06.04.1998

ZEITGESCHICHTE

Erschießen oder erhängen?

Deutsche Sabotage-Kommandos sollten im Zweiten Weltkrieg amerikanische Industrieanlagen sprengen und mit Anschlägen Schrecken verbreiten. Doch das "Unternehmen Pastorius" geriet zur Agenten-Klamotte mit tödlichen Folgen.

Die Hinrichtung im Washingtoner Bezirksgefängnis begann um 12 Uhr mittags. Nach dem dritten Stromstoß war der erste Deutsche tot. 64 Minuten später lebten auch die anderen fünf nicht mehr. Es war der 8. August 1942, "Unternehmen Pastorius", eine der bizarrsten deutschen Kommandoaktionen im Zweiten Weltkrieg, war zu Ende.

Zwei U-Boote aus Adolf Hitlers Kriegsmarine hatten zwei Monate zuvor acht Saboteure an der amerikanischen Ostküste abgesetzt. Sie sollten anderthalb Jahre lang die kriegswichtige Aluminium-Industrie der USA attackieren, die Hell Gate Bridge über den East River in New York sprengen und mit Anschlägen auf Kaufhäuser und Bahnstationen Schrecken verbreiten.

Den Plan hatte auf Befehl Hitlers die militärische Abwehr der Wehrmacht unter Admiral Wilhelm Canaris entworfen. Die Ausführung geriet zu einer der größten Pleiten der deutschen Spionage im Zweiten Weltkrieg. Zwei der eingeschleusten Agenten, Georg John Dasch und Ernst Peter Burger, liefen nach kurzer Zeit zu den Amerikanern über. "Ich verstehe nicht, warum ich einen Geheimdienst habe, wenn solche Böcke geschossen werden", tobte Hitler in seinem Hauptquartier.

In den USA riß das Terrorunternehmen ganze Familien mit ins Verderben. Die meisten Saboteure hatten in Amerika Verwandte und Freunde in die Aktion hineingezogen. Die Helfer erhielten schwere Haftstrafen. Drei wurden gar zum Tode verurteilt, später aber begnadigt. Einer davon war Max Haupt, der Vater des jüngsten Saboteurs. Er wurde 1957 in die Bundes-

* Oben: Hermann Neubauer, Heinrich Heinck, Werner Thiel, Edward Kerling, Richard Quirin, Herbert Haupt, Georg John Dasch, Ernst Peter Burger; unten: am 8. August 1942 aus dem Bezirksgefängnis von Washington.

republik abgeschoben. Sein Nachlaß liegt dem SPIEGEL vor.

"Unternehmen Pastorius" hatte nie wirklich eine Chance. Die Vorbereitung war stümperhaft, die Ausführung clownesk.

Nach der Kriegserklärung an die USA am 11. Dezember 1941 hatte Hitler seinem Abwehrchef befohlen, "endlich in Amerika etwas zu tun", wie Canaris seinen Abteilungsleitern anschließend verkündete.

Hauptmann Richard Astor von der Sabotage-Abteilung bekam den Auftrag, sich passende Aktionen auszudenken. Ein Code-Name war rasch gefunden. Wie 1683 der fränkische Jurist Franz Daniel Pastorius mit deutschen Aussiedlern in Philadelphia, so sollten, weniger friedlich, die Maulwürfe des Dritten Reiches an der amerikanischen Küste anlanden - aus den Unterseebooten in den Untergrund.

Der ehrgeizige Astor entwarf eine lange Liste mit Terrorzielen, die für zwei Kriege gereicht hätte. Er wollte Bahnstationen und Kaufhäuser in die Luft jagen, um die Moral der Amerikaner zu brechen; die Wasserwerke an den Niagarafällen sprengen, um die Energieversorgung zu behindern; Schleusen zerstören, um den Ohio und den Mississippi zu blockieren. Der Abwehr am wichtigsten waren die Aluminiumwerke im Tennessee-Tal, in East St. Louis in Illinois und in Massena im Staat New York. Sie galten als Engpaß der amerikanischen Flugzeugindustrie.

Leutnant Walter Kappe wählte den Sabotage-Trupp aus. Der Nationalsozialist mit aufgedunsenem Gesicht und goldenem Parteiabzeichen kannte die USA gut. Zwölf Jahre, bis 1937, hatte Kappe dort gelebt und in Chicago Demonstrationen des "Bundes" organisiert - so nannte sich die Organisation der rechtsradikalen Deutsch-Amerikaner.

Kandidaten für das Unternehmen fand Kappe in der Kartei des Stuttgarter Instituts für Auslandsforschung, das Tausenden Auslandsdeutschen den Weg "heim ins Reich" finanziert hatte. Zahlreiche Deutsche, die in den USA gelebt hatten und sich dort unauffällig bewegen konnten, waren in Stuttgart registriert.

Zuerst rekrutierte Kappe einen eleganten Mann mit guten Manieren, die der sich als Kellner in New York angeeignet hatte. Es war der spätere Überläufer Dasch.

Mit Daschs Hilfe suchte Kappe elf weitere Sabotage-Kandidaten aus, meistens Mitglieder der NSDAP. Einer von ihnen hatte sogar 1923 am Hitler-Putsch in München teilgenommen: Das war der zweite Überläufer Burger.

Der Jüngste in der Truppe war Herbert Haupt, damals 22, der Sohn des später nach Deutschland abgeschobenen Max Haupt. Dessen Geschichte klang so skurril, daß die Gestapo sie lange Zeit nicht glauben mochte.

Haupt, in Stettin geboren und in Chicago aufgewachsen, hatte sich im Sommer 1941 nach Mexiko davongemacht, als seine Freundin schwanger wurde. Von deutschen Vermittlern ließ er sich für ein Kloster in Yokohama anwerben, das sich als Arbeitslager erwies; auf einem Frachter entkam er nach Bordeaux.

Den Spionage-Chefs pries Kappe seine Mannen "wie ein Zirkusmanager" an, erinnerte sich später einer von Canaris'' Untergebenen. Geheimdiensterfahrung hatte keiner. Aber die nötigen Kenntnisse, fand Kappe, ließen "sich ja wohl lernen".

Canaris war dennoch gegen das Unternehmen: "Das ist doch Wahnsinn in Potenz." Der mißtrauische Abwehrchef schickte Agenten lieber einzeln los, schon bei zweien könne "der eine den anderen verraten".

Auf der Sabotage-Schule Gut Quenzsee bei Brandenburg lernten Dasch und seine Truppe Mitte April 1942 18 Tage lang Jiu-Jitsu und das Werfen von Handgranaten. Abends übten sie den Song "Oh! Susanna". Ingenieure der IG Farben - sie hatten vor dem Krieg geholfen, die amerikanische Aluminiumindustrie aufzubauen - gaben praktische Terrortips.

Plante Dasch schon damals den Verrat? Einer der Betreuer der Gruppe, Kapitän Wilhelm Ahlrichs, war sich dessen sicher. 1957 schrieb er in einem Brief, der sich in Haupts Nachlaß fand, Dasch habe bereits während der Ausbildung verkündet, er werde das Unternehmen "dem FBI verpfeifen".

Schon auf dem Weg an die französische Westküste erregte das Geheimkommando beträchtliches Aufsehen. Im Pariser Hotel "Deux Mondes" grölte Heinrich Heinck betrunken, er sei ein Agent. Kollege Haupt, Deckname Bingo, weigerte sich, eine Prostituierte zu bezahlen, die daraufhin das ganze Hotel zusammenschrie. Der Saboteur Schmidt holte sich an der Seine den Tripper und mußte aus dem Team ausscheiden.

Im Hafen von Lorient stellten die Untergrund-Agenten fest, daß sich in der Kommandokasse Dollarnoten befanden, die in den USA schon lange nicht mehr im Umlauf waren.

Kapitän Ahlrichs, zuständig für das Einschiffen, befiel Skepsis. "Die Leute", war er sicher, würden sich "keine vier Wochen halten können". Das seien keine Agenten, sondern "Abenteurer, die mal wieder ein vernünftiges Beefsteak auf dem Teller haben wollten".

Schon die Landung an der US-Küste war wie nach dem Drehbuch einer schlechten Agenten-Klamotte. Kapitänleutnant Linder, der mit seinem U-Boot "Innsbruck" die ersten vier Agenten in Long Island absetzen sollte, lief mit seinem Schiff 200 Meter vor dem Ufer auf Sand. Erst beim letzten Versuch - die Matrosen waren schon bereit, das Boot zu sprengen - gewann er Wasser unter dem Kiel.

Als das Schlauchboot mit den Männern an den Strand übersetzte, sprang Kommandoführer Dasch viel zu früh ins Wasser, um das Boot an Land zu ziehen. Beinahe wäre er ertrunken.

Am Strand stieß Dasch auf den jungen Küstenwachmann John Cullen. Sie seien Fischer, log der nasse Agent. Cullen wollte das nicht glauben. Da versuchte Dasch, ihn mit 260 Dollar zu bestechen: "Sieh mich an! Hast du mich jemals gesehen?"

"Nein", antwortete der Wachmann und informierte umgehend seine Vorgesetzten. Eine knappe Stunde später rückte ein Trupp der Küstenwache an der Landestelle an.

Da waren zwar die Saboteure bereits auf dem Weg zum nächsten Bahnhof, um nach New York zu fahren. Aber den mitgebrachten TNT-Sprengstoff hatten sie so nachlässig am Strand vergraben, daß die Amerikaner ihn schnell fanden - Dasch hatte die Schaufel liegenlassen.

Das FBI leitete die bis dahin größte Fahndung in seiner Geschichte ein. Das zweite U-Boot des "Unternehmens Pastorius", U-584, konnte trotzdem noch die anderen Saboteure vier Tage später bei Jacksonville in Florida absetzen. Der Plan sah vor, daß Dasch sich mit dem Leiter des zweiten Teams, Edward Kerling, am 4. Juli in Cincinnati treffen sollte.

Einige der Agenten verbrachten die Zeit bis dahin in New Yorker Hotels, zwei reisten nach Chicago. Tölpelhaft benahmen sie sich alle.

Saboteur Hermann Neubauer langweilte sich so sehr, daß er Verwandte von Freunden seiner Frau aufsuchte, die er nie zuvor gesehen hatte. Nach dem ersten Abendessen bat er sie, 3600 Dollar aus der Kasse vom "Unternehmen Pastorius" für ihn aufzubewahren.

Gruppenführer Kerling traf sich mit einem Freund, der ihm helfen sollte, das Verhältnis zu seiner Frau und seiner Geliebten zu klären. Freimütig erzählte er dem Kumpel, was er vorhatte.

Die meisten riß Herbert Haupt hinein, der zu seinen Angehörigen nach Chicago fuhr. Seiner sitzengelassenen Freundin - sie hatte das gemeinsame Kind durch Fehlgeburt verloren - versprach er jetzt die Ehe, überredete seinen Vater, ihm ein schwarzes Pontiac-Coupé zu kaufen und erzählte überall, er sei im Auftrag der deutschen Regierung unterwegs.

Wahrscheinlich wäre das "Unternehmen Pastorius" auch ohne die beiden Überläufer enttarnt worden: Die Saboteure stellten sich zu dusselig an. Die Amerikaner waren zudem vorgewarnt. Schon Mitte März hatten "Kieler Kontaktpersonen" nach Washington über das Kommando berichtet, wie kürzlich der Historiker Günther Gellermann enthüllte*.

Dasch war mit dem alten Kämpfer Burger in New York geblieben, im Hotel Clinton. Dasch weihte den desillusionierten Nazi, der zum entmachteten antikapitalistischen Flügel der NSDAP gehörte, in sein

* Günther W. Gellermann: "Der andere Auftrag. Agenteneinsätze deutscher U-Boote im Zweiten Weltkrieg". Bernard & Graefe Verlag, Bonn; 237 Seiten; 48 Mark.

Vorhaben ein. Burger hatte schließlich 17 Monate in Gestapo-Haft gesessen, nachdem er über Pannen der Geheimpolizei im besetzten Polen berichtet hatte. Daschs Vorschlag, zum FBI überzulaufen, fand Burger gut.

Gemeinsam bildeten sie sich ein, im Auftrag der US-Regierung mit einem Kommandounternehmen nach Deutschland zurückzukehren, um SS-Chef Heinrich Himmler umzubringen. Sie aßen noch einmal gut zu Abend, dann rief Dasch das New Yorker FBI an.

Über seine Motive stritten später die Juristen. War es Feigheit, weil er ahnte, daß die Aktion scheitern mußte, wie der amerikanische Chefankläger im Prozeß gegen die Saboteure später unterstellte? Oder war Dasch ein verkappter Widerstandskämpfer, wie er selbst behauptete und einige Arbeitskollegen nach Kriegsende bezeugten?

Fast wäre Dasch das Überlaufen zu den Amerikanern mißlungen: Das FBI nahm ihn nicht ernst. Der Deutsche wollte aus Angst vor Gestapo-Spitzeln seine Geschichte nur FBI-Chef Edgar Hoover persönlich berichten. Dem New Yorker FBI-Beamten Dean McWhorter meldete er sich beim ersten Anruf als Franz Daniel Pastorius und erzählte, er sei gerade mit einem U-Boot aus Deutschland gelandet.

McWhorter hielt Dasch für einen Spinner. Der kündigte an, er werde in wenigen Tagen nach Washington kommen, um Hoover wichtige Informationen zu geben. "Ja, ja, gestern hat Napoleon angerufen", antwortete McWhorter und legte auf.

Dasch blieb trotzdem zuversichtlich, spielte 36 Stunden lang ununterbrochen Karten und fuhr nach Washington. Als er 84 000 Dollar in kleinen Scheinen aus der Kommandokasse auf den Tisch kippte, glaubte ihm das FBI. Er bekam Hoover zu sehen und wurde über eine Woche lang vernommen; auch Burger sagte aus. Es waren Daschs "letzte wirklich glückliche Tage".

Denn US-Präsident Franklin D. Roosevelt wollte ein abschreckendes Exempel statuieren. Die Todesstrafe, fand er, sei "beinahe Pflicht". Dasch beschwor später, er habe niemanden auf den elektrischen Stuhl bringen wollen und beteuerte, noch vor der Abreise aus Berlin das amerikanische Spionage-Gesetz von 1917 genau studiert zu haben. Darin sei nur Gefängnis vorgesehen. Mit Roosevelts Entschlossenheit hatte er nicht gerechnet. "Sollen wir sie erschießen oder erhängen?" war dessen einzige Frage.

Beinahe hätte es Dasch selbst erwischt. Das FBI hatte ihm Straffreiheit versprochen, aber Hoover hielt sich nicht daran. Die redseligen Überläufer Dasch und Burger wurden wie die anderen glücklosen Saboteure zum Tode verurteilt. Am Ende begnadigte Roosevelt Dasch zu 30 Jahren, Burger zu lebenslanger Haft. Nachfolger Harry S. Truman ließ beide 1948 nach Deutschland abschieben.

Dasch fühlte sich als Sozialist und ging nach Ost-Berlin. Die SED - das zeigen nun Dokumente aus der Gauck-Behörde - verdächtigte ihn, für die Amerikaner zu spionieren und überlegte, ihn vor Gericht zu stellen.

Der verkannte Antifaschist flüchtete in den Westen. Dort wurde er von Nachbarn und Passanten als "Verräter" beschimpft und mußte immer wieder den Wohnsitz wechseln. Er starb 1991.

Burger lebte nach der Abschiebung aus Amerika in Bayern, arbeitete im erlernten Beruf als Werkzeugmacher. Seine Spur verliert sich in Augsburg.

Der Abgeordnete der FDP-Bundestagsfraktion Wolfgang Doering bat 1957 die Frankfurter Staatsanwaltschaft zu prüfen, ob man nicht gegen den Verrat an Hitlers amerikanischer Sabotage-Truppe gerichtlich vorgehen könne. Man konnte nicht.

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Kartenausriß USA - Ankunft deutscher Spionage-U-Boote

[GrafiktextEnde]

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Kartenausriß USA - Ankunft deutscher Spionage-U-Boote

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* Oben: Hermann Neubauer, Heinrich Heinck, Werner Thiel, Edward Kerling, Richard Quirin, Herbert Haupt, Georg John Dasch, Ernst Peter Burger; unten: am 8. August 1942 aus dem Bezirksgefängnis von Washington. * Günther W. Gellermann: "Der andere Auftrag. Agenteneinsätze deutscher U-Boote im Zweiten Weltkrieg". Bernard & Graefe Verlag, Bonn; 237 Seiten; 48 Mark.

DER SPIEGEL 15/1998
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