20.04.1998

TÜRKEIDas Ende eines Mythos

Die PKK erlitt eine große Niederlage: Im Touristengebiet von Antalya wurden zehn Kämpfer erschossen, verraten von der Nummer zwei der Organisation.
Die Gruppe deutscher Chartertouristen, die mit der Spätmaschine aus Hamburg in Antalya angekommen ist, fühlt sich im neuen Großflughafen der türkischen Ferienmetropole gleich wie zu Hause. "Erstaunlich sauber", sagt einer; "haben sich wirklich Mühe gegeben, die Türken", anerkennend ein anderer.
Daß selbst um drei Uhr früh auf allen Etagen des in Marmor, Glas und Halogenlicht strahlenden Gebäudes nervös blickende Uniformierte patrouillieren, nehmen die Urlauber nur aus den Augenwinkeln wahr: "Wird schon seinen Sinn haben", meint eine Rentnerin aus Kiel, zum achtenmal in Antalya auf Urlaub, "da soll doch neulich eine Bombe hochgegangen sein."
Fast richtig: Am Karfreitag hat die Armee bei Serik, keine 30 Kilometer vom Flughafen entfernt, sieben Kämpfer der militanten Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) erschossen. Am Tag darauf kamen in der Nähe von Manavgat, einem beliebten Einkaufsstädtchen im Hinterland des Touristenzentrums, bei Gefechten drei weitere Guerrilleros ums Leben.
Zum erstenmal in der Geschichte des 14jährigen Konflikts zwischen den türkischen Streitkräften und der verbotenen Untergrundbewegung mußten die Generäle ihre Anti-Terror-Einheiten aus den kargen Bergen Kurdistans tausend Kilometer weiter nach Westen an die pittoresken Abhänge des Taurus-Gebirges dirigieren. Eine Freischärler-Gruppe namens "Tendürek" hatte sich in den Bergen oberhalb der Bucht von Antalya eingenistet - offenbar, um die stets im Frühjahr wiederholten Drohungen von PKK-Chef Abdullah Öcalan wahrzumachen, daß er den Kampf gegen den türkischen Staat in die Urlaubsorte an der Ägäis und der türkischen Südküste tragen wolle.
Mit den Militäraktionen des Osterwochenendes sei diese Absicht im Keim erstickt worden, beschwichtigt Ankara. "Was war da schon weiter als ein Haufen desorganisierter Banditen, die da oben in den Bergen spazierengegangen sind?" fragt Tourismus-Staatssekretär Fermani Uygun. Man habe sie eben erschossen, die Sache sei erledigt. Auch Provinzgouverneur Hüsnü Tuglu ist bemüht, den Urlaubern ihre Laune nicht zu verderben: Kein Terrorist sei auch nur in die Nähe der Ferienanlagen am Küstenstreifen gekommen.
Den erfolgreichen Schlag gegen die kurdischen Arbeiterkämpfer verdankt das türkische Militär wohl einem Mann, der bislang als "Staatsfeind Nummer zwei" galt - dem Öcalan-Stellvertreter Semdin Sakik. Der PKK-Vize genießt unter kurdischen Aktivisten einen fast schon legendären Ruf. Weil er in den letzten Jahren 18 Fallen und Hinterhalten der Armee entkommen sein soll, zollen dem Kurdenführer selbst türkische Militärs heimlich Respekt.
Anders als Öcalan, dem aus den eigenen Reihen vorgeworfen wird, vorwiegend aus einem sicheren Domizil in der syrischen Hauptstadt Damaskus seine verquasten Ideologien zu predigen und großspurig neue Offensiven zu verkünden, galt Sakik als unerbittlicher Frontkämpfer. Schulter an Schulter mit seinen Männern kontrollierte der PKK-Befehlshaber die Berge in der türkisch-irakischen Grenzregion.
Zu seinem zweifelhaften Ruhm trug auch Sakiks Härte gegen sich selbst bei. Nachdem er in einem Gefecht mit türkischen Streitkräften an der Hand getroffen worden war, soll er die von einem Finger verbliebenen Hautfetzen und Knochen mit einem Messer abgetrennt haben - weil der Stummel ihn beim Freiheitskampf behinderte. Seither ist Sakik auch als "Zeki Fingerlos" bekannt.
Auf das Konto Sakiks geht eines der brutalsten Massaker in der an Terror nicht armen Geschichte des türkisch-kurdischen Bürgerkriegs, der bislang weit über 20 000 Tote forderte: Unter seiner Führung überfiel vor fünf Jahren bei Bingöl ein PKK-Kommando eine Reisegruppe, zerrte unbewaffnete Soldaten aus den Bussen heraus und erschoß 33 Mann.
Sein Mythos wurde Sakik schließlich zum Verhängnis. PKK-Führer Öcalan war nicht nur die zunehmende Kritik seines Stellvertreters leid, sondern fürchtete auch, von dem Parteifalken entmachtet zu werden. Mehrfach soll er über den Mitstreiter das Todesurteil gesprochen haben - um es in letzter Minute doch wieder aufzuheben. Der Vize entschloß sich zur Flucht.
Mitte März lief Sakik zur Kurdischen Demokratischen Partei (KDP) des Öcalan-Rivalen Massud Barsani über. Barsanis nordirakische Kurdenpartei arbeitet seit Jahren mit der türkischen Armee zusammen.
Aus Sakiks Fluchtquartier sollen deshalb schon vor seiner Festnahme PKK-Interna nach Ankara gelangt sein - unter anderem, so die Zeitung "Milliyet", die Information, daß sich in den Bergen um Antalya Terroristen sammelten. Die Armee reagierte prompt und schlug zu. Anfang letzter Woche verlegte sie noch einmal 1500 Mann
* Vergangene Woche in Manavgat.
und mehrere Helikoptereinheiten in die Region.
Vergangene Woche griffen sich die Militärs auch Sakik: Eine Kommandoeinheit der türkischen Streitkräfte nahm den Öcalan-Vize in der nordirakischen Stadt Dohuk fest. Mit seinem Bruder und einem Fahrer war Sakik an einen von den Elitesoldaten vorgetäuschten kurdischen Kontrollposten geraten - und ergab sich widerstandslos.
Seither hat die PKK auch den letzten Rest ihres Rufes eingebüßt. Selbst in den kurdischen Teehäusern der großen Städte, wo aus seinen PKK-Sympathien kaum jemand ein Hehl macht, flüstern viele, daß "überraschend zutreffend" sei, was Regierung und Armeeführung verkünden: Die PKK sei organisatorisch und militärisch am Ende, nur noch zu blindem Terror fähig.
In der Touristenregion ist trotzdem noch keine Ruhe eingekehrt. In Manavgat, 35 Kilometer östlich von Serik, gingen am vergangenen Mittwoch knapp tausend Menschen auf die Straße, um die am Stadtrand beerdigten Terroristen vom Ostersamstag wieder loszuwerden. "Weg mit ihnen! Verbrennt sie!" skandierten die Demonstranten, von Aktivisten der Nationalistischen Bewegung aufgepeitscht.
Stunden später gaben die Behörden nach. Die drei in Nylonsäcken bestatteten Leichen wurden wieder ausgegraben und in einem offenen Laster nach Antalya verfrachtet.
* Vergangene Woche in Manavgat.

DER SPIEGEL 17/1998
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Das Ende eines Mythos

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