrücken.
In einem umfangreicheren Roman könnte dieser Tonfall durch eine gewisse Eintönigkeit ermüden, auf der Strecke, die Treichel sich vorgenommen hat, trägt er sicher bis zum Ende und gibt der Erzählung zudem eine starke Geschlossenheit - unaufdringlich und unerbittlich werden die lebenslangen Konsequenzen einer familiären Katastrophe kenntlich. Es fragt sich sogar, wer eigentlich der "Verlorene" ist: der gesuchte Arnold oder nicht doch der Ich-Erzähler, der erkennen muß, daß nicht er, sondern der andere heimlicher Mittelpunkt der Familie ist?
Ob Treichels Eltern - im Fall des real gesuchten kleinen Günther - mit dem "Findelkind 2307", um das sich alle Untersuchungen vor Jahrzehnten drehten, auf der richtigen Spur waren, wird sich wohl nie mehr herausfinden lassen. Schließlich gaben sie die Sache offenbar auf. Für die Mutter des verlorenen Arnold in der Erzählung hat sich Treichel einen anderen Schluß ausgedacht - kein Happy-End, aber doch eine Überraschung, die nicht verraten werden soll.
Das Buch "Der Verlorene", die genaue und sensible Erkundung eines bislang weitgehend tabuierten Erzählterrains - der Traumata der Flucht als Folge des verlorenen Krieges -, weist ohne jeden Fingerzeig über das individuelle Schicksal dieses einen Falles hinaus. Wie der Schock hier zunächst im Familiengeheimnis versiegelt wird, wie das stillschweigend Erlittene Energien für den wirtschaftlichen Aufstieg freisetzt, um dann doch an die Oberfläche zu kommen - das ist in Treichels Erzählung mustergültig Bild geworden.
Die Nachgeborenen können nicht die Geschichten von damals erzählen. Aber sie können berichten, wie die Folgen dieser Geschichten sie immer wieder einholen. Daß das alles keine längst abgeschlossene Vergangenheit ist, davon zeigt sich auch Treichel überzeugt. Er fühle sich bis heute "von der Leere geprägt", sagt er. "Das ist für mich Gegenwart. Man muß sich die tabuierten Themen neu aneignen - um darüber jetzt und in Zukunft kommunizieren zu können."
Vor allem die Mutter ertappte ich des öfteren dabei, wie sie
sich die Tränen aus
dem Gesicht wischte oder einfach nur am Tisch saß und vor sich
hin starrte. Manchmal geschah es, daß sie die Arme nach mir
ausstreckte, mich an sich drückte, meinen Kopf mit ihren Händen
bedeckte und fest an ihren Bauch drückte. Dort blieb mir die Luft
weg, und ich begann zu schwitzen, während ich spürte, wie erst der
Bauch und dann die ganze Mutter bebte. Ich wollte nicht an den
Bauch der Mutter gedrückt sein, und ich wollte nicht, daß die
Mutter bebte, während ich an ihren Bauch gedrückt war. Doch je
weniger ich atmete, um so mehr drückte sie mich an sich, fast, als
wollte sie mich in ihren Bauch hineindrücken.
* Hans-Ulrich Treichel: "Der Verlorene". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 176 Seiten; 32 Mark.
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 13/1998
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