13.04.1998

ATOMMEILERKirmes statt Kernkraft

Er sollte der Stolz der Nuklearindustrie werden: der Schnelle Brüter von Kalkar. Heute tummeln sich in der Atomruine Kegelclubs - und niederländische Militärs.
Und hier soll man mal baden können?" fragt der japanische Besucher Shuichiro Hirano ungläubig. Vorsichtig schaut er über den Rand der Absperrung in die geheimnisvolle Tiefe des ehemaligen Reaktorkerns des Schnellen Brüters.
Unten schimmert ein bläuliches Lichterband über dem Grund. Aus den meterdicken Stahlbetonwänden mit tonnenschweren Sicherheitstüren ragen abgefräste Leitungsstutzen in den haushohen Stahlzylinder. Das ausgeweidete Herzstück des Atommeilers, gut sechs Stockwerke hoch, soll demnächst mit Süßwasser geflutet und in eine künstliche Unterwasserlandschaft verwandelt werden. "Das gibt es selbst bei uns nicht", sagt Hirano, Umweltredakteur bei Japans drittgrößter Zeitung "Mainichi Shimbun".
Der Schnelle Brüter von Kalkar, einst gepriesen als "nukleares Perpetuum mobile", ist heute ein weltweit einzigartiger Funpark. Wo nach den Plänen der Atomwirtschaft spaltbares Plutonium aus Uran zur Energieerzeugung "erbrütet" werden sollte, blühen Tulpen.
Vor knapp drei Jahren hat der niederländische Schrotthändler und Fuhrparkbetreiber Henny van der Most die 1991 durch Regierungsbeschluß abgerüstete Atomruine für rund sieben Millionen Mark komplett übernommen. Bis 2004 will er rund 60 Millionen Mark investieren, um aus dem insgesamt 290 000 Quadratmeter großen Areal ein familienfreundliches Wunderland zu machen - mit Disko, Fondue-Restaurant, Streichelzoo und Jachthafen. "Kalkar", schwärmt van der Most, "machen wir zu einem Weltereignis."
Nebenher erfüllt sich der Niederländer hier einen Kindheitstraum. Van der Most sammelt raumgreifende Objekte - Dampfmaschinen. Die sollen in Kalkar ein eigenes Museum bekommen.
Im Untergeschoß der ehemaligen Betriebsfeuerwehr ist schon einiges von der nuklearen Konversion zu sehen. Rechtzeitig zum diesjährigen "Tanz in den Mai" soll die holzvertäfelte Westernbar fertig sein, einschließlich Bierausschank, DiskoPlattform, Laser- und Bogenschießen, Nägelschlagen und Hufeisenwerfen.
Ein Stockwerk höher stehen die ersten Konferenzräume vor der Vollendung. Jeder Raum wird nach dem Standort eines deutschen Kernkraftwerks benannt. Für die Salons Brunsbüttel, Greifswald oder Gundremmingen haben schon der Deutsche Sekretärinnentag und Weltfirmen wie Krupp oder Siemens gebucht. Im Hotel Kernwasser Wunderland nächtigten seit der Eröffnung im Jahre 1996 bereits 10 000 Gäste. "Das Geschäft läßt sich gut an", sagt Most-Sprecherin Melanie Ostermann.
Vor allem leicht gruselige Neugier treibt die Leute hierher. Im ersten Jahr kamen insgesamt 65 000 Besucher zum Kaffeetrinken ins Restaurant des ehemaligen Empfangsgebäudes hinter dem Hochsicherheitszaun. Für 1998 rechnet Most mit mehr als der doppelten Zahl. Beliebtes Mitbringsel aus dem Souvenir-Shop sind nicht nur elektronische Schaltplatten, sondern auch ein blau schimmernder Korn der Marke "Reaktor-Geist".
"Koffie en gebak in Kernwasser Wunderland" inklusive einer "Bezichtiging van de kerncentrale" lockt insbesondere Tagesausflügler aus dem nahen Ruhrgebiet und den Niederlanden. Im Spezialpreis des "Combipakket" von 9o Mark ist eine Runde Golf neben dem Reaktorgebäude inbegriffen.
Für Hochleistungskletterer und Freeclimber wird gerade der mächtige, 45 Meter hohe Kühlturm am Rheinufer hergerichtet. Bei Fernsehteams ist das Monstrum als Kulisse gefragt. Für die RTL-Serie "Alarm für Cobra 11" ließ sich jüngst ein Double des Helden mit einem Raketenrucksack von einem Helikopter aus dem Turm ziehen.
Die Bemalung der grauen Betonwände mit Alpenmotiven wurde von der Gemeinde Kalkar zunächst als "nicht landschaftstypisch" für den Niederrhein abgelehnt.
Doch van der Most blieb hartnäckig. Demnächst wird der Kühlturm von Kalkar mit dem Panorama einer Berglandschaft mit grünen Tälern und Flüssen geschmückt. Darüber soll eine Luftgondel schweben, aus der die Insassen einen guten Überblick über die rheinischen Nuklearniederungen haben.
Ins Detail führt ein anderthalbstündiger Rundgang durch das Reaktorhaus, immer entlang der mit blau-weißen Comic-Figuren ausgeschilderten Route. Auf Knopfdruck können Neugierige sich an einem Modell in der Lobby mit Hilfe von Lämpchen über die einzelnen Stationen des "Schnellen Brüters" - vom Reaktor bis zum Depot für die Brennelemente - informieren. Insgesamt flossen über sieben Milliarden Mark aus Deutschland, den Niederlanden und Belgien nach Kalkar, bevor die Anlage zum Wrack erklärt wurde - jeder Quadratmeter fast 30 000 Mark.
Die Führung, sagt ein Rentner aus dem Ruhrpott, habe ihn "ins Grübeln gebracht". Und ein Besucherpaar Walter und Marianne reimte ins Gästebuch: "Ach hätt' ich doch die acht Milliarden, dann wäre ich auf den Balearen."
Im ehemaligen Turbinenraum entsteht derzeit eine "Kinderstadt" zur Beaufsichtigung der Kleinen. Derweil können die Eltern Schwimmbad, Sauna, Squash-Halle, Shopping-Mall oder das Kernwasser-Kino besuchen.
Bevorzugtes Ausflugsziel ist Kalkar nicht nur für Kegelclubs und Freizeitvereine - sondern auch für Soldaten. Einheiten der niederländischen "Luchtmobiele Brigade" bei Arnheim und Nato-Verbände aus den Nordniederlanden nutzen das atomare Industriegelände beruflich. In den Reaktorhallen mit ihren mehr als 1000 Sicherheitstüren und labyrinthisch verschachtelten Gängen und Treppenhäusern trainieren sie ihre Kondition. Riskante Abseilaktionen der schnellen Eingreiftruppen finden am Reaktorhaus-Schornstein oder im Kühlturm statt.
"Greenpeace hatte leider kein Interesse, mal hereinzuschauen", sagt Ostermann, obwohl die Regenbogenkämpfer von van der Most freundlich eingeladen wurden. Und den Grünen ist der Rummel in der Ruine ein Greuel. "Wenn wir gewußt hätten, was daraus wird", so ein grüner Kommunalpolitiker sarkastisch, "hätten wir dem Weiterbetrieb des Schnellen Brüters zugestimmt."
Doch lieber Kernkraft als Kirmes?

DER SPIEGEL 16/1998
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