20.04.1998

Frieden im Banditenland

Die Konfessionen lebten in Poyntzpass friedlich zusammen. Dann wurden zwei Freunde ermordet. Trotzdem steht der Ort zum Friedensvertrag.Von Erich Wiedemann
Was halten Sie vom Friedensvertrag, Mr. Trainor? Sean Trainor reibt sich das Stoppelkinn mit der ölverschmierten Rechten und sagt: "Frieden, das ist eine verdammt gute Idee, eh?" Er nimmt einen Hammer vom Regal und haut auf die Werkbank. "Aber er muß halten, dann wird es ein richtiger verdammter Friede. Von der anderen Sorte hatten wir genug." Er reibt sich mit Daumen und Zeigefinger die Lider, so, als wäre ihm was ins Auge geflogen. Wenn der Werkstattbesitzer Sean Trainor aus Poyntzpass nicht zornig genug ist, nach Vergeltung zu schreien, dann dürfte im Prinzip kein Redlicher in Nordirland mehr gegen den Frieden sein.
Trainor und der Schlachter Cecil Allen haben vor sieben Wochen bei einem Terrorüberfall protestantischer Extremisten ihre Söhne verloren. Die Mörder, so sagte der nordirische Polizeichef Ronnie Flanagan, seien es nicht wert, auf derselben Erde zu wandeln wie die Menschen, deren Leben sie grausam zerstörten. Hätte man es zwei Vätern verdenken können, wenn sie sich so kurz nach der Tat Rache statt Versöhnung wünschten?
Trainor will beim Referendum für die Annahme des Vertrags von Stormont stimmen - wie die ganz große Mehrheit der Bürger von Poyntzpass. Der Automatismus der Zwangsläufigkeiten läßt sich nur stoppen, wenn irgendwann mal jemand auf Barbarei verzichtet und keine Vergeltung übt. Wenn Unrecht immer wieder nur mit neuem Unrecht beantwortet werde, dann könne Nordirland nie zur Ruhe kommen, sagt Trainor.
Damien Trainor und Philip Allen waren bis Ende vergangener Woche die vorerst letzten Opfer des 30jährigen Religionskriegs zwischen nordirischen Protestanten und Katholiken. Wenn man das allerletzte Opfer nicht mitzählt: Einer ihrer mutmaßlichen Mörder wurde anderthalb Wochen danach im Hochsicherheitsgefängnis Long Kesh in seiner Zelle ermordet.
Das Dorf Poyntzpass liegt im Wahlkreis des Führers der protestantischen Ulster Unionist Party, David Trimble, der wegen des Friedensvertrages im eigenen Lager heftig angefeindet wird. Aber das kann nicht der Grund für den bestialischen Doppelmord gewesen sein, denn am Mordtag war das Ergebnis der Verhandlungen noch völlig offen. Es gibt einfach keine Erklärung dafür, daß die Mörder in Dessie und Bernadette Canavans "Railway Bar" zuschlugen und nicht in einer der zwei anderen Kneipen am Ort.
Warum mußte es ausgerechnet den friedlichsten Ort in der Grafschaft Armagh treffen, wo es während des ganzen Konflikts keinen einzigen Zwischenfall mit politischem Hintergrund gegeben hatte? Soviel ist klar: Die Killer hatten nur eines im Sinn: Sie wollten töten - egal wen. Sie wollten Zeichen für eine Fortsetzung des Bürgerkrieges setzen. Es war ihnen offensichtlich auch vollkommen gleichgültig, daß eines ihrer Opfer Katholik und das andere Protestant war.
Es war am 3. März kurz nach neun Uhr abends. In der "Railway Bar" hielten sich die Wirtsleute und acht Gäste auf: Damien Trainor, 25, sein Freund Philip Allen, 34, dessen zwei Brüder, ein kleines Mädchen und drei Bauern aus dem Nachbarort Newtownhamilton, die gegenüber in der Schlachterei der Philips ihre Schafe verkauft hatten.
Die meisten tranken schwarzes Bier. Nur Damien und Philip hatten sich für diesen Abend Orangensaft verordnet. Damien, weil er Reparatur-Notdienst hatte und deshalb nüchtern bleiben mußte. Philip, weil er solidarisch mit Damien war. Und gibt es für einen Iren einen besseren Freundschaftsbeweis, als auf sein Feierabendbier zu verzichten, wenn es dem Freund nützt?
Philips Bruder Alfie war gerade ins Hinterzimmer gegangen, um sich die Sportnachrichten im Fernsehen anzusehen, als die zwei maskierten Männer in den Schankraum stürmten. Einer schrie: "Hinlegen, ihr Bastarde!" Bernadette Canavan ging hinter der Theke in Dekkung. Der Bauer James Murnaghan griff sich einen Stuhl und hielt ihn sich schützend vors Gesicht. Die anderen warfen sich wie verlangt auf den Fußboden.
Die Maskierten schossen erst gezielt auf Philip und Damien, die gleich an der Tür lagen, und feuerten dann wahllos ins Lokal. Der ganze Überfall dauerte weniger als drei Minuten.
Die Eltern von Philip und Damien sowie Pater Desmond Corrigan waren noch vor dem Krankenwagen zur Stelle. Pater Corrigan gab den beiden jungen Männern die Letzte Ölung. Sie starben weniger als zwei Stunden nach dem Überfall im Daisy Hill Krankenhaus in der Kreisstadt Newry.
Philip Allen und Damien Trainor wurden am 6. März beerdigt, in zwei Gräbern, die nur 200 Meter auseinanderliegen - allerdings auf zwei verschiedenen Friedhöfen. Pater Corrigan erklärte in seiner Traueransprache, die schreckliche Tat sei um so verwerflicher, als sie die Illusion zerstört habe, auch in Nordirland gebe es noch Inseln der Friedfertigkeit in dem Meer der Gewalttätigkeiten.
Poyntzpass ist so irisch wie die Dörfer, die Heinrich Böll in seinem "Irischen Tagebuch" beschrieben hat: schiefe weiße Häuser auf sanften dunkelgrünen Hügeln, in den Straßen alte Männer mit roten Nasen, und - wenn es mal nicht regnet - mattweiße Wattewolken unter einem samtblauen Himmel.
Poyntzpass ist ein Ort mit intakten Strukturen: ein Postamt, ein Spar-Laden, drei Kneipen, vier Kirchen. Hier hat Haß keinen Humus. Der Teufel, so sagen die Leute, komme hier nicht rein, weil alle vier Ortsausgänge von Gotteshäusern bewacht seien. Mag sein, daß der Krieg auch deshalb Poyntzpass stets in Frieden gelassen hat - bis zum 3. März.
Poyntzpass liegt nicht weit von der Grenze zur Republik Irland, mitten im sogenannten Banditenland, wo die Polizeistationen aus der Luft versorgt werden müssen. Seine geradezu bizarre Friedfertigkeit ist ein starkes Indiz für die These, daß der nordirische Bürgerkrieg im wesentlichen eine Angelegenheit der großen Städte ist: protestantische Slums gegen katholische Slums.
Die Bevölkerung ist ungefähr halb protestantisch und halb katholisch, wobei der protestantische Teil noch einmal in eine irische und eine presbyterianische Hälfte zerfällt. Das Schisma hat aber keinen Einfluß auf das tägliche Leben. Sogar die Biertheken, an denen nach altem irischem Brauch am Sonntagvormittag nach dem Kirchgang die Fortsetzung des Gottesdienstes mit anderen Mitteln betrieben wird, sind hier überkonfessionell.
Auch in der "marching season" im Sommer, wenn Protestanten und Katholiken unter nationalistischem Trommel- und Trompetenklängen mit Fahnen und Orden getrennt durch die Straßen paradierten, hat es hier nie Mißklänge gegeben. Weil sie beide nicht genügend Spieler haben, stellen die katholische und die protestantische Zwergschule manchmal sogar eine gemeinsame Rugby-Mannschaft auf - vollkommen undenkbar in Belfast oder Londonderry.
Ja, doch, es kam vor, daß die Ledermänner, wie sie hier heißen, aus Portadown herüberkamen und zur Pflege des Patriotismus irische Trikoloren an die Bahnschranke unten im Ort hängten. Doch die hingen da meist nicht lange.
Großbritanniens Premier Tony Blair hielt einen Tag nach dem Mord an Damien Trainor und Philip Allen im Unterhaus eine kurze Traueransprache. Er sagte, die tiefe Freundschaft, die diese beiden jungen Männer über die Konfessionsgrenzen hinweg miteinander verbunden habe, solle als Symbol für den Frieden gewertet werden. "Die Demokratie muß das Böse besiegen."
Aber der Friede ist nicht allein dadurch zu erreichen, daß die Mehrheit der Betroffenen ihm zustimmt. Um Unfrieden zu stiften, reichen auch Minderheiten. An der Straße von Poyntzpass nach Banbridge hat jemand mit weißer Farbe "Make peace now" auf das Gemäuer eines zerfallenen Hauses gepinselt, aus dem eine Eiche wächst. Jemand anders hat das Wort "peace" durchgestrichen und schwarz darübergepinselt: "United Ireland". Beide Farben sind noch ganz frisch.
Von Erich Wiedemann

DER SPIEGEL 17/1998
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