06.04.1998

AUTORENWie im richtigen Leben

Frauen lügen besser: In dem neuen Roman von Annemarie Schoenle planen drei Frauen einen kuriosen Medien-Coup.
Die wunderschöne Saftverkäuferin Sigi, 25, ist mit beschränkten intellektuellen Gaben, aber einem guten Herzen gesegnet, also mit dem, was man heute emotionale Intelligenz nennt. Sie wird schmählich von einem Bildungsschnösel abserviert. Anna, 35, ist eine kul-
* In den Filmen: "Nur eine kleine Affäre" (oben), "Eine ungehorsame Frau" (Mitte), "Verdammt, er liebt mich" (unten).
** Annemarie Schoenle: "Frauen lügen besser". Verlag Droemer Knaur, München; 300 Seiten, 39,90 Mark.
tivierte Verlagslektorin, die von Schriftstellern wie Gerhart Hauptmann, Günter Grass und Peter Handke träumt, leider aber exaltierte Autorinnen mit esoterischem Sendungsbewußtsein betreuen muß. Die 65ährige Henriette schließlich, aufmüpfige Redakteurin eines Frauenmagazins, wird unvermittelt gefeuert - ein klarer Fall von Altersrassismus.
Die drei Frauen planen einen Weiber-Coup: Henriette soll einen zeitgeistigen, frechen Frauenroman verfassen mit dem Titel "Traumfrau trifft Supermann". Anna, Kennerin der schönheitsfixierten Branche, präsentiert ihrem Verlag und den Medien die junge Sigi als Autorin mit einer frei erfundenen Skandalbiographie. Sigi, schauspielerisch begabt, beeindruckt Verlagsherren und Filmproduzenten, und die Geschehnisse kommen so richtig schön in Fahrt, als auch noch einige Männer mit eindeutig erotischen Absichten auftauchen.
Der Roman "Frauen lügen besser", der diese Geschichte intelligent und witzig erzählt, ist das neunte und beste Buch von Annemarie Schoenle**. Die Schriftstellerin Schoenle, 54, aus Poing bei München, ist eine temperamentvolle, wache Frau, die offen ausspricht, was sie denkt. "In der Verlagsbranche", sagt sie, "wimmelt es heute von jungen Wichtigtuern, die rein merkantil denken und ihr Gehirn mit Lifestyle verkleben."
Genüßlich persifliert sie pathetisches Kritikergewäsch, eitle Talkshows und dümmliche Magazinartikel. Auch Starkritiker wie Marcel Reich-Ranicki werden nicht geschont - wie einige dynamische Stuhlabsäger, die einem bekannt vorkommen. Mit ihren Geschlechtsgenossinnen ist Schoenle ebenfalls streng: Viele von ihnen seien heute unpolitisch, feige und geistig träge. "Frauen sind längst nicht so weit, wie sie glauben und wie man ihnen vormacht."
Männliches Personal tritt zwar in Schoenles Büchern reichlich auf, aber eigentlich stehen stets die Frauen im Mittelpunkt. Die Autorin läßt gern ihre Heldinnen die Schlachten allein schlagen. Die putzmunteren, unverdrossenen Superweiber, die derzeit so erfolgreich die Frauenprosa bevölkern, mag sie nicht. Entsprechend kritisch äußert sich Lektorin Anna über die neue, freche Frauenliteratur: "Dreimal das Wort Schwanz, ein bißchen ödes Gefummel - doch dann schlägt der rosarote Blitz ein. Alles wie gehabt. Der richtige Held trifft die richtige Heldin, sie fallen sich in die Arme, heiraten, kriegen Kinder und suchen in XDie moderne Frau'' ein neues Rezept für den alten Napfkuchen."
Schoenles weibliche Geschöpfe sind anders. Sie können auch mal schusselig sein, sind Plaudertaschen oder Nervensägen, haben einen Hang zu sentimentalen Filmen, heulen sich wegen eines Kerls die Augen aus, um dann blind und liebeshungrig dem Nächsten entgegenzustöckeln. Wie im richtigen Leben.
Aber sie sind auch rebellisch, stänkern gegen männliche Vorurteile und Überheblichkeiten und klappen vermuffte Beziehungskisten energisch zu, wenn sie die Nase voll haben.
"Ich wurde dazu erzogen, Obrigkeiten stets in Frage zu stellen", sagt Schoenle - ihr Lebenslauf offenbart denn auch einen erstaunlich rebellischen Zickzackkurs. Die Beamtentochter schmiß ihren Job als Verwaltungsangestellte hin, arbeitete sich in einer Werbefirma hoch bis zur Assistentin der Verlagsleitung, heiratete, wurde schwanger, saß unglücklich mit Kind zu Hause, weil der Mann keine arbeitende Ehefrau wollte. Sie ließ sich scheiden, fing in einer Steuerkanzlei an, tippte Doktorarbeiten, jobbte als Verkäuferin. Sie finanzierte ihrem zweiten Mann, einem Mathematiker, teilweise das Studium, und nebenbei hockte sie sich hin und schrieb Kurzgeschichten, Romane und Drehbücher fürs Fernsehen.
Ihr eigenes Leben war in Teilen Vorbild für die provozierende und anrührende Geschichte der Marlene Schubert, die, dargestellt von Veronica Ferres, als "Die ungehorsame Frau" im Januar über neun Millionen Zuschauer zwei Abende lang vor den Fernseher lockte.
Sechs Schoenle-Romane wurden bislang verfilmt, ihre Plots sind allesamt Quotenhits. Ihr Arbeitsmotto beim Schreiben fürs Fernsehen stammt von Billy Wilder: "Das Wichtigste ist ein gutes Drehbuch. Filmemacher sind keine Alchimisten. Aus Hühnerscheiße kann man kein Gold machen."
"Sie ist schnell, zuverlässig, kreativ und im Moment wohl die begehrteste Drehbuchautorin Deutschlands", sagt die ZDF-Redakteurin Anja Helmling-Grob. Für das Drehbuch zu dem Fünfteiler "Nur eine kleine Affäre" erhielt sie überschwengliches Kritikerlob und, gemeinsam mit den Koautoren Thomas und Brigitte Wittenburg, den Grimme-Preis. Viel Lob gab es auch für den TV-Hit "Verdammt, er liebt mich", in dem Corinna Harfouch als amourös-verwirrte Ehefrau besticht. Derzeit reißen sich die Produzenten um die Filmrechte von "Frauen lügen besser". Die Autorin bleibt gelassen: "Ich habe mich noch nicht entschieden."
Schoenle, die Heinrich Böll, Erich Hackl, Doris Dörrie schätzt, hat viel Gespür für Slapstick-Situationen, schreibt vitale Dialoge, ihre Geschichten sind mitunter sarkastisch und voll gepfefferter Boshaftigkeiten. Es gefällt ihr nicht, wenn Emotionen vereinfacht werden, bei ihr herrscht eher emotionale Anarchie. Und so geht es bei ihren drei Heldinnen Sigi, Anna und Henriette zwischen Jubel und Katerstimmung, romantischen Erwartungen und nüchterne Gefühlsbilanzen fröhlich hin und her.
Schoenle vermag den drei Frauengenerationen ein glaubwürdiges Profil zu geben: Sie zeigt die humorvolle Gelassenheit der Älteren, aber auch die geheime Trauer über verpaßte Lebensmöglichkeiten, wenn man in die Jahre kommt. Sie schildert die stürmische Emotionswelt der Mittzwanziger - jede Empfindung ist wichtig, übermächtig, scheint unausweichlich schicksalhaft. Man fühlt schon zum Frühstück schrecklich viel.
Wem ihre größte Sympathie gilt, ist eindeutig. Schoenle mag ihre älteste Heldin Henriette schon deshalb besonders gern, weil Frauen über 40 in der deutschen Frauenunterhaltungsliteratur höchst selten vorkommen. Sie will dafür sorgen, daß man ihre Henriette im Fernsehen nicht zu sehr verjüngt. Auf jeden Fall werden alle drei Film-Frauen lügen, ohne mit der getuschten Wimper zu zucken. "Ob Frauen das wirklich besser können als Männer, weiß ich nicht genau", sagt Schoenle. "Auf jeden Fall lügen Frauen subtiler, raffinierter. Sie erfinden drei kleine Lügen, um eine große zu kaschieren."
Männer - bis auf einige Naivlinge - wissen das natürlich längst. Allen anderen sei dies Buch dringend empfohlen.
* In den Filmen: "Nur eine kleine Affäre" (oben), "Eine ungehorsame Frau" (Mitte), "Verdammt, er liebt mich" (unten). * * Annemarie Schoenle: "Frauen lügen besser". Verlag Droemer Knaur, München; 300 Seiten, 39,90 Mark.

DER SPIEGEL 15/1998
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