30.03.1998

POPClub der bösen Buben

Teenager schwärmen für Gangster-Rap aus heimischer Produktion - und lieben Stars wie den Hamburger Nana auch wegen ihres kriminellen Vorlebens.
Es ist nicht leicht, ein echter Gangster zu sein - zumal in Deutschland, wo es auch unter harten Jungs kaum üblich ist, seinem Gegner den kleinen Finger abzuschneiden oder durch wilde Ballereien auf offener Straße Angst und Schrecken zu verbreiten.
Nur leider hängt gerade im deutschen Geschäft mit Rapmusik und Hip Hop der Verkaufserfolg eines Künstlers ab von dessen Glaubwürdigkeit als garstiger Finsterling. Tatsächlich gibt es gleich eine Handvoll schwarzer Musiker in Deutschland, die dank ihrer angeblich oder tatsächlich kriminellen Vergangenheit hohes Ansehen genießen: Die bösen Jungs tragen Namen wie A. K. Swift und Down Low, C-Block und Pappa Bear, Nana und Black Attack, und fast alle sind derzeit auf lustiger Verkleidungstour durchs Land; in auf Ganovenschick gestylten Gewändern und mit furchterregendem Blick treten sie in Konzerthallen auf und sind Dauergäste in den TV-Kanälen Viva und MTV ebenso wie im Jugendmagazin "Bravo".
Anders als die meisten Kollegen hat Nana, bürgerlich Nana Kwame Abrokwa, seine Gefährlichkeit hinreichend belegt. Der 26jährige Rapper aus Hamburg-Niendorf, dessen Hit "Lonely" sich mehr als zweimillionenmal verkaufte, ist wegen gefährlicher Körperverletzung zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Abrokwa hatte 1990 bei einer Auseinandersetzung mit einer türkischen Familie eine Frau schwer verletzt, 1996 lehnte der Bundesgerichtshof eine Revision gegen seine Verurteilung ab.
"Warum muß der Popstar nicht ins Gefängnis?" fragte die "Bild"-Zeitung kürzlich - und lieferte die Erklärung gleich mit: Das Teenie-Idol hofft, daß die dafür zuständige Hamburger Senatskommission die Strafe zur Bewährung aussetzt. Die Entscheidung soll Mitte April fallen. Als sozial gefestigt kann der mittlerweile zu Reichtum Gekommene wohl durchaus gelten.
In Konkurrenz zum verurteilten Straftäter Nana bemühen sich seine Rapper-Kollegen mitunter geradezu verzweifelt, jenem Bild des bösen, jungen, schwarzen Mannes zu entsprechen, das die halbwüchsigen Fans so anspricht: Vor einer Bühne in der Münchner Filiale der Elektro-Kette Saturn-Hansa etwa haben sich zwei Dutzend 14jährige versammelt, um einen Mann zu begrüßen, der seine Sonnenbrille nicht abnehmen mag.
Zum Playback-Band rappt A. K. Swift, 28, vom Haß, und daß er das Spiel der Bösen nach seinen eigenen Regeln spielen will: "Player Hater, it's all in the Game". Player steht für Gangster, Game für dunkle Geschäfte, das Publikum kennt die Geheimsprache, und es jubelt. Erst in der Personalküche, die an diesem Nachmittag als Umkleidekabine dient, guckt A. K. Swift plötzlich freundlich und gibt lächelnd Autogramme.
Auf den bunten Seiten von "Bravo" berichtet Joseph Uriel Thompson, Chef der in Deutschland produzierten Erfolgsband Down Low ("Johnnie B."), daß seine Texte mit einem "traumatischen Erlebnis in meiner Jugend" zu tun haben: "Mit 16 wurde ich in meiner Heimatstadt Gary, Indiana, beim Klauen erwischt und von der Polizei abgeführt."
Der Rapper Pappa Bear läßt sich im Video zum Hit "Cherish" von der Polizei jagen und fährt im Cabrio mit schönen Gangsterbräuten - er selbst kennt das wilde Leben, von dem er erzählt, allerdings nur aus Filmen: Er ist in Curaçao geboren und in Holland aufgewachsen. "Cherish" hat er in einem Hamburger Plattenstudio aufgenommen.
Die Masche, mit der die deutschen Rap-Gewächse Nana, C-Block und Konsorten Hits einspielen und "Echo"-Auszeichnungen kassieren, ist ein US-Import. Seit Ende der achtziger Jahre gilt die Gangster-Pose von Rappern wie Niggers With Attitude, Snoop Doggy Dogg oder Tupac Shakur als Pop-Phänomen: Die Berichte vom harten Leben in den Straßen der Ghettos faszinierten vor allem brave Schüler aus den ruhigen Vororten - für sie war Gangster-Hip Hop Action-Kino auf CD.
Seit aber einige Gangster-Rapper einander den Krieg erklärten und die ersten Stars erschossen aufgefunden wurden, ist es mit der Begeisterung der Fans in den USA ebenso vorbei wie mit dem Zähnefletschen der Idole.
Unter Deutschlands Teenagern dagegen herrscht weiter Gruselbedarf - und so verfielen Musikproduzenten auf die Idee, ehemalige Soldaten aus deutschen G. I.-Städten wie Frankfurt oder Kaiserslautern für eine heimische Version des Gangster-Sounds einzuspannen.
Jahrelang hatten die Hitmixer und Plattenfirmen auf Euro-Dance gesetzt, eine Mischung aus Techno, Hip Hop und Melodien zum Mitsummen. Als sich die Tanznummern von Snap und anderen Projekten nur noch mäßig verkauften, übertrugen die Produzenten ihre Euro-Dance-Formel - man nehme eine Blondine, einen G. I. und einen Refrain wie "Rhythm Is A Dancer" - einfach auf den Gangster-Hip-Hop aus der deutschen Provinz. Alles blieb beim alten; nur sind die Beats jetzt nicht mehr Techno, sondern Hip Hop.
Im besten Fall sprangen die alten Helden gleich auf den neuen Zug auf. Rapkünstler A. K. Swift etwa tanzte vor vier Jahren noch zum Euro-Dance-Hit "The Omen III" von Magic Affair und rappte zu schnellen Techno-Beats, im vergangenen Jahr schaffte er es mit dem Hip-Hop-Hit "In the Game" in die Hitparade.
Der Rapper, seit Jahren in Deutschland zu Hause, lebt mit seiner Frau und seinen Kindern in einem gemütlichen Eigenheim im Hessischen, und natürlich weiß er, daß er nichts von seinem geruhsamen Leben auf seinen Platten erzählen darf, also erinnert er sich an seine Kindheit. Aufgewachsen ist er in Chicago, und dort, so Swift, "hatten wir keine leichte Zeit".
Rap sei der "CNN der Schwarzen", lautet eine berühmte Definition des Musikers Chuck D. von der Gruppe Public Enemy; er berichte von den Unruhen in den Innenstädten, weil es diese Unruhen nun einmal gebe.
Von rebellischen Umtrieben Unterdrückter in den Innenstädten von Hamburg oder Kaiserslautern allerdings ist vorerst nichts bekannt - bisher werden die Clips für Viva und MTV noch in Miami fabriziert.

DER SPIEGEL 14/1998
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