20.04.1998

TIEREDecklust verloren

Die Vermehrung der europäischen Wisentherden gerät ins Stocken - eine Viruserkrankung raubt den Bullen ihre Zeugungskraft.
Von langsam fahrenden Eisenbahnzügen feuerten die Jäger in die arglos äsenden Herden. Die heißgeschossenen Läufe ihrer Gewehre kühlten sie mit dem eigenen Urin.
Die Folgen der flächendeckenden Großwildjagd mit dem strategischen Ziel, Amerikas Ureinwohnern die Lebensgrundlage zu entziehen, waren verheerend: Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde der Amerikanische Bison von einst 50 Millionen - nach manchen Schätzungen bis zu 100 Millionen - auf gerade mal 500 Tiere dezimiert. Heute, ein Jahrhundert später, hat sich der Bestand erholt: 250 000 Bisons grasen wieder auf der Prärie und den Weiden der Rancher.
Kaum besser erging es dem engsten Verwandten des indianischen Symboltiers in Europa. Auch der Wisent, der - anders als Mammut, Höhlenbär und Wollhaarnashorn - die letzte Eiszeit überlebt hatte, wurde bejagt. Schon die europäischen Völkerscharen im achten Jahrhundert hatten die Art empfindlich dezimiert. Der Bevölkerungsdruck im Mittelalter drängte den Wisent weiter in Urwälder und unbewohnte Steppen zurück.
Nur noch rund 650 Wisente grasten 1917 in Europa auf freier Wildbahn. Sie hatten Zuflucht gefunden im nordwestlichen Kaukasus sowie im Urwaldareal von Bialowieza, einem Grenzgebiet zwischen dem heutigen Polen und Belorußland. Hungrige Soldatenhorden und Wilderer bedienten sich auch dort. Das letzte Tier von Bialowieza fiel 1921 durch eine Kugel aus der Flinte des polnischen Waldarbeiters Bartolmeus Szpakowicz. Sechs Jahre später erlegte ein Wilderer den letzten freilebenden Vertreter der kaukasischen Unterart.
Zoos und Wildparks retteten das zottelige Hornvieh der Art Bison bonasus vor dem Aussterben. Auch Hermann Göring, schießfreudiger Jägermeister des Dritten Reiches, fand Gefallen an den urgermanischen Pflanzenfressern, denen er ein eigenes Gehege im Jagdrevier in der nördlich von Berlin gelegenen Schorfheide einrichtete. Seine Rolle als pompöser Arterhalter beendete Göring Mitte April 1945, als er die letzten vier Tiere eigenhändig tötete - den anrückenden Sowjettruppen sollten sie nicht als Nahrungsmittel in die Hände fallen.
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Wisentzucht in europäischen Zoos und Gehegen forciert. Anfang der fünfziger Jahre konnten die ersten Tiere im Bialowieza-Urwald ausgewildert werden. Das Projekt ließ sich gut an - 1991 lebten im ursprünglichsten Waldökosystem Europas beiderseits der polnisch-belorussischen Grenze insgesamt 586 Wisente.
Doch dann kam der Rückschlag, seit rund zehn Jahren stockt die weitere Vermehrung der Herden. Wildhüter und Wisentforscher beobachteten unter männlichen Wisenten ein rätselhaftes Verhalten. Im besten Bullenalter verloren die Tiere ihre Zeugungslust. Die bis zu einer Tonne schweren Bullen begannen abzumagern, hatten augenscheinlich Schmerzen am Penis und konnten den Harn nicht halten. Pro Jahr wurde durchschnittlich jeder vierte Bulle Opfer des Leidens, er erkrankte, verendete oder mußte abgeschossen werden.
Ursache und Verlauf der Geschlechtskrankheit beim männlichen Wisent konnte nun eine Gruppe deutscher und polnischer Wissenschaftler klären. Anfang dieses Monats legten die beteiligten Experten vom Berliner Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) und von der Polnischen Akademie der Wissenschaften erste Ergebnisse ihrer einjährigen Untersuchung vor.
Danach wird die Krankheit durch eine Infektion mit bestimmten Herpesviren ausgelöst, gefolgt und überlagert von einer Ausbreitung bakterieller Keime. Die Folge sind Veränderungen im Bereich des Penis: Die Pinselhaare verkleben, es kommt zu eitrigen Entzündungen der Vorhaut und einem tiefgreifenden Absterben von Gewebe.
"Tiere mit derartigen Beeinträchtigungen nehmen nicht mehr am Fortpflanzungsverhalten teil", sagt IZW-Teamchef Kai Frölich. "Bei solchen Schmerzen" gehe die "Decklust über den Deister" - mit weitreichenden Folgen. Da die erkrankten Bullen für die Vermehrung ausfielen, sei "der Bestand der bedrohten Tierart Wisent gefährdet", sagt Frölich.
Bevor jedoch wirksame Strategien entwickelt werden könnten mit dem Ziel, den Bestand der Europäischen Bisons von Bialowieza etwa durch Schutzimpfungen wieder zu vergrößern, sei eine Reihe weiterer Fragen zu klären.
Rätselhaft ist den Wissenschaftlern beispielsweise, weshalb die weiblichen Tiere in den untersuchten Herden von einer Erkrankung durch die Herpesviren verschont blieben. Beherbergen die Wisentkühe womöglich ein Reservoir des tückischen Erregers, den sich die Bullen beim Kopulieren einfangen? Sollten die Kühe nicht die Infektionsquelle sein, wie stecken sich dann die Bullen an?
Vorrangig aber wollen die Berliner Forscher einem anderen Problem nachgehen: Sollte das beim Wisentbullen nachgewiesene Virus sich auf andere Rinderarten übertragen lassen, müßten sich Viehzüchter aller Länder um ihre Herden sorgen.

DER SPIEGEL 17/1998
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