13.04.1998

LEICHTATHLETIKAlles Lügen

Neue Zeugen und Dokumente belegen: DDR-Ikone Renate Stecher, einst Konkurrentin von Heide Rosendahl, war gedopt.
Der Zeitungsbericht las sich, als habe die Wende Thüringen nie erreicht. So jedenfalls dachte Michael Droese. Renate Stecher, die ehemalige Sprintkollegin vom Sportclub Motor Jena, wiederholte dort Sätze wie Schüler ein mühsam erlerntes Gedicht: "Ich habe nie gedopt, und ich kenne auch niemanden, der gedopt hat."
"Lügen, alles Lügen", sagt Droese, 45, wenn er das höre, "könnte ich kotzen". Er selbst war einst unter dem DDR-Startrainer Horst-Dieter Hille für Jena gestartet, und natürlich hatte auch er Anabolika geschluckt - genauso wie die späteren Olympiasiegerinnen Marlies Göhr und Bärbel Woeckel.
Daß alle die Tabletten nehmen mußten, meint der ehemalige Europarekordler über 100 Meter, sei schlimm genug gewesen. Doch daß einige wie die dreimalige Olympiasiegerin Stecher die Dreistigkeit besäßen, alles abzustreiten, erzürnt ihn maßlos: "Wir haben doch darüber geredet."
Aber alle Dementis nutzen nichts mehr, die einstigen Helden des Sozialismus verspielen durch Leugnen nur ihren Ruf. Die Zentrale Ermittlungsstelle Regierungs- und Vereinigungskriminalität hat in Hunderten von Vernehmungen recherchiert, wie seit 1975 das regierungsgelenkte Doping von Honeckers willigen Helfern umgesetzt wurde. Rund 600 Beschuldigte sind bislang herausgefiltert, die ersten stehen in Berlin vor Gericht.
Jetzt kommt ans Licht, daß die DDR bereits bei den Olympischen Spielen 1972 in München die Sportwelt im großen Stil betrogen hat: Neue Zeugen und Dokumente rütteln auch an den frühen Ikonen des DDR-Sports. Selbst Gustav "Täve" Schur und eben Renate Stecher, so stellt sich heraus, brauchten offenbar die Hilfe der Chemie zum Siegen. Stecher war besonders wegen ihrer Duelle mit den westdeutschen Sprinterinnen Heide Rosendahl und Annegret Richter berühmt.
Michael Droese erhielt die hellblauen Tabletten anfangs von Trainer Hille, eingewickelt in Silberpapier. Gedanken um Nebenwirkungen machte er sich nicht: Das Zeug half, schneller zu werden, und darauf kam es ihm an. Nur im Kraftraum des SC Motor bekam er manchmal Frust. Wenn der Athlet im Bankdrücken 120 Kilogramm geschafft hatte, kam die spätere Speerwurf-Olympiasiegerin und heutige PDS-Bundestagsabgeordnete Ruth Fuchs und legte noch ein paar Kilo drauf. "Da wußte ich", sagt Droese, "die nehmen das alle hier."
Droeses Einstellung änderte sich, nachdem er Petra, eine Anästhesie-Assistentin aus der Uniklinik, kennengelernt hatte. Seine Freundin brachte eine Liste über die Inhaltsstoffe der Schnellmacher mit und schimpfte: "Du machst dich kaputt."
Droese weihte Stecher ein, gemeinsam forderten sie vom Sportclub-Chefarzt Johannes Roth eine Stellungnahme. Der Mediziner verharmloste die Wirkung. Fortan bekamen die Athleten die Pillen, von denen Droese bis zu neun Stück täglich nehmen sollte, von Roth persönlich überreicht. Später übernahm Sektionsarzt Hartmut Riedel die Ausgabe, ein Dopingexperte, der später im Westen eine ansehnliche Universitätskarriere starten durfte.
Im vertrauten Kreise gestand Roth indes die Unverzichtbarkeit der Dopingmittel. Vor der SED-Bezirksleitung in Gera habe der Doktor erklärt, so meldete DDR-Chefmediziner Manfred Höppner der Stasi, daß Renate Stecher "nicht solche Leistungen vollbracht hätte, wenn nicht er diese mit den entsprechenden Medikamenten versorgt hätte".
Aus berufenem Munde erfuhr das MfS auch, warum Rad-Idol Täve Schur immer vorneweg fuhr. Fachmediziner seien sich einig, berichtete Schwimm-Chefverbandsarzt Lothar Kipke (Deckname "Rolf") der Stasi, daß die Erfolge der "Sportler Schur und anderer nicht erstrangig im sportlichen Können zu suchen sind, vielmehr in den durch Dr. Israel erfolgreich angewandten Methoden des ,Doppings'".
Als eine Brutstätte des Pillensports galt Jena - wegen der räumlichen Nähe zum VEB Jenapharm. Hier wurde schon früh mit Orotsäure und Testosteronspritzen experimentiert. Auf der anderen Seite weckte dies den Argwohn der Stasi. Zur Kontrolle heuerten Mielkes Gesandte Ärzte wie Riedel ("Hartmut Schuster") und Trainer wie den Fuchs-Betreuer Karl Hellmann ("Ludwig") oder Gerd Stecher ("Rudolf Baum"), den Ehemann von Renate, als Spitzel an.
Den Droeses wurde das Dopingwissen zur schweren Last. Nachdem der Sprinter seine Karriere nach Verletzungen beenden mußte, wurde er zur Unperson. Er stellte einen Ausreiseantrag, kam wegen einer Lappalie in den Knast und wurde zwangsweise geschieden. 1987 heiratete er seine Frau, die in den Westen abgeschoben worden war, ein zweites Mal. Die Familienzusammenführung gestaltete sich wegen der Kenntnisse über den DDR-Sport schwierig, erst 1988 durfte Droese ausreisen.
Über die Jenaer "Mauer des Schweigens" kann sich Petra Droese immer noch erregen. Sie habe erlebt, erzählt die Mutter von drei Kindern, wie Sportlerinnen in die Uniklinik gekommen seien, die bis zum Bauchnabel behaart gewesen seien und eine abnorm vergrößerte Klitoris gehabt hätten; regelmäßig seien zudem nicht lebensfähige Föten zur Welt gekommen. Ärzten sei klar gewesen, daß die Gabe männlicher Hormone Ursache dieser Mißbildungen sei. Aber keiner habe gewagt, dieses Thema anzusprechen - bis heute.

DER SPIEGEL 16/1998
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