Von Schlamp, Hans-Jürgen
Winfried Kramer macht seinen Job seit 25 Jahren. Nie hatte er so viel zu tun wie heute. Zwölf Stunden am Tag kämpft Kramer gegen eine Flut von Aufträgen. Selbst am Wochenende besucht er Kunden. Trotzdem türmen sich die unerledigten Fälle auf seinem Schreibtisch.
Kramer, 51, ist Gerichtsvollzieher, einer von 66 in Köln, von rund 4000 in Deutschland. Sie wissen besser als jeder andere, was in der Republik wirklich los ist.
Alle drei bis vier Sekunden landet ein neuer "Vollstreckungsauftrag" bei den deutschen Gerichtsvollziehern. Rund zehn Millionen waren es im vorigen Jahr. Jeder zehnte Versuch, rückständige Zahlungen einzutreiben, endet in einer "eidesstattlichen Versicherung", wie der Offenbarungseid heute bürokratisch-verschämt heißt. Und: Alle 47 Sekunden wird ein säumiger Zahler per Haftbefehl vor Gericht gezerrt, um dort zu schwören, daß er nichts mehr besitzt. 670 000 Menschen traf das Los allein im vorigen Jahr.
Auch Heidi Sörgel, 35, ist lange überfällig. Mit ihren Zahlungen sowieso, aber auch mit dem schweren Gang zum Amtsgericht. Fast fröhlich begrüßt die Frau den Gerichtsvollzieher Kramer. Er ist ihr längst ein guter Bekannter geworden. Sie könne jetzt nicht zum Amtsgericht, sagt sie, das habe ihr der Arzt verboten: "Risikoschwangerschaft, neunter Monat." Ihr Freund hat sie verlassen, als sie schwanger wurde. "Zum zweitenmal Pech mit einem Mann", sagt Heidi Sörgel, ihre Heiterkeit wirkt aufgesetzt, "und nun bin ich wieder allein."
80 000 Mark Schulden hat sie, mindestens. Immer wieder melden sich neue Gläubiger und präsentieren unbezahlte Rechnungen. Eine davon bringt "der nette Herr Kramer", wie sie ihn nennt, gerade vorbei: 1100 Mark für Kinderkleidung, gekauft vor vielen Jahren in einem Exklusiv-Shop, seitdem immer wieder angemahnt. Nun ist daraus ein Vollstreckungsauftrag geworden.
Die Forderung erinnert sie an alte, gute Zeiten. Chefsekretärin bei einer großen Versicherung war sie damals und verdiente viel Geld. Elegante Klamotten, teure Urlaubstrips, ein Cherokee-Jeep, das Gehalt reichte für zwei - ihr Ehemann machte es sich zu Hause bequem. Dann kam das zweite Kind auf die Welt, mit einer äußerst seltenen, tödlichen Krankheit - Scid, ein schwerer Immundefekt.
Zwei bis vier Jahre gaben die Ärzte dem kleinen Maurice. Als er mit sechs starb, hatte die Mutter ihren Job aufgegeben, alle Ersparnisse für eine einjährige Akupunktur-Behandlung des Kindes in Sri Lanka geopfert und sich mit 30 000 Mark für eine Delphin-Therapie in Florida verschuldet. Das Kind starb vor der Behandlung, das vorab bezahlte Geld war trotzdem perdu.
Ihr Mann hatte derweil den Jeep versetzt und ihre Konten geplündert. Heidi Sörgel ließ sich scheiden. Gut ein Jahr später starb ihr Ex-Mann plötzlich, und sie beging einen folgenschweren Fehler: Sie versäumte es, binnen sechs Wochen das Erbe auszuschlagen.
Der Gerichtsvollzieher kann es heute noch nicht fassen: "Sie hätten doch wissen müssen, daß man auch Schulden erben kann!" Frau Sörgel wußte es nicht. So übernahm sie zwangsweise weitere gut 30 000 Mark Schulden, die ihr Ex-Gatte nach der Scheidung noch schnell gemacht hatte.
"Damit war ich ruiniert", bilanziert die junge Witwe ihr Leben: kein Job, kein Mann, "zu viele Schulden". Die Sozialhilfe reicht fürs Leben, nicht aber fürs Abbezahlen. Durch Zinsen, Mahngebühren und Gerichtskosten wächst der Schuldenberg immer höher. Auch der - wieder einmal vergebliche - Besuch des Gerichtsvollziehers Kramer schlägt zu Buche: jedesmal im Schnitt mit einem Fünfzigmarkschein.
"Da komme ich nie mehr raus", sagt Heidi Sörgel in ihrem winzigen, schwarz gestrichenen Miethäuschen im Kölner Vorort Longerich.
Eine Viertelstunde später, eine Straße weiter in Kramers Bezirk, eine andere junge Frau, 31, exakt derselbe Satz. "Da komm'' ich nie mehr raus!" Und der freundliche Schuldeneintreiber von Amts wegen sinniert auf dem Fußweg ins übernächste Haus, zum nächsten Klienten: "Vermutlich haben die meisten recht."
Mehr als zwei Millionen Haushalte in Deutschland sind überschuldet, werden ihrer Verpflichtungen nicht mehr Herr. Weitere zwei Millionen stehen kurz vor dieser schicksalhaften Schwelle: Handwerker und Kneipiers, Zahnärzte und Hausfrauen, Hilfsarbeiter und High-Tech-Firmengründer.
Eine "schleichende Verschuldung breiter Mittelschichten", beobachtet Hugo Grote von der Düsseldorfer Verbraucherzentrale. "Je mehr Kredite", sagt der Berliner Schuldenberater Martin Leineweber, "desto größer die Zahl derer, die nicht mehr klarkommen." Kinder und Partner der Schuldenmacher leiden mit - betroffen sind so rund acht Mil-lionen Deutsche, jeder zehnte Bundesbürger.
Immer größer wird bei immer mehr Menschen der Anteil des Einkommens, der fest verplant ist: für Miete und Strom, TV-Gebühren und Kindergartenbeitrag, vor allem aber für Zinsen und die Abzahlung von Krediten. Das läuft - bei den meisten -, solange das Leben im Plan bleibt, beruflich, privat, gesundheitlich. Andernfalls wird es schnell eng.
Geht der Arbeitsplatz verloren oder kündigt sich ungewollter Nachwuchs an, sagt der Partner "adieu" oder wird der Hauptverdiener krank - schon tappen Herr oder Frau Mustermann, mit Sparkassenkredit und Zweitwagen-Wunsch, in die Schuldenfalle.
Hunderttausende von Existenzgründern erwischt es jedes Jahr. Die Statistik zählt sie nicht: Pommes-Buden und Anwaltskanzleien, Reisebüros und Arztpraxen. Nach einem gescheiterten Jahr Selbständigkeit reichen die Rückstände meist für ein ganzes Leben.
Wer einmal kräftig in die Miesen rutscht, hat es schwer, sich aus dem Sumpf zu befreien. Zinsen, Inkasso-, Mahn- und Gerichtskosten treiben die Rückstände in schneller Folge immer höher. Während der Staat einfach die Steuerschraube weiterdreht, die erfolglose Firma mit ordentlichem Konkurs beerdigt wird, büßen private Schuldner ewig. Ihre Schulden verjähren erst nach 30 Jahren. "Niemand", philosophiert Schuldenberater Leineweber, "kriegt 30 Jahre als Strafe - nur der Schuldner."
Und die Betroffenen? "Sie leiden furchtbar", sieht der Essener Schuldenberater Wolfgang Huber jeden Tag, und "verkriechen sich vor Scham".
Schulden kommt von Schuld - andere Sprachen machen da feine Unterschiede, auf deutsch ist der Schuldner schuldig. Dabei gibt selbst der Ober-Schulden-Eintreiber des Landes, der Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Inkasso-Unternehmen, Carsten D. Ohle, zu: "Es liegt nicht am Wollen, daß immer mehr Kredite platzen, die Leute können einfach nicht mehr zahlen."
Ihnen allen verspricht die Regierung Hilfe. Schulden dürften nicht länger "zu einem gesellschaftlichen Outsider-Status" führen, erregte sich Helmut Kohl. Mehrfach, zuletzt vor Wirtschaftsvertretern am vergangenen Mittwoch, versprach der Kanzler jenen "einen zweiten Schuß", bei denen es "beim erstenmal nicht geklappt" hat.
Das Gesetz dafür ist bereits fertig. Am 1. Januar kommenden Jahres soll es in Kraft treten und dann allen einmal Gescheiterten, wie Justizminister Edzard Schmidt-Jortzig verheißt, "einen wirtschaftlichen Neubeginn" ermöglichen.
Es wäre eine rechtshistorische Tat: Erstmals können auch dem privaten Bankrotteur Rest-Schulden erlassen werden - unvorstellbar war das bislang.
In der Theorie ist das Verfahren simpel: Wer sich privat mit seinen Gläubigern nicht darüber einigen kann, wann er wieviel zurückzahlen soll, wendet sich ans Amtsgericht und setzt ein "Schuldenbereinigungsverfahren" in Gang. Nun versucht ein Richter sein Bestes, um die Interessen der Gläubiger und die Möglichkeiten der Schuldner auszutarieren.
Wenn das nicht zum Erfolg führt, eröffnet das Gericht ein Insolvenzverfahren, das es bislang nur für Firmen, nicht aber für Privatleute gibt. Das Vermögen des Schuldners wird gesichtet und - soweit vorhanden - verkauft. Dann folgt eine siebenjährige "Wohlverhaltensperiode"; sie wird, wenn die Schulden schon vor 1997 entstanden sind, auf fünf Jahre verkürzt.
Das gesamte Einkommen des Schuldners wird während der folgenden Jahre von einem Treuhänder verwaltet. Er bedient die Banken und die anderen Gläubiger. Dem Schuldner bleibt während dieser Zeit kaum mehr als das pfändungsfreie Existenzminimum. Dafür winkt ihm am Ende die Lossprechung von allen Schulden.
Auch die Fachleute applaudieren: "Neues Denken" sieht der Düsseldorfer Verbraucherschützer Grote darin. Aus Sicht des Essener Schuldenberaters Huber gelang der Regierung gar eine "revolutionäre Aktion". Freilich, schränkt Huber sein Lob sogleich ein, sei das neue Gesetzeswerk "allenfalls ein Anfang - mehr nicht".
So sehen es fast alle, die sich mit der Reform befassen: Rechtstheoretisch ein Durchbruch - in der Umsetzung ein Mißgriff. "Zur Vermeidung von Mißständen", so heißt es in der Gesetzesbegründung der Bundesregierung, "wird diese Schuldbefreiung an scharfe Voraussetzungen geknüpft." Die Regeln sind offenbar so scharf geraten, daß Verbraucher- und Wohlfahrtsverbände in einer gemeinsamen Stellungnahme mit den Gewerkschaften und den Schuldnerberatern über das Gesetz schon vorab urteilen: "Praxisuntauglich."
"Maximal 30 Prozent" der Betroffenen, warnt Grote, dürften sich Hoffnung machen, daß das Gesetz ihnen hilft. Auch Gerichtsvollzieher Kramer fürchtet, daß die Novelle "in der Praxis nicht greifen" werde. Wie viele seiner Kollegen ist er "äußerst pessimistisch".
Messen läßt sich der Erfolg des neuen Rechts daran, ob es eine Schuldnerkarriere wie die von Marianne Bortz, 48, ändern, gar stoppen kann.
Am 1. Juli 1985 hatte die junge Zahnärztin ihre Praxis im rheinischen Städtchen Bornheim-Sechtem eröffnet, mit einem Existenzgründungsdarlehen über 550 000 Mark und einem Kontokorrentkredit für die laufenden Kosten von 80 000 Mark. Das Finanzierungskonzept - auf schnell fälligen Lebensversicherungen aufgebaut - hatten angesehene Spezialisten entwickelt. "Erhebliche Steuerspareffekte" standen der Zahnärztin in Aussicht.
Aber hohe Steuern hätte Frau Bortz sowieso nicht zahlen müssen: Gewinne fielen nämlich kaum an. Die Ausgaben für Praxisumbau und -einrichtung waren zu hoch, die Kostendämpfungspolitik in Bonn bremste ihre Umsätze, und in der Nachbarschaft ließen sich immer mehr junge Konkurrenten nieder.
Die resolute Frau kämpfte. Im Sommer 1990 stand sie mit über 720 000 Mark in der Kreide. Die Bank riet zur Umschuldung. Anschließend hatte sie, Anfang 1991, über 800 000 Mark auf dem Soll-Konto.
Im Sommer desselben Jahres mußte sie die Praxis verkaufen - auf Druck der Bank, aber mit der Verheißung, neue Kredite würden ihr einen zweiten Startversuch in besserer Lage ermöglichen. Auf die Chance wartet sie heute noch.
Ohne Praxis, die jahrelang bezahlten Lebensversicherungen abgetreten, und mit 460 000 Mark Restschulden begann das Schuldner-Leben der Marianne Bortz. Seither bleibt ihr ein pfändungsfreies Existenzminimum, knapp 1300 Mark im Monat.
Feste Jobs für angestellte Zahnärzte gibt es in Deutschland kaum. Also arbeitet sie als Aushilfe, wenn ein Praxisinhaber seinen Herzinfarkt kuriert oder auf Ischia kurt. Aber soviel, wie die Zinsen jeden Monat verschlingen, kann sie gar nicht verdienen. Trotz aller Zahlungen und Pfändungen wachsen ihre Schulden weiter. Heute sind es über 600 000 Mark.
"So macht es keinen Sinn", klagt sie. Ein Verfahren, das die Schuldenspirale stoppt und ihr die Aussicht auf eine neue eigene Praxis eröffnet, das sei - so die Zahnärztin - ihr Traum.
Marianne Bortz hat immer wieder ernsthaft versucht, sich mit ihrer Bank außergerichtlich zu einigen, wie es das neue Bonner Gesetz für den Anfang fordert. Zu Beginn des kommenden Jahres könnte sie mithin ein "Schuldenbereinigungsverfahren" vom Richter verlangen. Aber wie soll sie die Kosten, etwa 3000 bis 4000 Mark, aufbringen? Das Lebensminimum, das ihr nach der Pfändung monatlich verbleibt, reicht dafür nicht. Wenn sie keinen reichen Gönner findet, nützt ihr das neue Gesetz schon deshalb nichts. Ihr Sponsor müßte auch den Treuhänder entlohnen, der die Abzahlungen verteilt und überwacht. Und wenn ein Rechtsanwalt nötig würde, was bei den komplizierten Verträgen und Regeln nicht gerade unwahrscheinlich ist, wird auch der ein Honorar verlangen - von Frau Bortz.
Normalerweise gibt es für all diejenigen Prozeßkostenhilfe vom Staat, die kaum mehr als den Sozialhilfesatz haben. Für das Privatkonkursverfahren ist sie von Bonn mit Bedacht vergessen worden: aus Sorge, die Länder würden das neue Gesetz sonst blockieren. Sie kommen nämlich für die Kosten der Justizapparate auf.
Die Gerichte selbst würden am Ende, so die Erwartung vieler Schuldnerberater und namhafter Juristen, die Prozeßkostenhilfe für die Betroffenen einfordern. Denn die ungleichen Regeln seien verfassungswidrig. Aber bis dahin werden weitere Jahre vergehen, in denen Marianne Bortz'' Schulden weiter wachsen.
Doch auch, wenn es mit Hilfe des Richters gelingt, daß sie sich mit ihren Gläubigern auf einen Schuldenbereinigungsplan einigen kann, liegt eine unsichere Zeit vor ihr. Denn den Abzahlungsplan muß sie auch dann exakt einhalten, wenn sich ihre Lebens- oder Einkommensverhältnisse radikal ändern sollten. Findet sie kein Engagement bei einem Zahnarzt-Kollegen mehr oder wird sie auf Dauer krank: Wenn die vereinbarten Raten nicht pünktlich gezahlt werden, leben die Kreditforderungen in ihrer ursprünglichen Höhe sofort wieder auf. Die bis dahin zurückgelegte Strecke auf dem Weg zur zweiten Chance ist verloren.
Schon wenn die Miete des Überschuldeten teurer wird, "ist er zum Abbruch des Verfahrens gezwungen", klagen gemeinsam Verbraucherverbände und Schuldnerberater. Das Schuldenbereinigungsverfahren werde dadurch "ein unkalkulierbares Risiko". Denn ein neuer Versuch, wenn der erste scheitert, ist erst nach zehn Jahren Wartezeit möglich.
Das neue Insolvenzrecht, die Chance auf einen ordentlichen, schuldenbefreienden Konkurs, ist bislang nur ein Versprechen. Ob und für wen es eingehalten wird, wird sich erst in etlichen Jahren erweisen.
Insbesondere in den neuen Bundesländern könnten die rigiden Regeln die Möglichkeiten der Menschen überfordern, denen die deutsche Einheit nicht nur eine neue phantastische Konsumwelt beschert hat, sondern auch einen Haufen Schulden, so wie Anett und Mario Franz.
Zeitungsabos, Versicherungen, Bücherclub und Video - wer gleich nach der Einheit an ihrer Haustür, im Ost-Berliner Bezirk Treptow, anklopfte, machte leichte Beute. "Det ging einfach so", erzählt Mario, 31, und läßt seine Arme immer wieder ratlos auf die Tischplatte fallen, "heute kaufen, irgendwann bezahlen, und ich dachte, jawoll, so muß das sein, jetzt im Westen". Anett, 27, nickt, schaut aus großen runden Augen auf den Stapel von Verträgen und Mahnungen vor sich und bestätigt: "Ja, so war das doch."
1994 hatte das junge Paar ein Kind, keine Arbeit und 26 241 Mark Schulden. Der Versuch, die diversen Kleinkredite mit einem zinsgünstigen Finanzier umzuschulden, endet im Fiasko. Der Berliner Vermittler eines Schweizer Finanzhais dreht Mario Franz fast noch einen Bausparvertrag an.
Tapfer zahlen die beiden seitdem ab, soviel irgendwie geht, also wenig. Beschäftigt in einer "Maßnahme für Langzeitarbeitslose", verdienen sie zusammen 2850 Mark. Miete, Strom, Fahrkarten und Kinderhort verschlingen davon 1500 Mark. 400 Mark, den Plan haben sie gemeinsam mit der Ost-Berliner Beratungsstelle "Offensiv 91" aufgestellt, gehen für den Dispokredit, die Darlehen bei der Landesbank Berlin und der Berliner Volksbank weg.
Aus dem Volksbank-Darlehen von 10 588,23 Mark ist heute eine Schuld von 15 872,16 Mark geworden - obwohl das Paar seitdem 6161 Mark abgestottert hat. "Das is doch ungerecht", empört sich Mario Franz, "man zahlt immer nur, und die Schulden werden größer."
Die Zahl der hoffnungslos Überschuldeten wächst gerade im Osten rapide. Und "die große Welle", das sagen alle Schuldenberater und Verbraucherschützer voraus, komme erst noch: Viele Arbeitslose machen sich derzeit mit den Sonderprogrammen des Senats und der Arbeitsämter selbständig, als Wirt der eine, als Brautausstatter der andere. Und alle haben gute Aussichten, schnurstracks in die Pleite zu marschieren. "Da kommen gewaltige Zahlen hochverschuldeter Leute auf uns zu", fürchtet Birgit Hannemann, Leiterin von "Offensiv 91".
Und das neue Gesetz wird nur den wenigsten helfen können. Der neue fortschrittliche Gedanke, wie einer Firma auch dem privaten Pleitier eine zweite Chance zu geben, ist im neuen Bonner Gesetz zu eng formuliert: zu viele Fallen, zu große Hürden.
Schon eine falsche Angabe des Schuldners reicht, und das Gericht kann das Insolvenzverfahren abbrechen. Fehler in den Kreditpapieren sind aber die Regel, weil die Betroffenen den Überblick über ihre zerrütteten Finanzen meistens verloren haben. Oder auch weil Kreditvermittler blanko unterschriebene Formulare falsch ausgefüllt haben. Das sieht auch die Regierung nicht viel anders. "Maximal 3,5 Prozent der Betroffenen", schätzt Rainer Funke, Staatssekretär im Justizministerium, könnten im ersten Jahr Anträge stellen.
Dabei ist eine funktionierende Schuldenbereinigung auch für die Allgemeinheit von immer größerer Bedeutung. Denn der Kauf auf Pump ist längst zur marktwirtschaftlichen Regel geworden. Mit Barzahlung allein funktioniert eine hochentwickelte Volkswirtschaft schon lange nicht mehr. "Wir leben in einer Kreditgesellschaft", erfährt Verbraucherschützer Grote jeden Tag.
70 bis 80 Prozent aller Autos werden auf Pump gekauft. Die ersten gemeinsamen Möbel eines neuvermählten Paares laufen fast immer auf Raten, Wohnung oder Häuschen sowieso. Und immer häufiger wird der Konsumentenkredit "auch zur Deckung des laufenden Bedarfs eingesetzt", so die Analyse des Hamburger Instituts für Finanzdienstleistungen (IFF). Auch Caritas-Berater Moritz Stark stellt fest: "Bei immer mehr Familien übersteigen die monatlichen Ausgaben die Einnahmen." Das Wachstum ist zu großen Teilen auf Schulden gebaut.
Dabei gründet die Masse der Kredite auf einem denkbar dünnen Fundament: auf der Zusage, sie mit zukünftigen Einkommen zurückzuzahlen. Deshalb sind die Verbraucher-Berater immer wieder überrascht, wenn ihnen neue Klienten ihre Geschichte erzählen, "wie leichtfertig" (Stark) die Geldhäuser Kredite übers Land verteilen.
Paradox: Viele Unternehmensgründer jammern, daß die Geldhäuser so knickrig, so übervorsichtig sind. Aber ein Aushilfstellerwäscher etwa mit knapp 1500 Mark brutto im Monat hatte, als er zur Schuldnerberatung kam, Euro- und Visacard überzogen, einen 4000-Mark-Sparkassenkredit erhalten und verjubelt.
Vor allem die auf Konsumentenkredite spezialisierten Institute, so die Klage der Berater, rückten schnell und großzügig, ohne die Zahlungsfähigkeit lange zu prüfen, auch gewaltige Beträge heraus. Auch die großen Banken und Sparkassen werden immer großzügiger, weil sie das lukrative Geschäft nicht missen wollen.
Für die Geldverleiher gehört es zum Alltag, daß die Rückzahlung so manchen Kredits ausbleibt. Die Verluste werden, über die Zinsen, schlicht der Masse der Kunden aufgehalst. Oder sie werden, steuersparend, als Verluste und Rückstellungen vom Gewinn abgeschrieben.
Nicht nur die Deutschen können mit dem Geld nicht umgehen. Auch die amerikanischen Bürger beispielsweise haben sich die gigantische Summe von 1,2 Billionen Dollar an Konsumkrediten geliehen. Auch dort wuchs die Zahl der überschuldeten Haushalte parallel zur Kreditexplosion rasch an.
Nur, die Amerikaner zogen mit Blick auf die ökonomische Funktion der Schulden eine klare rechtliche Konsequenz: Sie ermöglichten die leichte, schnelle Entschuldung. Für Honorare zwischen 500 und 1000 Dollar bieten Anwälte dort "kurze und schmerzlose" Insolvenzverfahren an.
Gleich zwei Wege aus der Schuldenfalle offeriert das amerikanische Recht. Bei Kapitel 7 des Bankrottverfahrens geht es wie beim Konkurs eines Unternehmens zu: Das Schuldnervermögen wird verwertet, auf die Gläubiger verteilt - basta. Am Ende des Verfahrens ist der Schuldner zwar mittellos, aber schuldenfrei. Nach Kapitel 13, dem sanften Weg, vereinbaren Schuldner und Gläubiger einen drei- bis fünfjährigen gerichtlich überwachten Abzahlungsplan für einen Teil der ausstehenden Kredite, der Rest wird anschließend gestrichen. Sein eventuell vorhandenes Vermögen darf der Schuldner behalten.
Paradiesische Verhältnisse, die - so die tiefe Furcht deutscher Rechtspolitiker - zum leichtfertigen Borgen geradezu verführen müssen. Aber dem ist nicht so. Die entschuldeten Amerikaner geraten "später trotz neuer Kreditaufnahme nur in Ausnahmefällen wieder in Überschuldungssituationen", wie das Institut für Finanzdienstleistungen in einem Gutachten für den Justizminister und die Verbraucherverbände feststellt.
Während jenseits des Atlantiks Schulden und Pleiten ziemlich nüchtern betrachtet werden, wird in Deutschland allzu leicht ein Drama daraus.
In den Betrieben wächst die Zahl von Veruntreuungen, Unterschlagungen und Betrügereien, so die Hamburger Hermes-Kreditversicherung. Geschätzter Schaden: etwa zehn Milliarden Mark. Die Hemmschwelle der Beschäftigten sinke, klagt Hermes-Vorstandschef Wolf-Ingo Darius. Ursache sei die zunehmende Überschuldung der Deutschen.
Immer mehr hoffnungslos Verschuldete tauchen einfach ab, melden die Inkassofirmen. Sie verziehen sich an einen neuen Ort, und genießen die - zumeist nur kurze - Zeit, bis ihre Gläubiger sie wieder aufgespürt haben.
Hunderttausende leben von Sozial- oder Arbeitslosenhilfe, obwohl es Arbeit für sie gäbe: Sie haben aufgegeben. Niemand kann halbwegs genau schätzen, wie viele Milliarden das die Gesellschaft kostet. Andere, die keine Chance mehr sehen, ihre Kreditberge irgendwann abtragen zu können, verschwinden im Schattenreich der Schwarzarbeit.
Klaus Färber*, 43, zum Beispiel, ein einst vielbeschäftigter Steuerberater, der aus eigener Schuld in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten ist. Seine Kanzlei wird zwangsversteigert - ihm bleiben knapp 250 000 Mark Schulden.
Zinsen, Gebühren, Mahn- und Gerichtskosten lassen den Berg auf inzwischen 400 000 Mark wachsen. "Zukunft?" Färber zeigt mit großer Geste auf das Büro, in dem er hinter Schreibtisch und PC hockt, "das hier, Schwarzarbeit, ist meine Zukunft!"
Bis auf Sozialhilfeniveau kappen ihm die Banken sein Einkommen, wenn er le-
* Name von der Redaktion geändert.
gal arbeitet: 2500 Mark bleiben für ihn, seine Frau und seine zwei Kleinkinder, die Hälfte davon geht schon für die Miete drauf. "Ob ich jobbe oder nicht, ich habe keinen Pfennig mehr."
Schwarz macht er - für wenig Geld, aber das bar auf die Hand - die Buchhaltung einer kleinen Firma. Er lebt "auf Kosten der Allgemeinheit", leidet darunter und wartet auf das neue Insolvenzrecht: "Das ist meine Chance!" Vielleicht bringt er den Kostenvorschuß zusammen. Vielleicht gelingt es ihm auch, mit seiner Familie fünf Jahre lang vom Existenzminimum zu leben, auf Sozialhilfeniveau - ohne Zuverdienst im stillen. Denn wird er während der "Wohlverhaltenszeit" beim Schwarz-Jobben erwischt, ist das Verfahren zu Ende, der Traum vom schuldenfreien Leben geplatzt.
Immerhin, für eine wie die Zahnärztin Bortz oder einen wie ihn, den gescheiterten Steuerberater, ist die Reform wenigstens eine Chance. Für eine wie Inge Ohnesorg weniger. Sie gehört zu denen, über die Ulf Giebel von den Inkasso-Firmen sagt, sie "dürften schon am Vorschuß scheitern".
48 Jahre alt ist Inge Ohnesorg und schon mehr als ein halbes Leben lang verschuldet. Mit 20 überzieht sie ihr Sparkassenkonto, borgt sich erst ein bißchen (3000 Mark) bei der Citibank und dann noch mehr (6000 Mark) für ein gebrauchtes Auto. Ein eigenes Einkommen hat sie nicht, lebt von 1000 Mark Unterhalt für sich und ihre beiden Kinder. Daß das für die Abzahlung nicht reicht, müßten die Banken wissen. Die Schuldnerin jedenfalls weiß es nicht.
Die Folgen sind absehbar: Es "langte vorne und hinten nicht". Sie bestellt Kinderkleidung per Katalog und kann sie nicht bezahlen. Sie ist völlig pleite, aber eine private Kreditbank borgt ihr weitere 4000 Mark. Damit zahlt sie Zinsen und Mahngebühren für die früheren Darlehen.
Längst hat sie den Überblick verloren. "Ich hab'' dann einfach die Briefe nicht mehr aufgemacht, mir war alles egal." In Schuhkartons, wie viele verwirrte und entnervte Schuldner, sammelt sie die ungeöffnete Bank- und Amtspost.
Sie findet Arbeit im Krankenhaus Würselen, einem Städtchen nicht weit von Aachen. Bis auf Sozialhilfeniveau wird ihr Lohnkonto gepfändet. Aber das reicht bei weitem nicht: Die Schulden wachsen weiter, bald kann sie Miete oder Licht nicht mehr bezahlen.
Mit dem Räumungsbescheid geht sie endlich zur Verbraucherzentrale. Die Schuldenprofis bringen zum erstenmal ein bißchen Ordnung in ihr Finanzchaos: Zahlungspläne für zwei Versandhäuser und zwei Banken werden entworfen.
Aber dann wird Ohnesorg arbeitslos. Mehr als 80 Mark kann sie im Monat vom kargen Arbeitsamtgeld nicht abstottern. Das sei viel zuwenig, drohen die Gläubiger. Und sie haben ja recht: Aus den 16 000 Mark, die Ohnesorg insgesamt geborgt hat, sind heute, trotz jahrelanger und entbehrungsreicher Ratenzahlungen, rund 30 000 Mark Schulden geworden.
An Menschen in ihrer Lage haben die Gesetzesmacher wenig oder gar nicht gedacht. "Spielen Sie Lotto", pflegen die Gerichtsvollzieher in ihrer spezifisch heiteren Art solchen Schuldnern zu empfehlen. Da sind die Chancen immerhin 1 : 14 Millionen.
Schulden sollen nicht länger zu einem gesellschaftlichen Outsider-Status führen
"Das ist doch ungerecht, man zahlt immer nur, und die Schulden werden größer"
"Ich hab'' dann einfach die Briefe nicht mehr aufgemacht, mir war alles egal"
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Wofür die Deutschen Kredite aufnehmen
Bankschulden der privaten Haushalte
Warum Rechnungen nicht bezahlt werden
[GrafiktextEnde]
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Wofür die Deutschen Kredite aufnehmen
Bankschulden der privaten Haushalte
Warum Rechnungen nicht bezahlt werden
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DER SPIEGEL 14/1998
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