23.05.2011

Des Menschen Wolf

Der Absturz des Dominique Strauss-Kahn steht für Entgleisungen und Grenzüberschreitungen, für einen Politiker, der jedes Maß verlor. Er verweist auf dunkle Zusammenhänge zwischen Sex und Macht und auf die Frage, was diese Macht mit Männern anstellt.
Rikers Island liegt im East River direkt in den Flugschneisen des New Yorker Airports La Guardia, die Tage auf der Gefängnisinsel beginnen und enden im Lärm sehr nahen Flugverkehrs, um 5 Uhr gehen die Lichter an in den Zellen und Baracken von 14 000 Häftlingen, unter ihnen in der vergangenen Woche ein Franzose mit der Verfahrensnummer 122 57 82, Name: Dominique Strauss-Kahn. Geschlecht: männlich. Familienstand: verheiratet. Beruf: Politiker. Verdächtigt: krimineller sexueller Akte, versuchter Vergewaltigung plus Freiheitsberaubung.
Strauss-Kahns Frühstück bestand aus einer Minibox Cornflakes, Milch, zwei Scheiben Toast, Obst, Kaffee oder Tee. Mittags gab es auf Rikers Island Gemüsechili mit Reis und Bohnen, zum Abendessen um 17 Uhr wurden Truthahnburger mit Kartoffelstampf gebracht. Um 23 Uhr ging in der Anlage, wie an allen Tagen, das Licht aus, aber nicht in Strauss-Kahns 3,40 mal 4 Meter großer Einzelzelle, die in einem leeren Gefängnistrakt lag, der ansonsten für Häftlinge mit ansteckenden Krankheiten vorbehalten wird.
Strauss-Kahn wurde auf Rikers Island zur Sicherheit einem sogenannten 101-Regime unterzogen, reserviert für Selbstmordkandidaten: 24 Stunden Licht, Sichtkontrollen alle 15 Minuten, eine Apparatur zur Atemmessung, Schuhe ohne Schnürsenkel, ein blauer Kittel aus reißfestem Stoff. Immerhin entstieg dieser Häftling der First Class eines Air-France-Flugzeugs, einer Luxussuite des Sofitel Manhattan an der 44. Straße, wo im Nachbarhaus der verrückte Koch des "db Bistro Moderne" schwarze Trüffeln über Hamburger hobelt, die mit Entenstopfleber gefüllt sind. Wer aus diesem Milieu nach Rikers Island kommt, ist in den Augen der Gefängnisdirektoren automatisch ein Selbstmordkandidat.
Dominique Strauss-Kahn hat die Insel überlebt, die dramatischen Bilder seiner Festnahme werden ihn überleben. Am Donnerstag fand er zwar einen gnädigen Richter, der ihn gegen Zahlung einer Kaution von einer Million Dollar und weiteren fünf Millionen in Bürgschaften nicht in die Freiheit, aber wenigstens in einen verschärften Hausarrest entließ. Doch dieser kleine Erfolg konnte nicht vergessen machen, dass Strauss-Kahn zu diesem Zeitpunkt längst erledigt war. Die Bilder von ihm in Handschellen und die anderen, die ihn unrasiert, hilflos vor der Haftrichterin zeigten, löschten ihn aus als Figur der Macht, sie disqualizierten ihn für jedes denkbare Amt, es waren Bilder, die Frankreich ins Herz trafen und Schockwellen in die ganze Welt sandten.
Sie erzählten vom jähen Absturz eines Mannes, der es in den vergangenen Jahren als Managing Director des Internationalen Währungsfonds zumindest außerhalb Amerikas zu einigem Weltruhm gebracht hatte und der schon als kommender Präsident Frankreichs gehandelt wurde. Der aber nun, von so weit oben kommend, ganz tief unten aufgeschlagen war, binnen 48 Stunden nur, in einem Gerichtssaal vorgeführt mit Drogendealern, Taschendieben und Leuten, die Taxilizenzen fälschen, und das alles nur eine Busfahrt von der Gefängnisinsel im Weichbild der Bronx entfernt.
Kein Thema der vergangenen Woche - nicht die Kernschmelze von Fukushima, nicht die Toten in Syrien, nicht Obamas neue Nahost-Rede, noch nicht einmal der Beginn der Schlussplädoyers im Kachelmann-Prozess, bei dem es auch um den Vorwurf der Vergewaltigung geht und die möglichen Irrwege eines Prominenten, um einen weiteren Mann, der den Versuchungen eines Doppellebens nicht widerstehen konnte - hätte größere Wucht entfalten können. Denn Strauss-Kahns Fall geht ans Eingemachte, ans Abgründige, er ruft die dunklen Zusammenhänge von Gewalt und Entgrenzung wach, von Sex und Macht.
Er dreht sich um die Rätsel der menschlichen Psyche, darum, was Ruhm und Einfluss mit den Ruhm- und Einflussreichen machen, die sich gerade auffällig zahlreich in bestürzenden Verfahren wiederfinden. Im März wurde Israels ehemaliger Staatspräsident Mosche Katsav wegen Vergewaltigung in zwei Fällen und sexueller Nötigung von Untergebenen zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt, der frühere zuständige Generalstaatsanwalt bezeichnete Katsav als "Serientäter". In der Urteilsbegründung hieß es, dass er seine Macht als Minister und später als Präsident ausgenutzt habe, um ihm unterstellte Frauen sexuell zu nötigen.
In Italien steht Premierminister Silvio Berlusconi Ende Mai in Mailand vor Gericht, um sich gegen den Vorwurf zu verteidigen, er habe Sex mit einer Minderjährigen gehabt. Vorher schon konnten die Italiener die Abschriften von Telefonaten nachlesen, in denen sich die Berlusconi zugeführten Frauen über den "dicken, hässlichen, aber spendablen" Regierungschef lustig machten. "Versuch's mit Französisch, das macht ihn richtig an", war da zu lesen.
Nun findet sich Dominique Strauss-Kahn, einer der mächtigsten Männer der Welt, als angeklagter Sexualstraftäter vor Gericht wieder, der Mann, der entscheidend Europas Reaktion auf die Finanzkrise steuerte. In all diesen spektakulären Fällen geht es um Mächtige, die sich an Ohnmächtigen vergehen, es geht um die Frage, was die Macht mit ihren Besitzern anstellt, es geht darum, was den Menschen zum Wolf des Menschen macht und den Mann immer wieder zum potentiellen Feind der Frau.
Das Karussell der zugehörigen Fragen, Satzfetzen und Vermutungen kreist in irrem Tempo, seit Strauss-Kahn vor zehn Tagen im Terminal 1 des John-F.-Kennedy-Flughafens abgeführt wurde, aus dem Flugzeug heraus festgenommen, in dem schon die Vorbereitungen für den Abflug im Gange waren. Der Zirkus der Gerüchte, der Zitate und wilden Theorien füllt jetzt die globale Manege, alle alten und neuen Medien sind eifrig dabei, und vielleicht hat "PrincessiAm_920" in der Nacht zum Mittwoch den harten Kern der Affäre bislang am griffigsten zusammengetwittert: "Money. Sex. Power. Respect."
Es ist der Stoff, aus dem die ganz großen Geschichten sind, und das hat wenig mit medialer Schaulust zu tun. Strauss-Kahns Absturz aus den Höhen der Weltpolitik in eine Einzelzelle ist das harte Material, aus dem auch schon die griechischen Tragödien gemacht waren. Die Antike musste noch Götter und Könige bemühen, um die Fragen durchzuspielen, die sich bis heute stellen, wenn wieder ein Mächtiger so weit über die Stränge schlägt, dass er am Ende alle Macht und selbst seine Würde verliert.
Das moderne Personal dieser uralten Erzählung rekrutiert sich aus Premierministern, Gouverneuren, Präsidenten, Vorstandschefs, und Strauss-Kahn ist nur der vorerst letzte in einer langen Kette gleichgestrickter Brüder, die an ihrer herausragenden gesellschaftlichen Stellung irre wurden, die alles Maß verloren und die machttrunken glaubten, die ungeschriebenen und auch die geschriebenen Gesetze gälten nicht für sie.
Dies trifft auf Strauss-Kahn ganz unabhängig davon zu, ob ihm im Sofitel-Fall die Schuld nachgewiesen und er als Vergewaltiger wirklich verurteilt wird. Man muss diesen Angeklagten, der am Ende mutmaßlich zum Verbrecher wurde, aber bis zu einem Urteil natürlich als unschuldig zu gelten hat, trennen von dem Mann, der mit dem fragwürdigen Ruhm eines Schürzenjägers durch die Welt lief, eines geilen Bocks, dem Frauen immer wieder vorwarfen, sie bis an den Rand der Nötigung und darüber hinaus zu bedrängen, ohne damit weiter anzuecken, ohne aufzufliegen. Solche Geschichten dienten sogar, kann man sagen, seinem Ansehen in der Welt, die auf den Chefetagen noch immer eine Männerwelt ist.
Es geht um Sex, um Sex und Macht, um die Quellen herrischer Männlichkeit, um die geheimnisvollen Muster von Attraktivität, die, trotz aller Forschung, immer im Ungefähren und Dunkeln liegen werden. Wer eine Krücke sucht, wird am ehesten noch in der Kunst fündig, die ein paar gute Formeln zur Aufhellung bereithält. Im Film "Scarface" sagt Al Pacino als Tony Montana: "In diesem Land", gemeint ist natürlich Amerika, "musst du zuerst Geld machen. Wenn du das Geld dann hast, bekommst du die Macht. Und wenn du die Macht hast, kriegst du die Frauen." Ist das die Formel? Die Lösung des Rätsels Strauss-Kahn?
Der Fall des Franzosen ist jedenfalls ein prächtiges Beispiel dafür, wie leicht man sich, auf den Fluren der Macht, auf den Spielwiesen der Reichen, verirren kann. Das Leben von Präsidenten, von Wall-Street-Managern, von Sport- und Filmstars löst sich ab von den Niederungen alltäglicher Sorgen. Wer es bis ganz nach oben schafft, kommt in einer Welt an, in der einem stets jemand die Tasche hinterherträgt, den Kalender führt, die Telefonate entgegennimmt, die Krawatte richtet, das Redemanuskript schreibt, den Wagen fährt, die Schuhe putzt, die Opernkarten besorgt und womöglich auch gleich die Weihnachtsgeschenke für die Familie, deren banales Leben man ohnehin nur noch stundenweise teilt.
Es ist eine Welt, in der sich Wünsche wie auf Knopfdruck erfüllen, in der Lakaien für alles Mögliche zur Hand sind, in der Geld keine große Rolle spielt. Eine Welt auch, in der sich immer Claqueure finden und reichlich Frauen, die der Erotik der Macht erliegen, worüber sie selbst die Falten, Glatzen und Bäuche der Mächtigen vergessen.
Es ist eine Welt, in der man leichter dem Wahn verfallen kann, im eigenen Spiegelbild einen Übermenschen zu erkennen. Spitzenpolitiker vom Schlage Strauss-Kahns leben unter ähnlichen Bedingungen wie Musikstars oder Schauspieler. Sie sind Beobachtete, und alles, was sie sagen oder tun, wird von den Medien gierig aufgesaugt und ausgestellt. So werden sie zu Darstellern ihres eigenen Lebens, Kameras sind immer dabei, die alles aufzeichnen, jede Regung festhalten, so als hätte alles eine besondere Bedeutung. Immerfort wird das Ego genährt. Limousinen fahren vor, Leibwächter springen herbei, Gassen werden geschlagen: Wo der Mächtige ist, ist der Mittelpunkt.
Der Weg dorthin ist hart und voller Hindernisse. Wer sich durchsetzen will, kann den Machtanspruch nicht erst entwickeln, sondern muss ihn von Anfang an mitbringen. Zu sagen, jemand sei "aus dem richtigen Holz" für eine Top-Position, trifft es: Menschen, die zur Macht drängen, wollen gestalten, bestimmen, wollen die Welt nach ihren Vorstellungen verändern, und das kann nur, wer fest an sich glaubt und zum Narzissmus wenigstens neigt. Gelingen diesen Menschen Dinge, dann stellt sich ein Höhenrausch ein, das süße Gefühl eigener Bedeutung und Großartigkeit, aus dem leicht die Überzeugung erwachsen kann, es stünden einem sehr große Belohnungen zu.
Im Alltag begegnet den Spitzenpolitikern jedoch oft die Erfahrung, dass ihre tatsächliche Macht begrenzt ist, dass sie häufig nur Machtdarsteller sind, und das gilt in allen Organisationen, sei es im Währungsfonds, in der EU-Kommission, im Berliner Kanzleramt oder im Pariser Elysée-Palast. Konkurrenten stehen im Weg, Koalitionspartner, Parlamente, Gremien, die Unbeweglichkeit der Apparate, alte Verträge, Sachzwänge, Medienberichte. In der Demokratie wird die Macht zerstückelt, sie findet statt nur in einer Welt der "checks and balances", weshalb viele Menschen, viele Männer an der Macht frustrierte Machthaber sind.
Ihren urwüchsigen Machtanspruch können sie ungehindert am Ende nur gegenüber den Leuten in ihrer engsten Umgebung ausleben. Diese sind die direkten, sofort erreichbaren Untertanen, die Referenten, Pressesprecher, Sekretärinnen, Praktikantinnen. Sie müssen folgen, müssen zur Verfügung stehen, loyal sein, gehorsam, immer auf Empfang. Auch darüber weiß ein Mann wie Dominique Strauss-Kahn viel.
Er musste sich, kaum als IWF-Chef im Amt, schon öffentlich dafür entschuldigen, in der Höhenluft von Davos der Ökonomin Piroska Nagy nachgestiegen zu sein, einer Untergebenen aus seinem Haus, dem IWF. Damals schien wahr zu werden, was ihm Pariser Freunde und Feinde, auch Nicolas Sarkozy, vorausgesagt hatten, als er sich entschied, nach Washington zu gehen: dass einer wie er im puritanischen Amerika aufpassen müsse.
Der Währungsfonds kam in seinem Untersuchungsbericht zur Liebesaffäre zu dem Schluss, der Chef habe seine Position gegenüber Nagy nicht ausgenutzt, aber das war ein seltsam betriebsblindes Urteil. Die Ungarin, die beim IWF für das Afrika-Ressort zuständig war, erzählte einem Bekannten, wie der Chef sie dauernd zu Rapporten einbestellte, sie sogar ins Büro zitierte, wenn sie unter der Dusche stand, und wie sie seinem Drängen schließlich nachgab, nachgeben musste. Bis heute sagt die Frau, die den IWF danach verließ, sie habe vom ersten Moment an, da ihr der Managing Director schöne Augen machte, gewusst, dass sie in einer Falle saß. Dass sie verlieren würde, so oder so, ob sie ihm nun nachgab oder nicht. "Strauss-Kahn war ein Mann mit einem Problem, das ihn ungeeignet machte, eine Behörde zu leiten, in der Frauen unter seiner Führung arbeiteten", schrieb Nagy später in einem Brief.
Sie war ein Opfer, und wie anderen Opfern in der Politik ging es ihr vielleicht um die "höhere Sache", um den Staat, um ihre Partei oder in internationalen Organisationen um die Rettung der ganzen Welt. In der Wirtschaft schieben die Opfer den eigenen Aufstieg vor, das große Geld, oder es packt sie die Angst um den Job, die sie alle Zumutungen akzeptieren lässt. Sie finden sich, in jedem Fall, in einer unterlegenen, abhängigen Position. Und das kann, je nach Charakterstruktur des Vorgesetzten, des Mächtigen, zum Verhängnis werden bis hin zum Verlust der sexuellen Selbstbestimmung.
Stimmen die Vorwürfe, die die französische Autorin Tristane Banon zum ersten Mal am 5. Februar 2007 in einer Talkshow aussprach, dann hat Dominique Strauss-Kahn, auch was den Sofitel-Fall angeht, ein einschlägiges Vorleben. Banon erzählte vor laufender Kamera, wie sie im Jahr 2002 Strauss-Kahn, damals nur ein Ex-Finanzminister und einflussreicher Abgeordneter, aber auch ein Freund ihrer Familie, für ein Interview besucht habe und wie er noch vor dem Gespräch zuerst ihre Hand, dann ihren Arm genommen habe und wie dann alles in einen "sehr, sehr heftigen" Kampf ausgeartet sei, "auf dem Boden", mit einem völlig veränderten Menschen, einem "brünftigen Schimpansen". Der Name dieses Affenmenschen wurde bei der Ausstrahlung mit einem Piepton unkenntlich gemacht, die ungeheuren Vorwürfe blieben unbeachtet.
Man mag einwenden, dass Banon nie Anzeige erstattet hat, sie will das im Licht der neuen Affäre tun. Aber wer dieser Geschichte nachgeht, steht bald vor den vielen Vorhängen der französischen Kultur und Tradition, diesem kruden gesellschaftlichen Gemisch aus höfischen Überresten und libertärer Demokratie, aus dem auch Strauss-Kahn stammt. Der Betrachter steht vor jener "exception culturelle", auf die sich Frankreich so viel zugutehält, obwohl sie in aller Regel dazu führt, dass die Macht unbehelligt bleibt und Unliebsames einfach unter den Teppich gekehrt wird.
In Tristane Banons Fall, die damals, 2002, das Dossier schon zusammengestellt hatte, um zum Anwalt zu gehen, war es die eigene Mutter, eine Sozialistin aus der Normandie, die ihr von dem Schritt abriet, weil sie um das künftige Fortkommen ihrer Tochter fürchtete. Bei einer späteren Gelegenheit stellte die Mutter Strauss-Kahn aber einmal zur Rede. Und dieser antwortete auf die Vorhaltungen, so hat sie es jetzt wieder berichtet, er wisse selbst nicht, "was über ihn gekommen" sei. Das klang nach Geständnis, aber die Mutter beließ es dabei.
So hielten es auch Frankreichs Staatsanwälte und Journalisten. Die Pariser Redaktionen wussten längst um die Probleme des Dominique Strauss-Kahn, aber sie beschränkten sich darauf, ihn als "großen Verführer" zu betiteln oder als "Aufreißer", immer nur augenzwinkernd und mit heimlicher Kumpanei. Selbst als Strauss-Kahn in der vergangenen Woche schon vor der Haftrichterin stand, verschwendeten viele Schreiber noch immer Platz und Zeit, um sich vor allem Gedanken über Amerikas brutales Justizsystem zu machen. Und die Freunde DSKs, vorneweg der notorische Bernard-Henri Lévy, gaben aus der Ferne kühne Garantieerklärungen für den Häftling ab, so als gälte die Aussage eines kleinen Zimmermädchens gar nichts.
Frankreichs Journalisten und seine kulturelle Elite hatten solches Verhalten eingeübt schon zu Zeiten von François Mitterrand, als dieser im Geheimen eine Zweitfamilie alimentierte. Sie hatten es eingeübt zu Zeiten von Valéry Giscard d'Estaing, der sich trotz Großfamilie noch in außereheliche Amouren stürzte, und so ging es weiter zu Jacques Chirac, der diskrete, aber regelmäßige Affären pflegte. Als man Chirac in der Nacht, in der Diana in einem Pariser Tunnel starb, im Elysée zu erreichen versuchte, ging Gattin Bernadette ans Telefon. Und sagte sehr selbstverständlich: "Sie glauben wohl, ich weiß, wo mein Mann ist."
Immer kursierten Gerüchte, auch über Grapschereien, auch über Zudringlichkeiten, über Rotlichtgeschichten, aber geschrieben wurde kaum darüber, nur geflüstert, ganz wie bei Hofe. Es galt und gilt in Frankreich das Gesetz des "jardin secret", des "geheimen Gartens", in dem jeder tun und lassen kann, was ihm beliebt, solange die Blüten nicht auf die öffentlichen Plätze hinauswuchern.
Legendär ist die Antwort Mitterrands, als ihn ein Journalist zum ersten Mal nach seinem Doppelleben fragte: "Et alors?", gab Mitterrand zurück, das heißt: "Na und?" Erst später wurde in allen Einzelheiten bekannt, mit welch ungeheurem Aufwand der französische Staat Mitterrands Doppelleben subventionieren musste. Aber sonderlich geschadet hat es dem Ansehen dieses Präsidenten bis heute nicht. Ihn umgibt noch immer die Aura des Herrschers, sie nannten ihn "Gott", Mitterrand ist der Franzosen Alphatier.
Die Bilder aus Amerika, von DSK in Handschellen, entfalteten in Frankreich deshalb solche Sprengkraft, weil sie den ungeschriebenen Kodex der Pariser Machtclique zertrümmerten. Niemals wäre Strauss-Kahn eine ähnliche Behandlung in seiner Heimat widerfahren, selbst wenn er das Blut von Zimmermädchen aus großen Tassen zum Frühstück getrunken hätte. So groß war der Schock über die Bilder, dass in den ersten Reaktionen das Unfassbare nicht geglaubt, sondern rundweg geleugnet wurde.
Verschwörungstheorien kursierten, natürlich, zuerst im Internet. In seriösen Umfragen von Anfang vergangener Woche zeigten sich mehr als die Hälfte der Befragten und 70 Prozent der sozialistischen Sympathisanten überzeugt davon, Strauss-Kahn sei das Opfer eines Komplotts geworden, um ihn als Präsidentschaftskandidaten der Linken im kommenden Jahr zu verhindern.
Es wurde für möglich gehalten, dass der Elysée-Palast die Strippen zog, dass Innenminister Claude Guéant hinter allem steckte. Es waren panische Reaktionen, wie man sie von Trauernden kennt, die einen Verlust im ersten Moment nicht wahrhaben wollen und ihn nur langsam, nach und nach, zu akzeptieren lernen.
Auf die ebenso naheliegende und als Gerücht seit langem umlaufende Idee, Strauss-Kahn sei einfach ein Mann mit psychischen Problemen, der seit Jahren schon ein pathologisches Verhältnis zu Frauen pflegte, kam öffentlich zunächst nur die Vorsitzende des Front national, Marine Le Pen. "Ehrlich gesagt, ich bin nicht besonders überrascht", sagte sie als Erste. Viele andere Franzosen wären vermutlich wieder bereit gewesen, ihrem mächtigen Landsmann den "Fehltritt" nachzusehen, seine Schuld kleinzureden.
Es funktioniert wie ein Deal: Solange sich die Regierenden einigermaßen glaubhaft auch um das Wohl der Nation bemühen und nicht ausschließlich um ihr eigenes, wird ihnen viel nachgesehen. Strauss-Kahn hätte Präsident werden können, weil er diesen Deal versprach. Ein Vertreter der stets verspotteten "gauche caviar" zwar, der Kaviarlinken, ein Sozialist im Porsche auch, und trotzdem hätten ihm viele den ehrlichen Dienst am Vaterland zugetraut. Das ist vorbei, für immer.
Und wer sich dieser Tage über manche Reaktion der Franzosen wundert, muss eine klare Linie doch ziehen: Strauss-Kahns Fall legt nicht offen, wie liederlich die Franzosen im Vergleich etwa zur anglo-amerikanischen Prüderie gestrickt sind, er zeigt, im Gegenteil, dass selbst in Frankreich, wo es dem Klischee nach alle Tage nur um Liebe und Langusten geht, das blanke Entsetzen herrscht, wenn eine mögliche Vergewaltigung offenbar wird.
Dass Macht und Libido ungut Hand in Hand gehen können, ist jedenfalls keine französische Erfindung, sondern ein universelles Phänomen. Vergangene Woche, als Strauss-Kahn gerade in Rikers Island eingefahren war, sah sich Kaliforniens Ex-Gouverneur Arnold Schwarzenegger dazu gezwungen, ein mit einer Hausangestellten - außerehelich, versteht sich - gezeugtes Kind bekannt zu machen. Die Nachricht über den "Sperminator" schlug in den USA so laut ein wie die Affäre um diesen alten Europäer mit dem komplizierten Namen (siehe Seite 138).
Die Umstände sind auch durchaus bemerkenswert, denn Schwarzenegger zeugte dieses "love child", wie die Amerikaner sagen, ziemlich genau in der Zeit, in der er auch seine Frau Maria Shriver schwängerte. Und natürlich kamen Erinnerungen an 2003 wieder hoch, als Schwarzenegger mitten in seinem ersten Wahlkampf um das Amt des kalifornischen Gouverneurs als notorischer Busengrapscher und sexueller Aggressor geoutet worden war.
Schwarzenegger überstand diese Krise damals nur dank der tapferen Unterstützung durch seine Frau Maria Shriver. Die Ehe der beiden überlebte die neuerliche Nachricht vom sexuellen Fehltritt nicht, sie trennten sich, offiziell vor zwei Wochen. Aber Schwarzenegger ließ es sich schon seit Januar, seit er aus dem Amt ausgeschieden war, auf diversen Ausflügen gutgehen. Regisseur James Cameron begleitete er auf Flusstouren nach Brasilien, er vergnügte sich beim Skifahren in Val d'Isère. Ganz das alte Alphatier.
In der "New York Times" schrieb Maureen Dowd über die sexuellen Irrläufer an der Macht, ihr Artikel trug die schöne Überschrift: "Powerful and Primitive", und in ihm heißt es, die Welt sei stets fasziniert vom Widerspruch, wenn sich weltoffene, mächtige, polyglotte Menschen primitiv verhalten. "Aber", schreibt Dowd, "Kultur und Sittlichkeit haben nichts zu tun mit Kultiviertheit und sozialem Status." Das gilt weltweit, und also führen die Mächtigen in den USA dieselben Balztänze auf wie ihre Kollegen in Frankreich, Russland oder sonst wo, und sie geraten auch auf dieselben Abwege wie diese. Schon der ehemalige Prä-
sident Lyndon B. Johnson fiel mit der Aufforderung "Rutsch rüber, hier kommt dein Präsident" auf, wenn er ansonsten auch ein untadeliges Eheleben führte.
Das "oral office" des Präsidenten Bill Clinton ist Legende wie die Affären des weitverzweigten Kennedy-Clans mit dem allzeit bereiten John F. vorneweg. Dieser Tage zieht der katholische Republikaner Newt Gingrich als bibelfester Konservativer über die Dörfer, um sich als möglicher Präsidentschaftsbewerber vorzustellen, und niemand scheint sich daran zu stören, dass auch er schon in dritter Ehe verheiratet ist und seine aktuelle Gattin nur deshalb erobern konnte, weil sie für ihn fortlaufend das heilige Sakrament der Ehe brach.
Die angeblich so prüden und puritanischen USA bringen mithin ebenso triebgesteuerte und geile Eliten hervor wie andere, weniger gottesfürchtige Länder. Sie unterscheiden sich nicht in den Taten, sondern nur in deren bigotter Aufarbeitung. Dass George W. Bush das morgendliche Gebet im Weißen Haus einführte, kann sinnbildlich stehen für eine Stimmung, die einem in den Weiten des Landes allerorten begegnet und die als unsympathische Frömmelei zu bezeichnen wäre. Noch die schlimmsten Sünder, wie der sexsüchtige Golfstar Tiger Woods, der seine Frau mit Models und Prostituierten im Dutzend betrog, gern auch mit Pornostars, berufen sich nach ihrer Entdeckung auf Gott, familiäre Werte und ihre Kinder und schwören, dass sie von nun an ganz bestimmt bessere Menschen werden wollen.
Einmal, vergangene Woche, kamen sich das amerikanische und das französische Modell sehr nahe, als CNN-Nachrichtenmoderator Eliot Spitzer durch seine Sendung "In the Arena" führte und natürlich auch den Fall Strauss-Kahn auf dem Tisch hatte. Nun saß Spitzer im Studio und hatte mit Gästen die Frage zu klären, ob Strauss-Kahn gegen Kaution freigelassen werden solle oder nicht, und er, der sonst ein sehr scharfer Redner ist und an dieser Stelle ganz klar für Knast hätte plädieren müssen, hielt sich auffällig zurück. Sichtlich wohler fühlte er sich, wenn es um technische Fragen ging, er mied jeden moralischen Kommentar.
Vielleicht zuckte Spitzer sogar hin und wieder zusammen, oder er klapperte zu viel mit den Augenlidern, wenn einer seiner Interviewpartner die Floskel "wie Sie selber sehr gut wissen" einstreute. Denn Spitzer kennt sich aus mit dem Leben ganz oben und auf mehreren Gleisen. Er stürzte, selbst einst Generalstaatsanwalt und Kreuzzügler gegen alle Unmoral, als Gouverneur von New York über seine allzu guten Geschäftsbeziehungen zu diversen Edelprostituierten, allen voran "Kristen" alias Ashley Alexandra Dupré, die später alles über ihren stadtbekannten "Kunden Nr. 9" auspackte.
So ließe sich die Welt abklappern nach lokalen und regionalen Gepflogenheiten im Umgang mit Sex und Macht, und wer die Geschichte studiert, kann sich für den Rest seines Lebens Gedanken machen über die moralische Integrität früherer amerikanischer Präsidenten und deutscher Bundeskanzler, über die Gastfreundschaft chinesischer Firmen, die ihren Geschäftspartnern gern Mädchen aufs Hotelzimmer schicken, über die Affären englischer Premierminister und nicaraguanischer Präsidenten und natürlich über die Bunga-Bunga-Partys des Superbuffo Silvio Berlusconi und seiner Gäste aus Tschechien und sonst woher.
Kein Land, kein Kulturkreis ist dagegen gefeit, Mächtige hervorzubringen, die ihre Macht nicht nur zum allgemeinen, sondern auch zum sehr speziell eigenen Wohlbefinden einsetzen. Und die Frage, warum das so ist, ist am Ende vielleicht so zu beantworten: Sex ist, in der isolierten, anonymen Welt der hohen Politik, die wesentliche Belohnung der Erfolgreichen. Je härter das Spiel, und die Weltpolitik ist ein knallhartes Spiel, desto schöner, größer, stärker müssen die Belohnungen sein.
Wer in begehrte Ämter aufsteigt, erhöht schlagartig seine Attraktivität, und es vervielfachen sich die Gelegenheiten, sie auszuspielen. Zuvor unerreichbare, gleichwohl begehrte Frauen rücken auf einmal in Reichweite. Was sexuelle Phantasie war, wird Möglichkeit, Gelegenheiten zum Vollzug bieten sich in der Schein- und Sonderwelt der Konferenzzentren, Regierungszentralen und Tagungshotels. In diesen Niemandsländern der Macht verschwimmt die reale Welt draußen mit ihren Regeln von Moral und Anstand wie die Erinnerung an die Ehefrau, die irgendwo weit weg gerade die Kinder ins Bett bringt.
Aber warum verbinden sich sehr junge Frauen mit sehr alten Männern wie Helmut Kohl oder Franz Müntefering? Warum hält sich ein Strauss-Kahn, 62 Jahre alt, ein Berlusconi, 74 Jahre, warum hielt sich ein greiser Mitterrand bis zum Ende für sexuell attraktiv, ja, für unwiderstehlich? Wie schaffen es Machthaber, Altersunterschiede von 30, 40 Jahren zu überbrücken? Wie schaffen sie es, die Zeit zu besiegen, wie holt sich die Macht Jugend und Schönheit ins Leben, ohne selbst jung und schön zu sein?
Für die Mächtigen ist es die ultimative Belohnung. Dass sie süchtig machen kann, ist leicht nachzuvollziehen. Und der Politiker ganz oben steht immer in der Gefahr, sein Urteilsvermögen zu verlieren. Er kann, weil ihm ja so viele andauernd Zustimmung signalisieren, nurmehr schwer erkennen, wer empfänglich ist für seine Begierden und wer nicht - oder es wird ihm, und dann wird es erst recht heikel, gleichgültig.
Spitzenkräfte verlieren absurderweise, dieses Phänomen ist von der Psychologie studiert und unter "Paradox der Macht" abgelegt, beim Aufstieg zum Gipfel die soziale Intelligenz und das Einfühlungsvermögen, ohne die sie es nie bis an die Spitze geschafft hätten. Denn wer sich nicht einstimmen kann auf die Bedürfnisse anderer, kann nicht aufsteigen. Das ist beruhigend. Beunruhigend ist, dass der Chef bei seiner Ankunft am Ziel diese Qualitäten zu vergessen scheint. Die Führer ganz oben neigen dazu, impulsiv, egoistisch und aggressiv zu handeln.
Statt selbstkritisch zu sein, trauen sie sich zu viel oder gleich alles zu, und sie verfallen dem Irrglauben, ihre Macht und ihr Ruhm müssen doch für alle Frauen attraktiv sein. Und wenn sich eine wehrt, dann spielt sie vielleicht nur ein besonders reizvolles Spiel - und von hier aus ist es nicht mehr weit zu Gewalt und zum kriminellen Akt.
Aus den Leserbriefspalten in New York war über dieses Thema vergangene Woche manchmal mehr zu lernen als aus den Artikeln der Zeitungen. Strauss-Kahns Fall hat auch die Szene aufgewühlt, die sich um Frauen in Notlagen kümmert, und nun schrieben viele, Sozialarbeiterinnen, Vereinsaktivisten und Wissenschaftler, dass die berühmten Mächtigen auf Abwegen nur einen sehr kleinen Ausschnitt des Universums bilden, in dem Macht und Sex die Leitsterne sind. Die allermeisten Fälle von sexuellem Machtmissbrauch blieben unentdeckt.
Die Vizedirektorin der Frauenrechtorganisation "Equality Now", Yasmeen Hassan, schrieb der "New York Times", Strauss-Kahn wäre sehr wahrscheinlich einfach so davongekommen, wenn sich der Vorfall nicht in einem Hotel, sondern in der IWF-Zentrale oder einem anderen Uno-Gebäude abgespielt hätte oder wenn das Opfer IWF-Mitarbeiterin gewesen wäre. Julie Goldscheid, eine Juraprofessorin aus Queens, schrieb, sexuelle Übergriffe gegen Frauen am Arbeitsplatz seien viel gängiger als allgemein angenommen, und es geschehe dagegen viel zu wenig. Es herrsche immer noch eine Kultur, die Vergewaltigungsopfern zu wenig Glauben schenke.
Macht ist in der menschlichen Gesellschaft ein ganz relatives Ding. In fast jeder Beziehung, und selbst wenn sie nur zwei Menschen betrifft, bilden sich Hierarchien, und der eine hat folglich Macht über den anderen. Ein Dorfpriester ist, wie die katholische Kirche in der Zwischenzeit gelernt haben sollte, in den Augen der Kindergruppe, die er betreut, ein Mächtiger. Dasselbe gilt für einen Lehrer in seiner Schulklasse, einen Chefarzt im Krankenhaus.
Unsinnig anzunehmen, dass überall, wo Macht verteilt wird, auch Machtmissbrauch oder gar sexuelle Übergriffe zu Hause wären. Aber Macht korrumpiert, sie verändert die Selbstwahrnehmung, sie verstärkt Egoismen und macht Menschen glauben, ihnen stünde etwas zu, ohne dass sie danach fragen müssten. Macht bringt auf Ideen, auch auf die falschen. Und im ungünstigsten Fall weckt sie die dunkleren Triebe in dem, der gerade Macht hat, gleich auf welcher Stufe der Sozialskala er sich befindet. Es geht ja nur darum, und es reicht völlig aus, dass unter ihm noch jemand steht.
Über Dominique Strauss-Kahn stand bis vor zehn Tagen kaum mehr jemand. Hätte er mit Barack Obama sprechen wollen, wäre das vermutlich kein Problem gewesen. Hätte er, zum Beispiel, nach Peking gewollt, um Chinas Regierung zu besuchen, wäre der Flug bald für ihn gebucht gewesen und die Präsidentensuite im Hotel dazu. Sein Chefposten beim IWF wurde mit 295 000 Euro im Jahr vergütet, steuerfrei ausbezahlt, plus 53 000 Euro Aufwandsentschädigung, ebenfalls steuerfrei.
Seine dritte Frau Anne Sinclair, eine in New York geborene, in Frankreich angesehene Journalistin, brachte ein üppiges Vermögen in die Ehe mit, das Paar, kann man sagen, ist reich. Man besitzt wertvolle Kunst. Strauss-Kahn soll seine Maßanzüge, und das würde viel über ihn aussagen, beim Schneider von US-Präsident Obama fertigen lassen, die je nach Ausführung 7000 bis 35 000 Dollar kosten.
Das Paar Strauss-Kahn-Sinclair verfügt über eine Sechszimmerwohnung im 16. Arrondissement von Paris und unterhält ein 240-Quadratmeter-Appartement an der Place des Vosges. Es gibt eine 380-Quadratmeter-Villa in Washington und eine Residenz in Marrakesch, deren Küche allein 160 000 Euro gekostet haben soll.
Nun, als Anne Sinclair, weiterhin das Muster einer loyalen Frau, ihrem zerstörten Mann an die Seite eilte, fand sie binnen Tagen in New York ein passendes Apartment, es ist vermutlich standesgemäß, denn immerhin muss zumindest ihr Mann dort wohnen, solange das Verfahren läuft, und es wird lange laufen, Jahre vielleicht.
Das Verfahren, damit das nicht in Vergessenheit gerät, dreht sich darum, was genau geschehen ist am vorvergangenen Samstag vor 12.28 Uhr Ortszeit, als Dominique Strauss-Kahn im Sofitel an der 44. Straße in Manhattan auscheckte aus seiner Suite, für die er den Vorzugspreis von 525 Dollar aus eigener Tasche zahlte und nicht 3000 Dollar pro Nacht, wie es zunächst hieß. Gebucht hatte er über den Internetanbieter Travelocity, er war privat nach New York gekommen, um seine Tochter zu sehen.
Wenn die Staatsanwälte und die Polizei recht haben, dann hatte der Angeklagte unmittelbar zuvor eine 32-jährige Frau angefallen, eine Einwanderin aus Guinea, die als Zimmermädchen seit knapp drei Jahren zur Zufriedenheit aller im Hotel arbeitet.
Wenn die Vorwürfe stimmen, kam Strauss-Kahn nackt aus dem Badezimmer seiner Suite 2805/2806 und zwang sein Opfer nach Darstellung der Anklage Richtung Bett, wo es der Frau gelang, sich loszumachen. Strauss-Kahn holte sie jedoch ein, sagt der Staatsanwalt, zerrte sie ins Badezimmer, zwängte sein erigiertes Geschlecht mit Gewalt in ihren Mund, ejakulierte, dann endlich gelang ihr die Flucht.
Strauss-Kahns Verteidiger sagen, ihr Klient habe sich um 12.45 Uhr mit seiner Tochter zum Lunch in Midtown getroffen. Falls beides stimmt, ist es der Stoff für einen Film mit Anthony Hopkins in der Hauptrolle.
Unangenehm werden die kommenden Monate vor allem für das Opfer. Strauss-Kahns Anwälte, darunter die lebende Legende Ben Brafman, der als Mann für die unmöglichen Fälle gilt, werden sich darum bemühen, die Begegnung zwischen dem damaligen IWF-Chef und dem Zimmermädchen nicht als Überfall, sondern als Sex im gegenseitigen Einverständnis hinzustellen, nachdem sie noch am Tag der Tat erklärt hatten, die Vorwürfe seien absurd, weil ihr Mandant zur Tatzeit gar nicht im Hotel gewesen sei und ein Alibi habe. Das passt zur Machtvergessenheit.
Sie hoffen jedenfalls darauf, dass die forensischen Spuren, Sperma, Haut, Haare, die Version des Zimmermädchens nicht zu hundert Prozent erklären können, und in die Lücken dazwischen werden sie ihre Bedenken streuen. Die Logik ist: Wenn sich eine Attacke nicht lückenlos beweisen lässt, kann sie nicht stattgefunden haben.
Die Ermittler haben ein Stück Teppichboden aus der Suite sichergestellt, entnommen dort, wo die Tat in etwa stattgefunden haben soll. Es ist die Stelle, an der das Opfer nach eigenen Aussagen das Ejakulat auf den Boden gespuckt haben will. Die Details sind nicht sehr appetitlich. Aber sie könnten entscheidend sein.
Die Ermittler werden auch einen männlichen Hotelangestellten befragen, der wohl ausgesagt hat, er habe in der Suite gerade das Frühstücksgeschirr abgeräumt und zu seiner Kollegin gerufen, sie könne hereinkommen, es sei niemand mehr da. Es wird auch viel um die Magnetstreifen von Zimmerkarten gehen, darum, wer die Tür zur Suite wann genau geöffnet hat und wann sie sich schloss, und aus all den Details werden Indizien gestrickt, die beide Seiten für sich nutzen wollen.
Warum in aller Welt eine Hotelangestellte auf die Idee kommen sollte, einen ihr wildfremden Gast zwischen Tür und Angel freiwillig und oral zu befriedigen, diese Frage spielt für die Verteidigung keine Rolle, und Strauss-Kahn, falls er ein Täter ist, wird sein Leben in Lüge und Schande fortführen, wenn er diese Darstellung der Ereignisse wirklich durchzieht.
Die Theorie der Verteidigung widerspricht den Aussagen des Opfers auf so zynische Weise, dass der Anwalt der Frau, sie ist die alleinerziehende Mutter einer 15-jährigen Tochter, verwitwet, im Fernsehen stets nah an einen Wutausbruch gerät, wenn nur die Sprache darauf kommt.
Denn falls Strauss-Kahn ein Täter ist, wird ihm während des Prozesses weiter Gelegenheit gegeben, auf seinem Opfer herumzutrampeln, das ist eine hässliche Vorstellung. Aber so wird es wohl kommen. Der letzte Halbsatz seiner Rücktrittserklärung an den IWF lautet, "ich möchte nun vor allem - vor allem - all meine Kraft, all meine Zeit, alle meine Energie dem Ziel widmen, meine Unschuld zu beweisen". Es ist nur ein Gefühl, aber beim Lesen der Erklärung, die nicht sehr lang ist, stellt sich der Eindruck ein, dass sie nicht so klingt wie die eines Mannes, der zu Unrecht einer ungeheuerlichen Straftat angeklagt ist und seine Ehre wiederherstellen will. Da ist keine Empörung, keine Wut, die doch zu erwarten wäre.
Platzt die Strategie der Verteidigung, drohen Strauss-Kahn 25, 50 oder 75 Jahre Haft, je nachdem, wie viele ihrer Anklagepunkte die Staatsanwaltschaft durchbringt. Aber vielleicht schafft ja auch Anwalt Brafman ein neues Wunder. Und rettet einem Mächtigen die Haut. Der erste Verhandlungstag ist für den 6. Juni angesetzt, dann wird die Anklageschrift verlesen. Bis dahin und in den Monaten, die vor ihm liegen, wird Dominique Strauss-Kahn viel Zeit haben, über sein Leben nachzudenken, sofern er dazu nach vielen Jahren an der Macht noch fähig ist.
Er wird rund um die Uhr eine elektronische Fußfessel tragen und darf die Wohnung in New York nur für die Gerichtstermine verlassen, die Eingangstür wird mit Videokameras überwacht sein, das alles besorgt die Sicherheitsfirma, die schon den Hausarrest des Milliardenbetrügers Bernard Madoff organisiert hat.
Wenn Strauss-Kahn künftig Ausgang hat, wird immer ein bewaffneter Begleiter an seiner Seite sein, und dann wird er sich vielleicht ein wenig fühlen wie früher. Aber der Begleiter ist nicht zu seinem Schutz da. Er hat nur darüber zu wachen, dass sich der Angeklagte Dominique Strauss-Kahn nicht aus dem Staub macht.
Von Fichtner, Ullrich, Kurbjuweit, Dirk

DER SPIEGEL 21/2011
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