23.05.2011

LIBYENLogbuch des Todes

Gut zwei Wochen lang trieb ein Fischerboot voller Flüchtlinge im Mittelmeer. 63 von ihnen starben, darunter Frauen und Kinder. Dabei sollen westliche Militärs das Boot gesehen haben. Nun fragen Uno-Leute nach den Schuldigen. Von Fiona Ehlers und Clemens Höges
Es war ein kurzer Moment des Glücks auf der Überfahrt in den Tod: Sie hielten ihre Kinder in die Luft, sie jubelten und umarmten sich, im Freudentaumel hätten sie ihren überfüllten Kahn beinahe zum Kentern gebracht.
Über ihren Köpfen kreiste ein Helikopter, so erzählen es jetzt drei der neun Überlebenden des Dramas, sie sitzen in einem Flüchtlingscamp in Tunesien. "Army", dieses Wort hätten sie auf dem Rumpf entziffern können. Zwei Monate nach ihrer missglückten Flucht aus Libyen schreiben sie es auf ein Stück Papier und zeichnen mit vielen Details einen Hubschrauber drum herum.
Sie sagen, sie seien sich sicher. "Warum sollten wir lügen?", fragt Elias Kadi, ein hagerer Äthiopier, 23 Jahre alt, er spricht fließend Arabisch und ganz gut Englisch. "Was würde uns das nutzen? Was geschehen ist, ist geschehen und nicht wiedergutzumachen."
Der Helikopter kam nah herunter, 10, vielleicht 15 Meter über ihnen kreiste er am wolkenlosen Himmel und seilte Wasserflaschen mit italienischer Aufschrift und mehrere Packungen Kekse ab. Sie fischten den Proviant mit ihren Händen aus dem Wasser. Zwei Tage zuvor waren sie nahe Tripolis mit dem namenlosen Fischerboot losgefahren, sie wollten nach Europa, auf die italienische Insel Lampedusa. Doch sie hatten sich auf See verirrt, jetzt schien sie zum Greifen nahe, die erhoffte Rettung.
Ihr Kapitän, ein baumlanger Mann aus Ghana um die dreißig, der ihnen nie seinen Namen verraten hatte, drosselte den Motor. Sie blickten hinauf zu den Soldaten im Helikopter, sahen, dass sie Waffen trugen, sahen, wie einer Fotos machte und dann beschwichtigend die Hand hob. Hilfe naht, bleibt, wo ihr seid - so deuteten die Überlebenden seine Geste. Dann drehten die Soldaten ab, so erzählen es die Flüchtlinge. Auf dem Boot blickten sie ihnen hinterher, bis der Helikopter nur noch ein Punkt war am Horizont.
Kurz darauf tat der Kapitän etwas, was ein erfahrener Skipper niemals tun würde. Elias steht auf wackeligen Beinen im Flüchtlingslager an der tunesisch-libyschen Grenze und hält sich an den Seilen seines Zeltes fest, als gehörten sie zur Takelage eines Bootes. Elias sagt: "Der Kapitän warf sein Navigationsgerät über Bord und das Satellitentelefon gleich hinterher." Er wollte wohl verhindern, dass ihn die Retter als Menschenschmuggler überführen können, dass Grenzpolizisten ihn einsperren, weil er illegal Afrikaner nach Europa schiffte.
Elias wunderte sich, aber er hinderte den Kapitän nicht. Er dachte: Uns hilft jetzt keine Technik mehr, was wir brauchen, sind Menschen auf Schiffen, die uns in einen Hafen schleppen. In ein, zwei Stunden werden sie da sein, hoffte Elias, sie werden von Malta kommen oder von Lampedusa, der Glück verheißenden Insel.
Aber die Retter sollten nie kommen, und so begann ein Drama, das nur eine Episode ist in einem viel größeren Drama. Was die Überlebenden nun erzählen, ist die Schilderung von unermesslichem Leid vor den Toren der Festung Europa. Ein Logbuch des Todes.
Seit in den arabischen Ländern die Menschen gegen die Mächtigen und für so etwas wie Freiheit kämpfen, haben sich rund 34 000 Flüchtlinge nach Europa durchgeschlagen. 14 000 kamen nach Zahlen der Uno allein aus Libyen nach Italien oder Malta. Aber niemand will sie haben, und so hat der Exodus Europa innerhalb von nur wenigen Wochen mehr verändert, als das zuvor jemand für möglich gehalten hätte: Weil die Italiener den Flüchtlingen einfach vorläufige Visa für den Rest Europas gaben, schlossen die Franzosen kurz ihre Grenze. Die Dänen wollen wieder Grenzkontrollen einführen. Regierungschefs streiten, wie sie die Reisefreiheit einschränken können, sie stellen damit einen der Grundgedanken des vereinten Europas in Frage.
Die Regierenden fürchten dabei nicht so sehr die arabischen Flüchtlinge. Sie fürchten, dass Hunderttausende aus ganz Afrika ihnen folgen könnten, wenn sie durchkommen. Auch die Menschen auf dem namenlosen Boot stammten aus Äthiopien, Nigeria, Eritrea, Ghana und dem Sudan.
Sie wagten die Flucht, obwohl sie wussten, dass die Reise in den oft maroden Booten über das Mittelmeer tödlich sein kann. Allein seit Ende März, schätzt die Uno, sind 1200 Flüchtlinge auf See verschollen.
Jahrelang hatten auch die drei Überlebenden Elias, Mohammed Ibrahim, 23, und Kabbadi Dadi, 19, auf ihre Flucht gewartet. Elias, Sohn eines Kuhhirten, kam vor vier Jahren nach Tripolis, die beiden anderen kamen 2008. Elias sagt, sie seien Oromo, aus der verfolgten Volksgruppe im Süden Äthiopiens.
Einer seiner acht Brüder wurde im Kampf gegen Regierungsmilizen getötet, ein anderer sitzt im Knast. Elias verließ seine Heimat ohne ein Wort des Abschieds. In Sudans Hauptstadt Karthum jobbte er als Autowäscher, bis er das Geld zusammenhatte für die Fahrt durch die Sahara auf überfüllten Lastwagen.
Ende März, als der Westen Tripolis schon massiv bombardierte, standen ihre Chancen besser denn je, so dachten sie. Niemand patrouillierte mehr am Strand wie in den Jahren davor, als Italien viel Geld dafür bezahlte, dass Muammar al-Gaddafi den Europäern die Elendsgestalten vom Hals hielt. Elias wusste um die Gefahr, er sagt: "Entweder Knast und Folter in Äthiopien oder Freiheit in Europa - ich hatte keine Wahl."
Es war wie so oft bei diesen Fluchten aus dem Maghreb, jemand kannte einen Sudanesen, der kannte einen Libyer, der bestellte sie per Handy an den Strand. Es war der 25. März, nachts um drei. Der Mond war verhangen, sie sahen die Lichter im nahen Tripolis und hörten Bomben einschlagen.
Ihr libyscher Kontaktmann wollte 800 Dollar von jedem, keine Namen, keine Daten. Der offene Kahn, ein nur rund zehn Meter langes und drei Meter breites Fischerboot aus blauem Plastik, dümpelte am Ufer. Sie waren 50 Flüchtlinge, sie krempelten ihre Hosen hoch und wateten durchs seichte Wasser. Es war das erste Mal in seinem Leben, dass Elias ein Boot bestieg.
Der Libyer ließ blaue Benzinkanister an Bord bringen, eine Wasserflasche für jeden, Kekse und Datteln. Wenige Minuten bevor sie in See stachen, kletterten 22 weitere Afrikaner an Bord, 20 Quadratmeter für schließlich 72 Menschen. "Wem es hier zu voll ist, der soll aussteigen", sagte der Libyer, "aber sein Geld bekommt keiner zurück." Das Boot mit Christen und Muslimen, mit 50 Männern, 22 Frauen und Kindern, der Älteste 45 Jahre alt, der Jüngste gerade mal ein Jahr, stach in See. Es kam schnell voran, die Sicht war gut, das Meer ruhig. Es ist nicht weit bis Lampedusa, Europas Vorposten, nur 300 Kilometer von Tripolis aus.
An Bord bildeten sie eine Art Menschenkette, jeder setzte sich zwischen die angewinkelten Beine des Vordermannes, sie trugen mehrere Pullover übereinander, die Frauen hatten Tücher um ihren Kopf geschlungen. Die Nacht, so wussten sie, würde kalt werden. "Am Anfang", sagt Elias, "war die Stimmung gut, wir fotografierten uns mit unseren Handys."
Am zweiten Tag, dem 26. März, hätten sie längst Land sehen müssen. In 18 Stunden, hatte der Ghanaer gesagt, würden sie Lampedusa erreichen, knapp 30 Stunden waren vergangen, sie wurden unruhig. Als sich gegen 10 Uhr der Helikopter näherte, winkten sie, hielten ihre leeren Kanister hoch und schrien: "Help, help!" Der Helikopter seilte Proviant ab und machte kehrt. Drei Stunden warteten sie auf ein Rettungsboot, es kam keins, ihre Verzweiflung wuchs. Sie baten den Kapitän um sein Satellitentelefon. Petrus, ein Christ, der unentwegt betete, wählte eine Nummer in Italien, er telefonierte mit einem Pater im Vatikan, den er kannte. Er schrie: "Was sollen wir tun?"
Pater Moisse Zerai, ein Priester aus Eritrea, hilft seit gut zehn Jahren in Seenot geratenen Landsleuten. Er sagte, wir rufen euch zurück, dann können wir euch orten.
Der Pater sitzt im Refektorium des Collegio Etiopico direkt hinter dem Petersdom im Vatikanstaat. Es ist Mitte Mai, die Nato weist jegliche Schuld von sich. Pater Zerai sagt, an jenem Samstag im März habe er sofort die italienische Küstenwache in Rom verständigt, wie er es immer tue, wenn Flüchtlinge auf dem Weg nach Italien in Seenot geraten. Eine halbe Stunde darauf habe er das Nato-Hauptquartier in Neapel angerufen. Seine Handy-Protokolle, sagt er, könnten das beweisen.
Er wisse nicht, was schiefgelaufen ist, aber wenn es stimmt, was die Überlebenden berichten, sei das unterlassene Hilfeleistung, ein Verbrechen. Pater Zerai kämpft dafür, dass der Fall untersucht wird. Er will einen Prozess, er sei, sagt er, zu allem bereit.
In Rom bestätigt Vittorio Maggiore, Major der italienischen Küstenwache, dass Zerai angerufen hat. Daraufhin sei das Boot geortet worden, rund 60 Seemeilen nördlich der libyschen Küste. Seine Leute hätten dann die Kollegen in Malta alarmiert.
Die Küstenstaaten haben das Mittelmeer in Rettungszonen aufgeteilt. In einem riesigen Gebiet, das sich vom Seegebiet um Lampedusa aus weit nach Süden und Osten erstreckt, ist die Regierung von Malta zuständig, sie muss Helikopter oder Schiffe losschicken, wenn dort jemand in Seenot gerät. Die Malteser sagen, sie könnten in ihren Unterlagen nichts über einen Anruf aus Italien finden, sie hätten von dem Drama nichts gewusst. Außerdem verläuft ungefähr dort, wo die Flüchtlinge nun wohl trieben, die Grenze zur Rettungszone der Libyer. "Wir können nicht sicher feststellen, ob das Boot es je bis in unsere Rettungszone geschafft hat", so der maltesische Major Ivan Consiglio.
War das Boot noch südlich der maltesischen Zone, hätten die Libyer helfen müssen, aber in Libyen ist Krieg. Und Gaddafi kommen Flüchtlinge sehr recht, tot oder lebendig, sie sind Waffen geworden in diesem Krieg gegen den Westen.
Aber woher kamen die Männer dann oben im Hubschrauber, welches Land ist schuld? Denn natürlich hätte die Helikopterbesatzung Hilfe schicken müssen, unabhängig von den Zuständigkeiten. Auf amerikanischen Marine-Hubschraubern steht nicht "Army", was die Flüchtlinge gesehen haben wollen, sondern "Navy", auf britischen steht "Royal Navy", auf französischen "Marine" und auf italienischen "Marina". Und keine Regierung hat bislang zugegeben, von dem Hubschrauber etwas zu wissen.
Nachdem die Maschine abgedreht und der Kapitän das Satellitentelefon ins Meer geworfen hatte, begann die Odyssee der 72 Bootsflüchtlinge. Zwei, drei Stunden lang fuhren sie in jene Richtung, in die der Helikopter verschwunden war. Dann ging ihnen das Benzin aus.
Sie kauerten jetzt an Bord eines steuerlosen Kahns, ein Spielball der See. Wenn ein Boot treibt, dreht es sich immer so, dass die Wellen genau von der Seite kommen. Dann schwankt es grausam, dann kentert es leicht. Die Strömung schob das Boot nun wieder zurück Richtung Libyen, die Männer stritten um ihre letzte Dose Red Bull, die Kabbadi an Bord gebracht hatte.
Am Abend drückten sie zwei Tuben Zahnpasta aus, verrührten sie mit Salzwasser, tunkten ihre Finger hinein und leckten sie ab. Damit war der gesamte Proviant aufgebraucht, sie hatten keinen Tropfen Trinkwasser mehr, nicht mal einen Keks an Bord. Irgendwann sagte Petrus, der Christ: "Jetzt muss jeder zu seinem Gott beten."
Am dritten Tag klagte Marjam, eine der jungen Frauen, sie würde verdursten. Die Männer pinkelten in Plastikflaschen und tranken ihren eigenen Urin. Marjam aber konnte das nicht, nicht vor den Männern, sie schöpfte Meerwasser und trank mit gierigen Schlucken. Doch das Salz zieht Wasser aus den Körperzellen, wer reines Salzwasser trinkt, vertrocknet von innen heraus, ein schlimmer Tod.
Das Meer war jetzt nicht mehr ruhig und harmlos, dunkle Regenfronten zogen auf, Wind kam, in der Nacht sank die Temperatur auf zehn Grad. Manchmal sahen sie Lichter in der Ferne, Küstendörfer vielleicht, wahrscheinlich aber Fischerboote. Sie beugten sich über die Bordwand und paddelten mit ihren Händen.
Der erste Flüchtling starb im Morgengrauen des siebten Tages. Es war Ondassir, ein hagerer Junge mit dünnem Flaum, der noch nicht zum Bart reichte. Der Überlebende Elias sagt: "Er hielt es nicht aus, dass wir wegtrieben vom Licht. Er wurde darüber verrückt." Ondassir sei plötzlich aufgesprungen und habe gerufen, er werde seinen Esel satteln und Wasser kaufen für die Kinder, sie sollten sich keine Sorgen machen, er sei bald zurück. Er hangelte sich über die Bordkante. Die Männer warfen ihm die letzten Rettungsringe hinterher, sie wussten, er konnte nicht schwimmen. Ein paar Minuten lang hörten sie seine Schreie, dann war es still. Stumm schöpften sie weiter Wasser aus dem Boot, die Frauen weinten.
In der Nacht darauf starben drei Frauen. Das Mädchen, das Salzwasser getrunken hatte, dann Rachel, die außer ihrem Namen kaum ein Wort gesagt hatte, und Dschamila, eine junge Mutter aus Eritrea. Ihr zweijähriger Sohn krabbelte auf ihrem leblosen Körper herum und jammerte, die Männer versuchten, den Jungen abzulenken mit Spielen und Gesang.
Zwei Tage lang warteten sie und prüften ein letztes Mal, ob die Frauen wirklich nicht mehr atmeten, dann ließen sie die Leichen ins Meer gleiten. Es gab keinen Ritus, keine gemeinsamen Gebete, jeder betete für sich allein, zu mehr reichte ihre Kraft nicht. Bald danach starb Jussuf, jenes Kind, das sie hochgehoben hatten, als der Helikopter kam. Wenige Stunden später starb auch Dschamilas Sohn.
Der Ghanaer, der das Boot fuhr, gab auf am elften Tag; in sich zusammengesunken wie die Frauen schlief er ein und wachte nicht mehr auf. Wortlos warfen sie seine Leiche ins Meer, um das Boot leichter zu machen und Platz zu haben zum Überleben. Noch am selben Tag sprang ein Mann hinterher, als sie seine tote Frau ins Wasser warfen.
Jeden Tag starben nun fünf oder sechs, das war normal, sagt Elias, jeder hatte mit sich selbst zu kämpfen, mit Durst, Kälte und Apathie. Das Schlimmste war, sagt Elias, zu erleben, wie es ist, wenn der Körper nicht mehr gehorcht, wenn man auf allen Vieren kriecht, kotzend und fast ohnmächtig. Mit jedem weiteren Tag war ihm, als käme ihm die Welt abhanden und er der Welt. Was nur konnte ihn vor dem Wahnsinn bewahren? Es waren seine Bittgebete. "Es gibt keinen Gott außer Allah, der allmächtige Gott der Barmherzigkeit. Ihm allein dienen wir, ihn allein bitten wir um Verzeihung und um Hilfe." Er murmelte die Verse vor sich hin wie ein Mantra, sie hielten ihn am Leben.
Am Nachmittag des zwölften Tages erwachten sie aus ihrem Delirium, in 300 Meter Entfernung sahen sie ein Schiff, vielleicht einen Flugzeugträger der Nato. "Helle Farbe, lang", sagt Elias, "und so groß, wie ich noch nie ein Schiff gesehen habe".
Mit letzten Kräften schwenkten sie Tücher und Schals der toten Frauen. Sahen eine Handvoll Uniformierter an Bord, sahen so etwas wie Blitze von Kameras, glaubten, jetzt endlich sei ihre Odyssee vorbei und man habe sie entdeckt. Aber das Schiff zog langsam an ihnen vorbei, bis sie es nicht mehr sehen konnten. Eremias, ein Eriträer, tobte durch das Boot, riss sich die Kleider vom Leib, nahm Anlauf und sprang. Dann war wieder Stille.
Eine ganze Nato-Flotte kreuzt vor Libyen. Für die Militärs gelten dieselben Gesetze wie für zivile Schiffe: Ein Kapitän muss alles tun, um ein Boot in Seenot zu retten, es sei denn, er bringt sich damit selbst in Gefahr. So verlangt es die internationale Konvention "Solas" ("Safety of life at sea"), entstanden nach dem Untergang der "Titanic". Wer sie missachtet, macht sich strafbar.
Aber wer hat sie jetzt missachtet? Wer trägt die Schuld an dem Drama auf offener See? Die Nato hat die Logbücher der Schiffe unter ihrem Kommando überprüft. Auf Kriegsschiffen werden diese Protokolle sehr gründlich geführt. Es finde sich nirgendwo ein Hinweis auf das Flüchtlingsboot, so ein Nato-Sprecher.
Nicht die ganze Zeit unter Nato-Kommando fuhr allerdings die französische "Charles de Gaulle". Aber die Regierung in Paris sagt, ihr Flugzeugträger sei Libyen nie näher als 160 Seemeilen gekommen, war also, wenn das stimmt, weit hinterm Horizont.
Im Mittelmeer wimmelt es von Fischerbooten, viele fangen Tintenfische mit Hilfe aneinandergebundener Tontöpfe, die sie auf den Meeresgrund hinablassen. Während die Fischer die Töpfe dann wieder hochziehen, treiben sie oft lange auf dem Meer. Haben die Soldaten das mit Menschen vollgestopfte Boot für einen dieser Fischkutter gehalten?
"Vielleicht haben sie die Flüchtlinge gesehen, aber einfach nicht erkannt, dass das Boot in Seenot war", sagt Judith Sunderland, die das Drama für die Organisation Human Rights Watch untersucht. Die Vorschriften für Schiffe im Mittelmeer müssten geändert werden, fordert sie: Jeder dieser überladenen Flüchtlingskähne müsse von jetzt an behandelt werden, als wäre er in Seenot. Auch wenn er noch schwimmt, der Motor noch läuft.
Am 9. April toste der Wind, im Boot lebten noch zehn Männer, eine Frau. In den Morgenstunden lief der Kahn schließlich auf einen Felsen, schlug leck, kippte um, und die Brandung spülte die Überlebenden an Land. Nur die letzte der Frauen, Rahima hieß sie, ertrank, bevor sie den Boden unter ihren Füßen spüren konnte.
Die drei Überlebenden im Flüchtlingslager Schuscha können sich kaum noch erinnern, sie wissen nur, dass sie am Strand gelegen haben, bäuchlings, den Kopf auf dem Sand. Dann hörten sie fremde Stimmen, sie sprachen Arabisch, es waren libysche Soldaten.
Strömung und Wind hatten die Flüchtlinge an Land getrieben bei Slitan, einer libyschen Küstenstadt zwischen Misurata und Tripolis, 140 Kilometer von dort, wo sie zwei Wochen zuvor in See gestochen waren. "Shut up, sit down!", riefen die Soldaten. Sie nahmen den Überlebenden die Handys ab, zerstörten die Sim-Karten und löschten die Fotos und Filme von der Überfahrt. Sie brachten sie in ein Gefängnis nahe der Hauptstadt Tripolis. Dort saßen sie zusammengepfercht in einer fensterlosen Zelle, eng wie der Kahn. Nach zwei Tagen starb auch Tarik. Jetzt waren sie nur noch neun. Das Salzwasser hatte die dunkle Haut an Elias Armen und Beinen weggeätzt, zum Vorschein kam rote, helle Haut, die furchtbar juckte. Er hätte ins Krankenhaus gemusst, er brauchte Infusionen und Flüssignahrung.
Ein Knastbruder aus Bangladesch lieh ihm sein Handy. Elias rief einen Verwandten in Tripolis an, für 100 Dollar pro Kopf kaufte der sie frei und brachte sie zum Bischof von Tripolis. Dort bekamen sie endlich Medikamente und Kleidung, Nonnen versorgten ihre Wunden.
Als immer mehr Bomben auf Tripolis fielen, trennten sich die Überlebenden. Drei wagten wohl erneut die Flucht übers Mittelmeer. Entweder seien sie tot oder in Lampedusa, glaubt Elias. Er floh mit Mohammed und Kabbadi über die Grenze, in einem Bus, in den die Nonnen sie gesetzt hatten. Seit einer Woche leben sie nun im Schuscha-Camp, der Boden wankt immer noch unter ihren Füßen. Elias wiegt nur noch 45 Kilo, die Tage auf See haben tiefe Furchen in sein Gesicht gezogen.
Täglich bekommt er Besuch von Leuten der Uno-Flüchtlingskommission, sie kommen aus dem Hotel Odyssee im Ferienort Zarzis bei Djerba und stellen ihm Fragen. Was er beobachtet hat, wie genau das Schiff aussah und der Helikopter. Sie wollen herausfinden, ob es einen Schuldigen gibt, im Westen, jemanden, der den Tod von 63 Menschen mitzuverantworten hat. Oder kann es sein, dass 63 Menschen starben, weil sich niemand zuständig fühlte?
"Was soll das bringen?", fragt Elias, "die Wahrheit würde nichts ändern. Europa will uns nicht. Ihr tötet uns nicht direkt, ihr lasst uns langsam sterben. Unbemerkt, auf offener See."
Nachts schläft er neben Mohammed und Kabbadi, dicht aneinandergedrängt wie auf dem Boot. Er schlafe nie mehr als ein paar Stunden, sagt er, stöhnend wache er auf aus unruhigen Träumen, und dann starre er in den Wüstenhimmel. ◆
Von Fiona Ehlers und Clemens Höges

DER SPIEGEL 21/2011
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