06.04.1998

ÖLPREIS„Die Opec liegt im Sterben“

Der frühere saudiarabische Ölminister Scheich Jamani über die Erdölschwemme
Scheich Ahmed Saki el-Jamani war fast ein Vierteljahrhundert Erdölminister Saudi-Arabiens und bis zu seiner Ablösung 1986 unumstrittener Führer der Organisation erdölexportierender Länder (Opec). Heute lebt Jamani, 67, als Geschäftsmann in London und Genf.
SPIEGEL: Die Ölminister von zehn Opec-Staaten haben sich letzte Woche auf eine Drosselung der Erdölförderung geeinigt: Um zwei Prozent soll die Weltproduktion heruntergefahren werden. Reicht das, um den Verfall des Erdölpreises zu stoppen?
Jamani: Was auf der Krisensitzung in Wien beschlossen wurde, ist viel zuwenig. Der Erdölmarkt bedarf einer weitaus größeren Angebotsverknappung - doch die Verantwortlichen sind nicht in der Lage, eine solche Entscheidung zu fällen. Der Markt ist sintflutartig überschwemmt. Dies alles geschieht, während die großen Erdölmultis zur gleichen Zeit auf einer Überproduktion sitzen. Unter diesen Rahmenbedingungen kann der Preis nicht stabilisiert, geschweige denn erhöht werden.
SPIEGEL: Um wieviel Prozent müßten die Opec-Länder ihre Förderung verringern, um den Markt zu beruhigen?
Jamani: Zwei Prozent sind lächerlich. Die Reduzierung der Erdölproduktion müßte mindestens drei- bis viermal so groß sein.
SPIEGEL: Wer ist dafür verantwortlich, daß der Markt so überschwemmt wird?
Jamani: Zum einen halten sich viele Länder nicht an die ihnen zugeteilten Förderquoten. Manche produzieren sogar doppelt soviel, wie ihnen erlaubt ist, etwa Nigeria und Katar. Allein Venezuela flutet den Erdölmarkt mit einer täglichen Überproduktion von über einer Million Barrel. Zum anderen hat man sich beim letzten Treffen der Opec darauf geeinigt, Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Kuweit höhere Förderquoten zuzuteilen.
SPIEGEL: Am Niedergang der Opec ist nur die Opec selbst schuld - oder haben auch Sparmaßnahmen im Westen dazu beigetragen?
Jamani: Eine Ursache für den Verfall ist im relativ milden Verlauf des Winters in Europa und Nordamerika zu sehen. Letztlich ausschlaggebend war jedoch der dramatische Zusammenbruch der Wirtschaft in Südostasien. Dies hat dazu geführt, daß die Opec-Länder auf den bereits georderten, aber dann nicht mehr abgenommenen Fördermengen von einer halben Million Barrel täglich sitzenblieben.
SPIEGEL: Welche Rolle spielen die Ölmultis bei dieser Krise?
Jamani: Das ist ein heißes Eisen. Sehen Sie, die riesigen Lagerbestände bedeuten für die Mineralölunternehmen extrem hohe Kosten. Deshalb versuchen sie, ihre Überschüsse so schnell wie möglich am Markt loszuwerden, um das gebundene Kapital wieder freizusetzen. Zusammen mit der anhaltenden Überproduktion der Erdölländer führt dies dazu, daß der Preis ins Bodenlose stürzt.
SPIEGEL: Nach der Ankündigung, die Quoten zu senken, stieg er aber leicht.
Jamani: Wenn sich in den erdölproduzierenden Ländern keine Naturkatastrophen ereignen oder grundlegende politische Umwälzungen stattfinden - was ich nicht hoffe und erwarte -, dann wird der Erdölpreis im nächsten Vierteljahr weiter in den Keller rutschen. Er wird ein Niveau erreichen, auf dem wir uns seit über einem Jahrzehnt nicht mehr bewegt haben.
SPIEGEL: Halten Sie eine weiter reichende Reduzierung der Produktion denn noch für realistisch?
Jamani: Ich zweifle wie Sie daran, daß sich so etwas durchsetzen ließe. Ich weiß, daß sich viele Opec-Länder schon jetzt nicht an die ihnen zugeteilten Quoten halten, auch wenn sie dies niemals zugeben würden.
SPIEGEL: Können Sie uns Beispiele dafür geben, wie und von wem die vereinbarten Förderquoten ausgehöhlt werden?
Jamani: Nehmen Sie beispielsweise Iran. Das ist der schlimmste Betrüger. Teheran hat seit längerem die Auflage, seine tägliche Produktion um 140 000 Barrel zu reduzieren - und umgeht das mit allen Tricks.
SPIEGEL: Scheich Jamani, was hat sich in der Opec geändert, wenn Sie die Politik der Organisation zu Ihrer Zeit als Minister mit der jetzigen vergleichen?
Jamani: Der drastische Preisverfall 1985/86 war ein schwerer Schlag für die erdölexportierenden Länder. Davon haben sich die Opec-Mitglieder finanziell bis heute noch nicht wieder erholt. Im Gegenteil: Die wirtschaftlichen Lasten werden immer größer. Hinzu kommt, daß der Erdölmarkt durch die unkontrollierbaren Angebotsmengen vieler kleiner Staaten außerhalb der Opec kaum mehr steuerbar geworden ist. Einziger Lichtblick: Wenn diese Länder ihre Erdölquellen weiterhin so ausbeuten, werden diese bald versiegen. In vier Jahren könnten dann die Vorkommen der arabischen Golfstaaten wieder die strategischen und marktbestimmenden Ressourcen sein.
SPIEGEL: Haben Sie Verständnis dafür, wenn Verbraucher im Westen die jetzige Ohnmacht des einst so mächtigen Kartells beklatschen?
Jamani: Es gibt, zumindest langfristig, auch unangenehme Folgen für den Westen, etwa die USA: Wenn der Preisverfall sich so fortsetzt, werden die erforderlichen Investitionen für die Mineralölunternehmen zu teuer werden und deshalb ausbleiben.
SPIEGEL: Bedeutet diese Entwicklung das Aus für die Opec?
Jamani: Die Opec liegt bereits im Sterben - es fehlt nur noch der Gnadenstoß.
[Grafiktext]
Entwicklung der Rohölpreise
Rohölförderung von Opec- und Nicht-Opec-Ländern
[GrafiktextEnde]
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Entwicklung der Rohölpreise
Rohölförderung von Opec- und Nicht-Opec-Ländern
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DER SPIEGEL 15/1998
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