13.04.1998

ARISTOKRATIE„Ich weiß ja, wer ich bin“

Adel verpflichtet schon lange nicht mehr zum Klassenkampf - er wurde vor 80 Jahren entmachtet. Doch beim Streben nach Stil und Einfluß setzt die alte Oberschicht Europas immer noch den Maßstab. Ihre eifrigsten Knechte: bunte Klatschblätter und deren gierige Leser - die Blaublüter faszinieren nach wie vor. Warum bloß? Von Joachim Kronsbein
Der Teufel, der Adel und die Jesuiten existieren nur so lange, als man an sie glaubt.
HEINRICH HEINE
Eine kleine Ewigkeit schon hatte sich das noble Geschlecht geziert und jegliche Aufmerksamkeit der Massenmedien vornehm gemieden. In diesem Frühjahr war es mit der Jahrhunderte eingeübten Contenance endlich vorbei - Karl-Emich Fürst zu Leiningen, 45, empfing ausgesuchte Vertreter der Boulevardpresse, und Seine Durchlaucht packte aus, daß die Kronleuchter nur so wackelten.
Dem verblüfften Publikum erzählte der Chef des Hauses, er wolle die Scheidung von Gattin Gabriele, 35, geborene Thyssen. Eine banale Botschaft. Doch Boulevard und bunte Wochenblätter schrieben sich die Finger wund. Warum denn nur?
Nun, das private Malheur des Fürsten erzählt eine alte, fast mythische Geschichte - die Story vom nahezu unvermeidlichen Liebesleid eines hohen Herrn, der eine Bürgerliche heiratet und somit seinen Stand verrät. Die Variante, mit der der Fürst zu Leiningen die Schandmäuler an den Kaffeekränzchen und unter den Trockenhauben fütterte, klang so:
Jung-Fürstin Gabriele ist eine geborene Bürgerliche, und Alt-Fürstin Eilika, 70, die vermeintlich böse Schwiegermutter aus dem herzoglichen Hause Oldenburg, hat sie offenbar wegen ihrer Herkunft aus der fürstlichen Behausung in Amorbach (Odenwald) herausgegrault. Fürstin Gabriele: "Unsere Ehe ist gescheitert am Standesdünkel meiner Schwiegermutter."
Das häusliche Drama ist aber wohl weniger eine noble Variante kleinbürgerlicher Schwiegermütter-Witze. In Amorbach geht es hauptsächlich um etwas anderes: um richtig schönes altes Geld - mehr als eine Viertel Milliarde Mark, zum Teil angelegt in riesigem Grundbesitz.
Das Scheidungsscharmützel ist in Wahrheit ein erbitterter Erbschaftskrieg. Des Fürsten Mutter und sein jüngerer Bruder, Prinz Andreas, leiten, so Karl-Emich, aus seiner unstandesgemäßen Ehe mit Gabriele Thyssen, einer Society-Blondine von aggressiver Schönheit, und aus dem alten Hausgesetz der Leiningens ab, daß ihm die Position des Clan-Chefs nicht mehr zustehe - und somit auch nicht mehr das entsprechende Vermögen.
Die lieben Verwandten ließen Karl-Emich gerichtlich schon mal die Konten sperren und machten geltend, wie wenig angemessen sie das ganze "Umfeld" der Braut fänden. Gemeint ist vor allem Gabrieles Mutter Renate Thyssen-Henne, 58, eine geschäftlich wie privat recht umtriebige Dame, die es auf vier Ehemänner, einige Prozesse und etliche Millionen, etwa mit der "Wienerwald"-Kette, gebracht hat.
Die schrecklich-schöne Schlammschlacht um die prinzlichen Penunzen füllte die Blätter von "Bild" bis "Bunte". Dallas und Denver in der Hocharistokratie, dazu noch vor der eigenen Haustür - das läßt sich kein Klatschkolumnist entgehen.
Eine willkommene Abwechselung von den makellosen Inszenierungen königlichen Glücks, wie sie regelmäßig bei den Hochzeiten der Royals vorgeführt werden. Zuletzt im Oktober des vorigen Jahres, als Cristina, Prinzessin von Spanien, in Barcelona vor den Augen des herbeigeeilten internationalen Hochadels und vor vielen Millionen TV-Zuschauern ihren bürgerlichen Liebsten heiraten durfte, den baskischen Handballstar Iñaki Urdangarín. Royalisten aller Nationen vereinigten sich in schönster Rührung.
Klassenkampf, Neid der Besitzlosen, politisches Mißtrauen? Keine Spur von alledem.
Wie keine zweite Minderheit - rund 60 000 Deutsche sind adeliger Abstammung - verzaubert das Wohl und Wehe der Hochwohlgeborenen die Massen, ganz so, als hätten sie immer noch die Macht im Lande.
"Unser Image ist einfach unheilbar positiv", faßt der Schriftsteller Joseph Graf von Westphalen, 52, im SPIEGEL-Gespräch (siehe Seite 79) das heute so auffällig konfliktarme Verhältnis zwischen seinem Stand und den Untertanen von einst zusammen. Auch die Erfolgsautorin Ilse Gräfin von Bredow, 75, ("Kartoffeln mit Stippe") kennt den sozialen Wert ihres Stammbaums: "Als Gräfin ist man gesellschaftlich unschlagbar."
Heutzutage nähern sich aufrechte Bürger den Herren von vorgestern in einer aggressionsfreien Mischung aus Bewunderung, Ehrfurcht und Respekt, unterfüttert mit einem diffusen Unterlegenheitsgefühl, das sich immer dann verflüchtigt, wenn das Schicksal mal wieder machtvoll an die Tore der hohen Häuser pocht.
Da ist das Liebes- und Millionen-Melodram bei den Leiningens von Amorbach freilich nur eine hübsche Petitesse im Vergleich zum angelsächsischen Königsdrama, das im vergangenen Sommer nicht nur eingeschworene Adelsanbeter aufwühlte. Der Abschied von Diana, der "Prinzessin der Volkes", die sich so gern als "Königin der Herzen" sah, war ein mediales Weltereignis, vergleichbar allenfalls mit Olympischen Spielen: 2,5 Milliarden Menschen sollen weltweit ergriffen vor den Fernsehern so lange ausgeharrt haben, bis Dianas Sarg hinter den Gittern von Schloß Althorp verschwand.
Die Trauerfeier mit Pop und Pomp bündelte verblüffend effektvoll das Verlangen der demokratisch egalisierten Massen nach Glanz und Gloria, nach Herz und Krone - inszeniert und orchestriert als opernhafter Dreiklang aus Tratsch, Tragik und jahrhundertealter Tradition.
Die Deutschen leiden selbstvergessen mit, wenn Caroline von Monaco immer wieder an dubiose Kavaliere gerät, mag dies auch der schlagfertige Schirmträger Ernst August von Hannover sein, der nach seiner Attacke auf einen Journalisten von der "Bild"-Zeitung tagelang in den Schlagzeilen zum "Prügel-Prinzen" ernannt wurde, als gäbe es nicht genügend andere - und gefährlichere - Schlägertypen zwischen Rostock und Passau.
Versorgt wird die gierige Leserschaft von unzähligen bunten Blättern und TV-Magazinen, die zuverlässig von jedem neuen Sündenpfuhl bei Hofe berichten - wenn auch nicht immer nach dem Reinheitsgebot für Anstand und Wahrheit. Das Publikum nimmt's (miß-)billigend in Kauf - und verlangt Nachschub.
So haben sich im demokratischen Medienzeitalter die Machtverhältnisse zwischen Volk und ehemaliger Herrschaft gründlich verschoben. Obwohl durch Geburt, Erziehung und Besitz meist immer noch bevorzugt, tanzen die Herrschaften inzwischen nach der Medien-Pfeife ihrer einstigen Untertanen.
Eingeleitet hat diesen grundsätzlichen Wandel Wilhelm II., der großmannssüchtige Letzte auf dem deutschen Kaiserthron. Der Hohenzoller hatte den durch sein vorlautes Säbelrasseln provozierten Weltkrieg verloren und 1918 abgedankt. Da war es - jedenfalls auf dem Papier - auch mit der aristokratischen Herrlichkeit ein für allemal vorbei. Deutschland wurde Republik, der Adel hatte politisch ausgedient. Der jeweilige Titel, der ererbte Ausdruck von Herrschaftsanspruch, schrumpfte zu einem Bestandteil des Namens. Aus dem Freiherrn Botho von Morsch-Kehks wurde so kurzerhand der Bürger Botho Freiherr von Morsch-Kehks. Ein Gleicher unter Gleichen. In der Theorie.
Die Praxis blieb komplexer, widersprüchlich. Zur Welt des Adels, diesem schwer faßlichen Gespinst aus verlorenen Vorrechten und beibehaltenen Ritualen, haben die angeblich gleichgestellten Bürgerlichen ein nach wie vor ambivalentes Verhältnis: Vorurteile, positive wie negative, bestimmen den Umgang, wechselseitig.
So unterscheidet Barbara Gräfin Keyserlingk, 56, die 1997 ihren rheinischen Antiquitätenhandel in die Nähe von Schloß Pillnitz bei Dresden verlegt hat, zwei Kategorien von Kunden: "Die Dummen, die meinen, daß sie bei meinen Möbeln den Namen mitbezahlen müssen, und die Gebildeten, die wissen, daß ich faire Preise habe." Die Dummen und die Gebildeten ... Der Nachwuchs der couragierten Aristokratin hatte unter der Last des alten Namens eher zu leiden. "In der Schule", so erinnert sich die Gräfin, "hieß es, wenn die Jungs gute Leistungen brachten: Is ja klar, bei dem Namen. Wenn es nicht gut klappte, kam dann gleich das Vorurteil von den doofen Adligen."
Gesellschaftlich ist ein alter Name dagegen die halbe Miete. Besonders gern werden stilsichere Damen von Stand vom exklusiveren Gaststätten- und Beherbergungsgewerbe, von Mode- und Publicity-Agenturen oder Auktionshäusern unter Vertrag genommen. Denn nicht alle alten Familien haben es geschafft, ihren einstigen Reichtum - meist Grundbesitz - über zwei Weltkriege zu retten. Viele Noble müssen heute stramm malochen gehen.
Als eine der hochrangigsten Werktätigen schuftet etwa Elisabeth Sophie Feodora Mathilde Dorothea Louise Adelaide Vera Renate Prinzessin von Sachsen-Weimar-Eisenach, Herzogin zu Sachsen, 52. Die Enkelin des letzten regierenden Großherzogs aus der Klassiker-Kapitale Weimar - Höflichkeitsanrede: Hoheit - macht in München und in der Saison auch auf Sylt Öffentlichkeitsarbeit für den italienischen Luxus-Juwelier Bulgari.
Die patente PR-Prinzessin (von Society-Kennern als "handfestes Mädel" gelobt) arrangiert Verkaufscocktails, Galas und Diners - und wenn Hoheit bittet, eilt Münchens Bussi-Boheme nur allzugern zur Pretiosen-Präsentation.
Hinter der Sehnsucht nach Adel steckt offenbar noch weit mehr als bürgerliche Neugier, Realitätsflucht oder die Befriedigung allz umenschlicher Klatschsucht. NDR-Chefkorrespondent Rolf Seelmann-Eggebert, 61, der das Fernsehvolk schon vor Jahren mit einer äußerst erfolgreichen Reihe über die europäischen Königshäuser beglückte, ortet den tieferen Grund für das frappierende Phänomen im Genealogisch-Dynastischen. In diesen traditionsfeindlichen, von umfassender Mobilität geprägten Zeiten, in denen viele junge Menschen "nicht einmal mehr wissen, wer ihre Urgroßeltern sind", meint der Royalty-Experte, sei die Zuneigung weiter Bevölkerungskreise für die Blaublüter und ihr "erbliches Prinzip " mit ihren sorgsam gepflegten Stammbäumen doch einleuchtend.
Und in vielen ländlichen Regionen gehöre das ehemalige Herrscherhaus immer noch zur folkloristischen Grundausstattung. In Bückeburg beispielsweise zeige sich "der Fürst zu Schaumburg-Lippe bei jedem Schützenfest oder ähnlichen Anlässen". Er gehöre "für die Menschen dort genauso dazu wie die Schießbude selber".
In einer Ära allgemeinen Werteverfalls, in der schon zur Mittagszeit gepiercte und tätowierte Kleinbürger hemmungslos im Talk-TV über Erektions-, Vergaser- oder Balkonpflanzen-Probleme schwatzen, präsentieren sich einer verunsicherten bürgerlichen Mittelschicht die festgezimmerten Normen einer scheinbar von allen Zeitläuften letztlich unberührten Aristokratie als ungemein verlockend und tröstlich.
Natürlich war das Verhältnis zwischen Aristokratie und Volk nicht immer so ungetrübt. Noch nach dem Verlust seiner Privilegien kultivierte ein Teil des Adels, besonders in Ostelbien, den Typus des bis auf die Knochen monarchistischen Junkers, der sich mit der republikanischen Realität nicht abfinden wollte und sie nach Kräften bekämpfte.
Im Jahr 1925 schrieb der Adelsaktivist Ewald von Kleist-Schmenzin sein krachend-kerniges Credo: "Der Adel muß beharren auf der durch Jahrhunderte ausgebildeten Herrenart, dem Herrengefühl, dem unbedingten Gefühl, oben zu sein."
Ursache dieser bis zur Karikatur reaktionären Haltung, so weist der Historiker Peter Paret nach, waren die, besonders im Königreich Preußen, verpaßten reformerischen Chancen im 19. Jahrhundert.
Die Folgen waren, so Paret, verheerend: "Privilegien, die durch die Französische Revolution obsolet geworden waren, wurden im Deutschen Reich noch nicht als überholt abgetan." Dieses hohle System blieb bis über den Ersten Weltkrieg hinaus weitgehend erhalten. Was auch daran gelegen haben mag, daß die Preußen-Kaiser das aufstrebende, wohlhabende Bürgertum mit einer Flut von Nobilitierungen in ihren Ständestaat einzubinden versuchten. Allein zwischen 1871 und 1918 wurden mehr als 1100 Familien geadelt.
Auch im diplomatischen Dienst, traditionell eine Adelshochburg, blieb, wie in der Armee, die aristokratische Dominanz ungebrochen: Von den Diplomaten der Jahre 1871 bis 1914 waren 69 Prozent adlig. Heute beeilt sich das Auswärtige Amt mitzuteilen, daß "keine Statistik über Mitarbeiter adliger Herkunft" geführt werde. Entscheidend seien für die Einstellung "allein Eignung und fachliche Leistung".
Selbst in der Weimarer Republik, die ihnen die Vorrechte genommen hatte, dienten Adlige, wie viele ihrer Vorfahren, als Offiziere beim Militär. 1932, im Jahr vor der Machtergreifung Hitlers, war immerhin fast ein Viertel aller Offiziere adliger Herkunft. Sie fühlten sich, wie andere auch, lange, zu lange an den Fahneneid auf das Staatsoberhaupt gebunden.
Reichlich spät manifestierte sich der Widerstand im Adel. Am 20. Juli 1944 scheiterte der Versuch einer Gruppe von Militärs, den verhaßten Führer in seinem ostpreußischen Hauptquartier durch ein Bombenattentat zu töten, ausgeführt von Claus Graf Schenk von Stauffenberg. Der Vernichtungskrieg sollte beendet werden - er war völlig aussichtslos geworden.
In diesem letzten Versuch, Deutschland wieder den Weg zu einem Rechtsstaat zu ebnen, sehen einige Historiker gleichwohl die Grundlage für das bis heute erstaunlich stabile Ansehen des Adels - und das Geschäft mit sozialen Relikten.
Selbst die staatsvertragstreue ARD will mit dem blauen Blut Quote machen. Für 1999 bereitet der NDR eine voraussichtlich 13teilige Serie über Deutschlands entmachtete Dynastien vor. Koautor Seelmann-Eggebert nimmt zur Zeit Witterung auf und pirscht sich heran an die Überbleibsel von "rund 50 ehemals regierenden Häusern in Deutschland".
Lauter uradliges Geblüt von A wie Anhalt bis Z wie Zähringen. Die Zeiten für einen problemlosen Zugang bei Hofe sind günstig. Denn immer mehr der bislang in vornehmer Zurückhaltung agierenden Adligen haben erkannt, daß ihr bloßer Name so wettbewerbsfähig ist wie der einer gut eingeführten Auto- oder Zahnpastamarke.
Vorreiterin auf der Marketing-Welle war Gloria Fürstin von Thurn und Taxis. Nach dem Herztod ihres milliardenschweren Gatten Johannes (Kosename: "Goldie") ließ sie überflüssigen Kunstkram und Hausrat 1993 unter Einsatz aller PR-Mittel von Sotheby's auf Schloß St. Emmeram in Regensburg versteigern.
Axel Thorer, Vize-Chef bei der Münchner Klatsch-Postille "Bunte", hat diese Entwicklung aufmerksam verfolgt: "Die haben die Scheu verloren, aus ihrem Namen Kapital zu schlagen. Das galt früher noch als unfein."
Und so laden nun ungeniert Alexander Erbprinz zu Schaumburg-Lippe samt seiner modemachenden Gemahlin Marie-Louise, genannt Lilly, die Presse in den neueröffneten Biergarten im Schloßpark. Und der Hausherr beweist zu allem Überfluß, so hofberichtet hingerissen die "Neue Post", "sein Talent als begnadeter Pianist".
Die Autorin Ilse Gräfin von Bredow mußte ihre Lektion erst lernen. Als sie ihren Erinnerungserstling "Kartoffeln mit Stippe" bei einem Verlag unterbringen und - ganz dem alten Standes-Understatement entsprechend - nur als Ilse Bredow firmieren wollte, mußte ihr der Schweizer Verleger die Spielregeln des Bücher-Business erst noch eintrichtern: "Mit Ihrem Titel vorne drauf verkaufen wir glatt das Doppelte."
Es gibt immer noch genug Aristokraten, denen das Trara um ihre Herkunft einfach nur lästig ist.
Hans Graf von der Goltz, 71, Industrie-Manager und Memoiren-Autor ("Unwegsames Gelände"), bringt das altehrwürdige Selbstbewußtsein seiner Kaste auf den Punkt: "Ich weiß ja, wer ich bin."
Diese Nonchalance im Umgang mit der eigenen Abstammung ist in Jahrhunderten uneingeschränkter Machtfülle gereift. Das Bewußtsein, einer Elite anzugehören und wie selbstverständlich Verantwortung zu tragen, sitzt noch heute tief. Man habe eben "Zivilcourage" gelernt, sagt Gräfin Bredow und glaubt, daß der Adel einfach durch Erziehung dazu neige, "sich nicht ständig zu bejaulen".
Ein treffliches Rüstzeug für den Umgang mit den hartgesottenen Pressebengels. Und so lautete jahrelang denn auch das Medien-Motto der in allerlei Liebesmalaisen gebeutelten Windsors: "Never explain, never complain." Doch der bewährte Grundsatz, sein Tun nie öffentlich zu erklären oder gar sich zu beklagen, ging verloren, als Charles und Diana in getrennten TV-Beichten ausführlich von Liebschaften, Ehebruch und Eßstörungen berichteten. Das Haus Windsor geriet zeitweilig in Existenznot. So genau wollte es das Volk nun auch nicht wissen, jedenfalls nicht von den Royals selbst. Wozu hält man sich schließlich die Schmutzfinken von der Yellow Press?
Außerhalb Britanniens steht es jedoch bestens bei Königs. Rutschfest sitzen die Kronen auf skandinavischen Monarchenhäuptern, und sogar in den liberalen Niederlanden haben Antiroyalisten keine Chance.
Der Osten, gezeichnet vom jahrzehntelangen Regime grauer Generalsekretäre, deren farblose Gattinnen meist schwerer waren als sie selbst, träumt schon wieder den verwegenen Traum von glanzvollen Hofbällen. Ganz verwegene Monarchisten hoffen gar, in den ehemaligen Ostblockländern die einstigen Herrscherdynastien wieder inthronisieren zu können. Je instabiler die wirtschaftliche und soziale Lage, desto lauter tönt der Ruf nach der Monarchie.
Ex-König Simeon II. von Bulgarien etwa tourt bereits durch sein verwahrlostes Reich, und auch Königs-Kollege Michael I. von Rumänien hat sich, nach Jahren des Schweizer Exils, inzwischen auf der Scholle seiner Väter umgesehen. Die abgehalfterten Herrscherhäuser von Albanien, aus dem ehemaligen Jugoslawien und Rußland verfügen für Notfälle ebenfalls über wohlgeborenes, wenn auch nicht immer sprachlich sattelfestes Repräsentationspersonal.
Der Umgang mit den Königlichen birgt für nervenschwache Naturen jedoch manche Fußangeln. Allzu rutschig erscheint da das Parkett im Schloß. Das kann auch Alf Schmidt aus leidvoller Erfahrung bestätigen. Dem langjährigen Chefreporter und Frontberichter beim Hamburger Friseur- und Wartezimmer-Organ "Frau im Spiegel" widerfuhr neulich bei Hofe in Schweden Peinliches.
Carl Gustaf XVI. Adolf und seine Silvia hatten zum Empfang aufs Schloß gebeten. Schmidt hielt sich scheu verborgen, als die hohen Herrschaften die nach Geschlechtern sortierten Gästereihen abschritten. Eine beherzte Lady zog den deutschen Reporter in letzter Sekunde in den Damenpulk, und der verwirrte Schmidt machte es bei der Begrüßung der Königin den protokollfesten Nachbarinnen nach: Er versank in einen tiefen Hofknicks.
Über solche Unbill sieht ein wahrer Aristokrat gnädig hinweg. "Im Grunde kann nichts passieren", tröstet sich Adels-Schmidt, "wenn ich mich bei der Queen schlecht benehme, wird sie ihr Mißfallen nie zeigen, dazu ist sie zu gut erzogen."
Und woran erkennt der interessierte Laie denn nun ein Prachtexemplar von einem derartig wohlerzogenen Adligen in freier Wildbahn? Die Dame, verrät eine Münchner Prinzessin, trage gern zweifarbige Pumps von Chanel und schmücke ihre manikürten Finger vorzugsweise mit schlichten Bandringen. Bei Herren von Stand ist ein Merkmal, so Reporter Schmidt, ganz und gar untrüglich: "Die stets blankgeputzten Schuhe".
Hans Graf von der Goltz hingegen, der jahrzehntelang in deutschen Chefetagen wirkte, sieht den Abstand zwischen Bürger und Edelmann im rein Zwischenmenschlichen: "Ein Adliger wird den Pförtner eines Unternehmens genauso freundlich grüßen wie nachher den Vorstandsvorsitzenden - wahrscheinlich sogar freundlicher."
Also doch: noblesse oblige.
Von Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 16/1998
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