RUSSLAND
Ich liebe Geld, professionell
Gegen die Berufung von Sergej Kirijenko zum Ministerpräsidenten wehrt sich das russische Parlament, die Duma - er sei zu "unerfahren". Dabei stört die Abgeordneten wenig, wo der Neue einen Managerkurs absolviert hat: bei den Scientologen.
Reden war sein Ding nicht, doch beim Abschied aus dem Amt des Ministerpräsidenten fand Wiktor Tschernomyrdin immerhin ein goldenes Wort. "Wir wollten es besser machen", entschuldigte der Mann, der Rußland über fünf Jahre lang regierte, mit Biederblick die mißglückten Staatsgeschäfte, "aber es kam so wie immer."
Sein nominierter Nachfolger Sergej Kirijenko, 35, seit vier Monaten erst Minister für Energie, trat noch ein wenig nach: Die letzte Regierung habe ein halbes Jahr lang von Wachstumstendenzen der Wirtschaft geredet, variierte er das Verdikt seines Chefs Boris Jelzin, doch die Masse der Bevölkerung habe nichts davon gespürt.
Kommunistenchef Gennadij Sjuganow forderte sogleich Jelzin auf, die Nominierung des Kabinett-Benjamins zurückzuziehen. Denn die Lage im Lande sei "nicht minder dramatisch" als beim Putsch von 1991, beim Panzerfeuer auf die Duma 1993 oder "vor dem Ausbruch des Kriegs in Tschetschenien".
Doch Übervater Jelzin führte den jungschen Ersatzpremier, Vater zweier Töchter, als eine Art besseren Büroboten ein: Er geleitete ihn ins Weiße Haus, den Regierungssitz, öffnete Türen auf den Fluren und weckte Beamte, bis er das edelholzgetäfelte Büro des Regierungschefs erreichte.
Mit den Worten "Das ist jetzt alles Ihrs" schlug er ihm auf die Schulter. Boris' Bub hauchte "danke, danke" und setzte sich auf die Kante von Tschernomyrdins grünem Ledersessel, drei Nummern zu groß. Jelzin warnte, ja nicht vor dem Jahr 2000 sein Porträt abzuhängen. Kirijenko nickte, Jelzin strahlte. Genau so, lautete des Präsidenten Botschaft, solle der Neue fortan alle anderen Anweisungen abnicken.
Kirijenko stellte sich danach den Duma-Fraktionen vor. Die Kommunisten und ihre Verbündeten (knapp 50 Prozent der 450 Parlamentssitze) fanden den Bewerber "unerfahren und unakzeptabel". Grigorij Jawlinski, Chef der liberalen "Jabloko"-Partei (45 Mandate), erlebte den Kandidaten als "höflich, gut erzogen" und nichts weiter. Selbst die Hofpartei "Unser Haus Rußland" (65 Abgeordnete), noch erzürnt über den Rauswurf ihres Patrons Tschernomyrdin, erklärte sich "nicht auf Knopfdruck" zur Akklamation bereit.
Der Taktiker Jelzin lud den Duma-Sprecher Gennadij Selesnjow auf die Staatsdatscha Rus, auf der er sonst nur Gleichrangige empfängt, lockte mit der Aufnahme Oppositioneller ins neue Kabinett und nannte die Alternative: Auflösung des Parlaments, Neuwahl. Also Entlassung der Abgeordneten, Verlust der stolzen Diäten, der Wohnung in der Hauptstadt, der fax- und computerbestückten Büros und überhaupt ihrer ganzen Wichtigkeit.
Die Widerborstigen zeigten sich bereit, die Abstimmung über den Premier wenigstens zu verschieben. Kaum erwähnenswert schien ein Risiko, das Kirijenko selbst als "Aprilscherz" abgetan hatte: Eine nach Weltherrschaft trachtende Sekte könne ihn erpressen - die Scientologen des (verstorbenen) Amerikaners Ron Hubbard.
Mit Stützpunkten in einem halben Hundert Städten suchen sie Rußland zu erobern. Ihr Interesse gilt vornehmlich dem militärisch-industriellen Komplex, ihr "College" in Jekaterinburg hat sich in einem Optik-Rüstungswerk breitgemacht, das in Perm befindet sich in der Motorenfabrik, die fürs Militär produziert. An die 100 Besucher jeden Tag meldet das Scientologen-Zentrum in Moskau, das jede Woche 1000 teure scientologische Hochglanzschriften an den Mann bringt.
Vor sechs Jahren schenkten die US-Missionare 69 Duma-Abgeordneten ein Exemplar des Hubbard-Buchs "Dianetik", was einige, für Irrlehren anfällig, der Botschaft aus dem Westen geneigt machte. Der damalige Vizepräsident Alexander Ruzkoi, der Jelzin-Feind, zitierte fortan laufend Hubbard, den auch der spätere Geheimdienstchef Sergej Stepaschin pries. Der amtiert derzeit als Innenminister.
Der Trick der Scientologen: Sie geben den Landeskindern, begierig auf jeglichen Westimport, ihre Lehre als "Managementtechnologie" aus, welche in Trainingskursen zu erlernen sei. An solch einem "Fortbildungsseminar", einer Art Gehirnwäsche, hat Jung-Kirijenko in seiner Heimatstadt Nischni Nowgorod teilgenommen.
Und das kam so: Wie die anderen Ex-Funktionäre der Parteijugendorganisation "Komsomol" strebte Kirijenko, vormals Komsomol-Gebietsführer, auch nach dem Ableben des Kommunismus eine leitende Position an - nun als Manager im Kapitalismus. Die "utopischen Ideale" des Kommunismus waren lebensfern, das hatte Kirijenko begriffen, und zog daraus, wie er jüngst äußerte, den Schluß: "Ich liebe Geld, und zwar äußerst professionell."
Altersgenossen, die einst auf der Straße Ausländern die Westklamotten abgehandelt hatten, verkauften nun ganze Waggonladungen mit Buntmetallen gegen Dollar bis Freihafen Hamburg. Die Kluft zwischen der schrumpfenden Staatswirtschaft mit festen, subventionierten Niedrigpreisen und dem losbrechenden Privathandel auf Weltmarktniveau bot unerhörte Gewinnchancen allein durch Transfer von dem einen in den anderen Sektor.
Kirijenko griff nach der höchsten Profitrate: Er wollte für solche Geschäfte eine Bank gründen, wozu ein kluger Stratege sich erst einmal das geistige Rüstzeug beschafft. Der gelernte Schiffbauingenieur wählte die renommierte Akademie für Nationalökonomie, geleitet von Gorbatschows Wirtschaftsberater Abel Aganbegjan. Gleich nach dem gescheiterten Putsch von 1991 traf er in Moskau ein.
Seine Diplomarbeit, die er nach zwei Jahren vorlegte, galt seinem Berufsziel, den Geschäftsbanken: Ihre Aufgabe sei es, so schrieb er, "alle möglichen Wege und Methoden" zur Kapitalbildung zu nutzen und dafür unbedingt "auf jede Ebene der politischen Macht Einfluß zu nehmen".
Daran hielt er sich. Wieder in Nischni Nowgorod, ließ ihn sein Freund, der dortige Gouverneur Boris Nemzow - der jetzt als sein Vize amtiert -, die Bank Garantija einrichten, welche den örtlichen Pensionsfonds mit Erdölverkäufen aufstockte.
Um seine Professionalität zu verbessern, schrieb sich der Bankdirektor 1995 bei einem Managerkurs des örtlichen "Hubbard-College" ein. Hubbard, das klingt wie "Harvard", liest sich doch der lateinische Buchstabe "B" auf kyrillisch als "W".
Dieses Scientologen-Studium sollte "zur konsequenten Steigerung des Kenntnisstandes moderner Führungstheorien" beitragen, wie die Aktionäre der Garantija-Bank ganz offiziell dem gedruckten Jahresbericht 1995 entnehmen konnten, der dem SPIEGEL vorliegt.
Kirijenko beeindruckten die neuen, einem Ex-Jungkommunisten vertrauten Ideale, die Hubbards Beauftragte predigen: Gruppengefühl und Abgrenzung nach außen. An vier Wochenenden ließ sich die ganze Führungsspitze der Bank im Scientologen-Zentrum (derzeit Iwan-Romanow-Straße 2, vierter Stock) in "Teamgeist und Verantwortungs-Sharing in der Chefetage" schulen.
Die Kosten übernahm die Bank, die 1995 für ihre gesamte Personalschulung 200 Millionen Rubel (etwa 62 000 Mark) ausgab. "Das Hubbard-College füllte damals ein Ausbildungsvakuum", so Wiktor Kitajew, Kirijenko-Nachfolger auf dem Chefsessel der Bank, "andere Angebote gab es nicht."
Die Hubbard-Managementschule stellte ihre geistige Verwandtschaft zur religiösen Scientology-Sekte nicht ins grelle Licht. Als Kirijenkos Vater, früher Politökonomie- und dann Philosophieprofessor an der Universität Nischni Nowgorod, von seinem Sohn über dessen neuen Bildungsgang erfuhr, wußte auch er mit dem Namen Hubbard nichts anzufangen.
Er wandte sich an seinen Kollegen Dr. Jewgenij Wolkow, Psychologiedozent an derselben Universität und Experte für unorthodoxe Religionen. "Zwanzig Minuten habe ich mit Sergej Kirijenko gesprochen", erinnert sich Wolkow, "und ihn auf mögliche Gefahren der Scientology hingewiesen. Dafür bedankte er sich."
Vor vier Jahren konnte noch jeder Scharlatan in Rußland damit rechnen, für angeblich karrierefördernde Einführungskurse in den praktischen Kapitalismus massenhaft gutgläubige Kundschaft zu finden, zumal in der dynamischen Stadt Nischni Nowgorod, die - unter den Kommunisten streng zerniertes Sperrgebiet - wie im Rausch die neuen Freiheiten erprobt. Jüngst wählte sie den Vorbestraften Andrej Klimentjew zum Bürgermeister (Er wurde verhaftet, die Wahl annuliert).
Eine kritische Durchleuchtung scientologischer Herrschaftstechniken, ganz abgesehen vom Religionsgemeinschafts-Trick, hat in Rußland bis heute nicht stattgefunden. Doch Alexander Dworkin, Theologieprofessor an der Moskauer Universität der russischen Orthodoxie, kennt sich aus. Er gibt zu bedenken: "Entscheidend ist, ob Kirijenko beim Aufnahmeverfahren dem dort üblichen Auditing-Test unterzogen worden ist." Dabei werden durch Verhör und Selbstanalyse, auch mal unter Hypnose, intime Informationen abgefragt.
Damit könnte Rußlands Regierender in Abhängigkeit geraten. Die Scientologen verfügen über ein Werbevideo, das der lokale TV-Sender "Wolga" vor einem halben Jahr ausgestrahlt hat. So wurde bekanntgemacht, daß zu den "Absolventen" des Hubbard-Colleges von Nischni Nowgorod auch Michail Teodorowitsch zählt, der Wirtschaftsdirektor des Gouvernements.
Der kirchliche Sektenspezialist Dworkin mahnt eine aufklärende Kirijenko-Erklärung an: "Er muß Klarheit schaffen. Und das so schnell wie möglich."
Eine engere Verbandelung des neuen Jelzin-Favoriten mit dem obskuren Hubbard-Verein könnte die Regierung leicht die Sympathien der Russisch-Orthodoxen Kirche kosten. Argwöhnisch und auf eigene Privilegien bedacht, bekämpft sie das Vordringen jeder anderen Glaubensrichtung, auch wenn sie seriös ist wie etwa die Baptisten. Beim Kampf gegen ausländische Sekten kann sie allemal auf Beifall beim nationalistischen Wähler hoffen.
Die Lücke nach dem Verlust der Staatsideologie, in die auch Hubbards Agenten stoßen, versucht Jelzin mit der Suche nach einer neuen nationalen Idee zu schließen, die totalitäre Versuchung aber lockt, zumal im amerikanischen Kostüm.
Herrschaftstechniken aus den USA, etwa Methoden der Machtgewinnung im Wahlkampf, schätzt Jelzins Tochter Tatjana Borissowna, die offiziell als "Imidschmejker" des Vaters angestellt ist. Amerikanischen Wirtschaftsusancen folgte Ex-Premier Jegor Gajdar; Ruzkoi spottete einst über "die kleinen Jungs in den rosa Höschen". Die sind nun wieder im Kommen; Gajdar, 42, entwirft für Kirijenko das Wirtschaftsprogramm.
Junge Leute umstellen den kranken Mann an der Spitze. Die Riege führt Jelzins Stabschef Walentin Jumaschew, 40, an.
Jelzins Leihfeder bei Abfassung seiner Biographie und Hof-Chronist ist einem deutschen Kanzleramtschef vergleichbar, sein Einfluß jedoch um soviel größer, wie der russische Präsident der Alleinherrschaft näher ist als der Bundeskanzler. Jumaschew war es, der Kirijenko dem Restkabinett und der Duma vorschlug.
Sein Stellvertreter Sergej Jastrschembski, 44, zugleich auch Pressesprecher des Präsidenten, dient als Denk- und Sprechhilfe für alle Notlagen. Als Zar Boris in Stockholm im Dezember Deutschland und Japan als Atommächte einstufte und sich in Finnland wähnte, bremste Jastrschembski: "Der Präsident ist müde." Vorletzte Woche hielt sein Arbeitgeber das traute Gespräch mit den Staatsgästen Chirac und Kohl für eine Pressekonferenz, bis ihn Jastrschembskij flüsternd aufklärte.
Der Frischling im Kreis der Altenpfleger - Kirijenko trat in den Komsomol ein, als dem Generalsekretär Leonid Breschnew noch fünf Amts- und Lebensjahre blieben -, kann sich mit Tschernomyrdin trösten: Besser machen? "Aber es kam so wie immer."
DER SPIEGEL 15/1998
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