20.04.1998

STROMKONZERNEFinsteres Mysterium

Der Stromgigant RWE öffnet zum 100. Geburtstag sein Archiv - der Ausbau der Atomenergie, so wird nun deutlich, folgte vor allem den Interessen der Politik.
Der Mann gilt nicht gerade als Freund der Atomenergie. Joachim Radkau hatte schon 1981 "Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft" in einer gewichtigen Habilitationsschrift beschrieben. Seither ist der Bielefelder Historiker überzeugt: "Es gibt keine Instanzen, die eine Technik wie die Kernenergie zuverlässig kontrollieren können."
Um so mehr wunderte sich Radkau, daß ausgerechnet er im vergangenen August den Auftrag erhielt, einen wesentlichen Teil jener Firmengeschichte zu schreiben, die der Essener Stromkonzern RWE nun zum 100. Geburtstag des Unternehmens in dieser Woche veröffentlicht*.
Beim RWE, so Radkau, "war ich als Bösewicht verschrien". Also: "Was wollten die wirklich von mir?"
"Wir wollten", antwortet RWE-Konzernkommunikationschef Dieter Schweer, "eine saubere Aufarbeitung unserer Geschichte, die auch gelesen wird." Dahinter steckt die neue Strategie des seit 1995 amtierenden Konzernchefs Dietmar Kuhnt, der sein Unternehmen vom häßlichen Image des Atomstromgiganten befreien will.
Für den Historiker Radkau eine ersehnte Chance: Zum erstenmal stand ihm das Archiv des Essener Konzerns offen, der
* Wolf Thieme/Dieter Schweer (Hrsg.): "Der gläserne Riese. RWE. Ein Konzern wird transparent". Gabler-Verlag, Wiesbaden; 318 Seiten; 45 Mark.
seine Akten stets gehütet hatte, als sei darin ein finsteres Mysterium verborgen.
Gerade diese "absurde Überängstlichkeit" des RWE hatte in Radkau immer wieder eine einzige Frage genährt: "Was, verdammt, haben die zu verbergen?"
Zwei Wochen lang sichtete der Wissenschaftler in der Essener Konzernzentrale "einen Ozean von Akten". Das Ergebnis faßt er in den Annalen des Stromkonzerns so zusammen: "Ausgerechnet das RWE, das in den siebziger Jahren Kernkraftgegnern als Führungsmacht der Atomlobby erschien, war während der fünfziger und sechziger Jahre der stärkste Skeptiker gegenüber der kommerziellen Nutzung der Kernenergie gewesen."
Noch 1966 forderte Forschungsminister Gerhard Stoltenberg (CDU) das Essener Management ultimativ auf, einen Katalog von Bedingungen für Kernkraftaufträge vorzulegen. Immer aufdringlicher diente sich der Staat an, en gros finanzielle Lasten und Risiken aus der Atomkraft zu übernehmen.
Und auch die Kunden drängten. So wollte die Aluminiumindustrie neue Zweigwerke im Ruhrgebiet errichten, deren enormer Strombedarf, so schien es, nur durch Kernenergie zu decken war. Als dann auch noch Pläne großer Chemiewerke wie BASF und Hoechst bekannt wurden, eventuell eigene Atommeiler zu bauen, gab RWE seine Zurückhaltung auf und bestellte im Juni 1969 das Kernkraftwerk Biblis A - mit 1200 Megawatt das damals größte Atomprojekt außerhalb der Vereinigten Staaten.
Die deutsche Öffentlichkeit, bis dahin reflexhaft bereit, jeden Kernkraftgegner als unverbesserlichen Fortschrittsfeind vorzuführen, wurde im Februar 1975 erstmals wachgerüttelt, als streitbare Winzer am Kaiserstuhl die Baustelle des Kernkraftwerks Wyhl besetzten. "Kurz darauf", so notierte Radkau, war "auf allen Fernsehschirmen zu sehen, wie sich biedere Bürger und Hausfrauen den Wasserwerfern der Polizei entgegenstellten". Die Fratze des Atomstaats hatte ihren ersten TV-Auftritt.
Vier Jahre später zeigte auch der staatliche Schutzmantel den ersten Riß, als der niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) überraschend die Wiederaufarbeitungsanlage in Gorleben als "politisch nicht durchzusetzen" fallenließ. Der politische Störfall zwang die Essener Strommanager zu einem Strategiewechsel: "Ohne davon viel Aufhebens zu machen", so Radkau, "ging das RWE seit den späten siebziger Jahren bei der Kernkraft zu einem De-facto-Moratorium über." Gleich mehrere Reaktorprojekte gab der Energiekonzern auf.
So "wahnsinnig spannend" fand Radkau die Arbeit an der Geschichte des RWE, daß er die Vorgabe von 70 Manuskriptseiten um fast das Dreifache überschritt. Indes: Die Auftraggeber blieben hart.
Keinen Platz fand deshalb etwa die Erklärung, warum RWE-Manager seit 1973 niemals mehr öffentlich über "die Entwicklung der Sicherheitsanforderungen für Kernkraftwerke" sprachen. Damals nämlich erkannte die Essener Führungscrew "das Dilemma, daß ein Lob der neuesten Fortschritte in der Sicherheit implizit ein ungünstiges Licht auf die früheren Kraftwerke warf". Und, schlimmer noch: Nachträgliche Auflagen der Behörden drohten, unkalkulierbare Kosten mithin.
"Die alte Dämonisierungsschiene" der linksalternativen Szene, die überall nur "faschistische Gegner" wähne, hält Radkau für "ein bißchen naiv". RWE wirke eher "wie ein träger, risikoscheuer Konzern - da mußten sich schon sehr große Gelegenheiten bieten, ehe der zugriff".
"Dessen einziges Geheimnis", so Radkau, "ist wohl, daß man ohne allzu große Mühen viel Geld machen kann."
* Wolf Thieme/Dieter Schweer (Hrsg.): "Der gläserne Riese. RWE. Ein Konzern wird transparent". Gabler-Verlag, Wiesbaden; 318 Seiten; 45 Mark.

DER SPIEGEL 17/1998
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