06.04.1998

STASI„Warum ausgerechnet ich?“

In der DDR gab es nicht nur 600 000 Stasi-Spitzel, sondern auch Zehntausende aufrechter Bürger, die sich geweigert haben, andere zu denunzieren - stille Helden, über die kaum einer spricht.
Es passiert es schon mal, daß sich Fenster und Hoftüren schließen, wenn Reinhold Katzberg, 67, mit seiner Frau Charlotte, 70, die Dorfstraße entlanggeht. Die Katzbergs, die seit 53 Jahren im 300-Seelen-Flecken Wutike in der Prignitz wohnen, sind den Nachbarn fremd geworden, seit der ehemalige Prüfer für Feuerlöschgeräte, einst wegen seiner leutseligen Hilfsbereitschaft im ganzen Dorf beliebt, fünf Inoffizielle Mitarbeiter (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) aus dem dörflichen Umfeld in seiner Stasi-Akte entdeckte.
Haarklein hatten die Provinzagenten ihrer Zentrale über die "Zuverlässigkeit" des parteilosen Kontrolleurs berichtet. "Radebeul", so Katzbergs Deckname, sei stets "freundlich und einsatzbereit".
Letzteres war Katzberg indes nicht in dem gewünschten Maße, als die Stasi von ihm verlangte, er solle ein Zimmer seines Hauses für konspirative Treffs zur Verfügung stellen und außerdem Kollegen in seinem Betrieb ausspionieren. Nach zwei Monaten intensiver Werbungsarbeit wird der IM-Vorgang "Radebeul" am 27. Juni 1985 mit dem Hinweis geschlossen: "Der Kandidat verweigert die Zusammenarbeit. Er brachte zum Ausdruck: Was sagen die Dorfbewohner, wenn das bekannt wird?"
Katzberg gehört zu den stillen Helden der DDR, die es im real existierenden Sozialismus zu Zehntausenden gab, von denen aber bis heute kaum einer spricht - jene Menschen, die sich standhaft geweigert haben, für Staat und Partei andere zu bespitzeln und an die Stasi zu verpfeifen.
Das Ministerium des Erich Mielke hatte im letzten Jahr seiner Existenz flächendeckend 174 000 IM im Einsatz; insgesamt waren es im Laufe von 40 DDR-Jahren rund 600 000. Jährlich heuerten nach Schätzungen des Politologen Helmut Müller-Enbergs etwa 10 000 DDRler mehr oder weniger freiwillig als Spitzel an, doch immerhin nicht weniger als 1500 weitere verweigerten sich Jahr für Jahr den unsittlichen Anträgen der Stasi-Werber. Der wissenschaftliche Mitarbeiter der Gauck-Behörde glaubt sogar, daß es in Wahrheit noch weit mehr waren, denn pflichtbewußte Führungsoffiziere prüften das "Menschenmaterial" (MfS-Jargon) erst einmal vor, ehe sie Akten anlegten.
Erstmals hat die Potsdamer Diplom-Archivarin Roswitha Kaiser jetzt in einer repräsentativen wissenschaftlichen Studie die Lebensläufe von 167 Stasi-resistenten Männern und Frauen untersucht*. Ihr Fazit: Zivilcourage im Osten war "kein Markenzeichen, das erst im Herbst 1989 Konjunktur hatte".
Zu allen Zeiten der Deutschen Demokratischen Republik gab es Menschen, die ihre Angst vor der Rache der Regierenden überwanden und sich nicht anwerben ließen. "Ich habe gebibbert, geredet und gebibbert", erinnert sich Katzberg alias "Radebeul". Dreimal setzten ihn die Anwerber unter Druck, dreimal blieb er stur. Mit schwejkscher Pfiffigkeit erfand er Gründe, weshalb er kein Zimmer für die Stasi frei habe - weil die Heizung defekt
* Roswitha Kaiser: "Stille Helden - Eine empirische Untersuchung über Verweigerung und Ablehnungsgründe zur inoffiziellen Zusammenarbeit mit dem MfS am Beispiel der Bezirksverwaltung Potsdam". Diplomarbeit, Potsdam 1997.
sei, das Haus renoviert werde, der Sohn zu Besuch komme.
Kaisers Untersuchung widerlegt zudem die im Osten nach wie vor gängige Ausrede vieler ehemaliger DDR-Einwohner, im anderen deutschen Staat habe niemand eine Wahl gehabt, wenn die Stasi ihn rief. Das "Nein" blieb für die Spitzeldienstverweigerer meist folgenlos, nur in Ausnahmefällen mußten sie dafür büßen.
Als Katzberg auch beim dritten Anlauf kategorisch ausschloß, sich schriftlich zur Zusammenarbeit mit der Stasi zu verpflichten, protokollierte Oberstleutnant Stutzke entnervt: "Hier brachte der Kandidat zum Ausdruck, daß er nichts unterschreibt. Und wenn es mit seiner beruflichen Tätigkeit zusammenhängt, dann müsse er dort eben aufhören."
Kurz darauf legte die SED-Kreisleitung Katzberg nahe, seinen gutdotierten Job aufzugeben und sich fortan als Hausmeister zu verdingen.
Penibel haben die tschekistischen Buchhalter festgehalten, mit welchen Finessen umworbene Bürger versucht haben, sich ihrer staatsbürgerlichen Pflicht zum Petzen zu entziehen. Am häufigsten waren schlichte "Ausreden" wie die von "Radebeul", am effektivsten war die "Dekonspiration": die Belästigung durch die Stasi öffentlich zu machen - eine Taktik, die auf die tschekistischen Geheimniskrämer "eine ähnlich verheerende Wirkung gehabt haben muß wie das Kreuz auf Dracula", sagt Kaiser. Denn strikte Geheimhaltung war oberstes Gebot für jeden Spitzel.
Wer dagegen verstieß, war draußen, wie etwa der 16jährige IM-Aspirant "Igel". Dessen Mutter suchte 1985 die MfS-Kreisdienststelle Königs Wusterhausen auf und verwahrte sich gegen weitere Gespräche mit ihrem Sohn. Der Führungsoffizier notierte pikiert: "Grundlegende Regeln der Konspiration verletzt, da unter Beeinflussung der Mutter." Die Akte "Igel" wurde geschlossen.
In anderen Fällen half schlichtes Mauern. Der Rostocker Geschichtsstudent Herbert, heute 34, renovierte im Winter 1988 seine Wohnung, als unvermittelt ein Mitarbeiter des MfS anklopfte. Der Stipendiat, Sproß einer linientreuen SED-Familie, war ins Visier der Werber geraten, als sein Artikel über mecklenburgische Landesgeschichte für ein DDR-Fachblatt in der Bundesrepublik nachgedruckt wurde. Überdies hatte Herbert durch seine Archivarbeit Kontakte zu westdeutschen Wissenschaftlern, die in der DDR über die Hanse forschten. "Die sollte ich ausspionieren."
Als der Student sich weigerte, wurde der Stasi-Offizier deutlicher. Ob er noch etwas werden wolle in seinem Beruf? Er solle nicht vergessen, daß er diesem Staat sein Betriebsstipendium verdanke. Herbert blieb standhaft, ihm passierte nichts.
Andere unterschrieben zunächst aus Furcht vor Repressalien die Verpflichtungserklärung, hielten sich dann aber nicht an die Abmachung.
Thomas Kretschmer, 42, heute Holzbildhauer im thüringischen Liebschütz, war mit 17 ein "flippiger Bursche". Der gläubige Jungkatholik pflegte enge Kontakte zur "Jungen Gemeinde" in Jena, der evangelischen Keimzelle der lokalen Protestbewegung. Das Fernweh und die Sehnsucht zur Großmutter im fernen Allgäu trieben den Krankenpflegerlehrling zu einem folgenschweren Fluchtversuch: Am 17. Juni 1973 nahmen ihn tschechische Soldaten 500 Meter vor der österreichischen Grenze fest.
In der Isolationshaft des Untersuchungsgefängnisses Gera setzten Stasi-Offiziere den schmächtigen Jüngling unter Druck: Er solle sich als Spitzel in der katholischen Kirche verdingen. Kretschmer hatte den Vernehmern erzählt, er wolle Priester werden.
Wenn er sich weigere, drohte der Stasi-Mann, seien ihm 15 Monate wegen versuchter Republikflucht sicher. Der Vernehmer habe gefragt, "ob ich mein Leben verpfuschen wolle", erinnert sich Kretschmer. "Ich könne es doch viel besser haben."
Der junge Mann brach schließlich zusammen und willigte ein, nach der Haftentlassung unter seinen Glaubensbrüdern und -schwestern zu spionieren. Die Werber feierten ihren Erfolg im Knast mit einer Flasche Sekt - Kretschmer mußte mittrinken.
Doch schon bald plagten den neuen IM Gewissensbisse: "Ich fühlte mich als Verräter." Drei Monate quälte sich Kretschmer mit Selbstmordgedanken, dann schrieb er seinen Anwerbern einen Brief. "IM Kaplan", den seine Stasi-Offiziere als "überdurchschnittlich intelligent" einschätzten, wollte mit den Praktiken, "die mich an die Inquisition im Mittelalter erinnern", lieber doch nichts mehr zu tun haben: "Ich verabscheue Sie. Ich habe Angst, gegen meinen Auftrag als Priester, gegen meine Freunde arbeiten zu müssen. Ich bin so naiv, ernstlich zu glauben, daß Sie mich in Frieden gehen lassen."
Tatsächlich ließ die Stasi ihre Neuerwerbung laufen. Nach seiner Entlassung aus dem Knast arbeitete Kretschmer zunächst als Pfleger in einem Behindertenheim, dann begann er, Theologie zu studieren, brach jedoch nach zwei Jahren ab. Er wollte kein Priester mehr werden. An ihm nagte das Schuldgefühl. Als er seiner Braut von seiner kurzzeitigen IM-Verpflichtung erzählte, sei er "zweimal gestorben".
Auch heute fällt es dem Neinsager Kretschmer schwer, über das Vergangene zu sprechen. Er ist damit nicht allein: Viele Stasi-Verweigerer bleiben lieber "stille Helden". Ihnen ist es heute peinlich, mit der "Firma" in Verbindung gebracht zu werden.
Mancher hat es wie der Rostocker Herbert nie ganz verwunden, daß die Stasi in ihm einen potentiellen Denunzianten gesehen hat. "Warum haben die ausgerechnet mich angesprochen?" fragt sich Herbert noch heute. Nicht einmal enge Freunde hat er eingeweiht: "Ich fürchte, daß sie mir nicht glauben."
Auch die Kollegen einer 43jährigen Lehrerin aus Berlin-Hellersdorf wissen bis heute nicht, daß sie von der Stasi umworben wurde. Die Pädagogin will nicht mehr daran erinnert werden. "Ich habe nein gesagt - fertig." Sie fürchtet, daß sie im Kollegium für eine "Angeberin" gehalten wird, "dabei habe ich mich noch nie aus dem Fenster gelehnt".
Die Katzbergs gehören zu den wenigen, die für ihren Mut bis heute bezahlen. Weil er damals zum Hausmeister herabgestuft wurde, muß Reinhold Katzberg jetzt mit einer Rente von 900 Mark auskommen.
* Roswitha Kaiser: "Stille Helden - Eine empirische Untersuchung über Verweigerung und Ablehnungsgründe zur inoffiziellen Zusammenarbeit mit dem MfS am Beispiel der Bezirksverwaltung Potsdam". Diplomarbeit, Potsdam 1997.

DER SPIEGEL 15/1998
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