20.04.1998

JUGENDKULTURDas fiepende Klassenzimmer

Wie legt man in Clubs und bei Partys erfolgreich Platten auf? In der ersten deutschen Schule für Diskjockeys lehren Profis das Abc der Tanzkultur.
Für einen Lehrer sieht Jeff Mills reichlich mitgenommen aus. Seine erste Unterrichtsstunde läuft schon seit 15 Minuten, und immer noch reibt sich der 35jährige müde die Augen. Und statt von den Freuden der Wissenserkundung erzählt der Mann von den Plagen seines Fachs: von ständigen Schmerzen im Ohr etwa und den Folgeerscheinungen permanenten Schlafmangels.
Die 25 Schüler des Amerikaners Mills lauschen dem Meister trotzdem gebannt. Denn die Klasse, die sich hier im "Auditorium" eines mehrstöckigen Hinterhof-Gebäudes in Berlin-Mitte versammelt hat, will eine Kunst erlernen, die zumindest unter tanzbegeisterten jungen Menschen als Königsweg zu Ruhm und Glamour gilt: Die Schüler sind Zöglinge der "DJ Academy", der ersten deutschen Schule für Diskjockeys.
In zwei Kursen werden seit Anfang April 50 Schützlinge vier Wochen lang in der Fertigkeit des korrekten Plattenauflegens unterrichtet, aber auch in Theorie und Buchhaltung. Teils sind die Lehrer Prominente wie der Erfolgs-DJ Mills, der seit Jahren mit seinen Plattenkoffern um die Welt reist und für seine Dienste bis zu 8000 Dollar am Abend kassiert; teils handelt es sich um brave Privatgelehrte aus dem Produzentenfach und dem Musikjournalismus. Immerhin gibt es einen Stundenplan wie in jeder gewöhnlichen Schule, die bequemen Sessel in den fiependen Klassenzimmern allerdings zeugen ebenso von Extravaganz wie die Bestückung der Lehrerpodeste mit je zwei Plattenspielern und Mischpulten.
Im Auftrag eines Getränkeherstellers spielt der Münchner Werber Mani Ameri, 24, einen Monat lang den Schuldirektor in Berlin - und spricht von üblen Vorahnungen: "Natürlich werden manche Leute versuchen, diese Veranstaltung als Lachnummer zu verhöhnen."
Dabei ist die Idee des Akademie-Unternehmens durchaus einleuchtend: Längst sind Diskjockeys wie Sven Väth oder Marusha anerkannt als Popstars der neunziger Jahre. Ihre Fans können Poster und Kartenspiele mit den Konterfeis ihrer Helden kaufen, an den Universitäten sind Diskjockeys Gegenstand von Doktorarbeiten, und in Talkshows wie "Boulevard Bio" dürfen die Partyhelden heute über Politik und Moral mitdiskutieren.
Vor allem aber gilt ihr einst nur als Abspielgerät genutztes Handwerkszeug, der Plattenspieler, heute als ernstzunehmendes Musikinstrument, das der Rockgitarre durchaus gleichwertig ist.
Was aber können die Großen des Geschäfts, das sie von der Vielzahl gemeiner Party-Stimmungsmacher unterscheidet? Um das herauszubekommen, hat sich Matthias Uberig, 25, wie 800 weitere Bewerber um einen Platz in der DJ-Akademie beworben.
Uberig, der mit der Betreuung von Computeranlagen in Frankfurt sein Hobby Plattenauflegen finanziert, ist "glücklich, dabeizusein, weil ich mich weiterbilden will". Allerdings bezweifelt er, daß er es jemals so weit wie Jeff Mills oder Marusha bringen wird: "Das ist die Ungnade der späten Geburt", sagt er. "Stars wie Jeff haben einfach ein paar Jahre früher angefangen. Da bleibt nur die zweite Reihe."
Auch Schulleiter Ameri warnt vor allzu großen Erwartungen. "Wir wissen, daß wir euch in diesen zwei Wochen nicht zu Star-DJs ausbilden können", bremst er den Ehrgeiz der Schüler, "aber wir werden versuchen, einen Überblick zu geben über alles, was mit DJ-Kultur zu tun hat."
Die Zurückhaltung hat mit schlechten Erfahrungen anderer Veranstalter zu tun, die in der Vergangenheit versuchten, sich als Sponsoren in der Techno- und Tanzgemeinde beliebt zu machen: Um Zigaretten, Gummibären oder Getränke zu verkaufen, mieteten sie Clubs und bezuschußten Nachtleben-Magazine - und wurden bald als kommerzielle Spaßverderber geschmäht. "Wir tun nicht so, als seien wir Experten im Nachtleben", sagt Ameri also bescheiden, "sondern wir stellen hier nur ein Gebäude und Geld bereit, damit junge DJs sich treffen können."
Schüler Uberig erhofft sich vom Berliner Schulungscamp vor allem mehr Durchblick: "Ich bin seit Jahren in Clubs und auf Partys unterwegs", sagt er, "jede Woche erscheinen Hunderte von Platten, und von den meisten Musikern erfährt man nie mehr als ihr Pseudonym." Dieses Chaos fasziniere ihn zwar, aber nun wolle er endlich wissen, "wo die Musik herkommt, die wir jedes Wochenende hören".
Dem Star Mills jedoch geht es kaum anders als seinem Fan. "Ich habe hinter meinem Beruf nie eine Struktur erkennen können", sagt er. "Manchmal denke ich, es ist alles getan, gefragt, gesagt und geschrieben worden über die DJ-Kultur. Gerade in letzter Zeit habe ich oft das Gefühl, daß sich nichts mehr bewegt. Und das ist eine Katastrophe."
Bis vor wenigen Jahren war es völlig unüblich, einen Diskjockey für einen einzigen Club-Auftritt von Chicago nach Berlin fliegen zu lassen, heute ist es die Regel.
Dabei hat sich in der einst auf den Slogan "Wir sind alle gleich" eingeschworenen Szene eine Zweiklassengesellschaft gebildet: Die Stars kassieren Honorare bis zu 20 000 Mark für den Abend, der Rest darf sich mit ein paar hundert Mark begnügen. Auch Mills' Vorbild in den Anfangsjahren, der DJ einer lokalen Radiostation in Detroit, genoß nicht das Luxusleben seines Zöglings: Der Mann verdiente 2500 Dollar - im Monat.
Für die Berliner Schüler ist das Gespräch mit Mills ein Erlebnis, von dem Matthias Uberig noch am nächsten Morgen schwärmt. Da berichten längst andere Branchenkenner von ihren Erfahrungen. Ein altgedienter Soul-DJ aus London etwa preist die Vorzüge der heute unüblichen kleinen Platten, der 7-Inch-Singles. Der Technikexperte Christian Rindermann zeigt Uberig und seinen Kollegen, wie man Plattenspieler auseinandernimmt und den Rückwärtsgang einbaut.
Im Büro diskutieren die Dozenten am Abend über die Erinnerungsfähigkeit der DJ-Kultur: Immer müsse alles in diesem Geschäft ganz schnell gehen, in besseren Zeiten wurden fast wöchentlich neue Musikstile erfunden - nun sei es Zeit für Rückschau und Analyse. "Vielleicht sind wir in der gleichen Situation wie Rockmusik Ende der Siebziger", sinniert Mills über eine Zeit, in der damit begonnen wurde, sich an Schulen mit Popmusik zu beschäftigen, "und wir brauchen eine Erneuerungsbewegung, wie es damals Punkrock war."
Ein deutscher Kollege geht noch weiter: "Ich glaube, wir sollten unsere Plattenspieler einfach zum Fenster hinausschmeißen. Mal hören, was für ein Sound dabei rauskommt."

DER SPIEGEL 17/1998
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