06.04.1998

ARCHÄOLOGIEDer verzichtbare Mann

Saßen Frauen in der Steinzeit dienend und demütig am heimischen Feuer, während die Männer, kühn und bärenstark, auf die Jagd gingen? Amerikanische Archäologen haben jetzt dieses Macho-Paradies als Klischee entlarvt und entdeckt, daß auch Frauen Beute machten.
Fellfetzen umflattern die starken Glieder, stolz blickt der Held seinem Feind ins Gesicht. Er kennt kein Zögern und kein Zaudern - bewaffnet nur mit Speer, Mut und Muskelkraft, stößt er dem Mammut die Steinspitze in den monströsen Zottelleib.
Zu Hause, am Feuer vor der Hütte, kauern die Frauen. Träge schaben sie blutige Tierhäute blank; stumpf ihr Blick, dumpf die Arbeit. Sie sind jung und halbnackt, manche verrichten ihr Tun kniend, auf allen vieren - das paßt dem Helden gut, wenn er von seinem Jagdausflug heimkehrt. Denn er ist eben immer und überall ein ganzer Kerl.
Dieses Bild prähistorischen Alltags vermitteln die Geschichtsbücher; die Mehrzahl der Illustrationen zeigt solche Szenen - durchaus authentisch, meinten bisher die Archäologen. Denn schließlich beruhe die Rekonstruktion der Historie auf Grabungsfunden, greifbaren Beweisen vergangenen Menschenwerks.
In der tschechischen Ausgrabungsstätte Dolní Vestonice zum Beispiel, einem Ba-
* Oben: aus dem Buch "Deutschland in der Steinzeit" von Ernst Probst; rechts: aus Fundstätten in Tschechien.
sislager der Steinzeit-Ahnen, haben die Archäologen Mammutknochen zuhauf und schlanke Speerspitzen aus dem Boden geschält, außerdem rundliche Frauenfigürchen aus Ton - typische Belege für eine Epoche des Paläolithikums in ganz Europa (vor 29 000 bis 22 000 Jahren).
Die Interpretation schien klar: Der Steinzeit-Mensch war Großwildjäger, Werkzeugmacher und Bildhauer. Vor allem aber war er ein Mann. Denn wie sollte das schwache Weibsgeschlecht Tiere wie Mammuts erlegen können, jene riesige und gefährliche Eiszeitvariante des Elefanten? Kinderbetreuung - das hat die Biologie nun einmal so gewollt - fesselt die Frauen ohnehin an Hütte und Feuer. Und welches Interesse sollten sie daran haben, diese vollbrüstigen Figuren zu modellieren? Gar keines, entschieden einige Archäologen, denn die Steingebilde sähen eher aus wie Pornopüppchen, handliche Erotika für den rastlosen Jäger.
Gestützt auf wenige Originalrequisiten, haben die Forscher kunstvoll eine Kulisse für ihre Vorstellung vom Leben im Jungpaläolithikum aufgebaut. Was nicht hineinpaßte in jene gefällige Szenerie vom virilen Jäger und seiner Gebärgenossin, wurde übersehen oder in den Hintergrund gedrängt.
Diese überkommene Idee vom Alltag der Steinzeit-Menschen würde jetzt widerlegt, wenn die amerikanische Archäologin Olga Soffer mit ihren Thesen recht behält. Soffer, Leiterin der Abteilung für slawische Sprachen an der Universität von Illinois, legt eine Reihe von Befunden vor, die dem Steinzeit-Macho Schicht für Schicht die glanzvolle Aura des furchtlos-wilden Mammutkillers rauben.
Soffer begann ihre Recherchen in Dolní Vestonice mit einer Frage, die sie schon seit Jahren umtrieb: "Wie sollten die Menschen damals ihre Existenz allein auf die Mammuts gegründet haben?" Keine Gesellschaft auf der Welt habe je nur von Elefanten leben können. "Es gibt immer nur wenige Tiere, verteilt auf weite Areale, und außerdem ist es riskant. Wie sollten die Leute das damals geschafft haben mit ihren Steinwerkzeugen?"
Auch irritierte die Forscherin, daß die in Dolní Vestonice an ein und demselben Platz gefundenen Mammutknochen sich stark in ihrem Verwitterungsgrad unterscheiden. Die Erklärung: Offenbar haben Menschen Skelettstücke, die schon jahrhundertelang im Freien gelegen hatten, als Baumaterial verwendet.
"Schlugen unsere Vorfahren vielleicht ihr Lager bewußt nahe bei Plätzen auf, an denen sie massenhaft Knochen von natürlich gestorbenen Mammuts finden konnten?" fragte sich Soffer. Bei afrikanischen Elefanten jedenfalls existieren solche Naturfriedhöfe. Besonders während der Dürremonate gilt: Je schwächer ein Tier ist, desto eher stirbt es nahe an einem Wasserloch. Stärkere Elefanten hingegen, erwachsene Bullen, schaffen es meist, noch ein Stück weit zu wandern, ehe sie verdursten.
Die meisten Knochen in Dolní Vestonice stammten in der Tat von zarten Jungmammuts, einige wenige von erwachsenen Weibchen. Vermutlich kam es zum Massensterben von Mammuts, weil die Eiszeit-Tiere im Spätwinter unter Mineralienmangel litten: Was dem afrikanischen Elefanten das Wasserloch, war dem europäischen Mammut die Salzleckstelle.
Demnach könnten die Knochenberge in Dolní Vestonice aus benachbarten Mammutfriedhöfen stammen. Sie dienten vor allem als Materiallager für die Werkzeug- und Schmuckproduktion und nicht etwa als Müllkippe für die Reste des erjagten Sonntagsbratens. Die Urkerle hätten dann eher ihre Zeit damit verbracht, friedlich Knochen zu sammeln und Elfenbein zu schnitzen, als bei der Großwildjagd Leib und Leben zu riskieren. Zerrinnt das Klischee vom Kämpfertyp, der sich furchtlos den Ungetümen stellt?
Olga Soffer war mit den Fundstücken noch nicht zufrieden. Wie kamen die Menschen der Steinzeit an ihre Fleischration? Ein bisher von allen übersehenes Detail brachte die Forscherin auf eine Spur: Mit der Lupe entdeckte sie, auf Tonplättchen aus Pavlov, einem benachbarten Fundort, unscheinbare Abdrücke von parallel verlaufenden Linien.
Zurück in den USA, zeigte die Archäologin einem Kollegen Fotos von den seltsamen Mustern. James Adovasio konnte sich einen Reim darauf machen: Nur Textilfasern hinterlassen solche Linien. Die beiden Archäologen hatten Spuren der ältesten Stoffe der Welt entdeckt.
Dem vermeintlichen Steinzeit-Helden kommt so außer dem Jäger-Image auch noch das dekorative Fellgewand des wilden Mannes abhanden - wahrscheinlich trug er, schon ziemlich zivilisiert, leinenfein Gewebtes am Leib.
Soffer und Adovasio reisten nach Dolní Vestonice und inspizierten fast 8400 Tonfragmente. Auf 43 von ihnen fanden sich die charakteristischen Abdrücke textiler Geflechte. "Vielleicht haben die Leute auf Matten ums Feuer herum gesessen", spekuliert Soffer. "Die Muster dieser Matten haben sich dann regelrecht eingebrannt, wenn eine Hütte in Flammen aufging."
Schließlich entdeckten die Steinzeit-Fahnder ganz spezielle Muster. Kein Zweifel: Es waren die Abdrücke von Knoten, geknüpft in regelmäßigen Abständen - so, wie es für die Herstellung von Netzen typisch ist.
Aus diesen Funden zog Olga Soffer eine Schlußfolgerung, die das gängige Rollenbild auf den Kopf stellt: Die Menschen der jüngeren Altsteinzeit haben Tiere mit Netzen erbeutet - dann aber konnten Frauen an der Jagd beteiligt sein. Und es ließe sich endlich erklären, warum fast die Hälfte aller Knochen in Dolní Vestonice von Kleingetier stammt. Hasen rennen viel leichter in ein Netz als in den Speer.
Damit haben Soffer und Adovasio den Steinzeit-Macho auch noch seiner schwarzeneggeresken Muskelpakete beraubt. Denn eine solche Jagdmethode erfordert bedeutend weniger Kraft, als einen riesigen Dickhäuter mit Steinspitzen zu erlegen. Liegt das Tier erst wehrlos im Netz, läßt es sich mit einem einzigen gezielten Hieb erschlagen.
Vor allem aber befreit die neue Theorie die Frauen der Eiszeit von ihrem kauernddemütigen Dasein am Feuer. Denn Netzjagd ist eine Gemeinschaftsaktion; dies berichten Ethnologen von vergleichbaren alten Stammesgesellschaften Nordamerikas: Da webten alle Dörfler an den Netzen und legten sie gemeinsam am Wildwechsel aus, in einer Talsohle zum Beispiel.
Für die nachfolgende Hetze braucht man ohnehin eine möglichst lückenlose Kette von Leuten, die brüllend und mit Stöcken schlagend die Tiere aus der Dickung in Richtung Netzfalle lenken. Ein ungefährlicher Job: Heute noch machen bei Treibjagden Kinder mit. Warum also sollte die junge Steinzeit-Mutter mit dem Nachwuchs bei solchen Gelegenheiten zu Hause geblieben sein?
Zudem garantiert diese Form der Jagd viel üppigere Beute als das Modell "Einzelkämpfer mit Speer": Die Mbuti in den Wäldern Kongos zum Beispiel fangen die Hälfte aller angetroffenen Tiere in ihren Netzen. "Den Fleischüberfluß haben die Leute aus Dolní Vestonice mit großen Zeremonien gefeiert", vermutet Olga Soffer.
Im Winter und Frühling allerdings war die Beute zu mager, um den Hunger der Sippen zu stillen. Auch läßt sich aus tierischem Eiweiß weniger effizient Energie gewinnen als aus Kohlenhydraten. Die Menschen im Paläolithikum konnten also gar nicht, wie manche Forscher meinen, 90 Prozent ihres Kalorienbedarfs über Steaks und Gulasch gedeckt haben.
Die in Tübingen arbeitende US-Archäologin Linda Owen vertritt denn auch die These, daß die Frauen in der Steinzeit viel Zeit darauf verwendet haben, nach Wurzeln zu graben, Beeren zu pflücken und Körner für nahrhafte Müslis zu sammeln. Auf diese Weise und durch die Jagd, so Owen, hätten die Frauen mehr als zwei Drittel der Kalorien für das gesamte Siedlungsvolk beigeschafft.
Damit hätten die Forscherinnen auch noch den Status der Männer als Ernährer der Familie demontiert. Und sie arbeiten heftig am letzten, was sie dem heroischen Steinzeit-Mann noch nehmen können: seine künstlerischen Fähigkeiten, mit denen er sich - nach alter Lehrmeinung - Venus-Figürchen als Sexobjekte geschaffen hat.
Inzwischen haben Olga Soffer und die Keramikexpertin Pamela Vandiver von der Smithsonian Institution nachgewiesen, daß die rundlichen Frauenskulpturen keineswegs Vorläuferinnen von Playmates waren. Dagegen spricht ein Indiz, das auf eine ganz andere Funktion hinweist.
"99,99 Prozent der Figuren sind auf nahezu identische Weise zersplittert", erklärt Soffer - durch einen Hitzeschock, wie die beiden Forscherinnen vermuteten. Sie modellierten daraufhin ebensolche Tonfiguren und stellten sie in die Flammen eines nachgebauten Steinzeit-Ofens.
Unter ganz bestimmten Bedingungen zerbrachen die Repliken ebenso wie die Originale. Dazu mußten sie dieselbe Größe haben, an der heißesten Stelle des Feuers stehen, und der Ton mußte tropfnaß sein.
All diese notwendigen Vorkehrungen deuten darauf hin, daß die Figürchen damals nicht zufällig zerbarsten. "Das war Absicht", sagt Soffer. Sie vermutet, daß die Skulpturen für Divinationsrituale gefertigt wurden: Die Art, wie sie zersplitterten, deutete in die Zukunft.
Die Ansicht, daß Frauen bei solchen Zeremonien eine wichtige Rolle gespielt haben, wird von einigen Wissenschaftlern vertreten. Eine Archäologin glaubt, daß Frauen in der Steinzeit gar einer "spirituellen Elite" angehörten, ähnlich wie die Schamanen im alten Sibirien. Bewiesen ist das nicht, aber Hinweise existieren.
Wie aber konnten Archäologen trotz aller widersprüchlichen Funde das Bild vom mächtigen Macho-Jäger basteln und so lange aufrechterhalten? "Es gibt nun mal keine objektive Vergangenheit, die nur darauf wartet, von uns entdeckt zu werden", sagt Olga Soffer. "Wir sind es, die sie rekonstruieren."
Mithin sei es verständlich, meint die Forscherin, daß Archäologen, die traditionellerweise Männer sind, dieser Vergangenheit eben ihre Weltsicht aufgedrückt haben: "Denen war es einfach lieber, daß die Männer da draußen waren wie der Hemingwaysche Macho-Jäger und die Frauen am besten alle wie Raquel Welch."
Wenn die Steinzeit-Frauen jagten, sammelten, kochten und vielleicht auch noch die spirituelle Versorgung der Sippe übernahmen - wozu waren dann die Männer da? Die hätten damals die gleiche Bedeutung gehabt wie heute, meint Olga Soffer: "Sie sind wunderbar - dekorativ, intelligent, eine angenehme Gesellschaft beim Dinner."
Aber aus evolutionärer und fortpflanzungsbiologischer Sicht seien sie nun mal "verzichtbarer" als das weibliche Geschlecht. Denn schließlich brauchte es nur einen einzigen Mann, aber Hunderte von Frauen, um möglichst viele Kinder auf die Welt zu bringen und aufzuziehen. "Männer sind eben nur die Samenspender."
* Oben: aus dem Buch "Deutschland in der Steinzeit" von Ernst Probst; rechts: aus Fundstätten in Tschechien.

DER SPIEGEL 15/1998
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