20.04.1998

„Schweiß statt Blut“

Friedensunterhändler John Hume über das Abkommen
SPIEGEL: Viele sehen dieses Abkommen als Sieg der katholischen Nationalisten an. Protestantenführer Ian Paisley spricht vom "Diktat aus Dublin". Fühlen Sie, der Katholik, sich als Gewinner?
Hume: Wir haben in diesem Prozeß sicherzustellen versucht, daß keine Seite gewinnen kann. Wir sind ein gespaltenes Volk, und deshalb ist es ausgeschlossen, daß der Sieg einer Seite die Lösung in diesem Konflikt bringen kann. Beide Seiten mußten sich respektiert fühlen - zumindest unsere Partei hat sich daran gehalten. Ich habe Paisley immer gesagt, wenn man das Wort "No" aus dem Englischen entfernen würde, wäre er sprachlos.
SPIEGEL: Die Allparteiengespräche haben zu dem historischen Durchbruch, zum Frieden in Nordirland geführt - durch Ausklammern der strittigsten Punkte?
Hume: Der Konflikt in Nordirland besteht ja nicht nur aus dem gespannten Verhältnis beider Bevölkerungsteile zueinander. Auch die schwierigen Beziehungen zwischen Nordirland und Irland, zwischen Irland und Großbritannien waren Kernpunkte der Auseinandersetzung. Deshalb war es ein wesentlicher Fortschritt, daß beide Regierungen und alle nordirischen Parteien sich in einem Gebäude getroffen haben ...
SPIEGEL: ... obwohl dort nicht alle Teilnehmer auch miteinander geredet haben.
Hume: Dennoch haben wir ein Abkommen zustande gebracht.
SPIEGEL: Unionisten behaupten, die Bindung an London sei durch den Vertrag stärker geworden; die Republikaner hoffen, er sei der erste Schritt zu einer gemeinsamen irischen Regierung. Schließen sich diese Interpretationen nicht aus?
Hume: Es gibt immer Leute, die sich das Ergebnis so zurechtbiegen, wie es ihnen paßt. Wir wollten dem europäischen Modell für die Lösung von Konflikten folgen. Das ist der Grund, warum das Abkommen Gremien für Nordirland vorsieht, die es beiden Bevölkerungsteilen erlauben, in Bereichen gemeinsamer Interessen zusammenzuarbeiten. Etwas Ähnliches haben wir für die Iren im Norden und im Süden der Insel erreicht. Wenn wir bei der Förderung unserer gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen zusammenarbeiten, dann werden wir auch die Barrieren abbauen, die uns seit Jahrhunderten getrennt haben.
SPIEGEL: Was macht Europa zum Vorbild?
Hume: Auch andere europäische Völker, die sich gegenseitig jahrhundertelang abgeschlachtet haben, errichteten gemeinsame Gremien, die zwar ihre Unterschiede respektierten, aber dennoch die Zusammenarbeit ermöglichten. Genau das muß in einem neuen Irland die Folge dieses Vertrags sein. Wir müssen unseren Schweiß und nicht unser Blut vergießen.
SPIEGEL: Warum haben Sie die Entwaffnung der Terrorgruppen nur so zögerlich behandelt?
Hume: Das stimmt nicht. In dem Abkommen steht deutlich, daß eine internationale Kommission eingesetzt wird, die sich um dieses Thema kümmert. In Wahrheit geht es doch gar nicht darum, einige Leute zur Kapitulation zu zwingen. In Wahrheit geht es um die Frage: Haben die Gruppen die Gewalt aufgegeben? Es hat keinen Sinn, wenn sie montags Waffen abliefern und sich dienstags neue kaufen. Das ganz große Ziel dieses Abkommens ist es doch, ein absolutes Ende der Gewalt in Nordirland herbeizuführen. Ich glaube, daß das Abkommen dazu in der Lage ist.
SPIEGEL: Ein ähnliches Abkommen vor knapp 25 Jahren brach schon nach fünf Monaten zusammen. Warum sollte das neue halten?
Hume: Der große Unterschied zu früher ist die vereinbarte Volksabstimmung in beiden Inselteilen. Es ist das erstemal in unserer Geschichte, daß die Iren in Nord und Süd über gemeinsame Institutionen abstimmen werden. Das Referendum ist die Grundlage für die künftige Stabilität. Über diesen Volksentscheid kann sich niemand hinwegsetzen.
SPIEGEL: Werden die Wähler dem Abkommen zustimmen?
Hume: Meine Erfahrung sagt mir, daß eine überwältigende Mehrheit der Iren einen dauerhaften Frieden wünscht und deshalb dem Abkommen zustimmen wird.
SPIEGEL: US-Senator George Mitchell, der die Verhandlungen geleitet hat, fürchtet aber, eine neue Welle der Gewalt könne das Abkommen noch torpedieren.
Hume: Solche Gewalt könnte nur von Splittergruppen kommen, die von Anfang an den Friedensprozeß zum Scheitern bringen wollten. In der Vergangenheit glaubten die Gruppen auf beiden Seiten, daß sie für das Recht auf Selbstbestimmung kämpften. Doch erstmals werden jetzt die Iren auf der ganzen Insel abstimmen, und damit wird die Selbstbestimmung in die Tat umgesetzt.

DER SPIEGEL 17/1998
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