Viorel ist erst acht Jahre alt. Und doch hat der schmächtige Bursche aus der rumänischen Provinzstadt Iasi mit der bösen Welt schon reichlich Erfahrung.
Er lebt seit etlichen Wochen in einem Kinderheim nahe Köln unter falschem Namen - rund um die Uhr bewacht von freundlichen Polizisten. Auch seinen Freund Amisoara, 10, und die 18jährige Georgeta lassen Bodyguards nicht mehr aus den Augen.
Die drei sind wichtige Zeugen in einem Verbrecherstück, das an "Skrupellosigkeit", so der Kölner Kriminaldirektor Norbert Wagner, kaum "mehr zu überbieten" sei. Mehr als 100 Kinder aus Rumänien, von ihren Eltern wie Sklaven verkauft oder gegen Entgelt regelrecht vermietet, mußten fast zwei Jahre lang für straff organisierte Banden als Taschendiebe arbeiten - und machten die Bosse reich.
Allein in Berlin richteten Klaukinder, wie sie sich selbst nennen, einen Schaden in zweistelliger Millionenhöhe an. Auch im Ruhrgebiet und im Rheinland, ihrem jüngsten Betätigungsfeld, scheffelten die Kids Millionen für eine brutale Gangsterbande.
Viele von ihnen sind keine 14, strafunmündig und deshalb nicht zu belangen. Den rheinischen Rekord hielt ein Zehnjähriger: Er stahl, addierte die Kripo, an einem einzigen Vormittag 17 000 Mark.
Wer nicht spurte und zu wenig holte, dem drohten Mißhandlungen. In den Protokollen der Polizei sind schreckliche Szenen vermerkt. Einem Jungen wurden mit einem Baseballschläger fast die Beine zerschmettert; tags darauf, schildert der Kölner Kriminalbeamte Hardy Vraetz, sei er "humpelnd wieder klauen gegangen".
Mädchen wurden vergewaltigt, anderen mit Rasierklingen Po, Lippen und Arme aufgeritzt. Verweigerer bekamen Teller mit Kot vorgesetzt - und die Order, den Unrat aufzuessen.
"Bevor sie essen", sagt der Berliner Kriminaldirektor Peter Preibsch ganz nüchtern, "gehen die Kinder dann doch wieder stehlen."
Ein Kind soll, nach vagen Aussagen zufolge, getötet worden sein. Derzeit versuchen Berliner und Kölner Ermittler, diesen möglichen Mord zu klären.
Daß Kinder als Taschendiebe anschaffen gehen müssen, ist gerade für Großstadtfahnder kein neues Phänomen. Was den Fall "Rum" (internes Kripo-Kürzel) so brisant macht, sagt der Kölner Ermittlungsführer und Oberstaatsanwalt Egbert Bülles, sei der "geradezu mafiose Hintergrund".
Die rumänischen Bandenbosse, davon ist Bülles überzeugt, hätten in der Heimat polizeiliche Helfer gehabt - ausgerechnet Mitarbeiter einer Spezialtruppe gegen Organisierte Kriminalität aus dem südrumänischen Craiova.
In Deutschland sollen zwei Mitarbeiter der rumänischen Botschaft für die Tarnung der Bosse und ihrer Opfer gefälschte Papiere geliefert haben. Das Honorar für gute Freunde - nur eine Flasche Schampus. Ansonsten kosteten die Falsifikate bis zu 1000 Mark.
Nach Telefonüberwachungen und "umfangreichen Geständnissen" (Bülles) steht für die Ermittler fest, daß der Erste Sekretär der Konsularabteilung der rumänischen Botschaft in Bonn, Gheorge S., in den Kriminalfall verstrickt ist. Vier Frauen und Männer sitzen bereits in Untersuchungshaft, gegen zehn weitere sollen internationale Haftbefehle erwirkt werden.
Rumäniens Staatspräsident Emil Constantinescu ordnete vergangene Woche eine sofortige Untersuchung an. Ein Ergebnis steht schon jetzt fest: Rumänische Eltern haben ihre Kinder glattweg verscherbelt.
Sie mußten vor allem blond sein. Schwarzhaarige, gelockte Kinder fallen in den Fußgängerzonen deutscher Städte gleich auf. Zur Not wurden die Haare gefärbt.
Für ihr Kind bekamen die Eltern 500 bis 1000 Mark - viel Geld in einer der ärmsten Regionen Europas. Leitern von Kinderheimen, so die Erkenntnis der Ermittler, seien Prämien versprochen worden.
Von Iasi aus brachten Schlepper die Kinder über die Ukraine nach Polen, zur Grundausbildung als Taschendiebe. "Wenn sie in Warschau oder auf den Polenmärkten im Grenzgebiet genug Erfahrung gesammelt hatten", weiß ein Kölner Ermittler, "wurden sie nach Deutschland gebracht."
Über die grüne Grenze ging es nach Brandenburg und Berlin. Im Osten der Stadt kamen die Kinder in anonymen Plattenbausiedlungen unter, wo deutsche Helfer Wohnungen angemietet hatten. Ermittler Preibsch: "Eine einzige Wohnung brachte pro Monat mehrere tausend Mark Umsatz."
In Berlin wie im Rheinland war das Blitzgeschäft mit den Kindern bestens organisiert. Die etwa 25 Bosse hatten die Claims so abgesteckt, daß sie sich nicht in die Quere kamen, jeder befehligte vier Kinder. Preibsch: "Der jeweilige Bandenführer betrachtete sie als Besitz."
Besonders geschickte Diebe unter den Kindern wurden gehandelt wie Prostituierte auf dem Transfermarkt - 20 000 Mark Ablösesumme sei "oft nicht genug", so Preibsch. Der Fahnder glaubt, daß es "oberhalb der bekannten Täter- und Logistikebene noch eine andere" gebe. Wer aber die Hintermänner seien, wisse er noch nicht. Vermutungen, frühere Mitarbeiter des berüchtigten rumänischen Geheimdienstes Securitate steckten dahinter, konnten nicht belegt werden.
Der Weg vieler Kinder von Berlin ins Rheinland endete in fünf konspirativen Wohnungen. Sie kamen in Leverkusen unter und in Köln, durften hier aber nicht arbeiten. Oberstaatsanwalt Bülles: "Dies war ein regelrechter Ukas - weil in der Domstadt der Fahndungsdruck zu groß sei."
Die Kinder mußten in Aachen, im Ruhrgebiet sowie in der Umgebung von Düsseldorf und Bonn auf die Straße. Ihr Soll: 2000 bis 3000 Mark am Tag.
Dabei gingen sie ähnlich erwachsenen Profis mit artistischer Geschicklichkeit vor. Eine 13jährige verwickelte Gäste in einem Lokal radebrechend in Plaudereien - und
* In der obersten Reihe das Ehepaar Stefi-Schäfer.
klaute pro Tag bis zu 60 Brieftaschen. Ein Zehnjähriger tarnte die Diebstähle gekonnt mit einem Küchentuch.
Wenn die Kinder aufgegriffen wurden, kamen sie erst mal in ein Heim. Oberstaatsanwalt Bülles: "Sie haben sich die Hände gewaschen, etwas gegessen - und waren wieder frei." Ein Junge sei mehr als 60mal festgenommen worden.
Das schmutzige Geschäft an Rhein und Ruhr betrieb bis zum Herbst vergangenen Jahres das Ehepaar Eduard und Marga Stefi-Schäfer. Eher zufällig waren sie, die in Leverkusen wohnen, vor zwei Jahren ins Raster der Ermittler geraten. Der knapp zwei Meter große Mann ist in Rumänien eine Sportgröße; er war erfolgreicher Boxer im Schwergewicht und Mitglied der Nationalstaffel.
Im Frühsommer 1997 genehmigte das Amtsgericht Leverkusen auf Antrag der Kölner Staatsanwaltschaft bei den Stefi-Schäfers eine Telefonüberwachung. Während eines Gesprächs zwischen Marga und ihrer Schwester Dana bekamen die amtlichen Lauscher mit, daß ein gewisser Gica, an der rumänischen Botschaft in Bonn tätig, offenbar überaus großzügig mit Papieren umgehe.
Die Fahnder blieben dran. Sie enttarnten Gica als den Ersten Sekretär S., der vom Auswärtigen Amt in Bonn mit dem roten Diplomatenpaß Nummer 43 332 ausgestattet ist; sein möglicher Gehilfe, der Chauffeur Christian Z., Paßnummer 38 805, war zu diesem Zeitpunkt bereits nach Rumänien zurückgekehrt.
Beide seien verdächtig, neben Taschendieben und deren Bossen auch Prostituierten falsche Ausweise besorgt zu haben, so die Staatsanwaltschaft. Als Diplomaten oder "entsandte Mitglieder des Verwaltungs- und technischen Personals" (Auswärtiges Amt) unterlägen sie allerdings "nicht der deutschen Gerichtsbarkeit".
Anders der Preisboxer Stefi-Schäfer, seine Frau und deren Gehilfen. Sie sitzen seit November vergangenen Jahres in Haft. Im Frühsommer soll der Prozeß gegen sie beginnen - mit den Kronzeugen der Anklage Viorel, Georgeta und Amisoara, die auch für andere Ermittlungsverfahren zur Verfügung stehen. Die Höchststrafe wegen schweren Bandendiebstahls beträgt zehn Jahre.
Bülles und seine Leute haben die Festnahme Monate geheimgehalten - aus gutem Grund. Sie warteten auf andere Bosse, die nach Rumänien zurückgekehrt waren, um fürs Weihnachtsgeschäft 1997 neue Kinder zu requirieren.
Es war vergebens. Niemand kam. Die Polizisten aus Craiova hatten Bülles'' Ermittlungen verpfiffen. Ihr Lohn: Ersatzteile fürs Auto.
DER SPIEGEL 14/1998
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.