DER SPIEGEL



KLASSISCHE MUSIK

Ringelpiez vom Gentleman

Bei Klassik-Konsumenten gilt der Franzose höchstens als Meister gefälliger Füllsel: Ob Liedlein, Opern oder eine edel-bombastische Orgelsinfonie, Camille Saint-Saëns (1835 bis 1921) lieferte, was der Musikbetrieb des 19. Jahrhunderts mochte. Aber schon sein "Karneval der Tiere", wo Schildkröten in Zeitlupe zur Cancan-Melodie des Operetten-Kollegen Jacques Offenbach tanzen, zeigt einen Pfiffikus am Werk. Nun hat die entdeckerfreudige Firma Koch/Schwann auch noch den Visionär in Saint-Saëns aufgespürt: Seine beiden Streichquartette, jetzt vom Londoner Medici String Quartet vorbildlich durchhörbar eingespielt (CD-Nummer: 3-6484-2), sind Summen impressionistischer Altersweisheit. Natürlich leistet sich der Pariser Gentleman, der schon mit zehn Jahren am Klavier debütierte, keine Berserkereien, sondern lieber verkappte Fugen. Zwischendrin aber läßt er schon mal die rauhe Wirklichkeit des Maschinenzeitalters durchblitzen, und im zweiten Quartett aus dem Jahre 1919 wagt Saint-Saëns dann alles, was einem liebenswerten Herrn von 84 keiner zutrauen würde, von brütender Meditation bis zum wilden Tonarten-Ringelpiez.


DER SPIEGEL 15/1998
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