20.04.1998

STERBEHILFEErlösung aus der Spritze

Beim Europäischen Patentamt ist eine Euthanasie-Mixtur für Tiere angemeldet worden. Lassen sich damit auch Menschen schmerzlos einschläfern?
Eine ordentliche "Euthanasia composition" muß aus der Sicht ihrer Erfinder drei Voraussetzungen erfüllen: Die tödliche Lösung, einmal beigebracht, muß das Herz sofort stillstehen lassen; ebenso rasch soll die Atmung aussetzen. Und drittens: Die tödliche Mixtur darf nicht zu teuer sein.
"Einschläfern" heißt der Vorgang, wenn es dabei um Tiere geht. "Euthanasie" (wörtlich: "schöner Tod") nennt sich die Sterbehilfe, die der Mensch dem Menschen gewährt. Für beide, Mensch und Tier, steigen die Nachfrage und das Angebot.
Unter der Nummer "EP 0 516 811 B1" hat das Europäische Patentamt in München das Ansinnen von drei Amerikanern registriert, Säugetieren mittels eines Arzneicocktails einen "humanen Tod" zu verschaffen. Die Wissenschaftler der Universität von Michigan versichern, daß sich ihre Kreation auch für das Säugetier Mensch eigne.
Noch ist das Patent nicht erteilt. Der deutsche Pharma-Riese Hoechst - ursprünglich mit 350 000 Dollar als Sponsor der Euthanasie-Experten mit von der Partie - ist strikt dagegen. Nur "unheilbar kranke Tiere", so die Firma, sollen durch die Droge "schmerzfrei einzuschläfern" sein, "anderweitige Anwendungen waren und sind für den Hoechst-Konzern und seine Tochtergesellschaft Hoechst Roussel Vet ausgeschlossen".
Die Tiere soll eine Viererkomposition vom Leben zum Tod befördern: ein altbekanntes Veterinär-Schmerzmittel namens Embutramid, zwei Anti-Malaria-Medikamente - Chloroquin und Quinacrinsalz - sowie Kaliumchlorid.
Die Kombi-Droge addiert, hoch genug dosiert, die tödlichen Wirkungen der enthaltenen
* Oben: erste Fernsehübertragung einer Euthanasie, Oktober 1994; unten: Feststellung des eingetretenen Todes, in Guatemala im Februar dieses Jahres.
Chemikalien: Die Malariamittel attackieren gleichzeitig Herzmuskel und Atemzentrum - deshalb empfehlen mehrere Euthanasiegesellschaften ihren Mitgliedern, Chloroquin für den Tag X zu horten; Quinacrinsalze, seit 70 Jahren im Handel, sind zwar als Heilmittel obsolet, taugen aber wegen ihrer Nebenwirkungen zur Sterbehilfe. Um die Schmerzen - meist ausgelöst durch Krämpfe - erträglich zu halten, wird der Mixtur Embutramid zugefügt. Am raschesten wirkt das Kaliumchlorid: Es lähmt den Herzmuskel.
Die armen Hunde, an denen in Michigan die Euthanasiegifte ausprobiert worden sind, waren durchschnittlich nach drei Minuten tot. Die Lösung muß direkt in eine Vene injiziert werden, weil nur auf diesem Weg das Kaliumchlorid rasch und im Schwall an die Herzmuskelzellen gelangt.
Die - verständliche - Wunschvorstellung alter und kranker Menschen, für den selbstbestimmten Tod einen "Erlösungstrunk" vorrätig zu haben, wird durch die US-Kreation nicht erfüllt. Die "Euthanasia composition" (so nennt sie das Patentamt) ist kein Cocktail zum Trinken, sondern eine Injektionslösung. Um sie intravenös zu spritzen, bedarf es eines fachkundigen Helfers. Aus ethischen und strafrechtlichen Gründen halten sich in Deutschland die Ärzte bei jeder Form der Sterbehilfe jedoch sehr zurück.
Auch für Doktoren gibt es keine Droge, die einen "schönen Tod" gewährleistet - schmerzfrei und sicher, schnell, ohne Komplikationen, in Würde. Das Zellgift Zyankali, mit dem sich viele Nazi-Prominente in letzter Minute den Tod gaben, führt zu einer inneren Erstickung: Zyankali-Opfer schreien, oft schleudern Muskelkrämpfe sie aus dem Bett.
Wer den Freitod sucht und sich für eine Kombination von Schlaf- und Beruhigungsmitteln entscheidet, die er mit Alkohol hinunterspült - so Uwe Barschel 1987 im Genfer Hotel Beau Rivage -, der muß dafür sorgen, daß er möglichst lange unentdeckt bleibt. Das Sterben zieht sich stundenlang hin.
In den Niederlanden, wo die Euthanasie von Staats wegen toleriert wird - im vergangenen Jahr wurde sie an 3300 Menschen angewandt, auch an Behinderten und ohne persönliche Zustimmung -, praktiziert jeder Sterbehelfer seine eigenen Methoden. Einen "Erlösungstrank" gibt es auch in Holland nicht. Meist wird eine Überdosis Morphium injiziert, manchmal kombiniert mit dem Schlafmittel Phenobarbital (Handelsname in Deutschland: Luminal) und einem Medikament, das Erbrechen verhindern soll.
Die Giftmischung, die amerikanische Henker bei Exekutionen verwenden, ist ebenfalls eine Kombination verschiedener Arzneistoffe: Wer auf der Todesliege festgeschnallt wird, der hat meist schon ein Psychopharmakon vom Typ Valium im Blut. Um die Venen offenzuhalten, wird während der letzten Minuten langsam physiologische Kochsalzlösung infundiert.
Sind die juristischen Präliminarien beendet, drückt der Henker ein Narkotikum in die Ader, der Verurteilte verliert sofort das Bewußtsein. Unmittelbar darauf werden ein Curarepräparat, das die Muskeln lähmt, und dann Kaliumchlorid injiziert, das Herz steht still. Ein letztes Ausatmen, das ist alles, was die Zuschauer vom Sterben des Delinquenten bemerken.
Der weitverbreitete Wunsch, sanft hinüberzuschlafen, die ewige Ruhe zu finden, ohne den Leib durch einen Schuß oder den Strick zu entstellen, animiert nicht nur die Texaner zu ihren Giftspritzen im Todestrakt der Zuchthäuser. Die Integrität des Körpers über den Tod hinaus zu bewahren, wenigstens visuell, ist das Hauptmotiv dafür, daß Tabletten oder Gas als Freitodmittel beliebt, Kugel und Strick hingegen unbeliebt sind. Letztere gelten als Mittel, die ernsthafte Entschlossenheit signalisieren.
Wer in jungen Jahren eine Überdosis Tabletten schluckt, der sucht meist nicht den Tod, sondern Liebe, wenigstens Zuwendung. Selbstmordversuche mit Tabletten, lehren die Psychiater, sind "ein Schrei um Hilfe". Von allen Freitodarten ist die Vergiftung durch Überdosierung von Medikamenten die bei weitem unsicherste: In Deutschland werden derzeit neun von zehn Suizidenten gerettet. Sollte der Todescocktail wirklich patentiert werden und in den Handel gelangen, könnte sich dieses Verhältnis umkehren.
Doch dazu wird es wohl nicht kommen. So bleibt alles, wie es ist: Wer den Freitod sucht, aber gerettet wird, sieht nach einer langen Reise weder die Flammen des Fegefeuers noch Petrus an der Himmelspforte. Wenn er die Augen aufschlägt, fällt sein Blick als erstes auf ein Beatmungsgerät, auf dem steht: "Siemens".
* Oben: erste Fernsehübertragung einer Euthanasie, Oktober 1994; unten: Feststellung des eingetretenen Todes, in Guatemala im Februar dieses Jahres.

DER SPIEGEL 17/1998
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STERBEHILFE:
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