30.03.1998

SEXUALITÄT

Nackte Not

Der US-Pharmakonzern Pfizer entwickelte eine Erektionshilfe in Form einer Pille. Fachleute rechnen mit einem Milliardengeschäft.

Am Telefon in Karlsruhe meldet sich eine junge, sympathische Frauenstimme: Nein, das in Rede stehende Mittel sei kein sexuelles Stimulans, erläutert die Dame höflich, aber bestimmt, "der Geschlechtstrieb wird nicht beeinflußt".

Überdies sei das Präparat noch gar nicht als Arzneimittel zugelassen "und folglich auch nicht in den Apotheken erhältlich". Wer mehr wissen wolle, möge seinen Namen und seine Telefonnummer hinterlassen - klick, Ende der Durchsage.

Mit der sanft belehrenden Telefonstimme fertigt der amerikanische Pharmakonzern Pfizer derzeit in seiner deutschen Zentrale Tag und Nacht Hunderte von Anrufern ab. Seit sich in Fachkreisen herumgesprochen hat, daß Pfizer in Kürze ein neues Mittel gegen Potenzstörungen auf den Markt bringen wird, sucht das Unternehmen mit der automatischen "Hotline" die Erwartungen zu dämpfen. "Wir werden von Anfragen nur so überrollt", sagt der zuständige Pfizer-Mediziner Martin Burkart.

Vor einiger Zeit schon hatten Eingeweihte auf Fachkongressen über die wundersame Wirkung des Mittels berichtet, der Hamburger Impotenz-Experte Hartmut Porst spricht von einer "pharmakologischen Revolution". Vergangene Woche nahm sich gar das "Wall Street Journal" der neuen Männer-Medikation an, Pfizers Börsenkurse kletterten sprunghaft nach oben.

Die Tablette, die schon im vorhinein soviel Aufregung erzeugt, hat die Form eines oktaedrischen Diamantkristalls, der mit einem himmelblauen Zuckerguß überzogen wurde. Unter dem Namen Viagra wird das Mittel in Deutschland frühstens im Herbst auf den Markt kommen, in den USA stand Ende letzter Woche die Zulassung unmittelbar bevor.

Was das Medikament so interessant macht, ist nackte Not: Wenn die Mannhaftigkeit versagt, können viele Männer derzeit nur auf die stimulierende Wirkung zweifelhafter Kräutertropfen hoffen; in besonders schweren Fällen lassen sie sich vom Arzt mittels technischer Gerätschaften helfen, von denen einige an mittelalterliche Folterwerkzeuge erinnern (siehe Grafik).

Viagra hingegen braucht man nur hinunterzuschlucken, nach einer halben Stunde setzt die Wirkung ein, und die Manneskraft bleibt etwa vier Stunden lang ungeschmälert. Nach Expertenmeinung könnte damit erstmals ein bequem einnehmbares Präparat verfügbar sein, das selbst Männer mit schwerwiegenden Erektionsproblemen zeitweilig in draufgängerische Casanovas verwandelt.

Aber nicht nur für Kranke ist das Mittel interessant. Sex-Professor Porst prophezeit: "Jeder Mann wird diese Pille einmal ausprobieren wollen, einfach um sein Sexleben zu bereichern."

In den Industriestaaten hat sich die Impotenz verbreitet wie eine Seuche. Nach einer Studie, die 1994 in den USA publiziert wurde, klagten 52 Prozent der Männer zwischen 40 und 70 Jahren über Erektionsprobleme, jeder vierte litt unter erheblichen Störungen, zehn Prozent waren impotent. In Deutschland dürfte die Situation vergleichbar sein. "Etwa fünf bis acht Millionen Männer", schätzt Experte Porst, sind nachhaltig potenzgestört - ein Leiden, das in der Vergangenheit so unterschiedliche Opfer heimsuchte wie den Anarchisten Michael Bakunin, den französischen König Ludwig XVI. und den amerikanischen Fünf-Sterne-General Dwight D. Eisenhower.

Wenn die Männlichkeit versagte, fahndeten die Ärzte in früheren Jahren vor allem nach psychischen Ursachen. Mittlerweile aber sind die Mediziner sich einig, daß rund 70 Prozent aller Potenzstörungen organisch bedingt sind. So können allgemeine Durchblutungsstörungen den Hintergrund bilden oder ein erhöhter Blutzuckerspiegel; Querschnittgelähmte sind total matt gesetzt, und auch nach Prostata-Operationen gibt es gravierende Probleme.

Dem Glied wieder aufzuhelfen ist aber nicht so einfach: Es handelt sich um ein in seinem natürlichen Gleichgewicht äußerst sensibel reagierendes Feuchtbiotop. Stabilität geben drei Schwellkörper, die aus schwammartigen Hohlräumen bestehen. Bei sexueller Erregung füllen sie sich mit Blut - so wächst ihr Volumen, und der Penis richtet sich auf.

Herkömmliche Hilfen gegen Erektionsschwächen wirken teils durch mechanische Stützen, teils durch Wirkstoffe, die in den Penisschaft gespritzt werden. Auch das Pfizer-Mittel Viagra setzt bei den Schwellkörpern an, wenn auch wesentlich unauffälliger und gezielter als das bislang erhältliche Hebebesteck.

Der in dem Präparat enthaltene Wirkstoff Sildenafil hemmt den Abbau eines bestimmten Enzyms, das sich durch sexuelle Stimulierung bildet: cyclisches Guanosinmonophosphat (cGMP). Die Substanz weitet die Adern, die Schwellkörper saugen sich mit Blut voll, und bei der Einnahme von Viagra bleiben sie länger stabil. So unterstützt und stärkt das Medikament nur die natürliche Stimulierung. "Wer keine Lust hat auf Sex", sagt ein Experte, "bei dem bewirkt die Tablette gar nichts."

Für den Pfizer-Konzern ist das Mittel eine reine Zufallsentdeckung. Die Forscher, auf Herz- und Kreislaufmittel spezialisiert, hatten ursprünglich nach einem Blutdruckpräparat gesucht. Doch bei den ersten Testreihen "berichteten die älteren Herrschaften über ausnehmend gute Erektionen", wie Mediziner Porst berichtet. Bald meldeten sich mehr und mehr Patienten für die Tests. "Während wir sonst nach Probanden suchen müssen", erzählt ein Pfizer-Forscher, "standen die Leute jetzt plötzlich Schlange."

Mittlerweile ist das Mittel an rund 4500 Männern erprobt, Nebenwirkungen wurden kaum beobachtet. Mal gab es Kopfschmerzen oder Magendrücken, andere Männer klagten, daß sie im Gesicht rot geworden seien - was im Dunkel vieler Schlafzimmer sicher kaum auffallen dürfte. Wieder andere Probanden berichteten über eine verstopfte Nase: Auch dort sitzen empfindliche Schwellkörper.

Etwa 20 bis 30 Mark pro Tablette soll das Mittel in Deutschland kosten - Experten rechnen mit Milliardenumsätzen. Das Medikament wird verschreibungspflichtig sein, Vertreter der Krankenkassen beobachten den Rummel um Viagra deshalb bereits mit Sorge.

Im Falle von nachhaltiger Impotenz, etwa nach Prostata-Operationen, sei eine Kassenübernahme durchaus gerechtfertigt, meint der Leiter der Abteilung für medizinisch-wissenschaftliche Grundsatzfragen bei der Barmer Ersatzkasse, Gerd Glaeske. "Was jedoch ausschließlich der Förderung des Geschlechtstriebes einzelner dient", moniert der Kassen-Vertreter, "kann doch nicht der solidarisch getragenen Krankenkasse aufgebürdet werden."

Nach Berichten aus Pharmakreisen forschen amerikanische Firmen bereits an Weiterentwicklungen der Pfizer-Droge. Angepeilt wird eine Pille mit gleichem Stoffmechanismus, deren Wirkung jedoch bis zu drei Tage anhalten soll. Derzeit haben Pfizer-Vertreter in Deutschland alle Hände voll zu tun, ihr neues Wundermittel vor mißbräuchlicher Nutzung zu schützen.

Schon wurde ein eigenes, abgeschlossenes Lager für das Mittel eingerichtet, an das selbst Firmenmitarbeiter nicht ohne besondere Befugnis herankommen. Auch für den Transport des Präparats gelten besondere Sicherheitsbestimmungen - "das interessiert doch selbst die Gabelstaplerfahrer", meint ein Firmenvertreter.

[Grafiktext]

Medizinische Hilfen gegen Erektionsschwäche

[GrafiktextEnde]

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Medizinische Hilfen gegen Erektionsschwäche

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DER SPIEGEL 14/1998
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