20.04.1998

KOLUMBIEN„Auch Unschuldige sterben“

Todesschwadronen-Führer Carlos Castaño über seinen Feldzug gegen die linke Guerrilla
SPIEGEL: Präsident Ernesto Samper hat eine Belohnung auf Ihren Kopf ausgesetzt und eine Sondereinheit eingesetzt - wie einst bei der Jagd auf den Drogenboß Pablo Escobar. Warum hat das Militär Sie bisher nicht fassen können?
Castaño: Escobar war ein Monster, das allein gegen die ganze Welt kämpfte. Das Militär haßte ihn. Drogenhändler wie er laufen im Anzug herum, sie sitzen nicht wie wir in den Bergen und bekämpfen die Guerrilla. Wir dagegen sind dem kolumbianischen Volk verpflichtet. Wir vermeiden die Konfrontation mit den Streitkräften.
SPIEGEL: Mehr nicht? Gibt es nicht auch eine stillschweigende Allianz?
Castaño: Ich will nicht leugnen, daß es Freundschaften mit Soldaten gibt, weil wir für eine gemeinsame Sache kämpfen.
SPIEGEL: Ihr Ziel ist die Vernichtung der Guerrilla. Ist das realistisch?
Castaño: Es kommt nicht darauf an, wer die meisten Gegner tötet, sondern wer das meiste Land erobert. Ich bin stolz, daß ich mein Hauptquartier dort aufgeschlagen habe, wo einst die FARC-Guerrilleros ihre Zentrale hatten. Wir haben mehrere Provinzen befreit. Auf jeden Feind, der im Kampf fällt, kommen zwei, die ohne Gefecht sterben.
SPIEGEL: Das sind dann zumeist Kleinbauern, die Sie ermorden lassen.
Castaño: Es sind Leute, die als Campesinos getarnt für die Guerrilla arbeiten. Die Stadt San Pedro de Urabá wurde von 600 Rebellen eingenommen, die als Bauern verkleidet waren. Eine halbe Stunde vorher hatten sie sich blitzschnell umgezogen und in Guerrilleros verwandelt. Ich kann nicht warten, bis unsere Feinde sich auch äußerlich zu erkennen geben. Wenn wir jemanden als Subversiven identifizieren, ist er für uns automatisch ein legitimes Ziel.
SPIEGEL: Menschenrechtsorganisationen behaupten, Beweise dafür zu haben, daß Sie unbeteiligte umbringen lassen.
Castaño: Überläufer von der Guerrilla informieren uns, wer zu den Rebellen gehört. Auch versorgen uns Bauern mit Hinweisen. Wir prüfen jeden Tip sorgfältig.
SPIEGEL: Die Bauern haben doch überhaupt keine Wahl: Wenn sie der Guerrilla nicht helfen, werden sie umgebracht. Unterstützen sie die Rebellen, werden sie von Ihnen ermordet.
Castaño: Den Bauern, die von den Guerrilleros zur Hilfe gezwungen werden, gewähren wir Schutz, wenn sie zu uns kommen. Denen, die freiwillig die Guerrilla unterstützen, setzen wir eine Frist von 20 Tagen, um ihren Boden zu verlassen. Jene Guerrilleros aber, die sich als Bauern tarnen, sind für uns ein militärisches Ziel.
SPIEGEL: Sie werden für zahlreiche Massaker an der Zivilbevölkerung verantwortlich gemacht.
Castaño: Wenn das unser Stil wäre, hätten wir nicht soviel Unterstützung im Volk. Wir fordern schon lange, daß die Guerrilla gemeinsam mit uns die Genfer Konvention unterzeichnet, damit die Zivilbevölkerung nicht in kriegerische Aktivitäten verwickelt wird. Aber die Guerrilleros finanzieren sich mit Entführungen, dieses Geschäft werden sie nie aufgeben. Wir haben auch Menschenrechtsverletzungen begangen - in einem irregulären Krieg sterben schon mal Unschuldige. Aber unsere Kommando-Aktionen bezeichne ich nicht als Massaker.
SPIEGEL: Jüngst sind in Puerto Asís im Süden des Landes 48 Menschen ermordet worden. Stecken Sie dahinter?
Castaño: Nein. Ich habe noch keine Leute in der Gegend, aber bis Mitte des Jahres wollen wir auch dort aktiv sein. Mehrere Guerrilla-Regionen haben wir bereits infiltriert. Wir entsenden zunächst einige unserer Männer, um die Bevölkerung in einer Guerrilla-Region politisch und militärisch zu organisieren. Dann rekrutieren
* Unter der Leitung einer Nonne ziehen Vertriebene mit dem Friedenssymbol zur Feldarbeit.
wir Truppen vor Ort. Oft bitten uns auch die Einwohner um Hilfe.
SPIEGEL: Bei einem Massaker in Mapiripán im Osten des Landes sollen Ihre Truppen wahllos Menschen umgebracht haben.
Castaño: Alle Getöteten waren Mitglieder der Guerrilla, das haben wir vorher überprüft. Die meisten waren bewaffnet, einige hatten ihre Gewehre versteckt. Sie sollten Koka-Transporte für die Guerrilla bewachen.
SPIEGEL: Campesinos aus den Kampfgebieten berichten, daß Ihre Männer Opfer mit Motorsägen zerstückeln ...
Castaño: ... Schauermärchen. Wir haben ein einziges Mal einen Mann enthauptet, vor etwa fünf Jahren.
SPIEGEL: Wer bezahlt Ihre Truppe?
Castaño: Jede Einheit finanziert sich selbst. In einigen Fällen bekommen wir Geld von Farmern, aber nur selten sind das Großgrundbesitzer. Kleinunternehmer unterstützen uns. Außerdem erhalten wir anonyme Spenden von Bürgern aus Bogotá und Medellín.
SPIEGEL: Erpressen Sie nicht auch Geld von Drogenhändlern mit dem Versprechen, sie dafür zu schonen?
Castaño: Wenn sich in einer von uns kontrollierten Gegend Drogenhändler aufhalten, müssen die auch zahlen. Im Süden helfen uns Koka-Bauern, die bislang die Guerrilla finanziert haben.
SPIEGEL: Zehntausende Bauern sind vor dem Krieg geflüchtet. Was geschieht mit dem verlassenen Grundbesitz?
Castaño: Die Guerrilla behauptet, daß wir uns die Felder der Kleinbauern aneignen. Aber wir sind keine Landräuber. Farmen, die Guerrilleros gehören, werden allerdings enteignet und an Campesinos verteilt.
SPIEGEL: Werden die Flüchtlinge je zurückkehren können?
Castaño: Die Kirche kann bezeugen, daß wir bei der Wiederansiedlung helfen.
SPIEGEL: In einigen Gegenden werden die Flüchtlinge von Paramilitärs ermordet, wenn sie ihr Lager verlassen.
Castaño: Ich habe eine Liste mit angeblich Vertriebenen, die in Wirklichkeit bei der Guerrilla mitmachen und somit ein militärisches Ziel darstellen. Wenn wir sie außerhalb des Lagers erwischen, bringen wir sie natürlich um.
SPIEGEL: Glauben Sie, daß der Krieg in Kolumbien je zu Ende geht?
Castaño: Wenn wir als legitime Organisation anerkannt werden, können wir über Frieden verhandeln. Je länger sich die Regierung darum drückt, desto mehr Menschen werden sterben. Die Guerrilla wird heute nicht mehr so romantisiert wie früher. Und wir werden nicht mehr als eine Art Ku-Klux-Klan verteufelt.
SPIEGEL: Glauben Sie denn, daß die Guerrilleros zu Verhandlungen bereit sind?
Castaño: In den beiden wichtigsten Guerrilla-Gruppen FARC und ELN gibt es durchaus vernünftige Leute, wie Alfonso Cano und Antonio García. Die verstehen die Realität des Landes. Allerdings hat der Präsident eine Annäherung erschwert. Samper hat nicht die moralische Autorität, um Verhandlungen einzuleiten. Aber ich bin zuversichtlich, daß die nächste Regierung es tun wird.
SPIEGEL: Wie soll das gehen? Wollen Sie sich mit der Regierung und der Guerrilla zusammensetzen?
Castaño: Zunächst sollten sich die Regierung und die Guerrilla an einen Tisch setzen. Parallel dazu sollte die Regierung mit uns verhandeln. Aber zum Schluß ist es unvermeidlich, daß wir alle zusammenkommen. Wir haben auch eine Vision für Kolumbien. In vielen Forderungen stimmen wir sogar mit der Guerrilla überein.
SPIEGEL: Verstehen Sie sich nicht als rechte Widerstandskämpfer?
Castaño: Nein. Die Guerrilla ist entstanden, weil es echte soziale und politische Probleme gibt. Wir sind nicht gegen eine Umverteilung des Besitzes. Eine Landreform darf aber nicht allein darin bestehen: Wir brauchen Kredite, Ausbildung, eine Infrastruktur. Wir verbessern die Lebensbedingungen der Leute, wo der Staat seinen Verpflichtungen nicht nachkommt.
SPIEGEL: Wie lange wird der Krieg noch dauern?
Castaño: Wenn es nach uns geht, können schon morgen die Waffen schweigen - aber nicht zu den Bedingungen der Guerrilla.
* Unter der Leitung einer Nonne ziehen Vertriebene mit dem Friedenssymbol zur Feldarbeit.

DER SPIEGEL 17/1998
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DER SPIEGEL 17/1998
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