20.04.1998

UNIVERSITÄTEN„Das Tempo des Tankers“

Ein Professor gibt Rätsel auf: Der Hamburger Anglist und „Campus“-Autor Dietrich Schwanitz ließ sich mit 56 frühpensionieren, arbeitet aber seither um so fleißiger. Einige Ex-Kollegen sind empört. Von Henryk M. Broder
Der Mann sieht aus wie das blühende Leben, er sitzt ganz entspannt da und genießt seinen Auftritt. Zwei ahnungslose Moderatoren stellen ihm unbeholfene Fragen, die er entweder ignoriert oder freundlich-ironisch beantwortet. Die Universitäten seien dazu da, die Arbeitslosen-Statistiken zu verschleiern; die "Gremienkultur" an den Hochschulen verlange "kriminelle Energie", wenn mal eine Stelle besetzt werden müsse; außerdem herrsche "ein depressives Klima", das den Studenten aufs Gemüt schlage.
Es spricht Dietrich Schwanitz, emeritierter Professor für Englische Sprache und Kultur an der Universität Hamburg, ein akademischer Paradiesvogel unter den deutschen Gelehrten: witzig, schlagfertig und omnipräsent. "Ein professioneller Besserwisser" nach eigener Einschätzung, "ein begnadeter Selbstdarsteller" nach Meinung mancher Kollegen.
Schwanitz ist nicht nur notorisch gut gelaunt, was ihn als professorale Autorität disqualifiziert, er ist auch unverschämt erfolgreich. Sein Roman "Der Campus", 1995 erschienen, wurde eine halbe Million Mal verkauft, der gleichnamige Film von Sönke Wortmann, mit dem Schwanitz das Drehbuch schrieb, zog bis jetzt 700 000 Zuschauer in die Kinos. Im Buch wie im Film führt Schwanitz die Universität als eine halboffene Anstalt vor, in der das Mittelmaß regiert, eine Ansammlung von Intriganten und Wichtigtuern, die nur von einem Wunsch getrieben werden: den anderen Intriganten und Wichtigtuern um eine Nasenlänge voraus zu sein.
Was die Moderatoren und die Zuschauer der Talkshow, in der Schwanitz und Wortmann auftreten, allerdings nicht mitbekommen, ist die amtlich festgestellte Tatsache, daß der Mann, der da so pumperlgesund parliert, ein Rentner ist, der vor gut einem Jahr wegen Arbeitsunfähigkeit bei vollen Ruhestandsbezügen - das heißt: 75 Prozent seines letzten Gehalts - im Alter von 56 Jahren frühpensioniert wurde.
Schwanitz erzählt über das Leben und Leiden an der Hamburger Universität so hautnah, als habe er gerade an einer Sitzung des Seminars für Englische Sprache und Kultur teilgenommen. Derweil staunen seine Kollegen über eine rätselhafte Koinzidenz: Seit seiner gesundheitsbedingten Frühpensionierung hat Schwanitz nicht nur am Drehbuch für den "Campus"-Film geschrieben und die Dreharbeiten begleitet, sondern auch sonst noch Unmengen kreativer Energien freigesetzt, die sich in vielen Artikeln, Interviews und Talkshow-Auftritten verdichtet haben.
"Wir wundern uns, was ist hier eigentlich los, wir wundern uns nur noch", sagt Professor Johann N. Schmidt vom Seminar für Englische Sprache und Kultur, betont aber zugleich, er wolle "keine Privatfehde" mit Schwanitz führen. Das ganze Seminar sei allerdings "wie von der Rolle" gewesen, als Schwanitz völlig überraschend im März 1997 seine Frühpensionierung zum 1. April 1997 bekanntgab. Der geschätzte Kollege habe bis dahin alle Verpflichtungen "voll erfüllt"; es sei die "völlige Untransparenz des Vorgangs", die zu "gewissen Spekulationen" Anlaß gebe.
Schwanitz, am 23. April 1940 im westfälischen Werne, "an Shakespeares Geburtstag", zur Welt gekommen, nimmt die ganze Aufregung um seine Person hin, als würde eine Laienspielschar "Viel Lärm um nichts" aufführen. "Ich bin völlig korrekt frühpensioniert worden", erklärt er, "ich habe mich nicht überprüft, sondern der Arzt der zuständigen Behörde"; alles sei "business as usual".
Daß er noch immer aktiv sei, liege daran, daß es "schwierig wäre, den Tanker mit seinem Tempo zu stoppen" - womit er nicht etwa ein Schiff mit defekter Steueranlage auf hoher See meint, sondern sich selbst: Professor Dr. Dietrich Schwanitz, der sich mit einer Arbeit habilitiert hat, die auch als sein Lebensmotto dienen könnte: "Die Wirklichkeit der Inszenierung und die Inszenierung der Wirklichkeit".
1978 wurde er an die Hamburger Uni berufen, wo er schon 1980 neben seiner regulären Arbeit einen "Theatre Workshop" gründete. Und weil er mit alldem noch nicht ausgelastet war, veröffentlichte er diverse Aufsätze und Artikel, die seinen Ruf als akademisches Allroundtalent mit Liebe zum Trivialen begründeten. Im Akademiker-Magazin "Universitas" schrieb er über "Formen der Selbstdarstellung in der Wissenschaft", in der "Welt am Sonntag" über das Ende des Leistungsprinzips an den Hochschulen: "Drittklassige Professoren engagieren viertklassigen Nachwuchs".
Und als der deutsche "Playboy" eine vergleichende Studie über Sex an 30 Universitäten veröffentlichte, lieferte Dietrich Schwanitz einen Beitrag über "Wollust & Wissenschaft", in dem er unter anderem die Frage stellte, ob "die exorbitant hohe Zahl sexueller Belästigungen in Bremen" mit den "rauhen Sitten des Nordens" zu erklären sei "oder eher mit der hohen Zahl von Frauenbeauftragten".
Kein Wunder also, daß Dietrich Schwanitz nicht nur Freunde und Bewunderer hat. Sein "spielerisches Temperament", so ein Kollege aus dem Fachbereich, sorgte immer wieder für Irritationen, so daß schließlich, wie Schmidt berichtet, "viele aufatmeten, als Schwanitz in Pension ging".
Doch da fing es erst richtig an. Mit dem Erfolg seines Romans sah sich Schwanitz in die Rolle des "Universitäts- und Bildungskritikers wider Willen" gedrängt, "immer wieder" sei er seither aufgefordert worden, "zu diesen Dingen etwas zu sagen".
Kollegen, die von seiner Frühpensionierung "völlig kalt erwischt" wurden und sich Sorgen um seine Gesundheit machten, verfolgten "diese enormen Aktivitäten, die nur ein gesunder Mensch entwickeln kann", mit Staunen.
Schwanitz selbst verhielt sich zumindest zweideutig, so daß der Eindruck entstehen konnte, er habe sich von der Universität freigenommen, um eine späte zweite Karriere zu beginnen. Gegenüber dem SPIEGEL sagte er: "Ich bin gewissermaßen beurlaubt, aus Gesundheitsgründen beurlaubt - habe ich beurlaubt gesagt? Ich meine: pensioniert." Auf die Frage eines Hamburger Lokalreporters, ob er "ganz einfach genug von der Universität" habe, gab er die sibyllinische Antwort: "Das hat auch technisch-gesundheitliche Gründe. Ich habe mich vom Universitätsleben zurückgezogen, weil ich nicht alles auf einmal machen kann."
Schwanitz, sagt sein Kollege Schmidt, rede sich mit solchen Statements "um Kopf und Kragen". Man wolle natürlich nicht behaupten, es sei bei der Pensionierung nicht mit rechten Dingen zugegangen, doch wegen des Datenschutzes habe man keinen Zugang zu den Akten. Und der Präsident der Uni sei zur Verschwiegenheit verpflichtet. Schmidt bleibt mißtrauisch: "Wir können uns nur wundern über die Aktivitäten, die ein Mann entfaltet, der wegen Arbeitsunfähigkeit frühpensioniert wurde."
Und so haben einige Kollegen des anglistischen Seminars ein zehnseitiges Papier verfaßt, in das "ihre Erfahrungen mit und Meinungen über Schwanitz eingegangen" sind. Es wird wie eine geheime Verschlußsache behandelt und laufend modifiziert. Einerseits möchten die "Kollegen" damit an die Öffentlichkeit, andererseits haben sie Angst vor der eigenen Courage, es soll, Gott behüte, nicht so aussehen, als wären Neider und Kleingeister am Werk.
Doch habe Schwanitz "mit den Umständen seiner Frühpensionierung alles überboten, was er bislang geboten" habe, erklärt einer der Autoren. In dem Papier werden alle Schwanitz-Sünden aufgezählt. Da ist die Rede von einem "Skandal", der aufgeklärt werden müsse und von einer "kaltschnäuzigen Verhöhnung" der Universität. Schwanitz habe "die Verpflichtungen eines Hochschullehrers niedergelegt, damit er - ausgestattet mit vollen staatlichen Versorgungsbezügen - interessanteren, abwechslungsreicheren und übrigens auch weit lukrativeren Tätigkeiten nachgehen kann", sein Verhalten stelle ein "öffentliches Ärgernis" dar.
Die Verfasser des Papiers sind über die außeruniversitären Aktivitäten von Schwanitz bestens informiert, sie haben seine Artikel im "Playboy", "Zeit" und "Welt" gelesen und auch die Talkshows gesehen, in denen er aufgetreten ist. Daß sie empört sind, überrascht Schwanitz nicht: "Der Roman faltet sich nach außen, er findet seine Fortsetzung im wahren Leben."
Der Groll gegen ihn sei "langsam gewachsen", bis man "zum erstenmal etwas thematisieren" konnte, weil "irgend jemand irgendwas über die Hutschnur ging". Und dann hätten plötzlich "alle, die bis dahin geschwiegen hatten, ,So ist es!' gerufen". Schwanitz: "Man weiß nie, wann die kritische Masse erreicht ist, man kann es nicht kalkulieren. Deswegen kann man sich keine Vorwürfe machen, daß man was falsch gemacht hat. Das ist der Sieg der Chaostheorie."
Die andere Seite der akademischen Chaostheorie ist das tägliche Leben in einem Biotop, das "der Forschung, der Lehre, der Bildung" gewidmet ist, in dem aber zuerst menschliche Schwächen, große Gesten und kleine Prinzipien gehegt werden.
In den achtziger Jahren, "als eine moralische Welle durch die ganze Republik ging", erinnert sich Schwanitz, habe sich der Fachbereich zur "atomwaffenfreien Zone" erklärt, was er natürlich höchst albern fand. "Ich hatte Schwierigkeiten zu akzeptieren, daß das Realität war und nicht eine Art von Satire."
Nun ist Schwanitz frühpensioniert, betreut aber noch den "Theatre Workshop", nimmt Prüfungen ab, denn "meine Studenten sind nicht mit mir frühpensioniert worden", und beteiligt sich an weiteren realsatirischen Inszenierungen. Er besteht darauf, daß seine Aufsätze und Vorträge, die er aufs Band diktiert, vom Schreibdienst des Seminars abgeschrieben werden. Der Geschäftsführende Direktor des Seminars hat aber entschieden, daß ihm die Schwanitzschen Projekte zur Genehmigung vorgelegt werden müssen, von zehn Themen nur zwei als "wissenschaftlich" anerkannt und zum Schreiben freigegeben.
Worauf Schwanitz in einen "Publikationsstreik" trat. Er teilte den Herausgebern von Anthologien und den Veranstaltern von Konferenzen mit, daß er deren Einladungen nicht annehmen könne, weil das Seminar sich weigere, seine Arbeiten zu schreiben.
Darauf gingen bei Schwanitz und in der Uni Solidaritätsadressen aus der ganzen Republik ein, in denen unter anderem von der "Rache des Mittelmaßes an der Exzellenz" die Rede war - nur weil sich das Seminar so schofelig verhält und seine Arbeiten nicht tippen will.
Die andere Möglichkeit, seine Aufsätze und Vorträge von einem normalen Schreibbüro schreiben zu lassen und dafür die ganz normalen Gebühren zu zahlen, kam Schwanitz offenbar nicht in den Sinn. Ein deutscher Professor verstummt lieber, als daß er auf ein Privileg verzichtet.
Auf die Frage, was er denn nun mit seiner Freizeit machen werde, antwortete Schwanitz letzte Woche: "Ich schreibe ein bißchen. Und ich beobachte Vögel in der Natur. Hab' ich schon immer gerne getan. Es macht Spaß und ist gut für die Gesundheit."
Von Henryk M. Broder

DER SPIEGEL 17/1998
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