Von Voigt, Claudia
Gunter Sachs kannte ich schon, bevor ich ihn kennengelernt habe. Ich habe ihn tanzen sehen auf einem Ball in Monte Carlo mit dem schönen Mannequin Heidi Balzer, und ich habe ihn in St. Moritz fotografiert mit Brigitte Bardot. Aber miteinander gesprochen haben wir zum ersten Mal morgens um vier in der Bar des St. Moritzer Palace Hotels. 1971 war das. Ich saß da ganz fröhlich und wollte mir den Boxkampf zwischen Joe Frazier und Muhammad Ali anschauen, als plötzlich Gunter hereinkam. "Ah, das ist ja die Manni." - "Ja", sagte ich, "und du bist Gunter." Er setzte sich zu mir aufs Sofa, wir haben beide für Frazier gehalten, und weil der eine pistazienfarbene Hose trug, haben wir immer geschrien: "Pistazie! Pistazie!" Frazier hat gewonnen. Und wir hatten ein Geheimwort gefunden, wir haben alle Leute ganz verrückt gemacht, weil wir nicht verraten haben, was es bedeutet. Dies Verschwörerische hat uns all die Jahre verbunden.
Ich nannte Gunter Lämpel, nach dem Lehrer Lämpel in "Max und Moritz", ich weiß gar nicht mehr, warum, und er nannte mich Förschtl, weil mich irgendwann mal eine Touristin so angesprochen hatte. 40 Jahre lang hat er mich jeden Sommer mit seiner Frau Mirja in Fuschl besucht.
Er war hinreißend klug, hatte Mathematik und Wirtschaftswissenschaften studiert. 18 Jahre leitete er mit seinem Bruder das Unternehmen seiner Familie, die Fichtel & Sachs AG.
Gunter wusste, wie man Geld verdient, und er wusste auch, wie man es intelligent wieder ausgibt. Überall steht jetzt Playboy, Playboy, Playboy, aber das ist ganz dumm. Der Gunter verstand es, sich mit Stil zu unterhalten, und er sprühte nur so vor Ideen. Ich hätte hundert Stunden mit ihm verbringen können, ohne mich zu langweilen.
Bevor Gunter nach St. Tropez kam, war St. Tropez ein kleiner, verschlafener Küstenort, Gunter hat die Schönheit dieses Ortes erkannt. Er konnte die Dinge verwandeln und wusste immer, wie man sie noch einen Hauch raffinierter macht. Man denke an die Rosen, die er über dem Haus seiner späteren Frau Brigitte Bardot abwerfen ließ. Nur Spießer zählen nach, wie viele Rosen es gewesen sind. Gunter wusste, dass eine einzige gereicht hätte.
In den Adenauer-Jahren hat er in Frankreich die Freiheit gefunden, so zu leben, wie er leben wollte, voller Lebenslust. Obwohl er in Deutschland geboren wurde, war Gunter überhaupt nicht deutsch.
Vielleicht lag es an seiner Erziehung in Schweizer Internaten. Er war ein besonders feiner Mensch. Niemals hätte er eine kränkende Bemerkung über andere gemacht, das gab es bei ihm nicht. Und wenn jemand nicht gut behandelt wurde, eine Frau von ihrem eigenen Mann, dann hat er sich besonders um sie gekümmert.
Erst vor drei Monaten ist er in St. Moritz noch einmal mit dem Skeletonschlitten den Cresta Run gefahren. Wer diese Eisbahn im Alter zwischen 70 und 80 noch bewältigt, wird in goldenen Lettern auf einer Tafel verewigt.
Gunter hatte es schon im Winter zuvor versucht, aber er war aus der Bahn geflogen. Dieses Mal nun ist es ihm gelungen. "Förschtl, es war furchtbar, das Tempo ist enorm", hat er am Telefon zu mir gesagt, "ich habe mich mit letzter Kraft festgehalten, aber ich habe es geschafft."
Er hat mich oft von irgendwo auf der Welt angerufen. Das habe ich gern gehabt. Das Telefon klingelte: "Hallo Förschtl." - "Ja, wo bist du denn?" Irgendjemand lachte im Hintergrund. "Wir fliegen gerade mit ein paar Freunden von Los Angeles nach Palm Springs hinauf. Ich wollte nur wissen, wie es dir geht." Und vor einem Jahr meldete er sich aus Petra in Jordanien. "Ich stehe hier vor dem Steintempel, von dem du immer gesagt hast, dass er zu den beeindruckendsten Kunstwerken gehört, die du im Leben gesehen hast. Du hast recht gehabt."
Ich habe auch am Tag vor seinem Tod mit ihm telefoniert. "Ich möchte nur deine Stimme hören", sagte er. Er klang sehr niedergeschlagen. Ich war riesig besorgt. Ich habe mich gleich hingesetzt und einen Brief an ihn geschrieben, der ihn hoffentlich irgendwo erreichen wird. "Ich schicke Dir die ganze Kraft meiner Liebe zu Dir", habe ich geschrieben, "und will Dich aus diesem Tief herausholen. Denke an die herrlichen Zeiten, die wir miteinander hatten."
Zum letzten Weihnachtsfest hat er mir ein Foto in einem Silberrahmen geschenkt. Das schaue ich viel an in diesen Tagen. Er und ich sind darauf zu sehen, wir sitzen auf seiner Terrasse in Gstaad in der Sonne, wir haben gerade zu Mittag gegessen, es stehen noch Weingläser herum, ich trage eine bunte Windjacke, er einen rosa Pullover. Ich lache ihn an, er lacht mich an. Auf dem Foto steht eine kleine Widmung: "Das waren, sind und bleiben unsere Zeiten. Dein Lämpel".
Marianne Fürstin zu Sayn-Wittgenstein-Sayn, 91, genannt "Mamarazza", lebt in Österreich und fotografiert seit Jahrzehnten die Partys der High Society.
DER SPIEGEL 20/2011
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